Der Kunstpädagoge und Landschaftsheiler Johannes Matthiesen und der australische Eurythmist David Stewart organisieren verschiedene Projekte, um mit Schülern außergewöhnliche Wege zu gehen und neue Erfahrungen zu erschließen. – Schule unterwegs in Australien.
Während der vergangenen beiden Projektbesuche mit Schülern aus Europa in Australien 2002/03 ist es uns nur sehr begrenzt gelungen, in eine tiefere Begegnung mit der Kultur der Aborigines vorzudringen. Zu verschüttet und verdrängt schon von der weißen Kultur ist die ursprüngliche Lebensweise der australischen Ureinwohner in den städtischen Gebieten wie Alice Springs, Sydney, Adelaide und Canberra, die wir in den vergangen Jahren besuchten, um landschaftsbezogene Kunstprojekte durchzuführen.
So wurde bei uns der Wunsch nach einem möglichst engen Zusammenleben mit Aborigines im Outback immer deutlicher. Wir wollten sie tiefer kennen lernen: Von ihrem Zusammenleben mit der Natur, ihren Sozialstrukturen und vor allem ihrem Schöpfungsmythos lernen.
Durch den glücklichen Umstand, dass unsere Freunde Peter Flinn und Michele Forbes von Alice Springs nach Jarlmadangah gezogen waren, bekamen wir die Einladung, im August 2005 einige Wochen in dieser kleinen Aboriginal Community in den Kimberleys im Nordwesten Australiens zu verbringen. Michele war dort Schulleiterin der kleinen „Independent Aboriginal Community School“ geworden und versuchte, die Angaben Rudolf Steiners in der Erziehung für Aborigine-Kinder fruchtbar zu machen.
Wir baten darum, Vorbereitungen zu treffen für ein gemeinsames Projekt mit den dortigen Schülern – vor allem Steine zum Bildhauen zu suchen. Wir ahnten, dass es nicht leicht sein würde, überhaupt Steine zu finden, da fast alle Steine zur unantastbaren Schöpfungsgeschichte gehören und nicht benutzt werden dürfen, haben sie doch im Laufe der uralten Dreamtime-Geschichte weisheitsvoll von der Rainbow Schlange ihren Platz erhalten. Nach etlichen Monaten gespannten Wartens bekam David die Nachricht, dass es genügend Steine geben würde. Also stand unserem Projekt nichts mehr im Wege.
Ende Juli 2005 traten wir dann unsere dritte gemeinsame Arbeitsreise nach Australien an, diesmal mit einer kleine Gruppe von vier Studenten aus Deutschland und Österreich. In Perth kamen noch zwei Studenten aus Sydney und New York dazu, in Broome wurden wir dann alle von Peter und Michel mit dem Schul-Geländebus abgeholt. Nachdem wir im herrlich warmen Indischen Ozean gebadet und 30 Stunden Flug „abgewaschen“ hatten, fuhren wir 300 km durch immer einsamer und spannender werdender Landschaften nach Jarlmadangah.
Dort richteten wir im Freien unsere Schlafplätze ein. Moskitonetze waren ganz wichtig, damit wir nicht ständig verstochen waren. Schon am nächsten Morgen kamen die jüngeren Schüler ganz interessiert und aufgeregt angerannt, um zu sehen, welche weißen Menschen im Dorf angekommen waren. Ganz offen und selbstbewusst scherzten sie mit uns, nannten ihre Namen und waren spielerisch an allem interessiert, was mit uns kam.
Die Erwachsenen liessen sich lange nicht sehen. Sie waren allesamt mit Trauerarbeit beschäftigt. Zwei Tage zuvor war einer ihrer Dorfbewohner gestorben. Stundenlang wird dann weit hörbar geweint – ein tief unter die Haut gehender Trauergesang. Sie waren so beschäftigt, dass wir schon dachten, unser Projekt würde ins Wasser fallen. Unser mitgebrachten Tatendrang wurde erst einmal kräftig zurück gestaut – unsere Fähigkeit zur Geduld sehr geprüft. Wir mussten lernen, unsere eigenen Vorstellungen und Willensimpulse zurückzustellen und stille werden, um aufnehmen zu können und zu hören!
Am dritten Tag endlich ging es los. Mit einem Lastwagen fuhren wir zu einer Stelle, wo bei einem Straßenbau Steine an die Erdoberfläche gefördert wurden. Insgesamt holten wir an die dreißig Steine von unterschiedlicher Grösse.
