Was macht ein Teppichknüpfer, wenn er in der Mitte des Teppichs angekommen ist, alle Farben, ein Motiv ausgewählt ist, wenn der Teppich fast fertig ist, aber noch nicht bis zum unteren Rand geknüpft? Was macht ein Schauspieler, wenn er inmitten der Tournee seine Rolle in und auswendig kennt, jeden Abend das gleiche Stück präsentiert, die Zuschauer bereits erobert hat, aber das Spieljahr ist noch nicht zuende?
Die Geschichte der Casa Crianca Querida wird länger, längst ist es nicht mehr „Pionierarbeit“, nicht mehr der Zauber des Anfangs. Jahr reiht sich an Jahr und eigentlich ist es immer das gleiche, wären da nicht die unterschiedlichen Fäden des Teppichs, die Farben, die immer klarer das Motiv in Erscheinung treten lassen. In einem Gespräch traf ich auf die Frage, ob denn AIDS und HIV noch ein aktuelles Thema sei. Tatsächlich droht diese Krankheit trotz all ihrer sozial-politischen Brisanz an Interesse zu verlieren und erschreckender Weise zeigt sich das „Desinteresse“ sogar in ansteigenden Zahlen der Neuansteckungen. Ein Grund sich zu fragen, was passiert ist. Ist das Thema nicht mehr aktuell oder wurde es nur beiseite bzw. unter den Teppich geschoben? Und wenn ja, warum?
Die Casa Crianca Querida leistet Sozialarbeit für HIV-positive Familien in den Randgebieten Sao Paulos. Die Arbeit begann in einem Waisenheim mit 12 AIDS-Waisen, die zurück in ihre eigenen oder in Adoptionsfamilien vermittelt werden konnten. Danach gründeten wir eine Tagesstätte, die zunächst Kindergartenkinder HIV-positiver Eltern betreute.
Die Arbeit wuchs kontinuierlich, und heute betreuen wir 45 HIV-positive Familien in Form von Baby- und Kleinkindgruppe, Kindergarten- und Vorschulgruppe, Schulkinder und Jugendgruppen, sowie sozialarbeiterischer und sozialtherapeutischer Assistenz für Eltern, Geschwister und Familie der betreuten Kinder.
Die Kinder werden täglich abgeholt und nach Hause gebracht, werden gebadet und gepflegt, nehmen zwei Haupt- und zwei Zwischenmahlzeiten Vollwertkost zu sich und nehmen an altersentsprechenden pädagogischen Aktivitäten teil. Schulkinder und Jugendliche werden in Schule und soziales Umfeld integriert, erhalten Hausaufgabenhilfe, Nachhilfe und Förderung durch zusätzliche Unterrichte in Fremdsprachen, Sport, Kunst, Handwerk und Musik.
Alle Kinder und Angehörige nehmen an Sonderprojekten wie Jahreszeitenfesten, Ausflüge ins Grüne u.a. teil, und zum Jahresende organisieren wir eine Kinder- und Jugendreise als besonderes Ferienangebot.
In den Sommerferien (Januar) hatten wir Kontakt mit einer Privatschule, die unsere Jugendarbeit bei einem persönlichen Besuch kennengelernt hatte und der dabei besonders die Arbeit mit den circensischen Disziplinen gefallen hatte. Die Schulleitung des Colégio Concórdia fragte, womit sie unsere Einrichtung unterstützen könne. Wir baten um die Erlaubnis, mit den Einrädern hin und wieder das schöne große Schulgelände nutzen und eventuell Ausflüge mit den Kindern auf das Schulgelände machen zu dürfen. Als Nachsatz deuteten wir an, dass unsere Jugendlichen sehr aufmerksame und intelligente Schüler sein könnten und sicher Einiges an Ausdauer und Disziplin zeigen könnten, wenn sie nur die Gelegenheit bekämen, es zeigen zu dürfen. Mit anderen Worten, wir baten um Stipendien, ohne daran zu glauben, sie zu bekommen.
Nach einer Weile – Ende Januar, also fast zu Beginn des neuen Schuljahres – bat uns die Schulleitung um eine Liste der Schüler der Mittel und Oberstufe, die vom Intellekt und Sozialverhalten die Chance haben könnten, an einer Privatschule zu lernen und einen Notendurchschnitt zu erreichen, der sie ohne Probleme in das nächste Schuljahr führte.
Wir schickten eine Liste mit 10 Schülern. Zu unserem größtem Erstaunen und Freude wurden nach einem Aufnahmegespräch und unserer Zusage, als Einrichtung dafür verantwortlich zu sein, dass sich diese Schüler sozial eingliedern und den Anforderungen nachkämen, alle 10 Schüler angenommen. Das ist eine Chance, die einem Schüler aus einer öffentlichen Schule eigentlich unmöglich oder nur nach zahllosen sehr schwierigen Eignungstests, Prüfungen und Empfehlungsschreiben zuteil werden kann. Wir können nur mit größtem Dank sagen, dass die Engel und guten Mächte auf Seiten unserer Schüler und unserer Arbeit stehen.
