Várzea da Roça, ein 20.000 Seelen zählendes Kleinstädtchen am Ende der Welt: 300km nordwestlich von Salvador da Bahia, ganz im von extremer Armut und Landflucht geprägten Hinterland Brasiliens. Seit 2008 machen hier 15 Menschen eine Waldorfausbildung, um ein Projekt nach dem Vorbild von „Monte Azul“ aufzubauen: Kindergarten, Schule, Werkstätten…
Liebe Freunde,
mit diesem Rundbrief möchten wir wieder allen, die uns unterstützen, danken und an den neuen Entwicklungen unseres Projektes teilhaben lassen.
Es freut uns sehr, berichten zu können, dass am 22. September, also ein Tag nach „Frühlingsanfang“ hier in Brasilien und zwei Jahre nach der Gründung unseres brasilianischen Vereins, unser Kindergarten begonnen hat. Eigentlich war der Beginn im Februar vorgesehen – also zu Beginn des brasilianischen Schuljahres. Die zunächst vorgesehene Kindergärtnerin sagte jedoch im letzten Moment ab. Durch Vermittlung von Renate Keller (Monte Azul) fanden wir eine neue sehr erfahrene Kindergärtnerin. Für den Umzug mit lediglich zwei Koffern aus dem 2000 Km entfernten Sao Paulo, brauchte Solange mit dem Omnibus 32 Stunden. Nach nur einem Ruhetag begann sie ihre Arbeit mit zunächst 12 Kindern und das Haus war sofort voller Kinderlachen.
Solange stammt aus der Favela Monte Azul und war dort eines der ersten Kinder, die von Ute Craemer, die Begründerin von Monte Azul, betreut wurden. Sie blickt auf über 20 Jahre praktische Erfahrung als Waldorfkindergärtnerin zurück. Dies ist wichtig, da die Menschen hier noch nicht mit der Waldorfpädagogik vertraut sind.
Wir werden mit den Eltern viel Geduld haben müssen, insbesondere wenn sie berichten, dass ihr Kind am liebsten den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringt, sich dann angenehm ruhig verhält und keine weiteren Forderungen stellt. Die Eltern beklagen zwar eine gewisse Unruhe ihrer Kinder (Schlaf- und Verhaltensstörungen), können aber keinen Zusammenhang mit dem Fernsehmissbrauch herstellen.
Sieben unserer Vereinsmitglieder machen eine berufsbegleitende Waldorflehrerausbildung. Es sind vier einwöchige Module pro Jahr über vier Jahre. Doris nimmt an der Ausbildung teil, um besser in die Sprache und Kultur dieses Landes einzudringen. Außerdem nehmen wir regelmäßig an den Treffen der Waldorf-Initiativen im Bundesstaat Bahia teil.
Am 7.September wurde in der Präfektur der Unabhängigkeitstag gefeiert. Die ortsansässigen Schulen haben umfangreiche Programme präsentiert, vergleichbar einer Monatsfeier in der Waldorfschule. Die Flötengruppe von Doris trat auch auf. Leider reichte die Zeit nicht zum Erlernen der brasilianischen Nationalhymne, sonst hätten unsere „Waldorfschüler“ – so wurden sie angekündigt – die Ehre gehabt, die Nationalhymne abzuspielen. Aber immerhin, wir wurden genannt, wir wurden gesehen, erhielten Applaus – kurzum, es hat schon eine gewisse Integration in die einheimische Bevölkerung stattgefunden.
In die Freude über den Beginn des Kindergartens mischt sich jetzt die Sorge um die zukünftige Finanzierung des Projektes. Auch die brasilianischen Waldorfinitiativen spüren die Auswirkungen der weltweiten „Finanzkrise“. So musste die einzige schon bestehende Waldorfschule in Bahia Lehrer entlassen um das Budget auszugleichen.
Erschwerend kommt unsere private Finanzkrise hinzu: Wie schon berichtet, kam es durch den frühen Tod des Bruders von Doris zu einer Nachlassinsolvenz, durch die ihre erheblichen Einlagen in seiner Firma vernichtet wurden. Es waren überwiegend die Zinsen aus diesen Einlagen, die die Auslagen in Deutschland (Ausbildung des Sohnes Thomas etc.) deckten und uns damit den Aufenthalt hier ermöglichten.
Wenn wir in absehbarer Zeit keine Geschäftsidee verwirklichen können, muss Doris zurück nach Deutschland und wieder als Lehrerin arbeiten. Dies würde die Entwicklung unseres Projektes erheblich verzögern.
Um nicht ganz von Spenden abhängig zu sein, hatten wir ein Alteisen-Recycling-Projekt begonnen. Wegen der weltweiten „Finanzkrise“ mussten wir es wieder einstellen – die Verkaufspreise lagen unter den Einkaufspreisen.