Am Nachmittag kamen dann auf Bitten von Michele drei ältere Frauen. Sie begannen, uns ihre Schöpfungsgeschichte – die Geschichte von Woonyoomboo – zu erzählen. Es dauerte etliche Tage, bis wir sie einigermassen vollständig aufnotiert, immer wieder nachgefragt und endlich mit Hilfe der wissenden Frauen aufgezeichnet hatten. Es waren achtzehn Bilder-Etappen einer langen Erlebnis- und Erkenntnisreise des „Kriegers“ Woonyoomboo. Wir wollten immer gleich die tieferen, hinter den bildhaften Schilderungen liegenden Erkenntnissen erfahren. Doch die Aborigines ließen uns in aller Ruhe in den reinen Bildern leben. Erkennen mussten wir selber, auf unsere eigene Art.
Es dauerte sehr lange und brauchte viele abendliche Gespräche, um auch nur ansatzweise zu ahnen, wie die Welt in den Nachkommen der wohl ältesten noch lebenden Kultur der Erde lebt. Zu anders, zu fremd war uns zunächst alles, um daraus Schlüsse ziehen zu können. Doch schliesslich ergab sich für uns die folgende Grundfigur ihrer Schöpfungsgeschichte:
Am Beginn dieses Werdens, dieser Evolution, steht ein Baum, ein Krieger und eine grosse Familie. Noch waren keine Tiere dargestellt. Auf unsere Frage kam die Antwort: Am Anfang waren die Menschen. Parallel zur Weiterentwicklung des Menschen entwickelten sich die Tiere. Dann zog Woonyoomboo, der Krieger, der Kreative, aus, um Nahrung für sein Volk zu suchen. Am Anfang des Lebens auf der Erde stand die Bedürftigkeit, Hunger, Durst. Auf der Suche nach allem, was den Menschen in der Natur bekömmlich ist, machte Woonyoomboo als Stellvertreter der Menschen unendlich viele Erfahrungen durch.
Eines Tages fand er in einem grossen Wasserloch nicht nur viele verschiedene Fische für sein Volk, sondern auch tief unten im Wasserloch einen riesigen Fisch. Als er ins Wasser sprang, um ihn zu fassen, bemerkte er bald, dass er es nicht mit einem Fisch, sondern mit einer riesigen Schlange – der Rainbow Snake – zu tun hatte. Diese erhob sich alsbald mit ihrem mächtigen, unendlich langen Körper aus dem Wasser. Sie trug einen langen Bart und eine mächtige Feder auf dem Kopf. Woonyoomboo sprang auf ihren Rücken und hielt sich balancierend fest, während sich die Schlange der Schöpfung mit schnellen Bewegungen durchs ganze Land schlängelte und dabei Täler, Flüsse und Berge schuf – allen voran den Fluss derselben Gegend, den Fitzroy River.
So wurde Woonyoomboo zum Mitschöpfer einer neuen Natur. In der Schlussszene dieser Erzählung hatte Woonyoomboo alle Wesen der Erde erkannt, und konnte ihnen dadurch ihren Namen geben und ihren Platz in der Schöpfung zuweisen. Eine Geschichte, die uns vom Nehmen zum Geben, vom bedürftigen zum kreativen Menschen führt.
So führte uns diese Geschichte weisheitsvoll durch viele Entwicklungsstufen. Zehn Tage brauchten wir, um die Geschichte auf 20 Steinen einzumeißeln. Noch heute – nach vielen, vielen Jahrtausenden – leiten die Nyikina-Mangala ihre Lebensformen, Jagdpraxis und Sozialformen von dieser Geschichte ab.
Wir bearbeiteten die Steine zusammen mit den vielen Kindern und einigen Ältesten der Frauen. Obwohl sie zum ersten mal mit Stein arbeiteten, konnten wir sehr viel von Ihnen lernen. Die Figuren, die sie gestalteten, waren oft viel lebendiger als unsere.
