In den letzten Monaten wurde der Druck von Seiten des Sozialamtes und seiner Vertreter immer stärker. So haben wir alle Hände voll damit zu tun, unsere pädagogischen und sozialen Ideale vor den Normen zu retten, die „von oben“ ohne jegliche Rücksicht auf die Realität in den Favelas vorgeschrieben werden.
Ein Beispiel dafür ist das neue Gesetz, demzufolge die Kinder bereits ab dem 6. Lebensjahr in die Schule gehen müssen, und nicht, wie bislang, erst ab dem 7 Lebensjahr. Um die dadurch entstandenen Lücken in den Vorschulen zu füllen, hat der Staat beschlossen, dass alle Kinder ab 4 Jahren diese öffentlichen Vorschulen besuchen müssen.
Die privaten Sozialorganisationen, die infolgedessen ebenfalls freie Plätze haben, sollen dafür mehr Kinder zwischen 0 und 3 Jahren aufnehmen. Gott sei Dank bleiben unsere Einrichtungen in der Favela Monte Azul und der Favela Peinha davon verschont, da es keine staatlichen Kindergärten mit Vorschule in der Nähe gibt. Aber in der Favela Horizonte Azul greift dieses neue Gesetz bereits, was bedeutet, dass wir dort nur noch Kinder zwischen 0 und 4 Jahren betreuen. Danach gehen sie in die staatlichen Kindergärten und kommen erst wieder zu uns in die Hortgruppen, wenn sie in die Schule gehen.
Was bedeutet das konkret für ein Kind und seine Familie in dieser wichtigen Phase der Entwicklung?
Ein gutes Beispiel dafür ist die Familie von Jurandir, der bei uns als Hausmeister arbeitet. Er lebt mit seiner Familie in Horizonte Azul und hat fünf Kinder. Seine Frau arbeitet in der Stadt, was bedeutet, dass sie um 5 Uhr morgens das Haus verlässt und erst gegen 20 Uhr wieder heim kommt. Ihre Kinder haben durch die veränderte Situation vollkommen unterschiedliche Tagesrhythmen. Zwei Kinder gehen in unsere Krippe und können dort ab 7 Uhr morgens ganztags betreut werden. Zwei gehen von 11 bis 15 Uhr in den staatlichen Kindergarten und das älteste Kind geht von 13 bis 18 Uhr in die Schule. Eine unmögliche Situation, die für berufstätige Eltern organisatorisch nicht zu bewältigen ist. Die seltsamen Öffnungszeiten der öffentlichen Einrichtungen resultieren aus der Tatsache, dass es zu wenig Gebäude und Erzieher für die große Anzahl an Kindern gibt. So werden die Kinder in drei Schichten à 4 Stunden eingeteilt.
Auch die Betreuung in den staatlichen Kindergärten ist zweifelhaft. Eine Erzieherin muss sich um 30 bis 35 kleine Kinder kümmern. Um dies zu bewerkstelligen, werden pädagogische Maßnahmen angewandt, die den Kindern nicht entsprechen. Sie sitzen die meiste Zeit über am Tisch, müssen mit den Spielsachen spielen, die ihnen ausgeteilt werden, oder Lesen und Schreiben üben. Um sie ruhig zu halten, werden Videofilme gezeigt. Wenn Jurandir seine Kinder abholt, müssen sie sich oft übergeben oder haben sich in die Hose gemacht, weil ihnen nicht erlaubt wurde, auf die Toilette zu gehen.
Um diese inhumane Tendenz in der Kleinkind-Erziehung rückgängig zu machen, nehme ich seit über einem Jahr an einem Forum für Kleinkind-Erziehung der unabhängigen Sozialorganisationen São Paulos (FEI) teil. Etwa 200 Organisationen versuchen, über dieses Forum die Erziehungs-Bürokraten zu erweichen, unsere Erfahrungen und Positionen ernst zu nehmen und diese unsinnige Erziehungspolitik zu ändern. Wir werden uns jetzt mit der noch größeren Volksbewegung „Nossa São Paulo“ zusammenschließen, denn, wie es aussieht, hat der Erziehungsminister sich dazu bereit erklärt, eine Arbeitsgruppe zusammen mit Repräsentanten dieser Bewegung zu bilden, um einen neuen Plan für die Erziehung in den nächsten zehn Jahren auszuarbeiten. Wir werden unseren Beitrag leisten.
Ein weiteres neues Gesetz führt dazu, dass wir über einen Neubau für unsere Kinderkrippen und Kindergärten im Zentrum der Favela Monte Azul nachdenken müssen. Um weiterhin Gelder für unsere Einrichtungen zu erhalten, benötigen wir seit neuestem ein Gutachten vom städtischen Gesundheitsamt.
