Casa Crianca Querida – Jahresbericht 2006

Wenn wir jedes Jahr unserer Sozialarbeit einen Grundton zuordnen sollten, einen roten Faden, dann könnten wir 2006 das Jahr der Jugendarbeit nennen. Das große Haus, die Spende eines Fahrzeugs und die Spende zur Finanzierung einer Jugendgruppe für ein ganzes Jahr, ermöglichten uns eine ganz besondere Arbeit.

Rückblick – Die Geschichte der Casa Criança Querida

Die Idee der Tagesstätte Casa Criança Querida entwickelte sich Ende der 90er Jahre aus der Arbeit in einem Waisenheim für AIDS-kranke Kinder. Die Sehnsucht der Kinder nach einer eigenen Familie sprach für eine Arbeit, in der ganze Familien betreut werden könnten. Das Gesundheitssystem ist heute soweit entwickelt, daß Menschen mit AIDS wie mit einer chronischen Krankheit leben können. Alle 12 Waisen des Kinderheims wurden adoptiert, oder wieder in ihre Familien integriert.

In der Casa Criança Querida begannen wir 2002 mit fünf Kindern. Noch im gleichen Jahr verdoppelte sich die Zahl, und erst an einer rasant wachsenden Warteliste wurde uns das ganze Ausmaß, die absolute Notwendigkeit unserer Arbeit bewußt. Im Jahr 2004 bekamen wir ein größeres Gebäude und konnten die gemischte Kindergruppe in drei Gruppen verschiedenen Alters aufteilen. Die Zahl der Kinder wurde schrittweise auf 45 erweitert.

Zu Beginn arbeiteten wir viel mit Eltern, bauten Vertrauen auf, um dann neuen Lebenswillen und Lebensmut zu wecken - die Zuversicht, daß es tatsächlich möglich ist, mit der Krankheit zu leben und als eine zu bewältigende Aufgabe des Schicksals zu sehen und nicht als Zentrum des ganzen eigenen Lebens.

Mit der Zeit waren die kleinen Kinder versorgt und umfangen von einem neuen Tagesrhythmus. Dank der neuen Räumlichkeiten war es möglich, auch die eingeschulten Kinder in ihrer schulfreien Zeit weiter zu betreuen. Bald aber entstand eine neue Sorge, die darauf drängte, die Arbeit noch weiter zu fassen. Als wir die älteren Geschwister unserer Kindergartenkinder auf gemeinsamen Festen und Hausbesuchen kennenlernten, erlebten wir auch ihre ganz besonderen Probleme und Sorgen: Es sind Kinder, die Verantwortung für kleine Geschwister, für den Haushalt und für kranke Eltern tragen, dadurch ihre Kindheit verlieren - nicht selten außerdem den Schulunterricht, ihre Freundschaften - und obendrein die ganze Schwere des Schicksals der Familie tragen, ohne darüber sprechen zu können. Das Projekt der Jugendgruppe wurde geboren...

Ostern: Lebensmut ...

Ein ganz besonderes Fest war das Osterfest. Die Kinder sangen schon seit Wochen Lieder für den Osterhasen. Wie groß war dann die Überraschung, als sich tatsächlich Ostereier in unserem Garten versteckt fanden! Die kleine Elisa streichelte das Zellophanpapier ihres großen Ostereis immer wieder und drückte das Schokoladenei fest an sich. Hatte sie doch Ostereier bisher nur aus der Fernsehwerbung und von Plakaten kennengelernt, die am Rand der Autoschnellstrasse oft in nächster Nähe der Favela-Baracken mit großen Versprechungen Konsumwünsche wecken, die Familien wie der von Elisa, der es bereits an der grunddürftigsten Nahrung fehlt,  niemals erfüllt werden.

Um den Kleinen nicht den Platz im Garten streitig zu machen, fuhren wir mit der Jugendgruppe zu einem benachbarten Park. Hier war die Frage eine ganz andere. Angesichts aller Werbung und Schokolade versuchten wir gemeinsam zu erinnern, wo denn der Ursprung des Ostergedankens liegt. Die Jugendlichen übersetzten den Gedanken in ihre Alltagswelt, in Krisenmomente, das Sterben eines Traums, einer großen Liebe, Mutlosigkeit - und dann die Auferstehung in neuem Mut oder einer unerwarteten Wendung der Situation, das neue Kraft Finden und verwandelt Weiterleben. Für Kinder, die bereits Eltern oder Geschwister verloren haben oder im Laufe des Jahres verloren, war dieses Gespräch in Symbolen und Bildern sehr wichtig. Nun bekam die Suche der Ostereier Sinn, und die in Lianen und Palmwedeln des tropischen Regenwalds versteckten Schokoladeneier boten einen schönen Anblick!

