Jugendliche aus der Favela Monte Azul auf Tournee

Jugendliche und Mitarbeiter der Favela Monte Azul kommen Anfang 2010 nach Europa, um jungen Menschen dort die Probleme der Favelas, aber auch die Kultur Brasiliens näherzubringen. Jede Unterstützung ist dafür sehr willkommen und notwendig!

Seit über 30 Jahren arbeitet die Associação Comunitária Monte Azul in mehreren Favelas (Slums) der Millionenstadt São Paulo. Gegründet von der Waldorf-Pädagogin Ute Craemer, setzt sich das Sozialprojekt unermüdlich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der „Favelados“ ein. Monte Azul kümmert sich nicht nur um die praktischen Dinge des täglichen Lebens, sondern sorgt sich auch um die kulturellen Wurzeln der Menschen.

Schon in den Kindergärten der Associação werden Volkslieder und brasilianische Gedichte gelernt und Feste gefeiert; im Hort wird die Geschichte der afrikanischen Sklaven und die Kultur der Indios Brasiliens in Epochen durchgenommen und abschließend als Theatervorführungen dargestellt. Im Centro Cultural von Monte Azul (Kulturzentrum) treten nicht nur die eigenen Kinder- und Jugendorchester und Theatergruppen auf, sondern auch Künstler von außerhalb.

Die Kenntnis und das lebendige Erleben der Kultur hilft den Kindern dabei, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und sich nicht kritiklos an den rein materiellen Werten der modernen Konsumwelt zu orientieren.

Ein junger Mensch aus den Favelas kann sich in der Regel weder Markenturnschuhe noch teure Handys leisten. Ohne ausreichende Schulkenntnisse und kulturelle Bildung hat er wenig Perspektiven. Hier beginnt häufig die Abwärtsspirale, die viele junge Brasilianer aus den Favelas in den Drogenhandel treibt. Wenn die Menschen jedoch einen inneren Rückhalt, kulturelle Wurzeln, innere Werte haben, können sie Kriminalität und Gewalt leichter widerstehen und einen menschenwürdigen Beruf erlernen, wie zum Bespiel in der Schreinerei oder der Bäckerei von Monte Azul. 60 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Associação kommen selbst aus der Favela.

Von Anfang an hat Monte Azul sich insbesondere dafür eingesetzt, die kulturellen Traditionen und Wurzeln der Favela-Bewohner lebendig zu erhalten. Die meisten kommen entweder aus dem zentralen Bundesstaat Minas Gerais oder aus dem Nordosten des Landes, dem sog. Armenhaus Brasiliens. So feiert Monte Azul regelmäßig die Festa Juninas (das Juni-Fest) mit allen dazugehörigen Spielen, Tänzen und Gesängen wie zum Beispiel „Bumba-OMeu-Boi“ (Steh auf, mein Ochse). Ebenso wird in der Weihnachtszeit regelmäßig Folia de Reis, ein traditionelles Drei-Königs-Singspiel aus dem Nordosten aufgeführt.

Begegnung mit Brasiliens Kulturen und Problemen

Ziel der Tournee ist es, das Sozialprojekt Monte Azul und die brasilianische Kultur vor allem Jugendlichen auf eine künstlerische Art zu vermitteln. Ende Januar/Anfang Februar 2010 wird eine Gruppe von 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Monte Azul nach Europa kommen, um die soziale und kulturelle Arbeit der Associação u.a. durch die Aufführung eines Theaterstücks vorzustellen. Im Gepäck bringen sie vieles mit, was dazu beitragen kann, das Land Brasilien mit all seinen Sonnen- und eben auch Schattenseiten kennen zu lernen. Für junge Menschen (Schüler/Studenten) aber auch für Erwachsene kann eine Begegnung mit der fremden Kultur wertvoll und anregend sein und das Bild Brasiliens, mit welchem die meisten nur Karneval und Fußball assoziieren, erweitern. Spielerisch kann etwas über die Geschichte und Entwicklung Brasiliens erfahren werden, die Entstehung und Problematik von Entwicklungs- und Schwellenländern nachvollzogen und auch über die Auswirkungen der Globalisierung diskutiert werden.

Seit ihrer Entstehung fördert Monte Azul den Austausch von Ideen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur durch praktische Zusammenarbeit. So kommen seit 1981 junge Menschen aus der ganzen Welt nach Monte Azul, um dort ein Jahr lang als freiwillige Helfer („Voluntários“) mitzuarbeiten, sei es in Küche oder Gärtnerei, in den pädagogischen Einrichtungen oder wo immer Hilfe gebraucht wird. Die Philosophie der Gründerin ist und bleibt es, Brücken zu bauen. Brücken zwischen den Gesellschaftsschichten, aber auch Brücken zwischen den Kulturen.

