Campo Verde – Jahresbericht 2008 der Escola Araucária

Die sehr abgelegene brasilianische Waldorfschule “Araucária” hat jedes Jahr viel zu erzählen. Auflagen der Behörden, Überfälle und anderes führen immer wieder zu aufregenden Monaten. Aber es gibt natürlich auch viel Positives zu berichten...

Liebe Campo-Verde-Freunde,

das Jahr verflog im Nu! Und was gibt es aus unserer Talgemeinde zu berichten? Vieles!

Einiges über Behördenauflagen und ihre Folgen

Schon wieder waren Gemeindewahlen. Der jetzige Bürgermeister, mit dem wir gut auskommen (sehr wichtig für unsere Schule!), wurde wiedergewählt! So hoffen wir, dass der Schulrat, der ein besonderer Freund unserer Schule ist, im Amt bleibt. Aber auch er ist an zum Teil unsinnige bürokratische Regeln gebunden. Christa und er sind aber gemeinsam erfinderisch in Auswegen.

Zum Beispiel: Alle paar Jahre findet in der Gemeinde ein Concurso statt. Das ist eine Prüfung per Fragebogenkreuzchen für alle Bewerber um eine Festanstellung bei der Gemeinde – auch für Lehrer – vorausgesetzt, sie können die geforderten Diplome vorweisen. Die Bestplazierten dürfen sich die Schule aussuchen, an der sie unterrichten möchten. Wir hatten vor einiger Zeit eine intelligente Lehrerin, die aber im Umgang mit den Kindern unmöglich war, in einem Außenbezirk für die Erwachsenenbildung eingesetzt. Zum Schuljahresbeginn stand sie mit triumphierendem Lächeln vor der Schultüre: „Ich werde wieder hier in der Schule arbeiten. Ich habe den 1. Platz gemacht!“ Mit viel Diplomatie wurde für sie ein neuer Erwachsenenkurs in der Nähe der Schule eingerichtet. Die Teilnehmer ihres ersten Kurses hatten sich inzwischen verlaufen. Unser Schulrat drängt schon lange, dass wir eine Oberstufe an unserer Schule einrichten (wir sehen dafür aber noch keine praktische Durchführbarkeit). Er möchte auch, dass Christa Kurse für die Lehrer anderer Schulen in Camanducaia gibt.

Auch Küchen- und Reinigungspersonal muss jetzt den Concurso machen. Wir mussten zwei altbewährte, tüchtige Frauen abgeben, weil sie die Fragebogen nicht lesen konnten, also keine Chance beim Concurso hatten. Vielleicht gibt ihnen das den Anstoß, am Erwachsenenbildungskurs teilzunehmen. Zwei aus unserem Hilfspersonal und zwei Fahrer sind bereits dabei. Die Gemeinde bezahlt z.Zt. vier Fahrer, um die Kinder aus den Bergen zusammenzuholen und die Oberstufenschüler ins Tal hinunterzubringen. Chico, unser dienstältester Fahrer, hat endlich einen Kollegen, der den Einsatz mit ihm teilt. Vorher begann er um 6 Uhr früh die Schüler einzusammeln, brachte die letzten Oberstufenschüler um Mitternacht nach Hause und schlief in den Wartestunden im Bus. Jetzt macht auch er Abendschule in Camanducaia.

Von Einbrüchen und Gewalt

Nach den Einbruchserien (2007) und unseren darauffolgenden Aktionen gab es eine Bürgerversammlung in Bom Jardim (Guter Garten – der offizielle Name der Schulgegend und eines kleinen Weilers ca. 3 km unterhalb der Schule). Der Versammlungsraum war brechend voll. Der Chef der Militärpolizei, Tenente Silveira, als korrekt bekannt, belehrte die Anwesenden über Vorsichts- und Schutzmaßnahmen; man solle genau beobachten, jeden Vorfall melden usw. Genau das hatten wir 2007 getan! Unsere Eingabe bei den verschiedenen Behörden in Camanducaia war in die Landeshauptstadt Belo Horizonte weitergeleitet worden, ironischerweise an die obersten Vorgesetzten der Militärpolizei, während das Übel mehr bei der Delegencia (Zivilpolizei) und beim Gericht lag. Ausgerechnet unser Tenente Silveira, der während der Hauptvorfälle monatelang zur Fortbildung in Belo Horizonte weilte, bekam den Rüffel ab. Inzwischen wurde Zivil- und Militärpolizei befohlen, eng zusammenzuarbeiten. Es gab schon eine gemeinsame Razzia in unserem „Guten Garten“, wobei Motorräder ohne Zulassung und Dokumente sowie Waffen sichergestellt wurden.