Einen weiteren Versuch machten wir mit Sand. Da es seit Monaten nicht mehr geregnet hat, gibt es in der Stadt keinen Sand mehr zum Bauen. Wenn es regnet, sammelt er sich auf den Sandstraßen und wird abgekratzt. Wir haben daher versucht, mit unserem Lastwagen aus 70 km Entfernung Sand zu transportieren und zu verkaufen. Die Fahrt war aber mit derartig vielen Hindernissen verbunden, dass wir auch dies nicht fortführen: Mitten in der Pampa sprang der Wagen nicht mehr an, Doris musste mit dem VW Passat anreisen. Dann funktionierten bei dem schwer beladenen Wagen die Bremsen nicht richtig, schließlich waren die Scheinwerfer ausgefallen und uns blieb nur der rechte Blinker als Hinweis auf unsere Existenz. Drei Kilometer vor der Stadt – wir sahen schon die Lichter – platzten zwei Reifen, so dass wir in das von Doris gelenkte Begleitfahrzeug umsteigen mussten. – Versuch gescheitert.
Wir versuchen zu erreichen, dass die Kinder weiter zur Präfektur gehören und sie (sowie auch bedürftige Familien) weiterhin den entsprechenden staatlichen Zuschuss bekommen. Wir brauchen aber in jedem Fall weitere Spenden – und wenn möglich auch regelmäßige Patenschaften!
Wir können auch berichten, dass wir ab Oktober für ein Jahr einen Freiwilligen (volontario) aus Deutschland als Helfer haben. Er hat die Waldorfschule in Witten bei Dortmund besucht und kommt über das Programm „weltwärts“.
Wir sind dabei, das ehemalige Hausmeisterhäuschen auf dem Schulgelände zu renovieren, um damit ein eigenes Gästehaus zu haben und um Freiwillige unterzubringen. Für den Herbst/Winter haben sich Besucher aus Deutschland angekündigt, die dann auch dort unterkommen. Es gibt hier zwar einige Gasthöfe (pousadas), sie haben aber den Charme einer Bahnhofstoilette und sind selbst für routinierte Globetrotter nicht empfehlbar.
Da es seit Monaten nicht regnet und alles Gras verdorrt ist, haben wir auch unsere letzten beiden Kühe an den Schlachter verkauft. Sie waren im Gegensatz zu den Kühen der Nachbarn erstaunlich gut genährt, da wir ihnen die Früchte unseres Schulgrundstücks (Mangas und Jacas) verfüttert hatten. Jetzt weidet der Esel eines Nachbarn auf unserem Grundstück. Er ist wesentlich anspruchsloser und ist damit unser neuer Rasenmäher geworden.
Wir hatten Mais, Maniok und Bohnen versuchsweise angebaut. Alles ist vertrocknet. Von vielen, vielen Möhren haben wir nach einem Jahr Pflege und Wässerung 1kg geerntet – Marktpreis 1 €. Was erstaunlich gut wuchs, waren Tomaten und Paprika. Leider wurden auch diese Pflanzen von Ungeziefer befallen.
Dieser Tage hatten wir eine Lehrerin zu Besuch, die arbeitslose Jugendliche in biologischer Landwirtschaft unterrichtet. Die Jugendlichen werden unseren Garten als Studienobjekt nutzen und damit auch auf Vordermann bringen.
Zwei kleine Situationen, die die Schwierigkeiten für uns aufzeigen, wie anders die Auffassung der Brasilianer von Professionalität ist.
1. Beispiel: Der Tischler, der unsere Schlösser in die Türen einsetzte, hatte das Schloss mit dem Schlüsselloch nach oben eingesetzt. Auf unseren fragenden Blick hin antwortete er, er müsse das so machen, weil sonst die Zunge in die falsche Richtung zeigen würde. Als wir ihm erklärten, dass man die Zunge drehen kann, meinte er, das wäre ihm bis jetzt nicht bekannt gewesen und die Kunden hätten es auch noch nie moniert, zumal sich dann der Schlüssel leichter einführen lässt. Das heißt, wir setzen andere Prioritäten oder sehen Probleme, die für die Brasilianer nicht existieren.
2. Beispiel: Eine Lehrerin erzählte, sie wollte anderntags Bruchrechnen und Prozentrechnen unterrichten und sie habe dies selber noch nie richtig gelernt. Unsere kleine Aufgabe zur Probe: „Wenn von 80 Kühen 20 schwarz sind. Wie viel Prozent sind dann schwarz?“, konnte sie nicht lösen.
So ist auch Brasilien, ähnlich wie Deutschland, in der Pisa-Studie nicht in vorderster Front zu finden. Dazu kontrastiert stark, dass die Kinder hier möglichst schon mit vier Jahren lesen und schreiben können sollen – andererseits besuchen viele über 20-Jährige die 4. Klasse. Die Klasse wird einfach so lange wiederholt, bis sie heiraten, wegziehen oder sterben.
Diese kleinen scheinbaren Schwächen sind aber nichts im Vergleich zur Lebensfreude, Liebenswürdigkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit der Brasilianer.
Wir hoffen nun auf neue Kontakte aller Art und auf Hilfe für die Zukunft unseres Projektes.
Doris Knipping