Es war dann kurz vor der Fertigstellung dieser Steine, dass Johannes ein besonderes Erlebnis hatte. Eines Abends, nachdem wir tagsüber schon tüchtig gemeißelt hatten, ging er alleine weit in die Landschaft hinaus. Roter Sand, bleiche Grasbüschel und überall Eukalyptusbäume. Einzel eingestreut riesige Exemplare von „ghost trees“ (tote, meist hellfarbige, Eukalyptusbäume). Er hatte den ganzen Tag das Gefühl gehabt, dass es nicht ausreichend wäre, unsere Steinskulpturen nur um die Schule aufzustellen. So würden wir nicht mit den tieferen Schichten, mit der Seele dieser Natur in Berührung kommen. Während er so in Gedanken vertieft barfuß seine Spuren im roten Sand hinterließ, fing er an, immer mehr zuzuhören. Was dann passierte beschrieb er später so:
"Ich setzte mich, lauschte lange unbewegt und begann, mit den Wesen dieser Landschaft zu sprechen. Ich spürte eine grosse Sehnsucht der Natur, vom Menschen mitgenommen zu werden in seinem Werden. Lernen zu dürfen vom Menschen über seine spezifische Menschlichkeit. Etwas geschenkt zu bekommen von uns.
Wie aus einem „Mund“ hörte ich an diesem Abend – während die Sonne am Horizont donnernd unterging – die Naturgeister laut rufen: „Schenkt uns euer Bewusstsein über uns. Und drückt das in Kunst für uns aus. In Liebe warten wir schon seit Jahrtausenden“. Tief berührt von diesen „Worten“ erzitterte ich am ganzen Leib, und ging rasch ins Dorf zurück. Nach dieser Nacht entschied ich, unter freiem Sternenhimmel liegend, einen weiteren grossen Stein zu gestalten. Für die Naturgeister. Mit der Idee von Goethes Erkenntnissen über die Metamorphose der Pflanze; eine Skulptur als Urbild der Evolution:
Von Aussen nach Innen
von Innen nach Aussen –
ewig wechselnd."
Diese Entscheidung führte letztlich zu dem unerwarteten Höhepunkt unseres Aufenthaltes, dem „Pflanzen“ des Wächtersteins vor der geheimen Höhle mit dem Wassergeist.
Bevor es soweit war, arbeiteten wir täglich viele Stunden in der Hitze mit den Kindern und Jugendlichen des Dorfes, bis wir alle Steine in Form einer grossen Schlange im Bereich vor der Schule arrangiert hatten. Nun liefen und sprangen die Kinder auf ihren Steinen entlang, oft schon früh am Morgen. Noch nie hatten sie mit Hammer und Meißel ein „Epochenheft“ gestaltet – nun konnten sie ihre uralten Schöpfungsgeschichte mit den Füssen lesen, sie „verstehen“ und „begreifen“.
Die Ältesten waren sehr glücklich darüber, sind es doch nur noch etwa drei von ihnen, die die Geschichte vollständig erzählen können. Sogar hier haben die elektronischen Sounds und Fernsehen unserer modernen Welt und Großstadtkultur die uralten Schöpfungsbilder aus den Seelenräumen der Kinder verdrängt. Wir konnten uns glücklich schätzen, dass der 85-jährige Darby noch am Leben war. Er konnte die gesamte Erzählung singen – stundenlang. Am vorletzten Abend unseres Aufenthaltes beschenkten uns die Dorfbewohner mit einem besonderen Tanz auf dem Sandplatz vor der Schule. Es war für uns sehr eindrucksvoll zu sehen, wie Jung und Alt, bemalt mit Tierfiguren, die sie aus der Gegend und vom Fluss kennen, in verschiedenen Richtungen um den singenden Darby wirbelten.
Ihr Tanz schien gleichermaßen aus den Kräften des Urchaos, von Mutter Erde und von der kosmischen Ordnung der Fixsterne inspiriert zu sein. Die mit weißen, frischen Kakadufedern bestückten Jagdspeere zeigten beim Tanz stets zum Himmel. Nie durfte, auch beim Tanz nicht, die Verbindung nach „oben“ verloren gehen. Mit den stampfenden Füssen öffneten sie die Erde und wirbelten stäubende Energie auf. Ein Ur-Schöpfungsmoment – von Menschen getanzt – mitten im Outback am Beginn des 21.Jahrhunderts.
In diesem Moment war unser Bewusstsein weit ausgespannt zwischen die Pole: Urbeginn und Vollendung der Evolution. Wir ahnten, woraus unser Planet entstanden ist und wie er einst sich vollenden wird. Und wir? Werden wir uns vom Nehmenden zum gebenden Menschen mit verwandeln können? Dankbar blickten einige von uns auf jene Momente unserer Waldorfbiografie, in denen uns der Anschluss an die großen Gesetze der Evolution von Erde und Mensch ahnend ermöglicht wurde.
