Escola Araucária in Camanducaia – Jahresbericht 2009

Ein Jahresgruß und ein Bericht aus der Escola Araucária im abgelegenen Camanducaia in Brasilien.

Liebe Freunde in Europa,

Nach einem ungewöhnlich heißen Tag für unsere Höhenlage und nachfolgendem Wolkenbruch von 2½ Stunden Dauer sitze ich hier und schaue auf unser schönes Bergpanorama. Überall steigen weiße Dampfschwaden aus Wäldern und Bergen auf. Zum Glück fließt das viele Wasser in den Bergen schnell ab. – Ich sinne: was war wichtig und von Bedeutung für unsere Schule und Umgebung in diesem Jahr? Wasser, Wasser...! Das war das Grundthema. Fehlt es, ist der Jammer groß! Aber in diesem Jahr war der Segen zu groß! Hubertus Loewens, unser Schulgründer, misst seit über 40 Jahren die Temperaturen und Niederschläge hier oben. Nach seinen Aufzeichnungen hat es in all diesen Jahren in keinem Winter so heiße Tage und so große Niederschlagsmengen gegeben wie diesmal. Wir hatten keine Trockenzeit, praktisch keinen Winter.

Politik der Unvernunft

Aber zunächst zur Politik im Erziehungswesen. Es soll wieder ein Jahr früher eingeschult werden. Man folgt der internationalen Panik, die Kinder des Landes könnten eventuell nicht früh genug intellektualisiert werden. Der Bund der Waldorfschulen hier hat eine Eingabe gegen die Früheinschulung ans Erziehungsministerium nach Brasilia geschickt. An der Ausarbeitung haben unsere Lehrerinnen Ursula und Christa mitgearbeitet.

Die Gemeinde hatte im vorigen Jahr unsere beiden tüchtigsten und altbewährten Köchinnen entlassen, weil sie bei einem Fragebogen-Kreuzchentest zur Weitereinstellung keine Chance hatten, denn sie sind Analphabetinnen. Zum Glück hatten wir sie auf Kosten des Trägervereins weiterbeschäftigt. Die beiden Damen, die die Gemeinde statt derer geschickt hatte (mit genügend Fragebogenpunkten natürlich!), erwiesen sich als Pleiten. Eine war sogar plötzlich verschwunden und von einer Lehrerin an einer anderen Arbeitsstelle im Tal entdeckt worden. Die zweite ist so schwergewichtig, dass sie den Tag überwiegend mit Jammern über die Arbeit verbringt. Alles ist ihr zu viel.

Von schlimmen Straßen und spontaner Hilfe

Unsere offizielle Direktorin Christa bekam vom Bürgermeister einen Anranzer. Sie hatte aufgelistet, wie oft die Schulbusse wegen der miserablen Straßenverhältnisse nicht fahren konnten oder beschädigt waren und somit der Unterricht mangels Schülern ausfallen musste, und diesen Bericht an den Schulrat und den Bürgermeister geschickt mit der Bitte um Abhilfe. – Sie solle sich gefälligst um Schulangelegenheiten kümmern und nicht um die Straßen! so der Bürgermeister. Es war für uns schwerverständlich, wieso es keine Schulangelegenheit sei, wenn die Kinder nicht zum Unterricht kommen können. Natürlich kann auch der Bürgermeister nicht den vielen Regen abstellen! Die Gemeinde könnte aber den Verkehr schwerer Lastwagen auf aufgeweichten Erdstraßen verbieten. Die LKWs fahren nämlich noch mit Holz oder Kartoffeln beladen, auch wenn sie notfalls von zwei Traktoren durch den Schlamm gezogen werden müssen. Was dann aus den Straßen wird, kann man sich denken. Durch ein entsprechendes Fahrverbot könnten auch viele Straßenreparaturen eingespart werden.

Das Schuljahr fing schon wegen unpassierbarer Straßen 14 Tage verspätet an. Vorher, in den Ferien, konnten 12 von den 16 eingeschriebenen Lehrern nicht zum Ferienseminar für Naturwissenschaften und Geschichte mit Manfred von Mackensen und Hendrik Ens nach Botucatu kommen. Sie saßen in den Bergen fest. Ebenso war es beim Mathematik- und Geometrieseminar mit Georg Glöckler. Für die Schüler konnte der Unterricht an Samstagen und in den Juliferien nachgeholt werden. Aber die Weiterbildung unserer Lehrer wurde leider versäumt. Nach den Juliferien wurden alle Schulen wegen Schweinegrippe für eine Woche geschlossen. Aber hier in den Bergen gab es keine Schweinegrippe! Dann hatten wir glücklich anderthalb Wochen Unterricht, danach wieder anderthalb Wochen keinen wegen der Straßen usw. usw.

