Die Paidéia ist als Kinder- und Jugendtheater seit 1998 immer mehr fester Bestandteil des Stadtbildes von São Paulo, im Stadtteil Santo Amaro geworden. Hier wird der Spagat gewagt, zwischen Theateraufführungen für Kinder und Jugendliche einerseits und das Eintauchenlassen der Kinder und Jugendlichen in die Welt der Bühnenkunst andererseits. Dabei werden die einzelnen Gruppen von sechs professionellen SchauspielerInnen und einem Regisseur selbst betreut. Und diese soziale Arbeit findet nicht innerhalb eines Elendsviertels, einer Favela statt, sondern außerhalb an einem neutralen Ort, der sozialen Dialog, Zusammenarbeit und das Entstehen von Kunst auf der Bühne ermöglicht.
An jedem Wochenende füllt sich die Paidéia mit Leben, mit jungem Leben. Dann nämlich, wenn Jugendliche aus den unterschiedlichsten Stadtteilen der Metropole São Paulo das Gelände der Paidéia betreten, um gemeinsam Theater zu machen.
Bereits um neun Uhr beginnen jeden Samstag die Bühnenbretter zu beben. In drei bis vier verschiedenen Räumen, Theatern, beginnen die unterschiedlichen Gruppen ihre Arbeit. Aufgeteilt sind sie dabei nach Mitgliedszeit. Eine Gruppe versammelt alle Neuankömmlinge dieses Jahres, eine andere die des Vorjahres und eine weitere diejenigen, die schon seit Jahren zusammenkommen. Die Altersunterschiede liegen dabei in jeder Gruppe bei bis zu 20 Jahren, was dem Verständnis innerhalb der Gruppen allerdings keinen Abbruch tut.
Nachdem alle angekommen sind, weichen die persönlichen Probleme und Ängste der Freude und der Konzentration auf das Schauspielern. Praktisch zeigt sich das zuerst an der Veränderung des Outfits. Es werden die Schuhe ausgezogen, Jeans, Minirock oder Top (Alltagskleidung) gegen bequeme Hose und lockeres T-Shirt (Kleidung, die Bewegung leicht ermöglicht) getauscht.
Während jetzt also die letzten Vorbereitungen getroffen werden und bevor der Theaterunterricht (Leseprobe, szenisches Proben, Körperübungen etc.) beginnen kann, erschallt an vielen Orten Gelächter. Man neckt sich und albert herum. Auch persönliche Gespräche werden geführt und besondere Ereignisse der vergangenen Woche erzählt. Auch dem Außenstehenden wird klar, dass diese teilweise doch so unterschiedlichen jungen Menschen etwas verbindet, egal wie lange sie bereits Teil der Paidéia sind.
Einer, der die Paidéia schon seit langem begleitet, ist Fabio Lima. Fabio ist mittelgroß, hat tiefliegende Augen, hochstehende, dichte Locken, und der Klang seiner Stimme ist hell. Abgesehen von einer gewissen Müdigkeit in seinen Augen lässt sonst nichts erahnen, dass er mit seinen 29 Jahren der zweitälteste Teilnehmer der Gruppe ist. In dieser Gruppe, in der sich die “erfahrenen” Jungschauspieler der Paidéia tummeln, liegt das Alter zwischen 15 und 33 Jahren. Und dabei ist der Altersunterschied nur einer von vielen Unterschieden unter den Jugendlichen, die auf der Bühne alle gleich sind...
Fabio begann 2003 an den Kursen der Paidéia teilnehmen. In dieser Zeit war er ohne Arbeit, Ausbildung oder Studium und hatte deswegen Zeit, die er in die Theaterarbeit der Paidéia stecken konnte. Fabio, der wie so viele der Jugendlichen, die heute in die Rua Darwin kommen, aus der Peripherie São Paulos, aus den Favelas kommt, hatte vorher weder geschauspielert noch eine einzige Theateraufführung gesehen und tauchte so in eine völlig neue Welt ein. Eine Welt, die ihm abseits von finanziellen, infrastrukturellen oder sozialen Problemen seines Wohnumfeldes die in São Paulo so seltene Chance bietet, gemeinsam mit anderen eine Sache zu tun, die man liebt, die immer wieder Freude bereitet, Freundschaften schmiedet und gemeinsam von einer besseren Welt träumen lässt. Eine bessere Welt, die von mehr Liebe, Gerechtigkeit und dem Raum für künstlerische Entfaltung eines jeden lebt: Die Welt des Theaters.