Im ersten Halbjahr gab es noch einige kleinere Vorfälle und einen bösen Raubüberfall mit Körperverletzung, ausgeführt von drei maskierten Gestalten. Wir hegen den starken Verdacht, dass vier unserer Exschüler in die Vorfälle verwickelt sind. Da gibt es die traurige Konstellation: auf der einen Seite freche, schlaue Tunichtgute, denen von zu Hause nie Schranken gesetzt wurden und auf der anderen Seite minderbemittelte Buben ohne Halt und Vorbild aus verkommenen und Trinkerfamilien, von den Mitschülern gehänselt und nicht für voll genommen. So werden diese leicht Opfer für die ersteren, übersehen nicht die Konsequenzen ihres Tuns und fühlen sich endlich stark und wichtig. Was sollen wir tun? Was wird aus ihnen, wenn sie im Gefängnis landen? Was wird, wenn sie weiter mit Erfolg ihre kriminelle Laufbahn verfolgen? Was haben wir während der Schulzeit nicht schon alles versucht, um solche Schicksale zu vermeiden! Wir haben keine Heil- oder Spezialpädagogen, müssen jedes Kind durchtragen, egal wie geschädigt es ist. Die meisten unserer jungen Lehrerinnen sind mit solchen Problemkindern überfordert.

Und das Positive...

Auf der anderen Seite stehen viele Exschüler, die es im Leben draußen rechtschaffen zu etwas gebracht haben, zum Teil aus einfachsten und primitivsten Verhältnissen kommend.

Da ist z.B. unsere kleine Vanusa: Aus einfachster Hinterwäldlerfamilie, behindert geboren, rechts nur mit einem Armstummel; dennoch hat sie jede Aufgabe angegangen, ob Häkeln, Stricken, Werken usw. alles hat sie irgendwie bewältigt. Sie war das erste unserer Mädchen mit dem Mut, von zu Hause wegzugehen und die Oberstufe in einem Internat weit weg zu besuchen, studierte in einer staatlichen Universität und hat heute als Betriebswirtin eine gute Stellung in einem großen Konzern. Sie hat ihre jüngere Schwester nachkommen lassen, unterstützte sie bei ihrem Biologiestudium und besorgte ihr schon eine Stelle in der gleichen Firma.

Oder unser Carlos Eduardo, der auch an einer entfernten Uni vor einiger Zeit erfolgreich abschloss und jetzt ein Stipendium für seine Doktorarbeit an einer französischen Universität bekommen hat. – Unsere Paola ging, ohne dass bei ihr zu Hause ein Wort Deutsch gesprochen wurde, konsequent ihren Weg und ist heute bei der „Porto Seguro“, der größten und angesehensten deutschen Schule in Brasilien, als Deutschlehrerin angestellt.

Abgesehen von solchen herausragenden Beispielen gehen die meisten unserer Exschüler erfolgreich durchs Leben, sei es daheim oder draußen in der Welt. Wir müssen vielleicht besser ertragen lernen, dass wir manchmal scheitern, dass zum Licht auch Schatten gehört. Wir können keine Wunder bewirken, aber wir bemühen uns immer aufs Neue mit Liebe und Verständnis um unsere Schützlinge.

Immer wieder kommen Eltern von außerhalb mit ihren Kindern zu uns, meist von Monte Verde oder Camanducaia, die die tägliche Fahrt von einer Stunde Erdweg zweimal in Kauf nehmen, und andere, die sogar in unsere Gegend ziehen, weil sie andernorts eine Waldorferziehung für ihre Kinder nicht bezahlen können. Einerseits wird durch diese Eltern das Niveau unserer Schule gehoben, besonders durch ihre meist engagierte und tatkräftige Mithilfe, die für uns goldwert ist. Andererseits wurde unsere Schule für die arme und bildungsärmere Bevölkerung der Berge gegründet, wobei ein Teil der Bevölkerung schon mächtig aufgeholt hat. Eigentlich sollten alle Eltern, die es wollen, ihren Kindern eine Waldorferziehung ermöglichen können. Wenn unsere Schule effektiv wirkt, wird die anfängliche Zielgruppe irgendwann nicht mehr bestehen. Aber von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt.

