Die Misere des Bildungswesens in Brasilien – ein Aufruf

Die öffentlichen Schulen in Brasilien haben ein äußerst niedriges Niveau, wie offizielle Studien kürzlich wieder bestätigten: Über die Hälfte der Schüler schließt die 4. Klasse praktisch als Analphabeten ab (bei 10 als Bestnote liegt der nationale Durchschnitts bei 3,8!), und über 40% beenden nicht das 8. Schuljahr. Diese Ergebnisse plazieren Brasilien im Erziehungswesen unter den am weitesten zurückliegenden Ländern der Erde und bewirken eine zunehmende Aufmerksamkeit der Regierung. Die Associação Comunitaria Micael hilft den besonders benachteiligten Kindern des armen Stadtviertels Jardim Boa Vista in Sao Paulo.

Eine Studie der SAEB (Nationales System zur Bewertung der Grundschulerziehung) von 2003 belegte zum Beispiel, dass die Qualifikation der Schüler in der 4. Klasse im Fach Portugiesisch (Muttersprache) an staatlichen bzw. kommunalen Schulen zu rund 60% als „kritisch bis sehr kritisch“ ist, zu rund 40% als „mittelmäßig“ und zu nur 2-3% als „befriedigend“ einzustufen ist!

Ohne die übrigen Mängel des öffentlichen Bildungswesens verniedlichen zu wollen, meinen wir, dass es bei alledem nicht nur um bessere Ausstattung und bessere Ausbildung der Lehrer gehen darf, sondern auch um die konkreten Nöte der Schüler. Es ist eine weltweit bekannte Tatsache, dass ein verhältnismäßig großer Anteil der Kinder schon in den ersten Schulklassen große Lernschwierigkeiten hat.

Kinder der sozialen Mittel- oder Oberschicht bekommen dann i.a. von zuhause aus entscheidende Unterstützung von den Eltern, von Privatlehrern usw. Dagegen sind bei einem großen Teil der brasilianischen Familien, besonders bei denen, die in den ärmsten Randbezirken der großen Städte wohnen, nicht einmal die geringsten sozialen, finanziellen und kulturellen Bedingungen vorhanden, um ihren Kindern die notwendige Hilfe geben zu können.

Eine Kombination ungünstiger Faktoren bewirkt, dass die Kinder statt Unterstützung eine Überlastung aufgebürdet bekommen, die oftmals auf dramatische Weise ihre physische (inkl. Motorik usw.), seelisch-emotionale, kulturelle und geistige Entwicklung in Mitleidenschaft zieht:

- Not und Elend, was Unterernährung bedeutet, wenig oder gar kein Platz zum Spielen usw.;
- Tagsüber arbeitende und daher abwesende Mütter, so dass die Kinder sich selbst überlassen sind - entweder auf der Straße oder eingesperrt in ihren kleinen Wohnungen;
- Eine geringe oder sogar überhaupt keine Schulbildung der Eltern;
- weitere Faktoren wie z B. oftmals die Tatsache, ein „unerwünschtes Kind“ zu sein...

Eine Herausforderung für die Waldorfpädagogik

Kinder, die von all diesen Umständen betroffen sind, werden heute als „sozial ausgeschlossen“ klassifiziert, was aufgrund fehlender Bildungs- und Betreuungsqualität ganz leicht ins Verbrechertum führt. Aufgrund dieser Wahrnehmungen hat sich die Associação Comunitaria Micael vorgenommen, im Schuljahr 2008 das Projekt SEIN UND WERDEN zu realisieren.

Es handelt sich um ein auf der Waldorfpädagogik basierendes schulergänzendes Programm, damit die Kinder, die am Nachmittag die 2. bis 4. Klasse öffentlicher Schulen besuchen (7-12 Jahre alt) und im Lesen, Schreiben und Rechnen einen erheblichen Aufholbedarf haben, vormittags entsprechende Förderung finden. Ab 2008 sollen in vier Gruppen insgesamt 60 Kinder unterstützt werden, sofern es gelingt, die nötigen Gelder zu beschaffen...

Lesen, Schreiben und Rechnen sind eine Bedingung, um die Welt verstehen und am praktischen Leben teilnehmen zu können. Unsere Förderung der Kinder wird alle Hilfsmittel beinhalten, die uns die Waldorfpädagogik bietet. Dies stellt einerseits eine große Herausforderung dar, andererseits trägt ein solches Projekt ein großes Vervielfältigungs-Potenzial in sich, denn die genannten Probleme treten im Grunde weltweit auf.

Gerne informieren wir Sie über weitere Aspekte unserer Arbeit! Bitte unterstützen Sie unser Projekt SEIN UND WERDEN!

Ute Weitbrecht, Christian Moth Nielsen

Die Associaçao Comunitaria Micael ...

entstand im Jahre 2000 aus dem Umkreis der Waldorfschule Micael in dem armen Stadtviertel Jardim Boa Vista. Eltern, Lehrer und Freunde der Schule begannen schon 1982 mit außerschulischen Aktivitäten, die auch den Kindern der beiden öffentlichen Schulen dieses Viertels zugute kommen sollten. 2003 konnte die Associaçao dann ein Gebäude erwerben. Bisher haben insgesamt rund 1.000 Kinder und Jugendliche aus den unteren sozialen Schichten an den angebotenen Aktivitäten teilgenommen. Derzeit arbeiten fünf hauptamtlich und 34 ehrenamtlich tätige Menschen für die Associaçao, und 245 Kinder und Jugendliche nehmen die verschiedenen Aktivitäten (Nachhilfeunterricht, Musikalisierung, Kinderbetreuung usw.) in Anspruch.

Stand / Update: 11/2007