Die Freunde und die Zusammenarbeit mit der Waldorfinitative in Chengdu

Am 22. Mai 1996 haben wir einen handgeschriebenen Brief von Huang Xiao Xing erhalten, in dem er uns mitteilte, dass er im Foundation Year am Emerson College in Forest Row studiere und eine Studienunterstützung brauche, die wir ihm dann auch gegeben haben. Wir haben ihn auch nach seinem Umzug ans Sunbridge College in Spring Valley / USA weiter finanziert. Seine Frau und seine Kinder waren derweil noch in China und es blieb lange unklar, ob sie es schaffen würden, ebenfalls nach Spring Valley zu kommen, was dann 1998 gelang. Auch Li Zhang haben wir bei Ihrem Studium am Sunbridge College unterstützt.

Als Huang Xiao Xing 2001 in China zurück war, erlebte er den Materialismus, der sich so schnell ausgebreitet hatte, wie einen Schock. Ebenfalls andere Unarten, die sich eingebürgert hatten. Wie sollte er nun einen Schritt weiter kommen? Er schaute sich nach möglichen Partnern um und es fand sich mit Li Zewu, der am Emerson College ausgebildet worden war,  und seiner Frau eine Gruppe zusammen, die den Plan in sich trug, einen Kindergarten, eine Schule und eine biologisch-dynamische Landwirtschaft aufzubauen. Am 26. Februar 2001 haben wir als Freunde der Erziehungskunst mit Huang Xiao Xing einen Kooperationsvertrag zur Förderung der Waldorfpädagogik in Chengdu und in China unterzeichnet, auf dessen Grundlage dann die Förderungen in den nächsten Jahren erfolgten.

Am 13. September 2004 war es dann so weit und der Kindergarten begann mit sechs Kindern auf einem Grundstück, das damals sieben Meilen ausserhalb der Stadt lag. Um diesen Anfang zu ermöglichen, mussten die Häuser, welche sechs Jahre leer gestanden hatten,  in Ordnung gebracht, das Grundstück entmüllt und so hergerichtet werden, dass überhaupt Kinder empfangen und versorgt werden konnten. Dafür haben die Freunde der Erziehungskunst Spenden in Höhe von 11.340 € überwiesen. In dieser Zeit hat auch Eckart Loewe, der einige Jahre für die Freunde der Erziehungskunst eine Repräsentanz in China hatte, in Chengdu mitgeholfen und besonders dafür gesorgt, dass trotz all der materiellen Aufgaben die innere Vorbereitung und die Vertiefung der Waldorfpädagogik durchgeführt wurden.

In den folgenden Jahren haben wir dann einzelnen Lehrern bei der Ausbildung geholfen. So zum Beispiel Li Honyu, die plötzlich in Chengdu aufgetaucht war, nachdem sie im Internet über Waldorfpädagogik gelesen hatte. Heute arbeitet sie in einer anderen Stadt und baut eine Schule mit auf. Aber auch vielen anderen Lehrern der Waldorfschule Chengdu haben wir eine Kurzausbildung oder z.B. eine Hospitation in Australien oder eine Tagungsteilnahme ermöglicht.

Am 21. Juni 2005 erfolgte dann die Registrierung und damit Genehmigung des Kindergartens, so dass von nun an legal gearbeitet werden konnte. Vom September 2006 an war der Kindergarten auch schon auf drei Gruppen gewachsen.

Ebenfalls 2005 haben die Kollegen in Chengdu unseren Katalog „Waldorf weltweit“ auf Chinesisch herausgegeben, den Prof. Tian freundlicherweise übersetzt hatte. Wir hoffen, dass diese Einführung in die Waldorfpädagogik hilfreich war.

In jedem Jahr haben wir viele Zuwendungen gegeben und Spenden weitergeleitet, teilweise auch um das Grundstück und die Häuser für die Schule zu sichern. Die Aufgaben begannen aber weit über die Anliegen der Waldorfschule in Chengdu im engeren Sinne hinauszureichen. So haben wir auch die ersten Ausbildungskurse für Kindergärtnerinnen mit gefördert, die 2007 begannen und sich heute so entwickelt haben, dass es mehrere Kurse im ganzen Land gibt. Die Schule wuchs weiter und brauchte weitere Räume und musste sich auf dem Land absichern. Das waren und sind große Herausforderungen.

So wurden 2007 unsererseits große Anstrengungen unternommen, den Bau eines Schulhauses mit zu finanzieren, was uns mit Hilfe einiger Stiftungen auch gelungen ist.

Am 12. Mai 2008 hat ein Erdbeben die Provinz Sezchuan erschüttert – auch die Waldorfschule war davon betroffen, zum Glück aber nur materiell. Menschen haben dort keinen Schaden genommen. In Folge des Erdbebens waren aber alle Aufmerksamkeiten für viele Monate auf den Wiederaufbau und auf die Hilfe in jenen Gebieten gerichtet, die noch viel stärker davon betroffen waren.

Die Freunde der Erziehungskunst haben im Sommer 2008 einen Aufruf für den Wiederaufbau in der Waldorfschule Chengdu herausgegeben und dadurch sehr viel Hilfe von vielen Menschen bekommen. In rasender Geschwindigkeit wurden die Ruinen abgeräumt und neue Häuser errichtet, so dass der Kindergarten mit nur wenig Verspätung im Herbst die Tore für die Kinder wieder öffnen konnte.

Um nun endlich eine Lizenz für die Schule zu bekommen, musste aber der Bau eines Schulhauses in Angriff genommen werden, der den nach dem Erdbeben verschärften Bauvorschriften für Schulbauten entspricht. Das erforderte weitere Anstrengungen von allen Seiten. Dieser Schulbau funktioniert seit dem Frühjahr 2011.

Wir haben als Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. von 2004 bis 2010  insgesamt 355.118 Euro nach Chengdu gegeben und damit den Aufbau der ersten Waldorfschule in China sehr wesentlich gefördert.

Inzwischen sind nicht so sehr die äußeren Aufgaben, die mit der Gestaltung des Geländes und der Häuser zu tun haben, im Vordergrund, sondern die Ausbildung und Zusammenarbeit der vielen Initiativen, die mittlerweile in China entstanden sind. Eine erste Konferenz im September 2010 gefolgt von einer Lehrertagung im Juli 2011 sind Ausdruck dieser verstärkten Bemühung um die Qualität der Waldorfbewegung in China.

Nana Göbel