China zwischen alt und neu

Wenn man heute auf China blickt, wird einem schwindelig von dem rasenden Tempo, mit dem das Land voranschreitet. Die Arbeitsgruppe „China Waldorf Forum“ (CWF) hat sich 2010 mit dem Ziel gegründet, mit dieser Schnelllebigkeit sinnvoll umzugehen und die Qualität in der pädagogischen Arbeit stärker ins Zentrum zu rücken. Aus dem Impuls des Forums fand im Juli 2011 zum zweiten Mal eine Zusammenkunft von 80 Vertretern chinesischer Schulinitiativen und einigen Gästen aus dem Ausland statt. In Chengdu, den Anfängen der Waldorfbewegung, trafen sich die Pioniere, um aktuellen Fragen der Waldorfpädagogik in China nachzugehen. Es galt herauszufinden, wie die Waldorfpädagogik in China Fuß fassen und sich auf eine gesunde Art entwickeln kann. Einige zeigten sich auch überrascht, wie die Waldorfbewegung in China so schnell entstehen konnte.

Die Waldorfbewegung ist in China bereits sieben Jahre alt. Die erste Schule Chinas eröffnete in Chengdu 2006. Mittlerweile finden sich in China mehr als 120 Kindergärten und
9 Grundschulen, deren Zahl dieses Jahr auf bis zu 18 Schulen anwachsen soll. In der Lehrerbildung werden inzwischen fünf berufsbegleitende Kurse angeboten. Obwohl viele Eltern zur Waldorfpädagogik erst über die Montessori Bildung kamen, hat sich Jahr für Jahr aus einer ersten Neugierde, ein wahres Verlangen nach Waldorfbildung entwickelt.

Während des Forums war ein interessantes Wechselspiel zwischen Vorträgen aus europäischer und chinesischer Kultur zu beobachten. Am eindrücklichsten wurde das in Nana Göbels Beschreibung über die inneren Wahrnehmungen in Goethes Faust und bei Du Wenren’s Vortrag über seine Auseinandersetzung mit der Anthroposophie und östlicher Philosophie.

Da China lange Zeit von seinen kulturellen Wurzeln losgelöst blieb, ist in der modernen Gesellschaft ein großer Wunsch nach einer Rückkehr zu den alten Traditionen entstanden. Manchmal führt dieser große Eifer dazu, dass zwischen dem alten Wissen und dem neu entstandenen Wissen wie der Anthroposophie polarisiert wird. Das führt nicht nur zu einer Polarisierung in alt und neu, sondern auch zwischen Ost und West.   

Anders wäre es, wenn wir erkennen würden, dass uns nicht das eine oder das andere „gehören“ kann. Dieses kulturelle Wissen ist ein Geschenk an die Welt. Ohne in Konkurrenz mit dem chinesischen Erbe zu stehen, sind die Arbeiten von Rudolf Steiner ein Beispiel für ein globales Verständnis – es vereint gerade die vielen Kulturen und Religionen. Man könnte sich auch fragen, ob Konfuzius Werke weit mehr in sich bergen, möglicherweise auch eine zeitlose Beschreibung einer menschlichen Entwicklung der Seele, die wir seit Jahrtausenden durchlaufen?

Im Laufe des Forums wurde immer deutlicher, wohin wir uns pädagogisch entwickeln wollen - auch in Zukunft wird das eigene Nachdenken über den Unterricht sich fortsetzten, nur mit neuen Fragen. Man muss darüber nachdenken, wie Neues und Altes zu verbinden sein wird. Das wird sicherlich nicht nach dem Schema ablaufen ‚alte Bildungsinhalte durch Neue ersetzen’. Nein - es wird eher einen andauernden Entwicklungsprozess geben, bei dem jeder Einzelne seinen individuellen Weg gestalten wird.

Vor 15 Jahren hätte man kaum glauben können, dass sich in China einmal eine Waldorfbewegung entwickeln wird. Heute wächst diese Bewegung kontinuierlich und in der Tagung wurde deutlich, dass sich bereits eine kleine aber vibrierende Gemeinschaft gebildet hat, die diese wachsende Entwicklung mit gestalten will.

Ben Cherry
Koordinator der Lehrerbildung in China und Mitglied von CWF