Sozialarbeit in Bahia

Wie soll sich ein Jugendlicher in einer Gesellschaft zurecht finden, in der materielle Werte höher geschätzt werden als alles andere – als Bildung, Gesundheit, Altersversorgung oder ein regelmäßiges Einkommen? Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Medien: sie präsentieren Konsum als den Schlüssel zum Glück. Doch für die meisten Brasilianer ist die Telenovela-Welt der Reichen und Schönen unerreichbar. Der Wunsch, sich zu dieser Welt Zugang zu verschaffen, führt allzu häufig in eine gewalttätige Gegenwelt, in der Diebstahl, Drogenhandel und Prostitution auf der Tagesordnung stehen. Ein ebenso bewegendes wie ungeschminktes Porträt dieser Gegenwelt hat unlängst der Film City of God gezeichnet.

In den Armenvierteln Brasiliens laufen vor allem Kinder zwischen 10 und 14 Jahren Gefahr, in diese Gegenwelt geschleudert zu werden. Um so schmerzlicher ist es für uns, ausgerechnet diese Kinder aus Platz- und Lehrermangel nicht aufnehmen zu können. Von den Eltern vernachlässigt, kann ihnen nur durch institutionelle Betreuung und Zuwendung geholfen werden. Jeden Tag verbringen sie einen Großteil ihrer Zeit auf den Straßen. Ihnen fehlt jegliche Perspektive auf einen Ausweg aus den Benachteiligungen und Zwängen, die die Armut in Brasilien mit sich bringt.

Obwohl es eines der reichsten Länder der Welt ist, gibt es in Brasilien nach wie vor keine effizienten Mechanismen zur sozial gerechten Verteilung des Reichtums – trotz der seit langem regierenden sozialistischen Regierung unter Präsident Lula. Ohne Anleitung durch Eltern oder Erzieher eignen sich die Kinder einen Lebensstil an, der sowohl für ihre seelische als auch für ihre körperliche Gesundheit sehr schädlich ist.

Bald beginnt wieder der Sommer, in dem sich die sozialen Widersprüche in besonders erschreckender Weise offenbaren. Auf der einen Seite scheint man im Paradies zu sein: Sonne, Strand, Palmen, Meer, Tanz und Musik. Doch für die allermeisten hier ist das Leben alles andere als paradiesisch. Höchstens 5% der Bevölkerung können sich eine Scheibe von dem Scheinglück abschneiden. Die überwältigende Mehrheit dieser 5% ist weiß. Wir arbeiten in Salvador, einer Stadt, in der 95% der Bevölkerung schwarz sind – und fast alle schwarzen Bewohner Salvadors befinden sich im Abseits der Wohlstandsgesellschaft. Und doch haben sie – vor allem durch den Einfluss des Fernsehens – die Werte der Wohlstandsgesellschaft verinnerlicht. Auf diese Weise leben sie in einem ständigen Zwiespalt mit sich selbst – auf der Suche nach einem Ideal, das sie nicht erreichen können.

Überleben

„Leben“ ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, um zu beschreiben, was die Menschen hier tun. Sie überleben. Freizeit, Erholung und Kultur sind unbekannte Begriffe. Alleinerziehende Mütter kommen abends aus unterbezahlten Acht-Stunden-Jobs nach Hause, wo sie kochen, waschen und putzen müssen (Männer beteiligen sich an der Arbeit im Haushalt so gut wie nie). Der Samstag gehört in der Regel zur Arbeitswoche, so dass nur der Sonntag bleibt, um den Haushalt und das Familienleben zu organisieren. Ein Buch lesen, ins Kino oder Konzert gehen, ein Eis essen oder einfach rausfahren und ein paar Tage Sonne, Strand, Palmen und Meer genießen – das kennt hier keiner. Denn schon am Montag geht alles wieder von vorne los.

Ein Beispiel: Eine fünfköpfige Familie, deren drei Kinder in unserem Projekt betreut werden, lebt in einem 9m² großen Raum. Der vierjährige Denilson wartet beim Mittagessen immer, bis alle angefangen haben zu essen, und wiederholt dann noch einmal mit Nachdruck: „Guten Appetit Frau Lehrerin!“ („Bom apetite minha pró!“). Er gehört zu den kleinsten Kinder der Gruppe. Die Mutter arbeitet als Dienstmädchen und übernachtet die ganze Woche über im Haus ihrer Herrschaften. Erst am Samstagnachmittag kommt sie nach Hause. Der Vater arbeitet täglich bis spät in den Abend und sieht die Kinder nur schlafend.

