Das Tagesheim in Tiflis

Der „Verein für seelenpflege-bedürftige Menschen“ betreibt in Tiflis ein Tagesheim mit sozialtherapeutischen Werkstätten. Hier können Menschen, die einer besonderen Fürsorge bedürfen und mit Behinderung ihr Leben meistern, ihrer eigene Entwicklung gehen und sich als geachtete Mitglieder der Gesellschaft fühlen. Diese Arbeit trägt wesentlich dazu bei, dass in Georgien langsam anders über behinderte Menschen gedacht und ihnen ein Gefühl der Wertschätzung entgegengebracht wird.

Jahrelanges Ringen für die Sozialtherapie

Die ersten Schritte gingen wir in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Unsere Arbeit begann mit der Betreuung einer kleinen Anzahl seelenpflegebedürftiger junger Menschen in ihren Familien. Unsere Kollegen in Finnland, Deutschland und der Schweiz unterstützten uns mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung.

Als wir aus der Notwendigkeit des Alltags heraus unsere Aktivitäten erweitern wollten, baten wir unsere damals noch sowjetische Regierung um Unterstützung. Aber niemand wollte sich für unsere Idee erwärmen. Das Bild vom behinderten Menschen war so, dass er – vor allem als Erwachsener – nutzlos, voller Defizite und ohne jegliche Fähigkeiten sei. Es wurde als verschwendete Zeit angesehen, sich mit ihm zu beschäftigen. Folglich wurden diese Menschen in ihren Familien versteckt oder in psychiatrische Krankenhäuser und spezielle Einrichtungen abgeschoben, wo sie als nutzlos angesehen und auch so behandelt wurden.

Nach vielen vergeblichen und mühsamen Versuchen begegneten wir einem jungen Mädchen mit Down-Syndrom. In Verbindung mit ihrer Familie gelang es uns 1989, das Interesse des Gesundheitsministers zu erlangen. 1990 konnten wir unsere Organisation dann offiziell gründen. Die Stadtregierung stellte uns Räumlichkeiten zur Verfügung, und der Gesundheitsminister war bereit, uns zu finanzieren. Drei georgische Betriebe spendeten das nötige Geld. Wir konnten anfangen!

Die eigentliche Arbeit beginnt

Die Arbeit in unserem kleinen Tageszentrum begann, sich auf fruchtbare Weise zu entwickeln. Einen deutlichen Einbruch gab es nach den politischen Wirren und dem Putsch von 1992. Nach dem Zusammenbruch der georgischen Wirtschaft – wie auch des sozialen und kulturellen Lebens – wurde es besonders schwer, die täglichen Aktivitäten aufrecht zu halten. In den Jahren 1995-98 mußten wir jeweils im Januar und Februar unsere Arbeit einstellen: Wir konnten unsere Räume nicht heizen! Wir bekamen keinerlei finanzielle Unterstützung vom Staat, die Geschäftswelt war nicht mehr einzubeziehen, und wir waren allein auf Spenden angewiesen, die dankenswerterweise aus dem Ausland kamen.

Dann schien das Schlimmste überstanden. Trotz aller Probleme gelang es uns, die Arbeit fortzusetzen. Seit 1996 unterstützte uns die niederländische Hilfsorganisation CORDAID. Mit dieser Hilfe konnten wir 1998 in ein grösseres Gebäude mit Garten umziehen und unser Betreuungsangebot zu erweitern.

Bis heute konnten wir 85 seelenpflegebedürftige Menschen betreuen. Derzeit arbeiten wir mit 45 betreuten Menschen zusammen. In unserem Tagesheim haben wir sechs Werkstätten, und eine weitere ist in der Universität untergebracht. Hier wird mit Holz und Filz gearbeitet, gewebt, Kerzen gefertigt oder Recyclingpapier hergestellt. Außerdem arbeiten die betreuten Menschen im Garten, in der Küche oder in der Pflege des Hauses.

Das tägliche Leben in den Werkstätten wird aufgelockert durch viele verschiedene künstlerische und kulturelle Aktivitäten wie Malen, Plastizieren, Musizieren, Theaterspiel, Eurythmie und gemeinsame Feste.