Wir hatten in diesem Jahr etwa 180 Schüler. Einstweilen können dank der neuen Räume alle Klassen noch Schüler aufnehmen. – Die Schulveranstaltungen und Feste verliefen wie gewohnt erfolgreich. Die Aktionsgruppen für Umwelt- und Sozialarbeit (Eltern, Lehrer, Exschüler, Freunde und Nachbarn) setzten ihre Arbeit fort.

Im Falle des trunksüchtigen Witwers mit den vier verkommenen Kindern gab es einen Erfolg: Der Vater trinkt angeblich nicht mehr und gab die beiden jüngeren Kinder zur Adoption frei. Eine sehr positive Familie nahm sie auf, die Eltern unseres jungen Lehrers Esaú. Die Kinder blühen seitdem unglaublich auf. Das kleine Mädchen nimmt Deutschunterricht und verkündet überall: „Wenn ich groß bin, gehe ich nach Deutschland studieren!“

Eine ältere Kunsthandwerkerin aus dem Kurort Monte Verde hat ihre gesamte Ausstattung mit abbaubarer Werkstatt der Schule vermacht. Die Aktionsgruppen arbeiteten fleißig unter ihrer Anleitung für unseren „Markt für Selbstgemachtes“. Auch Renate und Irmgard leiteten die Frauen mit an. So war der Markt in diesem Jahr besonders vielseitig und reichhaltig. Der Erlös wird in Sozialarbeit und teurem Schulmaterial für besonders arme Kinder angelegt, auch Werkzeuge und Geräte für die Aktionsgruppen werden davon bezahlt.

Bauarbeiten – eine ständige Herausforderung

Die Bauarbeiten, unser größtes Dilemma in diesem Jahr! Wir konnten immer noch nicht in die dringend benötigten neuen Klassenräume einziehen. Auf Empfehlung eines unserer Sponsoren hatten wir den Anbau der vier Klassenräume einer Firma von auswärts zum Festpreis übergeben. Das Angebot war verlockend: billiger, schneller und ohne Arbeitsbelastung für uns. Rebecca, eine Schülermutter mit Erfahrung im Bauwesen, vertrat den Bauherrn (die Schule) gegenüber der Firma. Anfangs lief alles recht gut, wenn auch verzögert, wie im Baugewerbe üblich. Dann trennten sich die beiden Kompagnons der Firma. Die Arbeit verlief immer schleppender, und schließlich lag der Bau ganz still. Auf alle Verhandlungen und Ultimaten Rebeccas und der Schule folgten Versprechungen, die nicht eingehalten wurden. Mitte des Jahres nahmen wir die Fertigstellung mit Handwerkern aus Monte Verde unter Rebeccas Leitung in eigene Hände.

So wurde das Billige mal wieder bedeutend teurer, und das Schnelle dauerte doppelt so lange. Eine interessante Beobachtung: Alle, die bisher hier oben in den Bergen einen Bau zum Festpreis mit einer Firma von auswärts ausführen wollten, haben Ähnliches erlitten (Fertighäuser ausgenommen). Wenn uns nun die guten Geister beistehen, können wir die Räume zum Schuljahresbeginn im März 2009 beziehen.

Böse Termiten und nicht existierende Kakerlaken

Es ist allerhöchste Zeit, denn die nächste Herausforderung steht schon an: Die Dächer fast aller Schulgebäude, ausgenommen der letzte und vorletzte Bauabschnitt, sind so stark von Termiten befallen, dass es langsam gefährlich wird. Seinerzeit wurde Kiefernholz verwendet, das wir billig aus den benachbarten Sägereien bekommen konnten. Es hätte nicht sein dürfen! So wird auch hier das Billige mal wieder teuer. Was nützt das Lamento? Teures Hartholz konnte sich die Schule damals nicht leisten. Die Kiefernbalken wurden allerdings überdimensioniert und mit Schutzmitteln behandelt. Außerdem hoffte man, dass es wegen des hohen Harzgehaltes gut gehe. Aber das hat die Termiten in ihrer unersättlichen Fressgier wenig beeindruckt. Selbst die Schülerwerkbänke aus Kiefernholz haben sie zernagt.

