Die einzigartige Sozialarbeit in der Favela Monte Azul steht im 30. Lebensjahr. Sie ist in der ganzen anthroposophischen Bewegung und weit darüber hinaus sehr bekannt geworden, denn durch sie ist „Entwicklungshilfe“ in einem Urbild in Erscheinung getreten. Anfang Oktober 2008 wird es im Goetheanum in Dornach eine Veranstaltung geben: Die Favela Monte Azul als „Soziale Plastik“.
Der Begriff „Soziale Plastik“, den Josef Beuys geprägt hat, soll darauf hinweisen, dass hier ein ganzheitlicher Organismus geschaffen worden ist, ein Gemeinwesen, dessen einzelne Organe sich alle nach demselben Bildeprinzip entwickeln und eine Einheit erzeugen, die fortwährend im Fluss bleibt – d.h. im chaotischen Strom des Lebens einer Megacity von 16 Millionen Einwohnern schwimmt und dabei diesem Strom soziale Formen einprägt, die dem einzelnen zitternden Ich einen Halt geben und ihm einen Weg weisen, sich auch unter den widrigsten Bedingungen zum Ausdruck zu bringen. Die Persönlichkeit, die dieses fließende plastische Sozialkunstwerk gegründet und durch 30 Jahre geführt hat, ist Ute Craemer, die im Februar 2007 70 Jahre alt geworden ist.
Sie hatte Brasilien zunächst als Entwicklungshelferin erlebt; später, als sie an der großen Rudolf-Steiner-Schule in Sao Paulo Klassenlehrerin war, begann sie, die Probleme der Riesenstadt mit ihren 1000 Favelas aus doppelter Perspektive zu betrachten: aus der pädagogischen und der sozialpädagogischen. Sie wollte eine Waldorflehrerin sein, die sich in die totale Wirklichkeit des Ortes, an dem sie war, hineinstellte – so verließ sie die Waldorfschule der Wohlhabenden und verschrieb sich der Arbeit für die Armen, für die Habenichtse in den Elendshütten der Favela Monte Azul.
Die Intuition, die am Anfang stand, war elementar und ganz einfach: Die Erwachsenen bedürfen der Wiedererlangung des Gefühls der eigenen Menschenwürde, die Kinder bedürfen des Spiels. Noch vor Brot und Kleidung bedürfen sie eines Menschen, der mit ihnen spielt.
So begann sie ihre sozialkünstlerische Tätigkeit damit, dass sie junge Frauen aus der Favela anregte, mit den Kindern zu spielen, sich ihrer anzunehmen, sie zu betreuen. Sie selbst wanderte von Hütte zu Hütte und lieh den Menschen ihr Ohr. Zuhören schenkt dem Gedemütigten, der spricht, seine im Strudel des Daseins verlorene Würde zurück. Aus diesen beiden Ursprungsquellen entsprang ein Strom von Initiativen, der im Laufe der Jahre aus dem Slum ein Gemeinwesen entstehen ließ, in dem vieles blüht, trotz der absurden Bedingungen, trotz Drogenkriminalität, Prostitution, Alkoholismus und Mord.
Ute Craemer fand treue Mitarbeiter, mit denen zusammen sie eine Idee nach der anderen in die Wirklichkeit umsetzte: Kinderkrippen und Kindergärten, Vorschule und Freizeitschule, Ausbildungswerkstätten wie Schreinerei, Bäckerei, Schneiderei, ein Kulturzentrum mit Theater, Orchester und Bibliothek, ein Gesundheitszentrum, in dem heutzutage etwa 20.000 Behandlungen pro Jahr durchgeführt werden, für die Allerärmsten kostenlos, von anthroposophischen Ärzten und Zahnärzten, die unentgeltlich einen Tag ihrer Woche den Favela-Patienten schenken. Sie fand auch Gönner und Wohltäter, die dafür sorgten, dass das aufblühende Werk finanziert werden konnte, außerdem brachte sie es fertig, in Mitteleuropa einen Spendenstrom zu entfachen, der mehr oder weniger stetig fließt, aber der Pflege bedarf, damit er nicht versiege.
Hier wird also Kulturarbeit und insbesondere künstlerisches Üben als Entwicklungshilfe geboten, die konsequent versucht, den geheimen, oftmals völlig verschütteten Lichtquell im Herzen des Menschen freizulegen und seine Initiativkraft aufzurufen. So hat sich auch das äußere Gesicht der Favela vollkommen verwandelt: Die allermeisten Hütten stehen heute auf steinernem Fundament, sind nicht mehr gefährdet, im nächsten tropischen Regenguß abzurutschen, anstatt einer verschmutzten Quelle fließt sauberes Wasser im Zentrum der Favela, alle Hütten sind mit Strom und Wasser versorgt, mehrere stattliche Gebäude zieren das kleine „Städtchen“, wie z.B. das neue Ambulatorium mit drei Stockwerken!