Dann folgten an den letzten beiden Tagen Schlag auf Schlag ganz unerwartete Ereignisse: Der von Johannes und David gestaltete Stein mit der „Metamorphose der Pflanze“ nach Goethe gefiel den Aborigines sehr gut, und spontan konnten sie darin auch ihren „Cycle of Life“ erkennen. Zudem stellte sich heraus, dass es nicht nur der starke Wunsch von Johannes, sondern schon lange auch der der Ältesten gewesen war, eine von Menschen gemachte Skulptur mitten in der Natur den Naturgeistern zu schenken.
So fuhren drei vollbeladene Jeeps mit Anhängern anderthalb Stunden durchs weite Land, bis wir zu einem ihrer geheimen Plätze kamen, einer Höhle mit Wassergeist, der nach ihren Legenden als Ursprungsort ihrer Schöpfungsgeschichte gilt. Hier kommen sie auch immer wieder hin, um um Regen zu beten.
Kurz vor dem Eingang der Höhle begegneten wir einem etwa drei Meter langen, fast weißen Exemplar der giftigsten Schlange Australiens: der King Brown. Die jungen Männer der Aborigines wussten geschickt mit ihr umzugehen. Dann leitete John Watson, der Chef der Community, die Zeremonie für den Wassergeist in der Höhle ein. Die Geister wurden laut um Erlaubnis gebeten. Jeder von uns musste einen kleineren Stein unter die Achsel tun und auf diese Weise in die Höhle laufen. Dort angekommen, wurde das mit unserer Energie aufgeladene Steinchen als Geschenk an den Wassergeist in einen Brunnen geworfen. Nachdem uns die Aborigines die Höhle vorgeführt und aus der Geschichte erzählt hatten, „pflanzten“ wir alle gemeinsam den Wächterstein mit der „Pflanze nach Goethe“ vor dem Eingang ein.
Wieder schließt sich eine Art Kreis in der Geschichte. Eine der tiefsten, umfassendsten und zukunftsweisendsten Anschauungen der europäischen Kultur, der Gedanke der Metamorphose, begegnet einem der ältesten Orte der Schöpfung und einer der ältesten Kulturen unserer Erde.
Zutiefst berührt verliessen wir den Ort. Am späten Nachmittag – noch am Tag vor unserer Abreise – konnten wir es dann kaum fassen, als die Großfamilie der Nyikina-Mangala people uns als Familienmitglieder in ihre vier „skingroups“ aufnahmen („Hautgruppen“, die für sie eine viel wichtigere Art der Verwandtschaft bedeuten als bloße Blutsverwandtschaft). Warum? Weil wir uns, wie sie sagten, mit dem Herzen begegnet waren.
Eine soziale Wirklichkeit wurde uns durch diesen Akt schlagartig bewusst, die normalerweise legal nicht anerkannt wird: dass wir alle – alle Menschen dieser Erde – Brüder und Schwestern sind! Und wir haben sie erlebt als Menschen, Menschen die in diesem Leben in diese Kultur hinein geboren werden wollten, aber unendlich viel in den letzten zwei Jahrhunderten gelitten haben.
Wir reisten weiter, trafen aber zwei Wochen später sechs der Jugendlichen mit ihren Lehrern 4000 km entfernt im Osten von Australien bei unserer Jugendtagung wieder. Hier erfuhren wir von Michele, dass es in Jarlmadangah drei Tage lang geregnet habe – in einer Jahreszeit, in der Regen dort äußerst selten ist! Die Ältesten bedankten sich bei uns ausdrücklich, interpretierten sie doch den Regen als positive Antwort auf unseren Stein an ihre Naturgeister.
Regen ist in dieser Gegend überlebensnotwendig. Und was sollten wir dazu sagen? Es scheint für die Aborigines Zusammenhänge zu geben, die wir nicht verstehen, vielleicht nie verstehen werden. Der Abschied von unserer neuen Familie in Jarlmadangah fiel uns sehr schwer – sind sie uns doch in kurzer Zeit erstaunlich nahe gekommen. Es gibt schon ein ganz besonderes Lebensgefühl, wenn man weiß, dass man jederzeit in seiner Skingroup weitab im Outback willkommen ist.
Die nächsten Etappen unserer von David sorgfältig vorbereiteten Reise führten uns zunächst nach Alice Springs, dann über Sydney nach Canberra.
