Circo Ponte das Estrelas – Der Zirkus Sternenbrücke

Ponte das Estrelas – das ist Zirkuspädagogik, gepaart mit schulbegleitenden und künstlerischen Aktivitäten für Kinder und Jugendliche der Favelas von Sao Paulo. Diese Mischung wirkt wahrhaft heilsam für das Leben und die Entwicklung dieser jungen Menschen – und schafft ein starkes Gegengewicht angesichts der Hoffnungslosigkeit, Gewalt und Kriminalität in ihrem unmittelbaren Umfeld.

Eine offene Rasenfläche, mittendrin Teppiche, einige bunt gefärbte Bettlaken, aufgespannt, dahinter Kleiderstangen und viele bunte Kostüme, Keulen, Einräder, Jonglierbälle ... das ist die Generalprobe, die “Bühne”, der Circus.

Und dann schon wird alles in Windeseile in einen kleinen Anhänger gepackt, zwei Stunden später geht der Vorhang auf, eine Schule in São Paulo, 300 Schüler schauen gespannt auf den Lichtkegel im Zentrum, Artisten in bunten Kleidern stürmen auf die Bühne, verzaubern ihr Publikum mit kleinen und großen Kunststücken, die Jonglierbälle, Ringe, Keulen fliegen, die Theaterszenen rühren an zum träumen, weinen, lachen, dort kommt ein Einrad, und auf der Schulter des Radfahrers thront noch ein kleiner Equilibrist, und dann werden Seile gesprungen, drei Seile ineinander geschlagen und dabei gesprungen mit Einrad … ist das möglich? Am Ende steht die Kinderpyramide mit fünf Etagen – und der Applaus will einfach nicht aufhören.

Sind das die Kinder aus den Favelas der Randgebiete São Paulos, die Schulverweigerer, die ”Schwererziehbaren”, die Kinder, die doch schon längst aufgegeben waren?

Das ist der Circus “CIRCO PONTE DAS ESTRELAS”.

Zirkusarbeit – Hoffnung für die Kinder der Armenviertel

Unser Projekt für Kinder und Jugendliche aus den Randgebieten São Paulos begann in einer Tagesstätte für HIV-positive Familien. Celia Cristina Sant’ana, Katrin Bugert und Regina Klein – die Gründerinnen aus Deutschland und São Paulo – begannen, mit Geschwisterkindern und Kindern und Jugendlichen der umgebenden Favelas (Elendsviertel) am Wochenende circensische Disziplinen zu trainieren. Schnell wuchs der Zulauf und bald schon wurde deutlich: Wir brauchen mehr Zeit und Raum, einen eigenen Verein, ein eigenständiges Projekt.

Im dritten Jahr unserer Arbeit haben wir nun befristet Räume zur Verfügung, arbeiten mit Kindern und Jugendlichen fünf Tage in der Woche und 14-tägig am Wochenende mit Übernachtung. Die Associação Comunitária Ponte das Estrelas ist ein eigenständiger, gemeinnütziger Verein. Unsere Arbeit ist bis heute größtenteils ehrenamtlich.

Das Leben in den Favelas São Paulos ist hart und oft gnadenlos. Es kommt täglich zu Gewaltszenen auf den Straßen, Polizeistreife, Schießereien zwischen Drogenszene und Militärpolizei. Den Familien fehlt es an Struktur – sie sind zerrüttet durch die Härte des Alltags, der Armut, des Kampfes ums Überleben in der Riesenmetropole. In manchen Familien sind Eltern krank, abhängig von harten Drogen, inhaftiert, es kommt zu häuslicher Gewalt. Die Kinder und Jugendlichen sind ausgeliefert, lernen früh durchzuhalten, sich durchschlagen, tragen zu früh zu viel Verantwortung ... für sich selber, oft Geschwister und kranke Eltern. Viele Kinder werden von Eltern über Tanten bis zu Großeltern abgeschoben oder gar von Schulen ausgeschlossen. Es fehlt eine echte Kindheit, es fehlt an Vorbildern, an echten Werten. In vielen Fällen kommt es zu Konzentrationsschwäche, Verhaltensstörungen, Aggression, Eßstörungen, Lernverweigerung, Flucht in Droge, Sex und  Suizid.

Ziel unserer Arbeit ist es, den Kindern eine gesunde Rückkehr zu sich selbst, ihrer Familie, ihrer Schule und Gesellschaft zu ermöglichen. Vertrauen lernen in sich und in andere, um wieder sozialfähig zu werden. Interesse wecken, um die Freude am Lernen neu zu erobern – und Stärke, um eine ganze, gesunde Persönlichkeit zu werden ... junge Erwachsene, die Mut haben, in Freiheit ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

Heilendes Tun: Schulbegleitung, Zirkusarbeit und künstlerische Aktivitäten

Die Kinder kommen täglich vor oder nach dem Unterricht zu uns, denn hier in São Paulo werden die Kinder in verschiedenen Schichtzeiten unterrichtet. Sie bekommen zwei volle Mahlzeiten und eine Zwischenmahlzeit. Wir üben täglich circensische Disziplinen und erarbeiten ein einjähriges Programm, das in den Sommerferien in verschiedenen Schulen, Kulturzentren und Theatern São Paulos in Form eines Theaters mit Zirkuseinlagen aufgeführt wird.

Voraussetzung zur Teilnahme ist die Teilnahme an einem Schulunterricht, oder zumindest der Wunsch, wieder in die Schule zurückzukehren und darauf hinzuarbeiten. Wir begleiten die schulische Entwicklung, geben Hausaufgabenhilfe und zusätzliche Fächer wie Fremdsprachen, Instrumentalunterricht und künstlerische Aktivitäten (Plastizieren, Aquarellmalen, Zeichnen). Außerdem gibt es häusliche, handarbeits- und handwerkliche Aktivitäten wie Brotbacken, Stricken, Häkeln, Weben, Jonglierbälle nähen, der Bau der eigenen Requisiten, Holzarbeiten etc.

