Waldorfpädagogik in Südost-China: Erste Eindrücke

Der Kindergarten, den ich besuche, Zhuhai Sunny-Yard, liegt inmitten eines kleinen Viertels der Stadt Zhuhai am Fuße eines bewaldeten Berges und nahe eines schönen Sees in Südost-China. Obwohl die meisten Menschen in dieser Stadt mit einer Million Einwohnern in Appartements leben, fand die Erzieherin Zhang Hao vor zwei Jahren mit viel Glück dieses idyllische Plätzchen, um ihre Kindergarteninitiative zu beginnen. Es ist ein wunderbarer Ort für Kinder, und diese Nachricht sprach sie so schnell herum, dass sie nun bereits größere Räumlichkeiten braucht, um auch die Kinder auf der Warteliste aufnehmen zu können.

Rita und Snow, die zwei Assistentinnen, und Tante Xia, die Köchin, begrüßten mich am Morgen meiner Ankunft herzlich am Eingangstor. Zhang und ihren Mann Wang und ihre Gastfreundschaft hatte ich bereits kennengelernt. Wang ist der Busfahrer, Einkäufer, Hausmeister und überhaupt Helfer in allem. Tochter Wen ist eines der Kinder im Kindergarten.

Ich blicke in wunderbar offene Gesichter, als die Kinder ankommen und sich zum Frühstück am Tisch versammeln. Natürlich konnte ich nicht alles verstehen, was sie sagten, aber die schönen Weise, in der sie das Tischlied sangen, berührte mich sehr. Hell tönte die pentatonische Melodie durch den Raum. Die Kinder klangen wie Engel, und das war nur einer von vielen Momenten, in denen ich eine Gänsehaut bekam. Und ich wusste: Ich war an einen guten Ort gekommen. 

Sunny-Yard ist ein Ganztags-Kindergarten mit derzeit drei Mädchen und elf Jungen von zwei bis sechs Jahren. Die Kinder kommen und gehen zu verschiedenen Zeiten. Die erste „Autoladung“ kommt um 8 Uhr an, und die letzten Kinder gehen um 17 Uhr. Es ist ein langer Tag, aber das Programm ist gut etabliert und voller Liebe, so dass der Tag in wunderbarer Weise abläuft.

Wie ich entdeckt habe, ist das Essen ein zentraler Bestandteil der chinesischen Kultur, und so ist es auch im Kindergarten. Jeden Morgen bekommen die Kinder ein gesundes warmes Frühstück. Es gibt dann einen Vormittagssnack aus lokalen Früchten, der immer sehr delikat ist, auch wenn er mir nicht immer vertraut ist. Besonders beeindruckt war ich von der Sternfrucht, die geschnitten für jedes Kind wirklich einen perfekten Stern auf seinem Tellerchen ergibt. Das Mittagessen ist ein größeres Ereignis mit Reis, Suppe und mindestens drei Schüsseln mit verschiedenem Gemüse und gewöhnlich auch Fleisch oder Fisch. Nach einer zweistündigen Pause, in der jedes Kind einschläft, gibt es eine weitere kleine Mahlzeit aus einem gekochten Gemüse. Andere Desserts als Früchte bekommen die Kinder nur bei speziellen Gelegenheiten. Dies entspricht der chinesischen Kultur und könnte zu der Tatsache beitragen, dass man in China selten ein übergewichtiges Kind (oder Erwachsene) sieht.

In der Freispielzeit ist das Bauen von Autos ein besonders beliebtes Thema. Da gab es viele verschiedene Designs, einige sehr einfach, andere ziemlich kompliziert. Der ganze Prozess für das Bauen eines Autos kann über eine Stunde bauen, kann sich verwandeln, während die Bauleute kommen und gehen. Leider konnte man die Geräusche dazu nicht fotografieren! Ich habe in einem Kindergarten noch nie so viele erstaunliche Autos gesehen (oder gehört)!

Das Mondfest - ein Höhepunkt

Der Höhepunkt meiner Kindergartenerfahrung war dann das zur Mitte der Erntezeit gefeierte Mondfest. Es ist ein wichtiges Fest in China, das auf eine 3000-jährige Geschichte zurückblicken kann und heute eine ganze Ferienwoche Anfang Oktober beinhaltet. Im Kindergarten fand das Fest am Freitagabend statt – mit Kindern, Erzieherinnen, Eltern und Großeltern. Die Kinder und Erzieherinnen bereiteten das Fest die ganze Woche lang vor. Rita bastelte mit den Kindern Ernteschmuck, um den Raum zu dekorieren. Snow machte Kornpuppen, die auf dem Jahreszeitentisch einen Ehrenplatz bekamen. Alle zusammen machten Pappmaché-Laternen, die dann bemalt wurden. Die Kinder bastelten auch noch Ketten aus Maiskörnern, die sie selbst von den Kolben lösen halfen. Am Freitagmorgen backten sie mit Zhang das Brot für das Fest. Ich selbst fertigte die ganze Woche lang Seidenmarionetten für die Legende von Chang Re, der mythischen Mondgöttin der Unsterblichkeit.

Was für ein Fest! Die Kinder kamen abends in traditioneller Kleidung an und wurden von den leuchtenden Laternen begrüßt, die überall in den Zweigen hingen. Dann bildeten die über 40 Menschen im Halbdunkel einen großen Kreis und fassten sich an den Händen. Zhang leitete die Gruppe an, die Lieder und die Reigen zu singen, die die Kinder schon kannten, und es waren magische Momente. Später wurde drinnen das Festessen serviert. Die Eltern hatten eine Fülle der traditionellen Mondkekse und verschiedenster Früchte mitgebracht, darunter eine sehr große Art Grapefruit, die in Zhuhai zu dieser Zeit reif wird.

Der Abend kulminierte dann mit einem wunderbaren Marionettenspiel, dass die Erzieherinnen aufführten. Es war eine Version des Mythos von der Mondfrau, die in Gestalt eines Kaninchens zur Erde kommt, um den Kranken heilende Kräfte zu geben. Die Kinder waren sehr aufgeregt, wurden aber ganz still, als der Vorhang sich von der kleinen Bühne hob und sich die Geschichte vor ihren Augen entfaltete. Auch die Erwachsenen folgten der Erzählung mit intensiver Aufmerksamkeit.

Dann verabschiedete man sich voneinander. Die Eltern nahmen die leuchtenden Laternen von den Zweigen, und jedes Kind trug sein Licht durch das Tor hinaus in den dunklen Abend.

Obwohl ich die Namen der Kinder noch immer nicht richtig aussprechen kann, verstand ich doch die Sprache dieses Festes und das glückliche Singen, Tanzen, Feiern und Geschichtenerzählen vereinte über alle Sprachgrenzen hinweg.

Conny White

Stand / Update: 11/2009