In Alice Springs wollten wir unbedingt unsere Plätze der letzten beiden Projekte (2002 und 2003) wieder besuchen. Vor allem die großen Steine zur Metamorphose der Pflanze, an denen wir drei Wochen mit 30 Studenten gearbeitet hatten! Für diese Steine mussten wir einen endgültigen Standort finden. Bisher standen sie nur als Leihgaben im Park des Alice Springs Resort. Auch Steinskulpturen vereinsamen, wenn sie nicht beachtet werden.
Unter den möglichen Standorten wählten wir den grossen freien Platz an der Steiner Schule, die erst vor einem Jahr umgezogen war. Wir richteten den Steinkreis genau in den Himmelsrichtungen aus, mit dem „Blütestein“ nach Norden (Sommerhöchststand der Sonne in Australien) und dem „Wurzelstein“ nach Süden (Winter). Auf diese Weise kann er den Schülern in den verschiedensten Unterrichten helfen, physische Erscheinungen qualitativ im Einklang mit dem Sonnenlauf und biographischen Prozessen zu erfassen.
Bei unseren Einkäufen in Alice Springs waren wir diesmal sehr erschrocken, wie kaputt die meisten Aborigines inzwischen sind. Erst hier wurde uns so richtig bewusst, welches Glück wir hatten, in Jarlmandanga noch so unverletzte Verhältnisse erlebet zu haben. Alkohol, “petrol-sniffing“, Drogen, Arbeitslosigkeit – all das kennzeichnet die Szene in Alice Springs und anderen Städten. Noch drängender tauchte hier die Frage auf, wie die Schätze der Aborigine-Kultur gerettet und für die Zukunft der Menschheit fruchtbar gemacht werden können.
Zum dritten Mal schon waren wir zur Mitgestaltung am großen Schulgelände der Steinerschule in Canberra eingeladen worden und kamen wieder mit vielen Schülern – v.a. der Oberstufe – in Kontakt. Wir durften miterleben, mit welch großem Engagement und Können der Gartenbaulehrer Tim nach dem großen Waldbrand vor zwei Jahren die zerstörten Teile des Geländes wieder aufgeforstet und gänzlich umgestaltet hat. Wunderbare Steinterrassen und Wasserläufe gliedern den Oberstufenbereich in ein naturnahes Erlebnisgelände, das besonders zur Begegnung einlädt.
Hier wollten wir vor allem unsere Feuerskulptur von 2003 weiter entwickeln – 50% der verbrannten schwarzen Baumskulpturen entfernen und dafür frisch-grüne Gräser einpflanzen. Und dann auch wieder Steine gestalten. Aber mit welchem Motiv? Für wen und für welchen Teil des Schulgeländes? Tim gab uns einen Tip. Wir könnten doch eine Art japanischen Garten mit einigen Steinsetzungen beginnen.
Als wir erfuhren, dass Japanisch eine Fremdsprache an der Schule ist, waren wir gleich einverstanden. Auch schienen uns die feinen, zurückhaltenden Lehrerinnen aus dem fernen Japan etwas abseits zu stehen. So wollten wir mit der Steinsetzung nicht nur einen geheimnisvollen, energiegeladenen Garten gestalten, sondern vor allem auch eine kräftige Unterstützung für den Japanisch-Unterricht bewirken.
Es war ein ganz besonderes Geschenk an uns, miterleben zu dürfen wie die Japanerinnen in völliger Stille und äußerster meditativer Konzentration die Schriftzüge mit Tusche und Pinsel für uns auf Papier brachten. Es schien uns die geistige Bewegung der Zeichen aus dem Kosmos in den menschlichen Atem zu fließen und von dort die aufnahmebereite Hand mit dem Pinsel zu ergreifen um eine zarte Spur auf dem unschuldig weißen Papier zu hinterlassen!
Ein Höhepunkt ganz besonderer Art war die lebendige Begegnung mit rund 150 SchülerInnen aus fünf Bundesländern Australiens. Sie kamen auf Einladung der Rudolf Steiner Schule Bowral (bei Sydney) Ende August 2005 zusammen, um ihre Visionen von der Zukunft des Planeten Erde und ihres eigenen Lebens auszutauschen.
