Erdbeben erschüttert Chengdu

Ein schweres Erdbeben (Richterskala 7,9) erschütterte am 12. Mai die Provinz Sichuan und forderte über 60.000 Menschenleben. Bis zu fünf Millionen Menschen sind obdachlos geworden. Das Zentrum des Bebens lag unmittelbar nordwestlich von Chengdu, und so ist auch die dortige Waldorfinitiative betroffen: Die Gebäude wurden zerstört oder stark beschädigt. Tagelang halfen die Pädagogen in Krankenhäusern, kümmerten sich um Hunderte von Kindern, leiteten andere Freiwillige an... Doch man steht nun auch vor der Frage: Wie geht es weiter mit der Waldorfschule in Chengdu?

Liebe Freunde, heute ist der sechste Tag nach dem Erdbeben. Es geschieht aber so viel in diesen Tagen, dass wir das Gefühl haben, es müsste schon ein Monat vergangen sein. Obwohl sich die Regenwolken am Himmel verzogen haben und obwohl inzwischen internationale Rettungsteams in den betroffenen Gebieten sind, bleibt doch ein beklemmendes Gefühl im Herzen zurück. Die psychologische Betreuung der Geretteten und der Angehörigen der Opfer scheint fast nicht zu bewältigen, so groß ist der Bedarf.

Helfen, wo es möglich ist

Seit gestern sind einige unserer Lehrer in einem Krankenhaus, um schwerstverwundete Kinder zu betreuen, die mit dem Helikopter eingeflogen wurden. Diese Kinder haben keinerlei Nachricht von ihren Eltern, manche von ihnen sind möglicherweise schon Waisenkinder.

Ein 12-jähriges Mädchen hat aus eigener Kraft einen Weg gefunden, aus den Trümmern herauszukriechen. Aber ihr linkes Bein wurde dabei so schwer verletzt, dass es amputiert werden musste. Sie ist immer noch wie außer sich, manchmal weint sie bitterlich, manchmal schreit sie. Ihr Name wird so ausgesprochen wie der Name eines unserer Kinder aus der 6. Klasse, wenn auch die chinesischen Schriftzeichen andere sind. Mit der Hilfe unseres Lehrers Li Zewu hat sie sich etwas beruhigt. Als unsere Lehrerin Yang Rong sich um sie kümmerte, sagte das Mädchen mit einem Mal zu ihr: “Mama, Mama, darf ich Dir einen Kuss geben?” Allen Umstehenden standen die Tränen in den Augen.

Andere 3- und 5-jährige Kinder werden von unseren Kindergärtnerinnen Xiao Gao, Mengmeng, Xiao Yan und Su Chen betreut. Die Kinder sind schwer verletzt, sie rufen ununterbrochen nach ihrer Mutter. Ein 2-jähriges Kind, das von Xiao Gao betreut wird, hat innere Verletzungen im Darmbereich. Es sagt immer, dass ihm der Bauch weh täte, dann wieder, dass es spielen gehen wolle. Xiao Gao macht Handgestenspiele mit ihm, und es ist sehr bewegend zu sehen, wie das Kind dann freudig lacht.

Unsere Kollegen Luo Xuan, Shao Rui, Weihe, Dafeng, Qize, Yuanbin und Hongyin betreuen Kinder, die nicht ganz so schwer verletzt sind.

Aber auch wir brauchen Ruhe und Abstand, so dass wir die 24 Stunden des Tages in einen festen Betreuungsrhythmus gegliedert haben, der uns und den Kindern hilft. Außerdem sind im Krankenhaus sehr viele Freiwillige, die keinerlei Erfahrung haben. Daher unterstützen Zhang Li und Li Zewu die Krankenhausleitung bei der Koordination und Anleitung der ungelernten Freiwilligen. Wir versuchen, auf diese Weise ein System einzuführen, so dass die Kinder nicht alle paar Stunden von neuen Freiwilligen betreut werden, sondern langfristig dieselben Menschen um sich haben können. Schließlich wissen wir, dass wir keine langfristige Betreuung leisten können, weil wir den Schulbetrieb so bald wie möglich wieder aufnehmen wollen.

Unsere beiden Schulbusse sind mit unseren Fahrern für das Rote Kreuz unterwegs in das Katastrophengebiet und bringen Decken, Lebensmittel und Kleidung dort hin. Viele Eltern der Schule haben für die Hilfstransporte des Roten Kreuzes Geld gespendet. Die Kollegen telefonieren oft mit den Eltern und besprechen mit ihnen, was sie zu Hause mit den Kindern Sinnvolles machen können. Unsere Kollegen Hongyu, Xinhua, Astrid Schröter (Xu Xinghan), Xu Tian und unsere Küchenhilfen sind als Ansprechpartner auf dem Schulgelände und im Büro, beantworten Telefonate, kümmern sich um die Homepage, geben Interviews, aktualisieren unsere Übersichtskarte des Katastrophengebietes, damit wir wissen, welche Straßen wieder geöffnet sind, und beschäftigen die wenigen Kinder, die tagsüber hier sind, weil die Eltern es nicht anders einrichten können.

Ein weiterer Bericht über das Engagement der Mitarbeiter der Waldorfinitiative Chengdu findet sich auf den englischen Seiten (Sprachauswahl oben links).

Wie geht es weiter?

Der Abriss und Neubau unserer beschädigten Gebäude ist neben allen anderen weiterhin eine der wichtigsten Fragen. Wir haben mit der Bezirksverwaltung Kontakt aufgenommen, die auf dem benachbarten Grundstück ein fast leerstehendes großes Gebäude mit einem schönen Garten hat, und hoffen, dass wir einige Räume dort mieten können. Erst, wenn wir diese Frage geklärt haben und das Erziehungsministerium der Provinz Sichuan die Räume auf ihre Stabilität hin überprüft hat, können die Kinder wieder zur Schule kommen.

Wir hoffen sehr, dass wir durch all unsere Bemühungen so bald wie möglich wieder festen Boden unter die Füße bekommen, damit wir allmählich aus dem finsteren Schatten der Naturkatastrophe wieder hervortreten können. Jeden Morgen versammeln sich alle Kollegen. Wir machen Eurythmie und tauschen unsere Gedanken aus, um Kraft zu schöpfen für den Tag. Dann setzen wir eine Prioritätenliste auf und planen die nächsten Schritte.

Wir grüßen von Herzen alle Freunde auf der ganzen Welt!

Li Zhang, 17.5.2008