Vor allem in Deutschland leben zahlreiche Menschen, die so Monte Azul bis heute tief verbunden sind, denn in dem Jahr, das sie in Monte Azul verbracht haben, haben sich die Weichen für ihr späteres Leben gestellt. Was sie in Monte Azul gelernt haben, tragen sie weiter in ihren Lebenskreis. Sie sind „Botschafter“ für die Erschaffung einer humaneren Welt. Mittlerweile haben sich die „Ex-Voluntários“ in Deutschland zu einem Verein zusammengeschlossen, um die brasilianische Organisation zu stärken und zu fördern. Die aktuelle Tournee wird vom Verein mit vorbereitet.

Während der geplanten Tournee werden viele Ex-Voluntários dabei sein, um zu helfen, zu organisieren, zu dolmetschen, aber auch um die brasilianischen Freunde wieder zu treffen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aus Brasilien anreisen, sind nicht reich. Viele von ihnen kommen selbst aus den Favelas, manche leben immer noch dort. Die Tournee ist für sie eine einzigartige Möglichkeit, nach Europa zu kommen, ihre Kultur zu vermitteln und gleichzeitig auch die europäische Kultur zu erleben.

Möglichkeiten der Tournee

Ziel dieser Reise ist es, jungen Menschen ein angemesseneres Bild von den kulturellen Schätzen Brasiliens, aber auch den sozioökonomischen Hindernissen und Ungerechtigkeiten zu vermitteln und konkrete Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man trotz allem kulturschaffend und gesellschaftsfördernd wirken kann. Durch kulturellen Austausch und lebendiges Erleben wird Neugier an einer fremden Kultur geweckt. Dies trägt zur Erweiterung des Horizonts vor allem bei Kindern und Jugendlichen bei, fördert die Toleranz gegenüber Menschen aus anderen Kulturen und das Gefühl der Verantwortung. Wir sind eine Welt.

Besondere Ziele:  Vermittlung eines lebendigen Einblicks in die brasilianische Realität; (spielerische) Wissensvermittlung zu Geschichte und Entwicklung von Brasilien; Entstehung und Problematik von Entwicklungs- und Schwellenländern; Entstehung von Elendsvierteln und das Leben dort; Nachdenken über Globalisierung.

Zielpublikum: Das Projekt richtet sich vor allem an Schulen, Behindertenheime und Kulturzentren. Es soll für die teilnehmenden Einrichtungen kostenlos sein, bzw. auf Materialkosten beschränkt werden. Pro Projekttag können bis zu 200 Jugendliche ab der 6. Klasse daran teilnehmen. Wir schreiben verschiedene Schulen und Institutionen an und berücksichtigen die positiven Antworten nach Eingang und Möglichkeit der Durchführung. Das Ziel ist, einerseits ein breites Publikum zu erreichen, aber andererseits tiefe Begegnungen zu ermöglichen, die berühren und ansprechen.

Musiktheater: Die Mitarbeiter aus Monte Azul haben ein Theaterstück über die Schöpfungsgeschichte der Guarani Indianer (Ureinwohner Brasiliens) und die Geschichte und Entwicklung der Favelas in Brasilien entwickelt.

Mögliche Workshops: Capoeira (traditioneller „Kampftanz“), Brasilianische Volkstänze (z. Bsp. Forró und Samba), Musik, Kunsthandwerk, brasilianische Küche, afro-amerikanische Frisuren (Rasta-Zöpfe), Diskussionsrunden.

Mögliche Vorträge: Sozialarbeit in São Paulo / Monte Azul; Bericht eines voluntários (Frewilligen) über seine Erfahrungen; Monte Azul als Soziale Plastik; Problematik eines Schwellenlands.

Beispiel für ein mögliches Tagesprogramm:
08:00-10:00 Vortrag zur Geschichte Brasiliens und der Geschichte Monte Azuls
10:00-12:00 Workshops
13:30-15:00 Bericht eines ehemaligen Freiwilligen über seine Erfahrungen in Monte Azul
15:30-17:00 Workshops oder Diskussionsrunden
19:30 Theaterstück der Mitarbeiter aus Monte Azul, anschließend Sarau (offener Abend für Musik und Tanz, zu dem jeder etwas beitragen kann, der will).

Tournee-Daten - Januar/Februar 2010

22.01. Ankunft in der Schweiz
23.01.-28.01. Proben, Aufführung der Folia de Reis in Rünenberg und Basel
30.01. Aufführungen in der Schule für seelenpflegebedürftige Kinder in Bern
02.02. Folia de Reis (Drei-Königs-Singen) auf öffentlichen Plätzen in Bern
04.02. Aufführung in der Berner Waldorf-Schule Ittingen
06.-14.02. Aufführungen in Deutschland:
06.02. Waldorfschule Hagen
08.02. Waldorfschule Hannover-Bothfeld
10.02. Waldorfschule Kassel
11.02. Waldorfschule Bad Nauheim
12.02. Lebensgemeinschaft Bingenheim
13.03. Christengemeinschaft Darmstadt
16.02. Rückflug nach Brasilien

Stand / Update: 11/2009