Jugendorchester im Tropenwald

Die engagierte Arbeit der Associacao Favela Monte Azul ist weit über die Grenzen Brasiliens hinaus bekannt. Um einen kleinen Ausschnitt aus der vielfältigen Arbeit für und mit kleinen und großen Kindern, Jugendlichen und alten Menschen erlebbar zu machen, berichtet Renate Keller Ignacio von einer viertägigen Freizeit der Orchestergruppe (12- bis 18-jähriger Jugendlicher)

Unsere Orchesterfreizeit führte uns südöstlich von São Paulo in ein wunderschönes Tal des noch überlebenden Küstenwaldes (Mata atlantica), der sich ursprünglich von Paraná bis nach Espirito Santo erstreckte, heute aber nur noch 5% seiner ehemaligen Grösse umfasst. Unsere Mitarbeiterin Evinha stellte uns hier netterweise ein Häuschen zur Verfügung. Es liegt am Rande eines kleinen Bachs, auf dessen gegenüberliegender Seite ein abgezäuntes Gelände Enten, Gänse und Hühner beherbergt, die uns mehrmals in der Nacht und vor allem beim Morgengrauen weckten.

Wir waren 17 Jugendliche, sechs freiwillige Helfer aus Brasilien, Deutschland und den USA, eine Schulmutter und ich.

Am ersten Tag, nachdem wir uns recht und schlecht eingerichtet hatten, fand unsere erste Probe auf der grossen Veranda statt. Wir übten den ersten Satz eines Mozartquartetts in C-Dur und eine Version für Schülerorchester des amerikanischen Volkslieds „My Bonnie“. Am Ende dieser Probe waren wir etwas frustriert über die vielen falschen Noten, und ich dachte bei mir: „Oje, hab ich doch etwas viel zu Schweres ausgesucht (vor allem was den Mozart betrifft)!“ Die Schüler waren furchtbar aufgedreht und unkonzentriert: Das konnte ja heiter werden, wenn es so weiter gehen würde.

Ein ernster Zwischenfall

Vor dem Abendessen brachte mir eine der freiwilligen Helfer einen Rucksack, und sagte: „Guck da mal rein.“ Als ich ihn aufmachte, rollten mir drei Flaschen mit allerhand bunten Getränken, die hauptsächlich aus Zuckerrohrschnaps bestanden, in den Schoß. Wir schütteten alles in den Ausguss, und ich überlegte mir, was ich machen sollte. Die Spannung wuchs, und als die Jungen merkten, dass wir sie ertappt hatten, riefen sie mich zu einem Gespräch. Sie gestanden ihre Schuld und baten um Verzeihung. Mich überkam ein heiliger Zorn – ich donnerte sie an, was sie sich eigentlich erlaubten, solche Getränke auf die Freizeit mitzunehmen und die ganze Stimmung damit zu verderben. Ich wüsste sehr wohl, dass es in jeder ihrer Familien alkoholkranke Menschen gab, und dass sowohl sie selbst als auch ihre ganze Familie täglich darunter zu leiden hätten. Ob sie denn das auch für ihre zukünftigen Familien wollten usw. usw.

Die fünf Jungen saßen ganz betroffen auf dem Bett. Als ich eine größere Pause machte, meldete sich einer zu Wort und sagte, sie würden gerne am nächsten Tag nochmals mit mir darüber sprechen. In diesem Moment hätten sie keinen Kopf dafür. (Sie hatten nämlich alle schon etwas getrunken ). Ich war damit einverstanden. Abends machten wir Spiele und gingen ins Bett. Die freiwilligen Helfer mussten auf der Varanda schlafen, denn drinnen lagen in einem Zimmer die Mädchen, im anderen die Jungen wie die Heringe, so dicht.

Viel Arbeit und Freude

Am nächsten Tag machten wir zunächst Stimmproben und spielten dann alle zusammen. Nachmittags wiederholten wir dies, und die Fortschritte ermunterten alle. Überhaupt war die Stimmung an diesem Tag sehr schön. Zwischen den Proben machten wir einen großen Spaziergang durch den Wald, über eine Brücke, die nur aus ein paar dünnen Baumstämmen bestand, und an einem einsamen See entlang, über dem unzählige Libellen und Schmetterlinge tanzten. Wir fanden einen alten Kuhschädel, bewunderten die Knochen und nahmen jeder einen Zahn zum Andenken mit.