Öffentlichkeitsarbeit und erste staatlicheZuschüsse

Ganz wichtig ist es uns auch, mit den betreuten Menschen in die Öffentlichkeit zu gehen. Wir geniessen Konzerte, gehen auf Märkte (oder organisieren welche), um unsere Produkte bekannt zu machen, erleben Ausstellungen, besuchen verschiedenste öffentliche Plätze und anderes. Es tut gut, den Kontakt mit der „normalen“ Welt zu suchen, uns im Umgang zu üben – und dazu beizutragen, daß andere Menschen ihre Hemmungen und Berührungsängste überwinden.

Seit 2000 bieten wir auch Aus- und Fortbildungskurse an: Grundkurse in der Sozialtherapie, Einführungskurse für Kurzzeitpraktika und Fortbildungskurse für Mitarbeiter. Eltern behinderter Kinder bieten wir die Möglichkeit, sich Verständnis und Wissen anzueignen – oft gründen sie nach dem Besuch unserer Kurse eigene Betreuungsangebote. Bisher besuchten 145 Studenten unsere Kurse. 2001 gründeten wir einen eigenen Verlag mit Druckerei. Einmal jährlich erscheint unsere Zeitschrift „Khidi - die Brücke“. Wir übersetzen und veröffentlichen Bücher, die wichtig für die Heilpädagogik und Sozialtherapie sind – bisher 12 an der Zahl.

Langsam beginnt das Eis zu brechen! Inzwischen sind Erfolge wahrzunehmen, die uns glücklich machen. Eltern und Verwandte der von uns betreuten Menschen wurden Mitglieder unseres Vereins. Sie engagieren sich bei unseren Aktivitäten, soweit es ihnen möglich ist. Die tiefe Zufriedenheit unserer betreuten Freunde und deren Familien ist deutlich zu spüren, ebenso wie die positive Resonanz der Menschen, die unsere Werkstätten besuchen oder auf andere Weise Kontakt mit den von uns betreuten Menschen bekommen.

In der Zwischenzeit haben sich eine Reihe weiterer kleiner Zentren gebildet (vor allem für Kinder)! Unser Tagesheim wird vom Gesundheitsministerium als Modelleinrichtung angesehen. 2005 begann es, Einrichtungen zu fördern, die Tagesbetreuung anbieten und ähnlich wie wir arbeiten. Dies ist ein bedeutsamer Schritt und unterstützt unsere Arbeit wesentlich, auch wenn die staatlichen Zuschüsse sehr klein sind: Wir erhalten drei Euro pro betreuten Menschen für jeden Tag, an dem er wirklich anwesend ist.

Akute Zukunftssorgen

Unser gegenwärtiges Budget liegt bei knapp 150.000 Euro. 2006 deckten die staatlichen Zuschüsse 15% der laufenden Kosten, der Verkauf unserer Produkte weitere 15%, Mitgliedsbeiträge und Spenden der Eltern 3%. Die Eltern können nicht mehr als 10-20 Euro monatlich aufbringen. Die Altersrente in Georgien liegt bei 20 Euro im Monat, es gibt keine Arbeitslosenhilfe, aber viel Arbeitslosigkeit. Und eine fünfköpfige Familie an der Armutsgrenze braucht mindestens 700 Euro zum Leben.

Leider hat unser Hauptgeldgeber CORDAID unerwartet beschlossen, sich aus verschiedenen Ländern, darunter Georgien, Ende 2007 zurückzuziehen – was uns vor unlösbare Probleme stellt.

Es wäre nicht auszudenken, was es hieße, wenn wir Ende 2007 unsere Arbeit einstellen müßten. Eine unserer Betreuten lebt in einem psychiatrischen Hospital, das eher einem Gefängnis gleicht. Ihr einziges freudiges Erlebnis ist es, in unsere Papierwerkstatt zu kommen und hier zu arbeiten. Auch unserer anderen Betreuten können nicht nur zu Hause sein. Die meisten würden aggressiv oder depressiv werden. Da ist z.B. ein junger Mann, der an einer Spastik leidet. Zuhause verbrachte er seine Tage vor dem Fernseher – bei uns hat er seinen Platz in der Kerzenwerkstatt  und ist die rechte Hand der Werkmeisterin. Die Eltern sind oft sehr erstaunt über die für sie unerwarteten Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Kinder und sehr dankbar.

Wir sind weiterhin auf Menschen angewiesen, die unsere Arbeit unterstützen wollen, weil ihnen die Lebenssituation der betreuten Menschen ein Herzensanliegen ist. Herzlichen Dank im voraus für jede noch so kleine Spende!

Marina Bulia

Stand / Update: 03/2007