Nach der ersten Freude und dem Schrecken so einer großen Verantwortung gab es natürlich schnellstens sehr viel Arbeit zu erledigen. Die Familien der betreffenden Schüler mussten informiert und auf die Besonderheit der Situation ihres Kindes hingewiesen und eingearbeitet werden. Auch das Selbstbewusstsein der Schüler selbst musste gefördert werden, denn plötzlich befinden sie sich als Kinder der Elends- und Randgebiete auf einer elitären Schule. Dann musste engster Kontakt mit der Schule gehalten werden, um immer über kleinste soziale Konflikte, Vorfälle, Hausaufgabenprobleme, Klassenarbeiten etc. Bescheid zu wissen und den Schülern zu helfen oder gegebenenfalls ins Gewissen zu reden.
Zu unserem größten Erstaunen und Stolz bekommen wir zum Abschluss des Schuljahres sehr gute Rückmeldungen und das sowohl im Spiegel der ersten Zeugnisse und Noten, sowie über das Verhalten und Benehmen unserer Schüler. Sie werden von allen Lehrern als besonders sozial, kontaktfreudig, begeistert und sogar oftmals als Vorbilder innerhalb der jeweiligen Klasse gesehen. Das ist für uns eine Rückmeldung hinsichtlich unserer Arbeit in der Jugendgruppe, denn alle Arbeit mit Zirkus (mehr dazu hier), Aufgaben, Sport, Disziplin usw. dient letztendlich dem Ziel unsere Kinder sozialfähig und glücklich im Zusammenleben zu machen – sei es in der eigenen Familie, in der Schule, in der Gesellschaft –, sowie lernfähig, selbständig und selbstverantwortlich in den tägliche Pflichten, sich selber und dem Nächsten gegenüber, und auch für die eigene Zukunft.
Innerhalb der Zusammenarbeit mit der Schule wurden zwei Sonderfälle deutlich. Unter unseren Schülern gibt es einen Fall von Legasthenie und ein Mädchen, das innerhalb dieses Jahres mehrere epileptische Krisen erlitt. Beide Schüler wurden seitens der Schule mit sehr viel Verständnis integriert und behalten ihr Stipendium mit Sonderregelungen. Zusätzlich erhielten wir Unterstützung von Ärzten und Therapeuten der Privatklinik Clínica Tobias, die unseren Patienten kostenlose Behandlung ermöglichen.
Eine besondere Geschichte erlebten wir mit unserer 12-köpfigen Familie. Die Mutter war uns im vergangenen Jahr zugewiesen worden. Anfang des Jahres konnten wir insgesamt sechs der Geschwister in unsere Tagesstätte aufnehmen. Die Familie wohnte lange Zeit auf der Flucht unter Brücken und hatte erst jetzt den Mut, die Hilfe einer Einrichtung in Anspruch zu nehmen. Wir hatten der Familie im letzten Jahr ein würdiges Weihnachtsfest sowie gebrauchte Kleider für jedes Kind ermöglicht. In diesem Jahr ging es nun erst einmal darum, die Kinder einzuschulen, was schwierig war, da sie nicht einmal gemeldet waren, bzw. keine Geburtsurkunden hatten. Wir sprachen mit der sehr misstrauischen Mutter, die immer noch Angst hat, wir könnten ihr die Kinder entziehen wollen. Eines Tages kam sie vorsichtig lächelnd herein und sagte, sie habe eine Überraschung für uns. Wir errieten es nicht. Sie zog aus der Plastiktüte eine Geburtsurkunde für jedes Kind. Nach dem Gespräch war sie zum Amt gegangen und hatte die Dokumente ausstellen lassen. Inzwischen sind die sechs kleinsten Kinder (2-12 Jahre) bei uns und eingeschult.
Zum Jahresende ist Tanja, eines unserer ersten Kindergartenkinder zu uns zurückgekommen. Sie war nach ihrer Einschulung nicht mehr zu uns gekommen, weil ihre Großmutter, die sie aufzieht, allein mit ihr zurechtkommen wollte. Tanjas Mutter war zur Zeit der Schwangerschaft von schweren Drogen abhängig und es dauert Jahrzehnte, bis das Kind diese Stoffe abgebaut haben wird – währenddessen leidet Tanja an Nebenwirkungen und „Entzugserscheinungen“, so dass sie von klein auf schwere nervliche sowie Verhaltensstörungen aufwies.
Tanja ist inzwischen 10 Jahre alt, verweigert die Schule und ist durch extrem aggressives Verhalten auffällig geworden. Gleichzeitig weigerte sie sich, Medikamente einzunehmen und wurde mehrmals mit schweren Infektionen im Unterleib in Krankenhäuser eingewiesen. Die Großmutter war überfordert und gab das Sorgerecht an ein Heim ab. Dort wurde Tanja aufgrund des aggressiven Verhaltens in eine Altersstufe von 15- bis 18-Jährigen eingestuft und erlitt nun alles, was an Erfahrung von Gewalt, Drogenkonsum, Straffälligkeit usw. noch gefehlt hatte. Sie selbst flehte bei der Großmutter darum, aus dem Heim zurückgeholt zu werden, vor allem aus Angst vor einer Vergewaltigung seitens der größeren Jungs des Heimes. Die Großmutter brachte sie zu uns.