Schön ist wiederum, dass es bei schwierigen Verhältnissen hier in den Bergen noch spontane Hilfsbereitschaft gibt. Z.B. rutschte unser Fahrer Chico in einer dieser stockfinsteren Regennächte mit dem Schulbus in den Graben, als er die Oberstufenschüler des Abendkurses im Tal abgeholt hatte. Dann marschierte die Gruppe (keiner hatte eine Laterne) mit Chico voran durch Schlamm, Regen und Finsternis einige Kilometer weit, bis die meisten in ihren Häusern abgeliefert waren. Diejenigen, die sehr weit entfernt wohnten, brachte Chico von seinem Haus aus mit seinem Motorrädchen jeweils zu einem Haus, von wo aus sie das letzte unwegsame Stück am nächsten Morgen zu Fuß gehen konnten, um nach Hause zu kommen. Die unvorbereiteten Gastgeber, weit nach Mitternacht aus dem Schlaf geweckt, versorgten mit großer Selbstverständlichkeit ihre unerwarteten Gäste mit trockener Kleidung, warmem Essen und einem Nachtlager.

Bauarbeiten und kulturelle Initiativen

Dann rissen Sturm und Regen auch noch das von Termiten befallene Dach über unserem Werkraum ein. Damit sind wir beim Thema Bauarbeiten. Wir mussten sofort mit den Sanierungsarbeiten beginnen, obwohl die Finanzierung noch nicht gesichert war. Der Dachstuhl und die Deckenverkleidung der älteren Gebäude waren seinerzeit aus Geldmangel in Kiefernholz (das wir sehr billig aus den regionalen Sägereien bekommen konnten) ausgeführt worden. Leider kann man weiche Hölzer bei unseren Verhältnissen nicht zum Bauen verwenden. Alles Holz wurde derart von Termiten zerfressen, dass wir über 1000m2 Dachfläche erneuern müssen, einschließlich Zwischendecken, die wir nun aus Beton gießen wollen, wodurch die ungeheizten Räume im Winter auch viel wärmer werden. Auch die Dachziegel (damals das Billigste vom Billigen) sind morsch und müssen erneuert werden. Zum Glück waren die vier neugebauten Unterrichtsräume zum Schuljahresbeginn bezugsfertig. So konnten wir die beiden am schlimmsten befallenen Klassenräume evakuieren. Ansonsten müssen Physik- und Musikraum einstweilen noch als Klassenräume dienen.

Besondere Freude bereitete uns, dass ganz unabhängig von der Schule spontan aus der Bevölkerung Initiativen entstanden, meist unter Führung ehemaliger Schüler. So bildete sich z.B. im oberen Jaguarítal eine Theatergruppe. Zunächst führte eine Exschülerin mit Bewohnern der Gegend im dortigen Kirchlein zu Ostern ein kleines Passionsspiel auf. Inzwischen ist das Repertoire auf Volkskomödien u. ä. erweitert worden. Es spielt mit, wer mag, von kleinen Kindern bis zum Opa, und es gibt viel Spaß bei den Proben und Aufführungen. – Auf der Fazenda Esperança veranstaltete man hin und wieder fröhliche Treffen, um einen traditionellen Tanz hier aus den Bergen wieder zu beleben. Das alles sind weitere Gewinne für die Menschen dieser Gegend, die so sehr an Freizeitmöglichkeiten verarmt war.

Das waren wieder einige Nachrichten für Sie, unsere lieben Freunde, aus dem Schulalltag unserer Bergschule im Bundesland Minas Gerais in Brasilien. Wir danken Ihnen ganz herzlich für Ihr Interesse und Ihre Hilfe und wünschen Ihnen eine wunderschöne Weihnachtszeit und das denkbar Beste für das Jahr 2010!

Ulla Kolpatzik

Stand / Update: 12/2009