Witzig ist, dass die Gemeinde neulich unangemeldet (also ohne Protestmöglichkeit) eine Sanitärtruppe schickte, die die ganze Schule vorsorglich gegen Ratten und Kakerlaken eingiftete. Nur, wir haben weder Ratten noch Kakerlaken! Von den Termiten nahmen sie keine Notiz! Vielleicht zum Glück! Nun kommen zunächst die großen Sommerferien mit der Regenzeit. Danach muss die Sache gelöst werden, ohne Verzug. Also sind Sanierung des ersten, schon baufälligen Schulgebäudes, der dritte Kindergartenraum und die schon lange notwendigen Schuppen mal wieder aufgeschoben. Der Bau unserer Mehrzweckhalle ist in weite Ferne gerückt.

Das Kollegium

Wir hatten ein relativ friedliches Jahr, deshalb nun ein ausführlicherer Bericht über unser Kollegium. Man kann viel über die Entwicklung der Schule daraus ablesen.

Zehn unserer Lehrer machen z.Zt. ein Abend- und/oder Fernstudium. Neun von ihnen werden in diesem Jahr abschließen. Sieben (nicht nur Lehrer) sollen im kommenden Jahr mit dem dreijährigen, berufsbegleitenden Waldorfseminar anfangen und suchen noch Paten. Zwölf unserer Lehrer reisten in den Ferien zum zehntägigen lateinamerikanischen Waldorfkongress nach Ribeirão Preto mit Schwerpunkt Naturwissenschaft und Kunsterziehung. Hauptdozent war Johannes Kühl vom Goetheanum. Auch bei allen anderen gebotenen Kursen und Seminaren war die Beteiligung unserer Lehrer sehr rege. Renate und Ursula vertraten unsere Schule Ostern in Dornach bei der Weltlehrertagung.

Seit langem bemühen wir uns darum, dass ein Klassenlehrer seine Kinder vom 1. bis zum 9. Schuljahr begleitet. Wegen Lehrerwechsel, fehlender Kapazität oder fehlendem Mut war das selten möglich. Aber langsam kommen wir unserem Ziel näher.

Die Besetzung der Klassen in diesem Schuljahr (einheimisch bedeutet fast immer: von uns herangebildet und/oder zur Weiterbildung geschubst):

Kindergarten: Renate – Waldorfseminar – schließt offizielle Lehrerbildung jetzt ab. Claudia ist zu ihrem Mann nach Camanducaia zurückgekehrt. An ihre Stelle trat Edvânia. Drei Jahre lang bekam sie die jeweils 1. Klasse, weil sie sehr lieb mit den Kleinen umging, aber im Unterrichten war sie schwach. Sie ist glücklich über ihre Versetzung in den Kindergarten.

1. Klasse: Rosilene – neu, einheimisch, Exschülerin (hat aber nicht bei uns abgeschlossen), noch schwach in einigen Fächern, aber bemüht sich, macht Abendstudium.

2. Klasse: Kelly – abgeschlossenes Studium und Waldorfseminar. Hat im Vorjahr die 9. Klasse abgegeben.

3. Klasse: Andréia – einheimisch, führte ihre Klasse weiter, abgeschlossenes Studium und Waldorfseminar, sehr engagiert, liebevoll zu den Schülern. Eine der Hoffnungen für die Zukunft der Schule.

4. Klasse: Esaú – einheimisch, führte weiter, schließt Lehrerbildung jetzt ab. Dieser sympathische junge Mann ist überaus interessiert und lernbegierig, besucht die berufsbegleitende Bothmerausbildung in São Paulo, reiste mit dem Kurs in den Juliferien nach Chile zur lateinamerikanischen Waldorftagung für Bewegungskunst (Eurythmie, Bothmer, Tanz, Sport usw.) Er ist zum ersten Mal geflogen, hat zum ersten Mal Schnee gesehen, war begeistert von allem Neuen. Nimmt seit einiger Zeit Geigenunterricht in Monte Verde und gibt gleichzeitig an zehn Schüler bei uns das Gelernte weiter. Auch er ist eine Zukunftshoffnung für die Schule.