Viele der ehemaligen Favelakinder, die inzwischen als Erwachsene außerhalb der Favela leben und ihre Familien gegründet haben, schicken ihre Kinder wiederum in die Krippen und Kindergärten von Monte Azul, weil sie wissen, dass sie dort Kind sein dürfen. Das Gesundheitszentrum zieht Menschen aus dem Umkreis der ganzen riesigen Stadt an, von weither kommen die Leute, um das gute Schwarzbrot aus der Favela-Bäckerei zu kaufen.
Das Blühen von Monte Azul ist seine Ausstrahlung in die Stadt, ins ganze Land und über die Grenzen Brasiliens hinaus. Mittlerweile gibt es eine große Zahl von Sozialprojekten in Sao Paulo und in anderen Städten, die durch ehemalige Mitarbeiter von Monte Azul ins Leben gerufen worden sind oder die sich durch die Ideen aus Monte Azul inspirieren lassen. Sie schicken ihre Praktikanten und lassen sich beraten; Monte Azul hat in den letzten Jahren etwa 250 junge Menschen für andere brasilianische Sozialwerke ausgebildet.
In Deutschland gibt es eine richtige kleine „Jugendbewegung“ von ungefähr 300 Ex-Voluntarios (ehemaligen freiwilligen Helfern); in Japan, wohin Ute Craemer eine besonders starke Beziehung hat, sind es etwa 60. Die Favela ist gewissermaßen eine erste Adresse für mitteleuropäische Ex-Waldorfschüler, die ein sozialpädagogisches Praktikum suchen. Wer einmal als junger Mensch die Luft von Monte Azul geatmet hat, kann kaum wieder davon lassen, für eine bessere Welt zu kämpfen.
Eine Blüte von besonderem Ausmaß ist das Programm der Familien-Gesundheit, durch das ca. 300.000 Einwohner eines Stadtgebiets von Sao Paulo von etwa 1000 Mitarbeitern in 90 Gruppen betreut werden und das von Monte Azul in Kooperation mit städtischen Behörden organisiert und finanziell abgewickelt wird. Dabei wird versucht, die Ärzte, Gesundheitsagenten und Krankenschwestern, die da im Einsatz sind, durch Vorträge und Workshops mit einem Hauch des Geistes von Monte Azul und der anthroposophischen Medizin zu infizieren. Hier verwirklicht sich etwas, auf das Ute Craemer von Anfang an zugegangen ist: die Durchdringung von anthroposophischem Kulturimpuls und allgemeinem Zivilisationsstrom.
Die Isolation der Waldorfpädagogik in einer großen Schule, die nicht für alle Bevölkerungsschichten zugänglich ist, oder der anthroposophischen Medizin innerhalb einer dünnen Schicht, die allein durch Herkunft oder Bildung von ihr Kenntnis erhalten kann, bereitete ihr immer Schmerz und Gewissensnot. Zehn Jahre lang hat sie sich als Beirat des Vorstands der Anthroposophischen Gesellschaft Brasiliens darum bemüht, etwas von dieser Offenheit dort einfließen zu lassen; schließlich hat sie sich mit größerer Intensität als zuvor noch weiter ins Offene gewagt und eine Reihe neuer Initiativen ergriffen, durch die die Ausstrahlung des durch Anthroposophie befeuerten Sozialimpulses neue Kraft erhielt.
Besonders am Herzen liegt ihr die Aliança pela Infância (Alliance for childhood), für deren Entwicklung in Brasilien und Verbreitung in der Welt sie sich seit 2001 mit Leib und Seele einsetzt. Die Alliance ist eine weltweite Bewegung, die 1997/98 in Europa und den USA begann. Aus Sorge um die Kindheit vereinigten sich viele Organisationen, Eltern, Erzieher, Therapeuten, Umweltschützer, Ernährungswissenschaftler etc., um mit einem Mindestmaß an finanziellem Aufwand ein Höchstmaß an Effektivität weltweit zu erreichen. Ihre Ziele sind:
- Einen Konsens darüber schaffen, dass eine gesunde Kindheit eine grundlegende Notwendigkeit für die menschliche Entwicklung darstellt.
- Verstärken und Entwickeln von pädagogischen Formen, die die Kindheit respektieren, die Notwendigkeit angemessener Zeit und angemessenen Raumes zum Heranwachsen anerkennen und das Spielen als wesentlichen Bestandteil eines gesunden Lebensrhythmus fördern.
- Erforschen des Einflusses von Technik, Computern und elektronischen Medien auf die Entwicklung des Kindes und Auswerten der Ergebnisse für die tägliche Praxis.