Die Grundlage unserer Arbeit ist die Waldorfpädagogik. So liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit im künstlerischen und handwerklichen Tun. Für Kinder, die in einem Chaos aus Gewalt und Strukturlosigkeit leben, steht hinter der Rebellion und scheinbaren Stärke der Aggressivität eine große Unsicherheit, das Gefühl aus der Welt gefallen zu sein – nichts stimmt zusammen, die Welt scheint nicht wahr zu sein.

Tätigkeiten, deren direkte Sinnhaftigkeit deutlich wird – wie Brotbacken und dann essen, oder Jonglierbälle nähen und dann damit jonglieren lernen – helfen den Kindern, sich in einen Sinnzusammenhang eingebunden zu fühlen. Die Arbeit mit dem Körper und seiner Bewegung schult das Gleichgewicht, gleicht motorische Schwächen aus, schult alle Sinne und stärkt die Lebenskräfte, die bei den überforderten Jugendlichen tagtäglich geschwächt werden.

Bei der täglichen Arbeit, dem täglichen Üben und Ringen um selbst gesteckte Ziele lernen die Kinder und Jugendlichen sich selber kennen, üben Disziplin und Durchhaltevermögen, und langsam entsteht ein ehrliches Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten, Selbstvertrauen und Sicherheit.

All die mühevolle Arbeit wird belohnt, wenn die Aufführungen beginnen. Der Stolz strahlt aus den Augen jedes Einzelnen und der ganzen Gruppe, der Applaus ist die ehrliche Anerkennung der Arbeit, die jeder Einzelne geleistet hat. Plötzlich macht alles Sinn, und wir geben die Freude und allen Stolz den Eltern, den Schulen, der Gesellschaft zurück. Der Kreis hat sich geschlossen und es bedarf keiner Worte, weil das Erleben für sich selbst spricht.

Der Vorhang schließt sich und der Applaus will einfach nicht aufhören, die Kinder tragen mit roten Wangen die Requisiten zum kleinen Anhänger und die Welt ist eben doch wahr.

Unser Jahr 2007 und ein großer Dank

Dieses Jahr war bereits unser drittes Aufführungsjahr – und zu unserem Erstaunen und großer Freude wurde die Aufführung der neuen Geschichte bereits erwartet und unsere Artisten wurden wie Künstler empfangen und nach den Aufführungen gefeiert.

Das ist ein großes Geschenk, denn das Gelingen und der Glanz der Aufführung sind nur das kurze Aufleuchten des harten Ringens, nicht nur um das Gelingen der jeweiligen Zirkusnummer, sondern noch viel mehr um tägliche Disziplin, das Bearbeiten persönlicher Schwächen – sich diese Schwächen erst einmal einzugestehen, Kritik zu ertragen und sich mit all dem der ganzen Gruppe zu stellen.

Die Gruppe ist stark geworden und konnte in diesem Jahr einige neue Jugendliche aufnehmen und mittragen. Denn jede Aufführung lebt von der Zusammenarbeit der Gruppe.

Unsere Geschichte „O mundo de Santiago“ (Santiagos Welt) kam zur Aufführung im Centro Cultural Monte Azul (4x), Dia do SESC in Monte Azul, Associação ACOMI/Colègio Waldorf Micael, Movimento Comunitário Estrela Nova, Horizonte Azul, Colègio Terra Brasilis, Colègio Concórdia (3x), Escola Waldorf Veredas Campinas (2x), Escola EMEF Aracy, Associação Beneficente “O Semeador” (unter Teilnahme der Einrichtung “Pequeno Príncipe”) und Associação Travessía.

Wir möchten uns ganz herzlich bedanken bei der Associação Beneficente Tobias (ABT) in São Paulo, die unsere Aktivitäten in diesem Jahr inklusive der Tournee ermöglichten. Dank der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. und der Mahle-Stiftung konnten Requisiten der laufenden Tournee gekauft werden und bereits eine Rücklage für den Anfang eines Baus angelegt werden. Ein Dank an die Stadt São Paulo, sowie die Bürgermeisterei Campo Limpo, welche einen Prozess zur Zuteilung eines Grundstücks eröffnete, deren Abschluss wir sehnlichst erwarten, um unserem Circus einen eigenen Raum geben zu können.

Herzlichen Dank an Henrys/Karlsruhe, und BallaBalla/Köln für die Spende der Keulen und Diabolos, dem Waldorfkindergarten Lübeck, den Eurythmieschuh-Spendern Bleyer und dem Circus Faustino aus Überlingen, den fleißigen Sockenstrickern aus Deutschland, allen Spendern von Einrädern, Diabolos, Bällen etc., Da. Cristina, die uns Ton zum Plastizieren, und TERARTE, die uns Farben und Kreiden für künstlerische Aktivitäten schenkte. Ein Dank an alle spontanen Freunde und Spender von Material, Essen und ehrenamtlicher Hilfe.

Zuletzt unser Dank von Herzen an alle die, die uns so herzlich empfingen, für alle Hilfe bei der Terminsuche, Organisation, Hilfe bei Bühnenauf- und abbau, Mittagessen und Snacks, Blumen, Geschenke, Umarmungen, Lächeln, all die vielen guten Ideen und Wünsche und für den Applaus. Ohne all diese Hilfe wäre unsere Arbeit nicht zustande gekommen. Wir schließen Euch alle ein in unseren Stolz beim Rückblick auf das vollbrachte Jahr und freuen uns bereits auf die Zusammenarbeit in der Zukunft.

Regina Klein

Stand / Update: 01/2008