5. Klasse: Ana Lúcia – einheimisch, führte weiter, hat endlich den Mut für den Schritt in die Mittelstufe gefasst, altbewährt, eine der Dienstältesten, hat Lehrerausbildung und Waldorfseminar.

6. Klasse: Alice – neu, Schülermutter aus Monte Verde, vor Jahren Waldorfseminar in São Paulo. Sie hat Nadirs total chaotische Klasse übernommen und das erste Halbjahr fast nicht durchgehalten. Claudio, Exlehrer und jetzt Fazendaverwalter, hat sie unterstützt, so gut es seine Zeit erlaubte. – Ihr Mann, Arzt in Monte Verde, besucht auf unser Bitten hin Kurse in anthroposophischer Medizin, damit er unser Schularzt werden kann.

7. Klasse: Fátima – einheimisch, Exschülerin, führte weiter; Waldorfseminar, schließt offizielle Lehrerausbildung jetzt ab; hat noch große Lücken im Allgemeinwissen, strengt sich enorm an, sie zu schließen; nimmt ihre Aufgabe sehr ernst, hat viel menschliche Wärme für ihre Schüler.

8. Klasse: Luciana – einheimisch, führte weiter, schließt Lehrerausbildung jetzt ab, hat Waldorfseminar, ist sehr kämpferisch und hilfsbereit. Sie hat mit großem Erfolg (und professioneller Hilfe von Alessandro) mit ihrer Klasse Jean d’Arc aufgeführt.

9. Klasse: Fabiane – führte weiter, schließt jetzt Studium ab, eine der wenigen, die gutes Portugiesisch spricht, hat jetzt im dritten Jahr ihre Rowdyklasse besser im Griff; machte mit ihrer Klasse die weite Reise nach Inconfidentes, um das dortige landwirtschaftliche Internat kennen zu lernen. Sechs ihrer Schüler wollen dort die Oberstufe besuchen.

Ursula – altgedient, abgeschlossenes Studium (Astronomie und Physik), Waldorfseminar, Lehrerausbildung, betreut die Lehrer der 5.-8. Klassen; gibt Englischunterricht in der Unterstufe und Werkunterricht in Holzarbeit, einen Nachmittag pro Woche Vertiefungsarbeit in portugiesischer Sprache für alle Lehrer; vertritt unsere Schule und Region in zwei offiziellen Gremien für Umweltschutz mit regelmäßigen monatlichen Sitzungen; ist überlastet, will einiges abgeben.

Nadir – einheimisch, Waldorfseminar und Lehrerausbildung, als Klassenlehrerin ausgeschieden (worüber sie sehr glücklich ist). Sie ist die bitter notwendig gewordene Vertretungslehrerin; hatte in diesem Jahr schon zwei Langzeiteinsätze, weil Kelly und Regiane Nachwuchs bekommen haben. Die Vertretung im Musikunterricht machte ihr große Freude. Sie schmetterte mit den Kindern so, dass es durch die ganze Schule schallte.

Regiane – einheimisch, Exschülerin, unsere Musiklehrerin.

Alessandro und Val sind zu uns in die Berge gezogen, weil sie Waldorferziehung für ihre drei Kinder haben wollten und sie die an anderen Plätzen nicht bezahlen konnten. Beide sind ausgebildete Schauspieler (mit anderen Fähigkeiten). Alessandro gibt Kunstunterricht von der 5. bis zur 8. Klasse. Die beiden sind ein Gewinn für unsere Gemeinschaft.

Luiz Filipe – Schülervater aus Monte Verde, Rebeccas Mann, gibt ehrenamtlich Englischunterricht für die 6. bis 9. Klasse. Er hat eine Tischtennisplatte gestiftet und lehrt die Großen in den Pausen Ping-Pong spielen. Er hat eine sehr glückliche Art im Umgang mit den pubertierenden Jugendlichen.

