Vom 2. bis 9. Juni 2007 fand das 4. Zentralasiatische Forum und Seminar für Waldorfpädagogik in Kirgisistan (Zentralasien) statt. Organisiert wurde es wie in den Vorjahren vom „Zentrum für alternative und freie Pädagogik“ und vom „Kinderrehabilitationszentrum Ümüt-Nadjeschda“ in Bischkek. Da hier - mit Unterstützung des kirgisischen Bildungs-ministeriums und der Arabaev-Universität - im Herbst 2007 eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung zur Waldorfkindergärtnerin beginnen wird, nahmen am Seminar erstmals auch Vertreter des kirgisischen Bildungsministeriums und der Universität teil.
Die offiziellen Vertreter des kirgisischen Staates waren so begeistert von den einzelnen Kursen des Seminars, dass sie mit wenigen Unterbrechungen fast die ganze Woche durchgehend bei den Veranstaltungen anwesend waren. So hat dieses Seminar viel dazu beigetragen, bei den Vertretern offizieller Stellen ein großes Interesse für Waldorfpädagogik zu wecken.
Wir sind den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, der IAO und der IASWECE sehr dankbar, dass sie dieses Seminar durch Reisekostenzuschüsse für die Dozenten ermöglicht haben. Ein besonderer Dank gebührt auch den Mitarbeitern des Kinderzentrums Nadjeschda, die das Seminar unter besonders erschwerten Bedingungen organisiert haben. So gab es z.B. wie jeden Sommer kein Wasser in den Wasserleitungen: Die Mitarbeiter mussten das Wasser täglich vom Wasserwagen holen. Trotzdem ist es ihnen gelungen, die Mahlzeiten, Tee und Kaffe für 84 Menschen regelmäßig bereitzustellen. Auch die hygienische Situation im Gebäude war trotz der Hitze immer einwandfrei.
Erstmals in diesem Jahr waren gab es auch viele Teilnehmer, die durch ihre Organisationen (staatliches Schulamt, Universität, UNICEF usw.) delegiert worden waren. Zum Beispiel kamen unerwartet viele Menschen aus südkirgisischen Dörfern im Grenzgebiet mit Tadschikistan. Leider konnten die tadschikischen Teilnehmer aus der Waldorfinitiative in Chudsand wegen Passschwierigkeiten nicht kommen. Viele Teilnehmer waren jetzt zum vierten Mal beim Zentralasiatischen Waldorfseminar dabei. Eine ganze Reihe von Teilnehmern aus Kasachstan und Kirgisistan ist seit vielen Jahren in größeren oder kleineren an der Waldorfpädagogik orientierten Initiativen tätig.
Es war also ein sehr gemischter Menschenkreis, der sich am 2. Juni im Saal des Kinderzentrums Nadjeschda zur Eröffnungsfeier zusammenfand – nicht nur in bezug auf die nationale Herkunft (Kasachen, Kirgisen, Russen usw.), sondern auch auf die Kenntnisse und Erfahrungen mit der Waldorfpädagogik. So unterschiedlich wie die Teilnehmer war auch die Gruppe der Dozenten zusammengesetzt. Sie kamen aus Deutschland, Finnland, Italien, Kirgisistan und Russland, die meisten von Ihnen unterrichteten auch schon in den vorherigen Seminaren.
Das Seminar wurde durch ein Konzert mit alten kirgisischen Musikinstrumenten und Volkstänzen eröffnet, das Kinder von „Nadjeschda“ extra vorbereitet hatten.
Das diesjährige Seminar stand unter dem Thema „Hören - Quelle der Entwicklung“. Dieser Themenkreis war am Ende des dritten Seminars vorgeschlagen und über das ganze Jahr bis zum Beginn des jetzigen Seminars vorbereitet worden. Und so trug jeder Vortrag, jedes Seminar und jede Arbeitsgruppe wie ein Teil des Prismas die einzelnen Farben zur Entfaltung aller Facetten des gesamten Themenbereiches bei. Vorträge wie „Die Welt ein klingender Kristall“ (Igor Iljitsch Schälike) oder „Hören öffnet die Welt“ (Wolfgang Auer) wurden ergänzt durch praktische Kurse wie „Malen nach Klängen“ (Monika Pannitschka) oder „Ganz Ohr werden“ (Paola Tedde).
Das Interesse und die Begeisterung der Teilnehmer waren so groß, dass sich auch nach dem täglichen Seminar abends Interessengruppen trafen, die oft noch stundenlang mit den vom heißen Tag erschöpften Dozenten zusammensaßen. Die Menschen, die zum ersten Mal an einem Waldorfseminar teilnahmen, baten immer wieder darum, die Arbeitsgruppen wechseln zu dürfen, um wirklich alles miterleben und erfahren zu können. Ein weiteres wichtiges Moment dieses vierten Seminars war, dass diesmal die kirgisische Sprache, Volkslieder und spontanes Musizieren eine ganz neue kreative Stimmung bei den Teilnehmern hervorriefen.
Bei den Berichten und Diskussionen im Forum wurde deutlich, welche vielfältigen Möglichkeiten für Waldorfinitiativen in Zentralasien bestehen und zum Teil auch bereits ausgeschöpft werden. Jede dieser Möglichkeiten, wenn sie sich erfolgreich entfaltet, kann für alle anderen eine Hilfe sein, Dinge neu zu sehen und flexibel zu bleiben. Uns alle machte die Mitteilung der kasachischen Freunde betroffen, dass durch Absetzung der Direktorin einer Mittelschule in Alma Ata, die viele Jahre die Waldorfpädagogik aufgebaut hatte, der Unterricht dort wieder nach staatlichen Methoden durchgeführt werden muss. Uns allen fehlten die Kollegen dieser Schule, die sonst jedes Jahr aktiv mitgearbeitet hatten.
Im Gesprächsaustausch unter den zentralasiatischen Waldorfinitiativen konnten wir erkennen, dass diejenigen Initiativen am stabilsten sind, wo die Eltern die Arbeit aktiv mittragen und unterstützen, wie z.B. in den Waldorfkindergärten in Bischkek, die inzwischen ausschließlich von den Eltern finanziert und mit großem Engagement auch renoviert und teilweise auch völlig neu möbliert worden sind. Dieses Eltern-Engagement gab es früher nicht, denn die meisten Initiativen wurden von den Kindergärtnerinnen oder Lehrern selbst begründet, was evtl. auch mit dem hierarchisch geprägten sozialen Leben in Zentralasien und der Sowjetunion zusammenhing. Jetzt kommt eine neue junge Elterngeneration in die Kindergärten – sie wollen mitentscheiden und bringen oft neue Impulse, die für die weitere Entwicklung des Kindergartens wichtig sind.
Am letzten Tag stellten alle Arbeitsgruppen die Ergebnisse ihrer Arbeit mit viel Phantasie, Freude und Engagement vor. Neben einer ungewöhnlichen, mit Improvisation und viel Schwung dargestellten Eurythmie, gab es Bilderausstellungen, Theater, Spiele, Musik und dazwischen immer wieder Lachen und Einbeziehung des Publikums. Überhaupt wurde sowohl von Teilnehmerseite als auch von Dozentenseite betont, dass dieses Seminar mit Abstand das beste aller bisherigen vier Zentralasiatischen Seminaren gewesen sei. Dafür möchten wir allen Dozenten nochmals von ganzem Herzen danken!
Igor Iljitsch Schälike und Karla-Maria Schälike