Tanja blieb noch am gleichen Tag bei uns. Wir vermittelten für sie und ihre Großmutter eine psychologische Betreuung. Es stellte sich im täglichen Zusammensein heraus, dass Tanja ruhiger wird, wenn sie „sinnvolle“ kleine Tätigkeiten übernehmen darf, und so hilft sie in der Kindergruppe Malblätter austeilen, Puppenhaus aufräumen, in der Küche beim Brot backen und bei Einkäufen. Sie hat einen sehr schweren, misstrauischen Blick, und die Leiderfahrung war so groß, dass jedes freundliche Wort und jede nette Geste ihr nur noch mehr Schmerz zuzufügen scheint. Es wird sicher lange dauern, bis sie sich überhaupt vorstellen kann, dass Freundlichkeit und Liebe ehrlich gemeint sein können.
Schauen wir doch noch einmal auf den halb fertig geknüpften Teppich und auf die in Vergessenheit geratene Frage nach AIDS. Was ist passiert? Da ist ein dramatischer Anfang gewesen, ein Leid, das jeden hätte treffen können, wo es keine Medikamente gab, ein Todesurteil sozusagen. Jeder fühlte sich betroffen. Dann wurden Medikamente gefunden, die die Infektion mit HIV zu einer chronischen Krankheit werden ließen, der Betroffene muss nicht mehr sterben und die Ansteckungszahlen gingen zurück. Es ist fast so, als sei der erste große Schmerz abgeklungen, die Wunde aber nicht geheilt, und der Infekt lebt chronisch weiter.
Interessant ist doch, dass eine Ansteckung mit HIV fast zu 100% vermieden werden könnte, wären die entsprechenden Informationen für alle zugänglich, gäbe es Medikamente kostenlos in allen Ländern der Welt und würden Verhütungs- und Schutzmaßnahmen ernsthaft und verantwortungsvoll angewandt. Verantwortung ist nicht leicht zu tragen. Haben wir deshalb das Thema in Vergessenheit geraten lassen? Besonders schwer wird es immer, wenn es ums Durchhalten geht. Der Teppich ist ja noch nicht fertig geknüpft, lassen wir jetzt die Fäden fallen, dann kann alles, was schon geknüpft war, zusammenbrechen, und das schöne Motiv geht verloren. Wir müssen uns nicht mehr zwangsläufig anstecken, und wer krank ist, kann mit Medikamenten überleben, aber die sozialen Missstände, die eine Krankheit wie AIDS ermöglichen und die Situation eines Kranken verschlimmern, die sind noch nicht aufgeräumt.
Es geht immer wieder um das Zusammenleben und Begegnen. Ehrliche Liebe ist Hingabe, ist das Bemühen um immer wieder neues Interesse für die alten Fragen, für die Menschen, die mich schon so lange umgeben, und die Welt mit immer noch den gleichen Problemen. Hingabe heißt, die Wärme nicht zu verlieren, auch wenn die Heilung lange dauert und wir immer wieder Rückschritte machen. Manchmal heißt das, die alte Wunde neu öffnen und sich an die Fragen erinnern, und manchmal geht es nur darum, in aller Bescheidenheit den Teppich bis zum Ende zu knüpfen, die Fäden nicht fallen zu lassen, die Qualität unserer Arbeit und unserer Beziehungen nicht zu verlieren.
Tanja ist ein Hilferuf, neu an den sozialen Fragen und Missständen zu arbeiten. Und unsere Schulkinder sind die farbigen Fäden eines bunten Teppichs, es ist gelungen eine Brücke zu schlagen, da waren aufmerksame Augen, die eine Möglichkeit gesehen haben, Hoffnung und Zukunftschancen zu bieten. Und unsere 12-köpfige Familie ... das Älteste der Kinder hatte von Besuchern aus Europa einen Euro geschenkt bekommen. Stolz zeigte der Junge, der zuhause kaum Cents zum Kauf von Lebensmitteln zu Gesicht bekommt, die fremde Währung. Auf die Frage, was er denn kaufen werde, wenn er das Geldstück eingetauscht habe, sagte er entrüstet aber überzeugt: „Nein, das ist mein Glücksbringer, den werde ich niemals umtauschen!“. Es verging kaum eine Woche, als Paten für die Familie gefunden wurden, die den Wunsch äußerten, der Familie ein neues Zuhause schenken zu wollen, um ihr einen menschenwürdigen Alltag zu ermöglichen. Der Junge ahnt von diesem Glück noch nichts.
Bleibt nur uns von Herzen bei allen zu bedanken, die uns geholfen haben unseren Teppich ein Jahr lang weiter zu knüpfen.
Regina Klein