Neiva – einheimisch, Exlehrerin, konnte ihre ehrenamtlichen Aktivitäten in Schule und Arbeitsgruppen in diesem Jahr nur sporadisch wahrnehmen. Durch Krankheit ihres Mannes war sie vollauf mit Fazendaverwaltung und Bauaufsicht ihres neuen Hauses beschäftigt. Die Betreuung der Lehrer vom Kindergarten bis zur 4. Klasse sowie ihre Sozialarbeit behielt sie (auf Sparflamme) bei. Chor und Orchester hat sie an ihre Tochter Bruna abgegeben.

Marília – auch als Schülermutter zu uns gekommen, unsere tüchtige Sekretärin (wäre lieber Lehrerin); sie nimmt Christa viel Arbeit und Behördenwege ab; macht vor einem Übertragungsschirm in Camanducaia Pädagogikstudium (das ist keine Lehrerausbildung, sondern ist hier erforderlich, um als Schuldirektor sowie bei Behörden im Erziehungswesen und in der Schulverwaltung arbeiten zu können). Auch sie macht in den Pausen fantasievolle Spiele mit den Großen, um unsere jungen Kampfhähne etwas abzureagieren. Sie hat immer Augen und Herz offen, wo ein Trost, eine liebevolle Geste bei Schülern oder Lehrern nottut. Auch sie ist eine unserer großen Zukunftshoffnungen.

Christa – unsere offizielle Direktorin, Waldorfseminar in Stuttgart, Lehrerausbildung hier, verantwortlich für Behördenkontakte und Repräsentation. Sie ist immer noch Herz und Seele der Schule, macht einen Nachmittag pro Woche mit allen Lehrern Vertiefungsarbeit in Waldorfpädagogik; ist Verbindungsglied zwischen Trägerverein und Kollegium und vieles mehr. Am meisten belastet sie der große Energieaufwand, mit dem sie fast täglich Streitereien und Missverständnisse unter Erwachsenen aus dem Wege räumt. Christa wird immer wieder gebeten, ausländische anthroposophische Vortragende ins Brasilianische zu übersetzen. – Anfang des Jahres wurde Christa vom Schicksal auf Sparflamme gezwungen. Durch eine verklebte Gelenkkapselentzündung waren links Arm und Schulter völlig lahmgelegt. Sie hatte sich mit Schule und gleichzeitiger Eurythmieausbildung (immer zwischen hier, São Paulo und Botocatú hin- und herjagend) total übernommen und wollte weder das eine noch das andere aufgeben. So wurde sie gezwungen, im fünften und letzten Jahr die Eurythmie aufzugeben und konnte sich wieder mehr den Schulangelegenheiten widmen (soweit es die Therapie erlaubte), zur großen Erleichterung aller, vor allem Marílias. Mittlerweile kann sie den Arm fast wieder normal bewegen, aber noch nicht schmerzfrei.

Evelyne – (nun schon fast 80-jährig) macht ihre langjährige ehrenamtliche Arbeit mit dem gleichen Elan weiter. Einmal pro Woche arbeitet sie mit Christa zusammen, um mit ihrem praktischen Geschick alles in Ordnung zu bringen: Finanz- und Bankangelegenheiten, Berichte, Rechnungen, Korrespondenz (wenn nötig in drei Sprachen) usw. usw., wobei ihr der Computer von großem Nutzen ist, denn die Schule hat weder Telefon- noch Internetempfangsmöglichkeit. Es wäre sinnvoll, den erodierten Hang oberhalb unseres Wassereinzugsgebietes zu kaufen. Dort könnte eine Antenne aufgestellt werden mit freier Sicht zum Gipfel des São Domingo mit seinen Sendetürmen. Telefon und Internet sind heutzutage für eine Schule fast unerlässlich.

Das war das Wichtigste aus unserem Arbeitsjahr 2008 für Sie, unsere treuen Freunde in Europa, berichtet.

Ulla Kolpatzik

Ein Spaziergang durch unsere Berge

Wandern wir von unserer Schule ca. 2 km talwärts Richtung Camanducaia, so zeigt sich rechts ein tiefes Tal. In einiger Entfernung begleitet jetzt ein Wasserfall unseren Weg steil in die Tiefe. Dann kommen wir zum Weiler „Bom Jardim“ (Guter Garten).