Mehrere Beamtinnen besuchten deshalb unsere Kinderkrippen und waren entsetzt von der Tatsache, dass diese sich inmitten der Favela befinden, was jedoch für unsere Arbeit von elementarer Wichtigkeit ist. Sie zweifelten daran, dass es möglich sei, in dieser Umgebung die nötige Hygiene aufrecht zu erhalten. Ihrer Meinung nach ist ein Holzboden in der Krabbelstube ganz und gar undenkbar: In den Ritzen könne sich schließlich Ungeziefer einnisten. Aufgrund dieser Umstände müssten die Krippen eigentlich geschlossen werden, denn dies sei nicht zu verantworten. Da dem Gesundheitsamt jedoch die soziale Bedeutung unserer Krippen bewusst ist, sah man davon ab. Allerdings sollten wir innerhalb von 60 Tagen einen Vorschlag für einen Neubau auf einem anderen Grundstück vorlegen.
Bei uns flossen die Tränen. Einerseits ist es für uns unmöglich, die Kinderkrippen ohne das Geld von der Stadt zu halten, andererseits ist der Gedanke an Krippen außerhalb der Favelas unvorstellbar, ganz abgesehen von der Tatsache, dass es überhaupt keine freien Grundstücke in der näheren Umgebung dafür gibt. Es ist ja gerade das Besondere an unserer Arbeit, dass wir durch die Krippen so mitten drin in der Favela sind und die Bewohner deshalb viel leichter am Geschehen dort teilnehmen können. Andererseits ist es auch eine Tatsache, dass einige unserer Häuser schon etwas renovierungsbedürftig sind. Daher hatten wir, ganz unabhängig vom verhängnisvollen Besuch der Gesundheitsbehörde, bereits Reformen geplant.
So wollen wir nun das Beste aus der Situation machen und denken an einen zweistöckigen Neubau. Nach einem Kompromiss mit der Gesundheitsamt planen wir ihn immerhin im Zentrum der Favela. In dem Neubau werden wir einen großen Teil der Gruppenräume unterbringen können. Trotzdem wird er aber die nötige Gliederung haben und vor allem genug Platz zum Spielen ringsherum bieten. Zwei unserer Häuschen werden wir wohl erhalten können, wenn wir die nötigen Renovierungsarbeiten durchführen. Wir haben also ein neues Großprojekt.
Im Namen der von Monte Azul betreuten Kinder, Jugendlichen und ihrer Familie bedanken wir uns auf das herzlichste für Ihre finanzielle und ideelle Hilfe, ohne die unsere Arbeit nicht möglich wäre.
Renate Keller Ignacio
Liebe Freunde und Unterstützer von Monte Azul, wir schreiben Ihnen heute mit einer besonderen Bitte, denn wir brauchen Ihre Hilfe!
Wie Sie aus unserem Rundbrief vom letzten Sommer wissen, müssen wir in unserem Zentrum Monte Azul einen Neubau für unsere Krippen und Kindergärten errichten. Um weiterhin Geld von der Stadt für den Betrieb unserer Krippen zu erhalten, brauchen wir seit neuestem eine Art Gesundheitszeugnis. Allein die Tatsache, dass unsere Einrichtungen sich inmitten der Favela befinden, stellt ein enormes Problem dar. Wir konnten jedoch die pädagogische und soziale Bedeutung unserer Tätigkeit beweisen und erreichten so einen Kompromiss: innerhalb von zwei Jahren müssen wir einen Neubau auf abgeschlossenem Gelände errichten, der aber immerhin weiter in der Favela Monte Azul sein darf.
Der Neubau ist bereits von einer Architektin entworfen und von der Stadt bewilligt worden; der Bauplatz ist vorhanden. Für insgesamt 120 Kinder wird ein zweistöckiges Gebäude mit fünf Gruppenräumen und einem abgegrenzten Hof errichtet, außerdem ein Haus mit zwei weiteren Räumen.
Die Kosten inklusive Lohn und Material belaufen sich auf ca. 600.000 R$ (196.828 Euro). Aus Japan erhielten wir bereits eine Spende über 150.000 R$ (49.207 Euro), die jedoch ausschließlich für Baumaterial verwendet werden darf. Wir benötigen also insgesamt noch 147.621 Euro. Pro Kind pro Jahr bedeutet das eine Spende von 615,- Euro, um das Projekt zu realisieren.
Wir erlauben uns nun ausnahmsweise, Sie um eine Spende speziell für dieses Projekt zu bitten. Helfen Sie uns, unsere Arbeit für die Kleinsten und Kleinen in Monte Azul fortzusetzen.
Mit herzlichem Dank im Voraus und den besten Grüßen aus São Paulo,
Ute Craemer, Renate Keller Ignacio
Spendenstichwort: 4720 Monte Azul Krippenneubau. >> Zum Spendenformular.