Die Paidéia, die damals ohne eigene Theaterräumlichkeiten als Gast in einer großen öffentlichen Bibliothek untergebracht war, bot ihm die Möglichkeit, an den unterschiedlichsten Stücken teilzunehmen, als Schauspieler aber auch als Zuschauer. Die verschiedensten Arten, Theater zu machen, hat er kennengelernt. Er hat Klassikern wie Goethes "Faust", zeitgenössischen Experimenten wie „Sampa-Oper-Samba“ (Jugendliche, professionelle Theatergruppe und Sambatruppe) oder kritischen, biographischen Stücken wie „Marchemoi“ (Geschichte von einer polnischen Gruppe Juden, die versteckt dem Holocaust entkommt) auf der Bühne Leben eingehaucht. Abseits der Bühne nimmt er wie alle Jungschauspieler am Chor der Paidéia teil.
Der Chor wird bereits seit 2000 von dem Waldorfpädagogen Paulo Franco geleitet. Während die Theaterkurse am Samstagvormittag stattfinden, probt der Chor zwei Stunden am Nachmittag. Verschieden Theaterprojekte mit Musik und Konzerte unter seiner Leitung sind seither entstanden. Das musikalische Angebot umfasst heute außerdem Gitarren-Unterricht und ein kleines Orchester (unter Leitung von Theatermusiker und Komponist Marcos Iki). Zu den musikalischen Aktivitäten kommen dann noch Diskussionsrunden, Weiterbildungen und Vorträge.
Bei den bereits seit 1998 stattfindenden Festivals “Paidéia Mostra” hat Fabio nicht nur unterschiedliche Theaterensembles aus ganz Brasilien kennengelernt, sondern auch bei der technischen Durchführung geholfen. Diese Hilfe setzt er auch seit dem Jahr 2007 fort, als das Festival durch das nun internationale Theaterfestival „Uma Janela para a Utopia“ („Ein Fenster für die Utopie“) ersetzt wurde.
Das Ziel des Festivals ist es, einen interkulturellen Dialog über das zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheater zu schaffen. Der Austausch und die Erfahrungen mit internationalen Theatergruppen sind für die Arbeit der Paidéia von sehr großer Bedeutung. Jede der eingeladenen Gruppen soll etwas Eigenes und zugleich Förderndes für die Theaterkunst des Kinder- und Jugendtheaters präsentieren.
Und es ist genau das, was die Paidéia so besonders macht. Ihre Gründer und Direktoren, Aglaia Pusch und Amauri Falseti, haben einen Ort geschaffen, der Kunst schafft, sich ständig verändert und dabei als bewegliches Konstrukt durch alle Beteiligten wächst und immer Platz für Begegnung bietet.
Die Möglichkeit, Kindern und Jugendlichen Zugang zu Kunst auf einem hohen Niveau zu liefern und ihnen selbst die Möglichkeit zum kreativen Schaffen zu geben, steht dabei im Fokus des Regisseurs und der Schauspielerin. Während am Wochenende Jugendliche in die Paidéia kommen, sind es in der Woche Kinder und Gruppen, die Zeit bekommen, Geschichten zu hören, Musik zu machen oder auf der Bühne selbst Geschichten zu erzählen und dabei in verschiedenste Rollen zu schlüpfen.
Diese Arbeit mit Kindern aus vor allem öffentlichen Schulen ist eine der wichtigsten Teile der Arbeit der Paidéia. Wie eine Oase erscheint den Kindern die Paidéia, in der ihnen zugehört wird, sie ersten Kontakt mit Musik und Theater haben. Hier wird es ihnen ermöglicht, aufzuatmen und Probleme hinter sich zu lassen.
Schulen und Kindergruppen werden des öfteren auch von ehemaligen Jungschauspielern in die Paidéia gebracht. Viele von ihnen sind heute Lehrer oder Erzieher und verknüpfen ihre Arbeit mit ihrem Hobby. Zusätzlich nehmen sie an Seminaren teil, die die Paidéia für Waldorflehrer und andere Lehrer anbietet (Thema: Märchen und Theater in der Erziehung).
Gemeinsam mit Rogerio Modesto, der nicht nur auf der Bühne als Schauspieler sondern auch als Techniker arbeitet, begann das Ehepaar Amaurie Falseti und Aglaia Pusch 1998, aus der ehemaligen Theatergruppe Monte Azul die Paidéia zu formen. Seither ist die Paidéia um die drei herum stets gewachsen, das Ensemble hat sich verändert und doch ist die Arbeit für die unterschiedlichsten Projekte offen geblieben.