Zum Abendessen gab es Pizza, die wir alle zusammen vorbereiteten. Danach organisierten die Kinder einen bunten Abend. Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht. Ein 13-jähriges Mädchen sang „auf amerikanisch“, indem sie genau den Klang der Sprache nachahmte, aber kein richtiges Wort aussprach. Auch unsere Amerikanerinnen kugelten sich vor lachen. Drei 14-jährige Jungen machten eine Modeschau, ein älteres Mädchen imitierte ein Fernsehprogramm, noch eine Gruppe sang Rap. Am Ende spielten Olivia und ich den ersten Satz aus dem Doppelkonzert von Bach, und alle hörten mucksmäuschen still zu. Ich war sehr dankbar für diesen Tag.

Am dritten Tag probten wir wieder intensiv. Es war offensichtlich, dass es der Gruppe immer mehr Spaß machte. Lisa spielte das Konzert für vier Geigen von Telemann mit den anderen freiwilligen Helfern. Nun taten sich unsere besten Schüler zusammen und probierten es auch. Ohne zu merken, wie die Zeit verging, probten sie zwei Stunden lang daran. Es war das erste Mal, dass sie sich selbständig daran machten, ein Stück zu lernen.

Am Nachmittag hatten wir kein Wasser mehr im Haus, denn der Brunnen war nicht für so viele Leute vorgesehen. Trotzdem wollten alle unbedingt baden, und so riet ich ihnen, zu dem nahegelegenen Wasserfall zu gehen. Der Vorschlag wurde jubelnd angenommen, obwohl es schon dämmerte und der Weg durch den Wald ging. Ich ließ sie ohne Begleitung Erwachsener gehen. Als sie nach anderthalb Stunden noch nicht zurückkamen, machte ich mir etwas Sorgen und beschloss, ihnen entgegenzugehen. Zum Glück ging der Vollmond auf und beleuchtete den Weg. Ich ging bis zu der wackeligen Brücke und wartete. Da fiel mir schon ein Stein vom Herzen, als ich sie laut singend kommen hörte. Als wir nach Hause kamen, bereiteten die Freiwilligen eine Schnitzeljagd vor.

Geheimnis im Mondschein

Ich nützte die Zeit, um nochmals mit den Jungen über die Alkoholgeschichte zu sprechen. Wir gingen hinaus und stellten uns oberhalb des Häuschens in einen Kreis. Der Vollmond schien und Sterne leuchteten am Himmel. Ich erinnerte sie daran, dass sie ja noch etwas zu mir sagen wollten. Da fing einer der Jungen etwas stotternd an, zu erzählen, wie sie auf die Idee kamen, diese Getränke mitzunehmen und wie sie sich dann geschämt hatten, dass sie fast ein so schönes Unternehmen, wie diese Fahrt zerstört hätten. Sie baten nochmals um Verzeihung.

Ich sagte ihnen, dass die Tendenz zur Sucht vererblich wäre, und dass sie besonders gefährdet seien, da sie alle süchtige Väter oder Großväter hätten. Dann fügte ich noch hinzu, dass es viel männlicher sei, in einer Runde von trinkenden Jungen zu sagen „ich trinke nicht“, als mitzumachen. Sie versprachen mir beim Licht des Mondes und der Sterne, dass sie das niemals mehr vergessen würden. Ich versprach ihnen, dass ich den Eltern nichts von diesem Vorfall erzählen würde. Da rannten sie jubelnd zu den anderen. Als diese fragten, was denn los sei, sagten sie, das wäre unser Geheimnis.

Die Schnitzeljagd ging fast bis Mitternacht. Es mussten Mutproben bestanden, Rätsel gelöst und Geschicklichkeitstests gemacht werden. Schade, dass dies schon der letzte Abend war.

Am nächsten Tag hatten wir die letzte Probe und machten eine kleine Aufführung für Solange, die Mutter, die uns beim Kochen half und Vital, der Erzieher. Dann ging es ans Aufräumen und Packen. Alle Taschen, Instrumente, Küchenutensilien und sogar Stühle, die wir für die Proben aus Monte Azul mitgebracht hatten, mussten wir etwa einen Kilometer weit bergauf tragen, zu der Stelle, wo uns ein Bus abholte. Auf der Heimfahrt schliefen die meisten im Bus ein.

Im Namen dieser und aller anderen 1200 Kinder und Jugendliche, die bei uns solche Erlebnisse haben können, danke ich allen Spendern und Freunden von Monte Azul ganz herzlich für Ihre treue Unterstützung.

Renate Keller Ignacio

Stand / Update: 06/2007