Dort können wir in der kleinen Bäckerei, die eine brave Hausfrau vor gut einem Jahr mit Erfolg eingerichtet hat, eine gemütliche Rast machen bei einem Cafezinho und leckerem Backwerk. Wenn es gerade Mittag an einem Wochenende ist, können wir auch in Maria Josés urigem, kleinen Restaurant essen. Maria ist in der Welt herumgekommen, hat viele originelle Ideen und kocht ausgezeichnet. So zieht ihr Restaurant schon viele Gäste aus Monte Verde an, die die einstündige Fahr durch die Berge nicht scheuen oder sogar genießen.

Gestärkt wenden wir uns jetzt nach rechts, wandern stramm ca. 12 km bergauf, bergab und kommen ins obere Jaguarí-Tal, wo viele unserer Schüler wohnen. Dort liegt an einem schönen Wasserfall die Fazenda Esperaça, das älteste noch erhaltene Fazendahaus der Region. Die Familie (auch Schuleltern) erhält und pflegt liebevoll alles Historische. Sie können viel Interessantes und Abenteuerliches über die Geschichte der Familie und der Gegend erzählen. Sie haben eine gemütliche Pension eingerichtet. Dort können wir zu Abend essen, deftige Minas-Gerais-Kost, fast alles aus eigener Bio-Produktion. Nach erholsamem Schlaf beim Rauschen des Wasserfalls geht es am Morgen durch das Jaguarí-Tal weiter in die Berge.

Nach 4 km können wir dem Nebenflüsschen des Jaguarí, dem Rio Juncal, folgen und kommen nach weiteren 8 km zu dem Örtchen Juncal, das vor 20 Jahren noch ganz verschlafen in den Bergen versteckt lag. Mein Mann löste damals den größten Schrecken aus, als er dort an einem stillen Sonntagvormittag mit seinem Flugdrachen von einem Felsgipfel startete. So etwas hatte man noch nicht gesehen (es gab im Ort noch keinen Strom, also auch kein Fernsehen)! Das Vieh rannte auf der Weide in Panik zusammen und stellte sich gedrängt im Kreis in Verteidigungsformation mit den Hörnern nach außen. Ein schönes Bild! Diesen Instinkt hatten die Tiere noch. Nach der Landung liefen alle Bewohner zusammen, um den vom Himmel gekommenen Mann zu bestaunen.

Die Gegend von Juncal, bergeinwärts, mit ihren Felsen, Wildwassern und Fällen hat sich inzwischen zu einem Zentrum für Abenteuersport entwickelt: Klettern, Abseilen in Wasserfälle, Wildwasserfahrten aller Art usw. Es gibt viele kleine, urige Pensionen und Restaurants, allerdings meist nur mit Wochenend- und Ferienbetrieb. Hier können wir bei Bobbies Forellenzucht zwischen plätschernden Wassern auf allen Seiten, in der Landschaft sitzend, geräucherte oder frisch gegrillte Forellen mit knackigem Salat aus dem eigenen Garten essen. Nach gebührender Ruhepause wandern wir weiter in Richtung Gonçalves oder besteigen einen der vielen Aussichtsberge, um anschließend in einer der netten Pensionen zu übernachten usw. ...

Wir hätten aber von der Fazenda Esperaça aus auch dem oberen Jaguarí-Tal folgen können, an Ullas Haus am Hang vorbei, in die einsamen Wälder, aus denen der Jaguarí mit seinen Mäandern und Fällen kommt. Am – im Wald versteckten – alten Hüttchen vorbei kämen wir, ca. 8-9 km von der Fazenda Esperaça entfernt, an einen schönen, größeren Wasserfall. Hier wohnt Auriéri, unser entferntest wohnender Schüler. Er geht jeden Morgen 5 km bis zur Haltestelle des Schulbusses.