Eine der wichtigsten Veränderungen vollzog sich 2005 – der Umzug der Paidéia in den ersten eigenen Gebäudekomplex, der mehr ist also nur eine vorübergehende Variante. In den alten Fabrikgebäuden, die jahrelang brachlagen und zum Großteil stark restaurierungsbedürftig waren, ist seither ein gemütliches, komfortables Theater entstanden. Zwei Theatersäle, Probenräume, Bühnenwerkstätten, ein Freiwilligenhäuschen, ein Büroraum und eine Cafétaria machen das Theater zu einem unabhängigen und flexiblen Kulturzentrum.
Als neuestes Projekt erweitert sich die Paidéia in diesem Jahr um eine kleine Bibliothek und um ein weiteres kleines Theater, welches vor allem ein Kino ist (Schwerpunkt: Kunstfilm und Klassiker).
Auch wenn die Gebäude formell der Paidéia gehören, ist doch auch stets Unsicherheit über die Zukunft zu spüren. Denn neben ständigen finanziellen Problemen gehört das Gelände der Stadt Sao Paulo. So kann es sein, dass eines Tages die Nachricht kommt, dass die Paidéia den Platz räumen muss.
Die verschieden Räumlichkeiten, und damit einhergehend die unterschiedlichen Angebote der Paidéia ermöglichen es Jugendlichen, stets an einen Ort zu kommen, an dem fernab von gesellschaftlichen Gegensätzen und Konfliktthemen (Armut/Reichtum, Gewalt, Krankheiten) über die Welt nachgedacht werden kann, ein geistiger und kreativer Prozess stattfindet. Und ein solcher Prozess bewegt die jungen Menschen, die kamen oder kommen. Die Paidéia prägt sie entscheidend und kann ihnen einen Lebensweg weisen. Sie alle, ob noch aktiv oder nicht mehr, identifizieren sich mit der Paidéia und tragen dazu bei, dass sie weiter existieren kann (auch mit Arbeit in Café, Büro oder Technik).
Mit dem Stück „Com o Rei na Barriga“ (Mit dem König im Bauch, Text: Amaurie Falseti) wird die Paidéia jetzt zum ersten Mal etwas im Fernsehen zeigen dürfen. Außerdem hat Regisseur Amaurie Falseti bereits den APCA Preis 2010 für den besten Theatertext (Kindertheater) bekommen und bei der FEMSA ist die Paidéia gleich in vier Kategorien nominiert: Beste Hauptarstellerin, Beleuchtung, Musik und Text.
Und doch hängt die Zukunft der Paidéia zu einem Großteil davon ab, wieweit sich die Künstler (Schauspieler, Autoren, Regisseure etc.) auf diese sozial-kulturelle Arbeit einlassen und für ihr Gelingen ihre persönlichen Bedürfnisse zurückstellen. Die Schauspieler und die anderen Mitarbeiter der Paidéia (insgesamt 16) arbeiten alle auf ehrenamtlicher Basis, wobei ihr Arbeitseinsatz allerdings einer Vollzeitarbeit entspricht.
Bei der Sponsorensuche wird schon seit langem darum gekämpft, endlich eine gesicherte und gerechte Bezahlung für alle Mitarbeiter zu erreichen. Mit der Unterstützung der bisherigen Sponsoren kann nur eine finanzielle Aufwandsentschädigung gezahlt werden. Und selbst diese fällt in schlechteren Zeiten weg. Dann wird umsonst gearbeitet. Diese Situation zwingt fast alle, zusätzlich in anderen Einrichtungen zu arbeiten, um so einen Lebensunterhalt verdienen zu können.
Alle Menschen, die in der Paidéia arbeiten, haben sich diesen Weg mit all seinen Schwierigkeiten bewusst gewählt. Sie arbeiten gemeinsam daran, ein Fenster in die Utopie zu öffnen und so Kindern und Jugendlichen Möglichkeit zu Kunst und Dialog zu ermöglichen. Die Paidéia lebt von der Hilfe von Sponsoren und dem Willen und der Kraft jedes Beteiligten. Viel wird investiert und auf der anderen Seite viel zurückgeben.
Fabio ist als einer der Jugendlichen während seiner Zeit in der Paidéia nicht nur in seinen schauspielerischen Fähigkeiten, sondern auch in seiner ganz persönlichen Entwicklung gewachsen: 2004 schaffte er es, in die größte Universität Lateinamerikas (USP) einzutreten und dort ein Jura-Studium an einem der besten Institute des Kontinents zu beginnen. Wenn er sein Studium beendet hat und danach als Anwalt arbeiten wird, geht damit sicherlich auch seine Zeit in der Paidéia einem Ende entgegen. Doch wird auch er zurückkehren, sich zurückerinnern und sich die Offenheit und Fröhlichkeit, die die ihm die Paidéia entgegen gebracht hat, immer bewahren.
Florian Hein