Zufluchtsort Waldorfpädagogik

Denilson und seine zwei Geschwister werden tagsüber in unserem Projekt betreut. Insgesamt sind es 36 Kinder zwischen zwei und sechs Jahren, die unsere Kleinkindgruppe und zwei Kindergartengruppen besuchen. Die Kinder kommen um 7:30 Uhr und bleiben bis 16:30 Uhr. Die Waldorfpädagogik schenkt ihnen die Möglichkeit, zu spielen, zu malen, zu essen und zu schlafen, Geschichten zu hören und ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Sie können Königinnen und Könige in den Reichen sein, die sie in ihrer Imagination gründen oder erobern, und Kraft und Vertrauen schöpfen, um den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden.

Diesen und vielen anderen Kindern ermöglichen wir durch unsere Arbeit Zugang zu einer anderen Welt, in der die Erzieherin jedes Kind mit einem liebevollen Blick beobachtet und aufnimmt, an seiner Entwicklung teilnimmt und diese mit vielfältigen Elementen bereichert. Denilson, sein Bruder João Vitor und seine Schwester Kailane können beim Backen und Aufräumen selbst tätig werden; sie lernen mit Farben, Stiften, Papier und Pinsel umzugehen, sie singen gemeinsam, beobachten wie das Essen zubereitet wird, schlafen, spielen, springen ... und strahlen. So wird unser Projekt zu einem Zufluchtsort, in dem die Kinder sich als Menschen fühlen können, in dem ihre Menschenwürde nicht mit Füßen getreten wird und wo sie einen anderen Glücksbegriff kennenlernen als den des Konsumglücks der Telenovela-Welt.

Weitere Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren betreuen wir schulergänzend mit dem Ziel, dass sie lesen, schreiben und rechnen lernen. Das ist leider in den öffentlichen Schulen nicht selbstverständlich: Die unterbezahlten, unvorbereiteten und oft übermüdeten Lehrer (viele arbeiten für ihr eigenes Überleben nacheinander in drei Schulen!) geben meist wenig produktiven Unterricht. Zuhause finden die Kinder erst recht nicht den Raum und die Unterstützung, die es erlauben, sich mit abstrakten schulischen Fragen auseinanderzusetzen und auf intellektuelle Herausforderungen einzugehen. Schon die physische Enge lässt das nicht zu.

Wir erarbeiten mit diesen Kindern Schulstoff auf spielerische und künstlerische Weise. Aus Platzmangel bleiben sie nur zwei Stunden bei uns, da der gleiche Raum von den Kindergartenkindern zum Spielen genutzt wird.

Am liebsten würden wir den Kindern auch ein Mittagessen geben, aber das ist leider nicht möglich. Und noch ältere Kinder zwischen zehn und 14 Jahren können wir bisher nur zweimal wöchentlich in einem Raum des Gemeindevereins betreuen.

Ein Hilferuf

Es fehlt Platz und finanzielle Unterstützung, um diese so wichtige Arbeit auszubauen, ja um überhaupt ihre Fortsetzung zu gewährleisten. Unsere Mitarbeiter erhalten eine monatliche Unterstützung von 200 Euro bei vergleichsweise sehr hohen Lebenshaltungskosten, ohne Krankenversicherung oder Altersversorgung. Jedwede Hilfe ist folglich willkommen, nein, nicht nur willkommen, sondern notwendig! Hier geht es nicht um eine theoretische Frage, sondern um Arbeit, die geleistet werden muss, um den Menschen in den Armenvierteln Salvadors eine Perspektive für ein menschliches Leben zu bieten. In Erziehung zu investieren, heißt in Hilfe zur Selbsthilfe zu investieren. Nur so kann der Zirkel aus Verwahrlosung und Gewalt durchbrochen werden und die brasilianische Gesellschaft Schritt für Schritt, Kind für Kind, an Seele und Leib gesunden.

Vivian Fraenkel

Stand / Update: 09/2008