Die Lebenssituation in Georgien

Zwanzig Jahre sind seit der Tragödie vergangen, die am 9. April 1989 Tbilissi erschütterte. Menschen protestierten vor dem Regierungsgebäude gegen das sowjetische System und wurden gefangen genommen. Einige wurden dabei bei einem Gasangriff durch eine militärische Spezialeinheit getötet. Doch dies war erst der Anfang...

Georgien war bis 1990 ein reiches Land mit einer Bevölkerung von ca. fünf Millionen Menschen, mit einem gut entwickelten landwirtschaftlichen und kulturellen Leben. Fast keiner musste in Armut oder unter der Armutsgrenze leben.

Doch dann wurden plötzlich die Probleme offensichtlich: zuerst Probleme mit Treibstoff, lange Autoschlangen sammelten sich an Tankstellen, besonders in den Nächten, da viele Fahrer in ihren Autos schlafen mussten. Große Probleme gab es im hygienischen Bereich, die Seife ging aus. Es herrschte Notstand.

1991 wurde geputscht, die legal gewählte Regierung musste zurücktreten, kriminelle militärische Gruppen terrorisierten das Land, raubten in den Dörfern, schossen auf Demonstranten, die gegen sie waren. Es kam zu einem Währungswechsel, undurchschaubare Finanzgeschäfte der Banken belasteten die Wirtschaft, ein Großteil der Bevölkerung verlor ihr Gespartes, besonders hart betroffen waren dabei die alten Menschen. Einige wenige bekamen gewaltige Geldsummen in die Hand, andere hatten nichts mehr.

Ab 1991 brach die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln zusammen. Die Menschen standen in langen Schlangen vor den Geschäften, um Brot zu bekommen, nächtelang standen sie dort und warteten, auch während des Winters, es brannten Feuer in den Straßen, um die Menschen zu wärmen. Es gab Schwierigkeiten mit der Stromversorgung, völlige Dunkelheit herrschte im gesamten Land, die bis 2005 dauerte. Der öffentliche Nahverkehr brach zusammen, die U-Bahn blieb gewöhnlich im Tunnel stecken, die Menschen mussten die Züge verlassen und im dunklen Tunnel Richtung Ausgang laufen.

1994 stoppten die Russen die Lieferung von Gas nach Georgien. Das bedeutete einen großen Gasnotstand, der in Georgien bis 1997 anhielt. In Folge der riesigen Inflation war die Regierung nicht fähig, die Gehälter der Arbeiter zu bezahlen. Ungerechtigkeiten, Korruption in Regierungskreisen und Verleugnung der Menschenrechte gingen damit einher.

Die Fabriken mussten den Arbeitsprozess beenden, da kein Material vorhanden war. Die Gerätschaften, Gebäude und das Inventar wurden an ausländische Firmen verkauft.

Die Landwirtschaft kam völlig zum Erliegen. Nur der Import von Produkten war noch begrenzt möglich, die lokale Landwirtschaft war völlig zerstört – und ist es bis heute. Gesetzesänderungen trieben zwar den Import voran, richteten sich aber – und tun es nach wie vor – gegen die lokale Produktion. Noch heute werden 80% der Lebensmittel nach Georgien importiert. Die Menschen begannen in ihrer Not, die Bäume in den Wäldern zu fällen, um ihre Häuser heizen zu können oder damit Geschäfte zu machen. Große Teile der Wälder sind dadurch zerstört worden.

Kriegerische Konflikte und große Armut

Die Bevölkerung ist in zwei Teile geteilt – einige sind sehr reich, der größte Teil dagegen ist sehr verarmt. 1,5 Millionen Menschen verließen Georgien, um im Ausland einen Job zu finden. Das Bildungswesen und das Gesundheitssystem sind zusammengebrochen, das gleiche gilt für das kulturelle und wissenschaftliche Leben. Überall sind die Anzeichen einer ruinierten Wirtschaft zu spüren, zerstörte Straßen und Gebäude, verfallene Dörfer.

Durch das Kriegsgeschehen um Abchasien und Südossetien und durch den Verlust dieser Landesteile sind Tausende auf der Flucht. Wachsende Arbeitslosigkeit, Straßenkinder und Bettler prägen das Stadtbild. Alte Menschen sitzen auch mitten im Winter auf der Straße und versuchen, verschiedene Dinge zu verkaufen. Es sind Menschen zu beobachten, die im Abfall nach Essbarem oder Kleidung suchen. Man versucht, sich mit den veränderten Lebensbedingungen zu arrangieren.

Große Proteste und Hoffnungen gab es 2003 angesichts der sog. „Rosenrevolution“. Doch was hat es gebracht? Wieder keine stabilen und wesentlichen Veränderungen, keine stabilen und wesentlichen Verbesserungen.

Am 7. November 2007 wurden von der Regierung militärische Truppen gegen die protestierenden Menschen eingesetzt. Es fanden zwar Wahlen statt, aber mit gefälschten Ergebnissen.

Der politische Konflikt mit Russland eskalierte. Der letzte Schock war im August 2008 – wieder Flüchtlinge auf den Straßen, wieder Verlust von Landesteilen, wieder zerstörte Natur!

Nach nicht bewiesenen Statistiken leben nun 3,5 Millionen Menschen in Georgien. 900.000 von ihnen sind registriert als unter der Armutsgrenze lebend. Niemand kann sagen, wie viele es wirklich sind, wie viele es noch gibt, von denen niemand weiß.

Das Tagesheim in Tiflis

Unsere Organisation wurde 1990 gegründet. Seitdem haben wir unsere Arbeit nie unterbrochen, d.h. wir haben beständig Menschen mit erhöhtem Hilfebedarf betreut und begleitet. 2005 wurde das staatliche Programm geschaffen, um die Arbeit in den Tageszentren für behinderte Menschen zu unterstützen. Dieses staatliche Unterstützungsprogramm deckt bei weitem nicht die anfallenden Kosten unserer täglichen Arbeit im Sozialtherapiehaus, vor allem angesichts der Tatsache, dass die Leistungen seit 2005 sehr gewachsen sind.

Schlimmer noch: Seit Januar 2009 erhält unsere Organisation vom Staat nur noch ein Drittel der Unterstützung, die wir 2008 erhalten haben. Es gibt kein staatliches Langzeitprogramm, mit dem wir rechnen könnten. Offiziell wurde zwar erklärt, dass das Hilfsprogramm gewachsen sei, aber die Realität zeigt uns das Gegenteil. Wir erhalten weniger Unterstützung und können keine Pläne machen, um unsere Arbeit für die Zukunft abzusichern.

Behinderte Menschen benötigen eine intensive Begleitung – ganz besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Sie sind die Menschengruppe, die in unserer Gesellschaft besonders schutzbedürftig ist.

Unsere Organisation konnte überleben und sogar ihr Hilfsangebot erweitern dank treuer Mitarbeiter und der Unterstützung der Familienangehörigen sowie der großen Hilfe unserer Freunde in Georgien und im Ausland. Wir sind von ganzem Herzen dankbar für die Hilfe, die wir von privaten Menschen sowie lokalen und ausländischen Organisationen erhalten.

Die Grundlage unseres Arbeitens ist zuallererst der starke Wille der Menschen, die zu uns kommen, um mit ihrem besonderen Hilfebedarf mit uns zu arbeiten und zu leben. Darüber hinaus aber ist es das anthroposophisch orientierte spirituelle Wissen, das uns die Kraft gibt und uns trägt.

Marina Bulia

Stand / Update: 03/2009