Wenn wir diesem Weg weiter folgen wollen, müssen wir uns mit Proviant versehen, denn jetzt kommen lange nur noch schöne Landschaft, Wald und Einsamkeit. Wir sind auf einem alten Wallfahrtsweg nach „Nossa Senhora de Aparecida“. Er zieht sich 80-100 km (je nach Ausgangspunkt) auf und ab durch die Berge. Die Tradition fordert, dass man die Strecke ohne richtig zu schlafen läuft; längstens zwei Stunden Rast am Lagerfeuer waren erlaubt. Da die Nossa-Senhora-Zeit in den Winter fällt und man für den Nachtmarsch die mondhellen Nächte wählt, sind das meist auch die Frostnächte. Da läuft man freiwillig weiter, um nicht zu erfrieren. Diese einfachen Wallfahrer gehen erstaunlich leicht bekleidet und fast ohne Gepäck. Das ganze war immer Männersache, eine Probe, die jeder Mann bestehen musste.

Einmal vor Jahren, ich schlief alleine in meinem Waldhüttchen, wurde ich gegen zwei Uhr nachts vom wütenden Gebell meiner Hunde aufgeschreckt. Männerstimmen in meiner Waldeinsamkeit?! Schlaftrunken schaute ich hinaus auf eine Opernszene. Dort, wo mein Zufahrtsweg aus dem Wald auf die Lichtung am Fluss kommt, stand im hellen Mondlicht eine Gruppe verwegen aussehender Männer, dicht gedrängt mit Knüppeln bewaffnet, von meinen wütenden Hunden umtanzt. Darüber zogen im Mondlicht Nebelfetzen, die vom Fluss in die Frostnacht aufstiegen. Langsam kam ich zu mir. Das waren Wallfahrer, keine Räuber! Da ich längere Zeit nach Europa verreist gewesen war, war offenbar mein überdachter Platz mit Tischen, Bänken, Wasseranschluss und Grill für ein Feuerchen ein Geheimtipp für eine gute Rast geworden. Nun wurden die Männer von wütenden Hunden empfangen. Unbemerkt umkehren ging nicht, denn wütenden Hunden den Rücken zu kehren, ist nicht gut. Ich musste mich sehr zusammennehmen, um der verfrorenen Bande keinen heißen Kaffee anzubieten. Es hätte sich herumgesprochen, und ich hätte in der Wallfahrtszeit keine ruhige Nacht mehr gehabt. Ich schimpfte sie als verantwortungslos, weil ich sah, dass ein Knirps von etwa zehn Jahren dabei war. Später erfuhr ich, dass die Buben darauf drängen, mitlaufen zu dürfen. Der Kleine meines Landarbeiters ist auch schon im Alter von zehn Jahren mitgezogen und war stolz wie ein König, es geschafft zu haben.

Leider wird diese Tradition inzwischen von Touristikunternehmen ausgeschlachtet. Die „Tour“ wird als brasilianischer „Santiago-de-Compostella-Weg“ für Leute aus der Stadt vermarktet. Es entstehen den Weg entlang Wallfahrtsherbergen, in denen man beköstigt wird und bequem des Nachts schläft statt zu laufen. Geländewagen mit dem Gepäck und allerlei Notausrüstung fahren voraus und hinterher und sammeln auch die Fußkranken ein. Nichts von Härteprüfung oder gar Sündenabbüßen! Es gibt schon „Wallfahrten“ von Motorradrudeln, die durch die stillen Wälder röhren. Da sind die gelegentlichen Wallfahrten zu Pferd viel sympathischer. Die Gerüche und Geräusche der Pferde passen doch besser in die Landschaft.

Jedoch das Komischste, was ich einmal vorbeiziehen sah, war eine geordnete Marschkolonne zu je drei und drei, ca. 100 m lang. Alle hatten die gleichen grünen T-Shirts an und trugen die gleichen Rucksäcklein. Darauf wippte bei jedem eine etwa 1 m lange Rute mit einem Wimpel. So bewegte sich das Ganze wie ein riesiger Lindwurm das Tal entlang. Meine Hunde, die sonst frech alles verkläfften, was unten entlang kam, standen erstarrt, mit gesträubtem Fell, schauten von links nach rechts, von rechts nach links und gaben keinen Ton von sich. Mit einem solchen Ungeheuer mit so vielen Stacheln auf dem Rücken wollten sie sich offenbar nicht anlegen!

Liebe Freunde, jetzt fehlt nur noch, dass in Ihren Reisekatalogen die brasilianische Santiago-de-Compostella-Version angeboten wird!

Ulla Kolpatzik

Stand / Update: 01/2009