1980 entstand die erste kleine Krippe in der Favela Monte Azul. Es war eine kleine Hütte, die wir von einer Familie kauften, die in den Norden zurückging. Gemeinsam mit einigen Eltern und Kindern renovierten wir die Hütte, verstopften die Spalten zwischen den Holzbrettern, reparierten das Dach und säuberten den kleinen Hof, damit die Kinder dort spielen konnten. Danach strichen wir die Wände: innen weiß und außen blau – fertig war die Krippe.
Wir stellten eine Favelabewohnerin ein, mit großen Herzen aber ohne Ausbildung, die sich ganztags um sieben Kinder kümmerte. Die Nachfrage war groß, denn die Mütter mussten arbeiten und viele Kinder waren den ganzen Tag alleine in den Hütten oder wurden von älteren Geschwistern oder Nachbarn gehütet. Wir kauften noch drei Hütten dazu, um mehr Plätze zu haben und betreuten schließlich 15 Kinder in jeder Krippe. Jede Gruppe hatte zwei Erzieher, die sich die Aufgaben teilten: Küchenarbeit und pädagogische Aktivitäten. Eine Erzieherin mit einer Ausbildung in Waldorfpädagogik half den Gemeindeerzieherinnen und gab einmal die Woche Unterricht in Pädagogik. In diesem „Kurslein“ lernten die Erzieherinnen unter anderem, Spielzeug zu basteln, Geschichten zu erzählen, zu singen und Kreisspiele zu machen.
1984 schlossen wir schließlich ein Abkommen mit der Stadt: die Präfektur übernahm die monatlichen Ausgaben der Krippen, obwohl diese nicht den Vorschriften für die städtischen Krippen entsprachen. In kurzer Zeit konnte die Associação Comunitária Monte Azul weitere Gelder aufbringen und baute die meisten Krippen aus Stein. (Heute sind es insgesamt acht). Obwohl sie äußerlich ziemlich dürftig erschienen, erkannten Mitarbeiter anderer Einrichtungen und die Verantwortlichen der Präfektur mehr und mehr den pädagogischen und sozialen Wert der Krippen, was die Associação Comunitária Monte Azul schließlich dazu veranlasste, zwei Bücher zu veröffentlichen: „Criança Querida – Tag für Tag in den Krippen und Kindergärten“ und „Criança Querida – Tag für Tag der Alphabetisierung“. Dank einer Spende der UNESCO Japan konnten die Bücher gratis in 3000 Krippen, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen verteilt werden.
2001 ging die Verantwortlichkeit für die Krippen in São Paulo von der Sozialbehörde an die Erziehungsbehörde über, entsprechend dem "Gesetz für Richtlinien und Grundlagen der Erziehung". Wir waren mit dieser Entscheidung sehr zufrieden, denn wir haben die Krippen immer als einen Ort der Erziehung und nicht nur der Sozialhilfe betrachtet.
Aber mit dieser Veränderung tauchten immer mehr Anforderungen der staatlichen Behörden auf: zuerst die Forderung, dass alle Erzieherinnen eine universitäre Ausbildung in Pädagogik haben müssen. Danach wurde die allgemeinen Registrierung aller Kinder, die einen Krippen- oder Kindergartenplatz brauchen, eingeführt, um den allgemeinen und egalitären Zugang der Bevölkerung zur frühkindlichen Erziehung zu gewährleisten. Dies geschieht anhand eines zentralen Computersystems (EOL – Escola On-Line). Infolgedessen können wir unsere freien Plätze nicht mehr einfach den Kindern aus unseren Favela geben, sondern die Erziehungsbehörde vergibt die Plätze anhand der allgemeinen Warteliste.
Die letzte Forderung beinhaltet, dass wir ein Gesundheitszeugnis für die hygienischen Zustände und die Sicherheit (eine Art TÜV-Zertifikat) unserer Einrichtungen brauchen. Die Tatsache, dass sich unsere Krippen inmitten der Favela befinden, hätte die Gesundheitsbehörde bei ihrem ersten Besuch beinahe dazu gebracht, unsere Einrichtungen auf der Stelle zu schließen. Gott sei Dank konnten wir den Beamten die pädagogische und soziale Bedeutung unserer Arbeit beweisen und haben so Zeit gewonnen, unsere Einrichtungen an die neuen Richtlinien anzupassen.
Unabhängig von diesem Druck von außen, hatten wir bereits über einen Neubau der Krippen nachgedacht, denn es war uns durchaus bewusst, dass die Mehrzahl sich tatsächlich in einem recht dürftigen Zustand befindet: Termiten im Holz, asbesthaltige Dächer, fehlende Verkleidung, weshalb Ratten eindringen können, und sehr kleine Außenbereiche.
So haben wir uns für eine radikale Lösung entschieden: den Bau eines zweistöckigen Gebäudes mit fünf Gruppenräume, sanitären Anlagen, einem Raum für die Erzieher und einem Empfang. Der Neubau entsteht auf einem zentralen Platz in der Favela, wo sich momentan bereits zwei Gruppenräume befinden.