Die Frage nach neuem Leben beschäftigte uns in diesem Jahr auf noch ganz andere Weise. Es wurden in unserem Kindergarten bis jetzt zwei Kinder geboren. Ende diesen Jahres wurden drei Mütter schwanger. Es scheint trotz aller Bemühung immer noch an Aufklärung zu fehlen, oder an der Stärke ihre Konsequenzen zu tragen.

Die erste Frage betrifft die Gesundheit des Partners. Selbst wenn das Kind erwünscht ist und beide Partner bereits HIV-positiv sind, erhöht der Flüssigkeitsaustausch das Risiko der Krankheit enorm. Warum nicht alternative Lösungen suchen? Im Fall von Nachlässigkeit oder mangelnder Stärke ist es noch schwieriger. Was bringt Frauen dazu, ungeschützt eine Schwangerschaft zu provozieren, die eigene Gesundheit, die des Partners, die des Kindes aufs Spiel zu setzen?

... angesichts von Schicksalsfragen

Wir können nur ahnen, wie schwer es ist, die Bürde zu tragen, eine ansteckende Krankheit zu haben, die zudem alle Fragen aufwirft, die in unserer Gesellschaft nicht gestellt werden dürfen: Krankheit, Schwäche, Tod, Beziehung, Liebe, Sexualität, Fremdgehen, Schuld. Wieviel Vorurteil, vorschnelle Meinung und Schlußfolgerung, wieviel Ablehnung und Einsamkeit muß wohl gelebt worden sein, um dem anderen Menschen nicht mehr mit Ehrlichkeit begegnen zu können, aus Angst wieder ausgeschlossen zu sein - und dann schuldig zu werden, aus Verzweiflung, oder weil es eigentlich keinen anderen Weg gibt als die Lüge oder das Verschweigen.

In den meisten Fällen tritt eine ungewollte Schwangerschaft ein, weil der Partner geschützten Verkehr nicht akzeptiert, oder die Frau nicht den Mut hat auf dieses Recht zu bestehen, aus Angst damit die Beziehung zu verlieren. Doch letzte Konsequenz bei der zwangsläufigen Aufdeckung der Lüge ist genau der Bruch der Beziehung bis hin zu strafrechtlichen Folgen. Die Konsequenzen stürzen die Betroffenen in neue Krisen, in denen oft nur der Selbstmord als Ausweg gesehen wird. Die Arbeit mit Familien in solch extremen Krisen erfordert enorme Klarheit und gleichzeitig größte Offenheit und Sensibilität.

Daß es eine der notwendigsten Aufgaben ist, am Vorurteil zu arbeiten, ist uns in diesem Jahr noch einmal ganz deutlich geworden. Das größte Unheil entsteht, wo Menschen auf Grund von falschen Meinungen und Unkenntnis unwürdig behandelt werden oder selbst dazu getrieben werden, unrecht zu handeln. Die falsche Angst, die hinter jedem Vorurteil steht, lähmt, führt zu Fehlreaktionen und verhindert echte Begegnung.

Eltern, die ihren Kindern nicht zumuten wollen, von der Krankheit zu wissen, schweigen dort, wo das Teilen der eigenen Probleme eine Erlösung für alle wäre. Kinder bleiben mit ihren Ängsten allein, beginnen zu glauben, daß ihre Eltern ihnen nicht genug vertrauen, mißtrauen dann selber... Mütter sagen oft der ganzen Verwandtschaft nichts von der Krankheit - aus Angst, ihre Kinder werden nicht geliebt, gestreichelt, bei einem Unfall nicht versorgt...

AIDS ist auch eine soziale Krankheit, ein Zeitphänomen, das dazu aufruft, alles mögliche zu hinterfragen, noch bevor man falsch reagiert. Wollen wir denn nur Beziehungen pflegen, in denen alles einfach und glatt ist? Oder wollen wir lieber nichts wissen und so tun, als gäbe es all die Fragen nicht?