- Untersuchung des Konsumverhaltens der Kinder, Ausarbeitung von Vorschlägen, die die realen Notwendigkeiten des Kindes in Bezug auf den Konsum berücksichtigen.
Eine große Fülle von Aktivitäten entwickelte sich in den letzten Jahren im Zusammenhang der Allianz für die Kindheit. Ute Craemer und ihre Mitarbeiter reisen durchs Land, gründen Arbeitsgruppen, regen Themen an: Probleme der Jugend in Brasilien, Dreigliederung des sozialen Organismus, Braucht Brasilien eine spezielle Pädagogik?, Die Volksseele Brasiliens etc. Eine Bewegung gegen Kriegsspielzeug wurde ins Leben gerufen, ein Netzwerk für den Frieden, ein Forum für frühkindliche Erziehung, an dem sich 15 NGOs von Sao Paulo beteiligen (und in dessen Direktorium Renate Keller-Ignacio mitarbeitet, die sowohl die Geschäfte als auch Chor und Orchester von Monte Azul leitet). Ute Craemer sitzt seit vier Jahren im Friedensrat des Parlaments, in dem Menschen der Zivilgesellschaft mit Abgeordneten um Gesetzesvorlagen für ökologische Friedenserziehung feilschen.
Im Gefolge all dieser Aktivitäten ist ein „Curriculo Social“ entwickelt worden, dem Ute Craemers höchste Aufmerksamkeit gilt, denn in ihm sieht sie ein Mittel für die Fortentwicklung der Waldorfpädagogik zu einer wahrhaft zukünftigen Pädagogik, die die Sozialpädagogik mit umfasst. Eine kleine Schrift „Propostas para um curriculo social“ liegt vor mit dem Anspruch, nicht allein auf brasilianische Zustände zugeschnitten zu sein, sondern vielleicht auch Waldorfschulen an anderen Orten der Welt befruchten zu können.
Seit einigen Jahren entwickelt sich im Schoß von Monte Azul eine Initiative zur Gründung einer richtigen Favela-Waldorfschule. Eine Gruppe von Lehrern bereitet sich inhaltlich darauf vor, eine Schule von Klasse 1 bis 5 zu eröffnen. Leider wird immer noch darauf gewartet, dass eine Stiftung die Anfangsfinanzierung übernimmt, ohne die der Start nicht möglich ist.
Und nicht zuletzt ist vor ein paar Jahren das Instituto Mainumby eröffnet worden, in dem alle Mitarbeiter der verschiedenen Einrichtungen zweijährige Fortbildungskurse durchlaufen können, die Themen wie die Waldorfpädagogik, das Wesen des Kindes, Sexualkunde, Kulturgeschichte u.v.a. beinhalten.
So wird das Bild einer „sozialen Plastik“ sichtbar: dynamisch und beständig, revolutionär und bescheiden, eine „Zukunftswerkstatt“, deren Meisterin auch eine glückliche Hand dafür zu haben scheint, die richtigen Mitarbeiter und Freunde zu finden, die das Werk weiterführen können. Auf dem Fest am Goetheanum im kommenden Herbst wird Ute Craemer selbst erscheinen und vielleicht sogar den Eröffnungsvortrag halten.
Peter Guttenhöfer
Die Associação Comunitária Monte Azul betrachtet Erziehung, Gesundheit, Kultur und Pflege der Umwelt als die Grundvoraussetzungen der Entwicklung des Individuums. Diese Dinge benötigt ein Mensch, um der zu werden, der er sein will, und sein volles Potential zu entfalten. Die 13 großen Angebote von Monte Azul werden auf dieser Grundlage gestaltet.
Monte Azul versteht den Begriff der Erziehung weitgefasst: die drei Seelenfähigkeiten Denken, Fühlen und Wollen sollen entwickelt werden, unter Respektierung der Besonderheiten jeder einzelnen Phase der Entwicklung des Kindes
In der Associação Comunitária Monte Azul betrachten wir Krankheit im biographischen Kontext und Heilung als Prozess der individuellen Entwicklung. Die Behandlung wird unter anderem auf Basis der anthroposophischen Medizin durchgeführt.
Kultur ist das Band zwischen den einzelnen Arbeitsgebieten der Associação. Durch das gemeinsame Erleben verschiedener künstlerischer und kultureller Ausdrucksformen wird der Respekt vor der Vielfalt und der Unterschiedlichkeit der Menschen entwickelt und trägt so zu einer Kultur des Friedens bei.
Die Associação Comunitária Monte Azul versucht, das Umweltbewusstsein zu erhöhen und aktiv zu halten, indem sie es in das tägliche Leben integriert.