Zwei Jahre zuvor, im Frühjahr 2003, hatte eine kleine Gruppe von Schülern aus Europa unter der Leitung von Johannes und David zusammen mit Ben Cherry und Eltern und Lehrern der Schule künstlerisch gestaltend im Schulgelände gearbeitet. Die weitläufige grüne Wiesenlandschaft, die mit Gruppen wunderschöner Bäume bestanden ist, sollte durch Steinsetzungen gegliedert werden. So entstand damals ein großer Dolmen, in dem sich die kleineren Kinder geborgen fühlen können, und eine lose Gruppe von 17 senkrecht stehenden Steinen, die wie archaische Menschengestalten aus ferner Vergangenheit erzählen.
Das Wichtigste bei den aufrechten Steinen ist der Zwischenraum. Johannes nennt ihn gern den sozial-ästhetischen Zwischenraum. Je nachdem wie die verschieden hohen Steine zueinander stehen – nah oder fern – wirken ganz unterschiedliche Qualitäten: warm und dicht, gezogen, gedehnt und kalt, schwingend, zwingend, aufdringlich oder freilassend. Harmonisch-wohltuend oder spannungsgeladen und aufregend. Diese Konstellation von stehenden Steinen sollte als real erlebbares Bild die Kinder sensibilisieren für soziales Zusammenwirken von Menschen in einer Gemeinschaft. Gerade in diesem Zwischen-Raum liegt die wesentliche Qualität von Gemeinschaft: „Wenn zwei oder drei von euch zusammen sind, so bin ich mitten unter euch.“
Schon damals, nach der Aufstellung dieser „Sozial-Steine“ im Winter 2003 hatte Johannes beim Betrachten und Erleben des Ergebnisses deutlich den Eindruck, dass das Thema des „Sozialen Zusammenwirkens“ ein Thema für die Jugendlichen in Australien sei. So machte er beim Rückblick auf unsere Arbeit Ben Cherry den Vorschlag, dieses Thema im folgenden Jahr durch eine Schülertagung wieder aufzugreifen und fortzusetzen, nicht mit Steinen – sondern mit Menschen.
Aufeinanderhören, wahrnehmen, sich ermutigen, sich gegenseitig stützen und tragen, sich gegenseitig kritisch befragen und herausfordern zu mutigem Handeln. Johannes hatte in den vielen Jahren seiner Arbeit mit Jugendlichen oft den Eindruck bekommen, dass die enormen Potentiale und Impulse, die in verschiedensten Formen in allen Jugendlichen schlummern, einer besonderen Umgebung und Atmosphäre bedürfen, um anfänglich geweckt zu werden.
Nach vielen Überlegungen, E-Mails und Telefonaten zwischen Deutschland und Australien erhielten wir einen interessanten Programmvorschlag. Jeder der drei Tage sollte durch ein eigenes Thema bestimmt werden. In Vorträgen, Arbeitsgruppen und Aussprachen im Plenum sollte das Tagesthema ganz durchlebt werden:
- „The Sacred Earth“, Einführung am Ersten Abend. Eine traditionelle Begrüßung durch die Aborigines der Gegend. Ein Klassenspiel der 9. und 10. Klassen der Schule.
- „The Looming Shadow“, Erster Tag. Nach Singen, Tanz und Eurythmie erlebten wir die drohenden Schatten in der heutigen Welt. Ein Gefühl von Angst und Ohnmacht angesichts der Nacht des Bösen.
- „Empowerment“, Zweiter Tag. Wendepunkt zu neuer Hoffnung. Blick auf die enormen positiven Möglichkeiten, die wir als Einzelne und Gruppen haben.
- „Claiming the Future”, Dritter Tag. Die Zukunft in Anspruch nehmen. Der Weg dahin.
Als wir dann Ende August 2005 in Bowral 150 km südlich von Sydney zusammenkamen, empfing uns eine unglaublich freundliche Gruppe von Menschen, die sich schon ein Jahr lang gegen unvorstellbare Widerstände für diese Tagung eingesetzt hatte. Gerechnet hatte man mit höchstens 50 Schülern, weil solche Tagungen in Australien bisher alles andere als normal sind. Nachdem sich knapp 150 Schüler aus fast ganz Australien gemeldet hatten, musste man alle weiteren Anfragen abweisen. Die Schule befand sich im Umbau und die Räumlichkeiten waren begrenzt.