In der Jugendarbeit gelingt ein erster Versuch von ehrlichem Zusammenleben. Die integrative Gruppe lebt geradezu heldenhaft ihre Unterschiedlichkeit. Es ist für die Kinder natürlich, daß es unter ihnen Kinder gibt, die Medikamente nehmen, bei sommerlichen Temperaturen Mützen tragen oder nicht abwaschen dürfen, weil sie leicht Lungenentzündung bekommen. Genauso selbstverständlich ist es, daß jeder der Gruppe sein persönliches Problem hat, sei er Schulverweigerer, Bettnässer, tollpatschig, antisozial, Favelabewohner, drogenabhängig oder chronisch krank. Sollte es gelingen, daß diese Kinder und Jugendlichen den Gemeinschaftsimpuls der ehrlichen Akzeptanz mit in die zukünftige Erwachsenenwelt tragen, dann hätten wir einen Traum verwirklicht.

Unsere Angebote

Baby- und Kleinkindgruppe
Betreuung von 10 Säuglingen und Kleinkindern (6 Monate bis 3 Jahre) mit altersentsprechenden pädagogischen Aktivitäten. Tägliches Bad, Pflege, Mahlzeiten und ggf. Sonderernährung, regelmäßige Medikamentengabe, täglicher Transport.

Kindergartengruppe

Betreuung von 15 Kindern (3-7 Jahre) mit Aktivitäten wie Kreisspiel, Malen, Brotbacken, Musik etc., tägliche Körperpflege, vier Mahlzeiten mit Vollwertkost, Medikamentengabe, Transport.

Vorschulgruppe

Die 6-jährigen Kinder der Kindergartengruppe Jahren werden in besonderen Aktivitäten auf den Schulunterricht vorbereitet. Das ermöglicht ihnen, ein Jahr länger im geschützten Umfeld der Kindergartengruppe zu bleiben und vermeidet den Schock beim Eintritt in das öffentliche Schulsystem.

Schulkinder

Kinder, die aus der Kindergartengruppe „herauswachsen“, können außerhalb der Schulzeit in die Tagesstätte kommen und werden je nach Reife in die Kindergartengruppe integriert oder mit besonderen Aktivitäten gefördert. Wir machen z.B. Flötenunterricht bzw. musikalische Früherziehung und Hausaufgabenhilfe.

Jugendgruppe

Betreuung von 20 Kindern und Jugendlichen (9-18 Jahre) außerhalb der Schulzeit. Täglich zwei Mahlzeiten mit Vollwertkost; Gewichtskontrolle; Erziehung zu Körperpflege. Medikamentengabe. Betreuung der schulischen Leistungen, Kontakt mit Lehrern und Verantwortlichen der jeweiligen Schule, ggf. Teilnahme an Elternabenden, Organisation von Schulwechsel bzw. Integration in Sonderprogramme für Schulverweigerer, nachträgliche Alphabetisierung etc.; Hausaufgabenhilfe und Sonderförderung; Fremdsprachen. Sozialtherapeutische Begleitung, Gruppen- und Einzelgespräche, Erziehung zu Eigenverantwortlichkeit. Tägliche altersentsprechende Aktivitäten, wie Sport, Zirkuspädagogik, künstlerische und handwerkliche Aktivitäten.

Familienarbeit

Begleitung und Beratung in pädagogischen, gesundheitlichen und lebenspraktischen Fragen; Hilfe bei der Organisation von Krankenhausaufenthalten, ggf. Organisation der Invalidenrente, Kindergeld, etc.; Beratung und Hilfe bei der Einnahme der lebensnotwendigen Medikamente; Familienplanung; ein Lebensmittel-Basiskorb pro Monat pro Familie; Sonderaktivitäten, wie Feste und Ausflüge.

Sonderprojekte

Jahreszeitenfeste; Ausflüge; zum Jahresende eine Reise für Kinder und Jugendliche; Hilfe bei der Versorgung der Familie in Krisenmomenten (Krankenhausaufenthalt alleinerziehender Mütter, zeitweilige Arbeitsunfähigkeit); Organisation von Sachspenden für extrem bedürftige Familien.

Regina Klein

Stand / Update: 02/2007