Es war Frühjahr, noch kalt, und es stand nur eine Dusche zur Verfügung! Trotzdem oder gerade weil man improvisieren musste, klappte alles hervorragend. Die Eltern haben aus einer winzigen Küche ein so reichliches und wohlschmeckendes Essen auf den Tischen im Garten gestellt, dass einige von uns meinten, noch nie so gut gegessen zu haben. Wegen der abendlichen Kälte waren Feuer im Freien aufgestellt. Bis spät in die Nacht saßen Gruppen mit heißem Tee um die Lagefeuer. Wir schliefen in den Veranstaltungsräumen. Gerade die engen Verhältnissen brachten uns menschlich näher.
Am ersten Abend führte Ben Cherry mit seinen 9. und 10. Klassen sein frisch geschriebenes Theaterstück „Die Sonne, das Schwert und der Computer“ auf. Eine ausgezeichnete und ergreifende Aufführung. Mit dem Stück riss Ben Cherry die Kulissen unserer gegenwärtigen Situation auf der Erde auf. – Tief bewegt von dem Abend nahmen wir viele Fragen für den nächsten Tag mit in den Schlaf.
Sechs Schülerinnen der Aborigines aus Jarlmadangah waren mit Ihren Lehrern die 4000 km zur Tagung gekommen. Für die Flüge hatten sie lange gespart. Sie wurden gleich von vielen anderen Schülern umringt. Obwohl immer warm und natürlich in ihrem Umgang, blieben sie lange ein wenig schüchtern. Nur mit uns, die wir uns kannten, fühlten sie sich freier. Am zweiten Tag hatten sie gleich morgens die Möglichkeit, im großen Saal ihre Schöpfungsgeschichte zu erzählen. Durch ihre zutiefst menschliche und absolut friedliche Ausstrahlung wurden sie immer mehr zum wärmenden Mittelpunkt der Tagung.
Die versammelten Schüler zeigten während der Tagung ein großes Interesse an der Entwicklung unserer Menschheit und unserer Erde. Durch die Anwesenheit und echte Hingabe all dieser jungen Menschen ist die Tagung immer mehr zum Leben erwacht. Es wurden ihnen nichts „eingetrichtert“ von den Dozenten, sondern letztendlich kam das Entscheidende, das Kraftvoll-Positive aus ihren eigenen Seelen. Es waren unter den eingeladenen Dozenten nicht etwa nur Anthroposophen vertreten, sondern man hatte kein Scheu gehabt, auch schamanische und ganz andere Richtungen zur Wort und Tat kommen zu lassen. Da entstanden Spannungen und die Gefahr, die Führung der Tagung aus der Hand zu verlieren. Aber Ben Cherrys geschickte Gesprächsleitung half, und der letzte Abend mit Tanz und Eurythmie um ein riesiges „Reinigungsfeuer“ wurde zu einem sehr starken Gemeinschaftserlebnis. Am dritten Tag waren es dann die Schüler selber, die durch einen völlig spontanen und frei entstandenen, fast wortlosen Beitrag uns das Echte und Zukünftige erleben ließen.
Diese Transformation, aus den Seelen der Schüler selber bewirkt, war für uns das Wesentlichste der ganzen Tagung. Und sie selbst nahmen zahlreiche Anregungen durch die vielfältige Workshops, künstlerischen Kursen und Arbeitsgruppen mit. Es war für viele von ihnen ein lebensveränderndes Ereignis. Hier sind vier Stellungnahmen der Schüler nach der Tagung:
- „Dies war die großartigste Erlebnis meines ganzen Lebens.“
- „Diese Erfahrung hat mir eine klareres Verständnis vom ‚Leben’ gegeben, hat mein Leben geändert und mich auf einen anderen Weg gebracht.“
- „Das Größte ist, dass ich nach nur ein paar Tagen das Gefühl habe, manche Leute schon seit Jahren zu kennen. Die Workshops öffneten viele neue Türen zu einer neue Denkweise.“
- „Ich fand alles an dieser Tagung inspirierend, aussagekräftig und extrem hilfreich, um Antworten zu einigen Fragen, die ich über das Leben habe, zu finden! ... es war perfekt.“
Beim gemeinsamen Rückblick der mitgestaltenden Erwachsenen war schnell klar: Das war ein großer Erfolg, vor allem durch die unendlich engagierte Vorbereitung. Die Schüler haben das Geschehen dann zunehmend selber in die Hand genommen und verantwortlich mitgestaltet. Unsere Hochachtung gilt diesen Jugendlichen, die den Mut haben, ihre noch junge Biografie in die Waagschale einer geschichtliche Wende- und Entscheidungszeit zu werfen.
Johannes Matthiessen, David Stewart