Die Waldorfschule Eriwan ist in gewissem Sinne eine normale Waldorfschule, die – wie alle anderen ihresgleichen – danach strebt, die Kinder möglichst harmonisch und gesund aufzuziehen. Der ruhige und gewöhnliche Verlauf des normalen Schulprozesses wird aber von Zeit zu Zeit durch ungewöhnliche Veranstaltungen (so wie z.B. unseren Karneval) gestört. Die Anstifter der Unruhe sind oft die Lehrer, die ein neues, noch unerprobtes Unterfangen wagen. Manchmal fällt dieser Unternehmensdrang mit besonderen Umständen zusammen, wie auch dieses Mal...
In unserer 6. Klasse, die von einer erfahrenen Klassenlehrerin, Anahit Tadevosyan, geführt wird, gibt es einen hübschen Jungen mit dem typisch armenischen Vornamen Mher (wer das armenische Volksepos „David von Sassun“ gelesen hat, der weiß Bescheid) und dem jüdischen Nachnamen Tolpin. Der Vorname „stammt“ anscheinend von der armenischen Mutter des Jungen, und den Nachnamen hat er von seinem jüdischen Vater geerbt.
Als die Eltern von Mher ihn in unsere Schule brachten, war der Junge gerade erst fast sechs Jahre alt. Als Anahit versuchte, sich zu wehren, dieses noch so junge Kind in die Klasse aufzunehmen, sagten die Eltern, dass sie sich schon fest entschieden hätten, das Kind in die Schule zu geben, und wenn er nicht in dieser Schule aufgenommen werden würde, ginge er sowieso in eine andere Schule... Anahit schaute sich das Kind aufmerksam an. Er war gewiss noch nicht reif für die Schule. Andererseits gab es etwas Besonderes an ihm, etwas Anziehendes... „Also, besser quäle ich mich mit seiner Kindlichkeit, als dass er in einer anderen Schule leidet“, dachte sie und winkte dem Kind freundlich zu. So kam Mher in die 1. Klasse. Trotz mancher kindlicher Züge lebte er sich insgesamt problemlos in die Zusammenhänge seiner Klasse ein.
Dann aber, nach zwei Jahren, musste Mher mit seiner Familie nach Israel übersiedeln. Der Vater hatte in Armenien keine Arbeit finden können, in Israel aber ziemlich schnell eine Stelle bekommen. Die ganze 3. Klasse, die Zeit des Alten Testaments in der Waldorfpädagogik, musste Mher im Lande des Alten Testaments verbringen. Die Mutter erzählte später, wie schlecht es ihm in dieser Zeit manchmal ging. Mher setzte sich dann stumm und traurig in sein Zimmer, nahm seine Flöte in die Hand und fing an, für sich etwas zu spielen. Seine Freunde und Freude hatte er in Armenien zurückgelassen. Er ging in Israel in eine normale Schule, da es in der Nähe keine Waldorfschule gab, und sehnte sich zurück...
Die Eltern sahen es. Der letzte Ausschlag für die Entscheidung fiel, als eine Rakete in der Nähe ihres Hauses explodierte. Die Mutter kehrte mit Mher und seinem kleinen Bruder nach Armenien zurück, während der Vater in Israel bleiben musste.
Für Mher fing die Zeitrechnung von neuem an. Er fand seine Freunde und seine Freude wieder. Er erzählte jedoch viel über Israel, brachte manchmal Bücher auf Ivrit in die Schule mit und verwunderte uns ab und zu mit den für Armenien sehr ungewöhnlichen Lauten einer anderen alten Sprache. Zwei sehr alte Strömungen fließen in diesem Jungen offensichtlich zusammen. Zwei Mutterlande (genauer gesagt buchstäblich das Mutterland, Armenien, und das Vaterland, Israel) ziehen ihn an, aber auf eine ganz verschiedene Weise.
Im Herbst 2009 erwachte im Bewusstsein der Klassenlehrerin – Anahit – in der nun 6. Klasse plötzlich eine neue Idee. Sie macht gerne und vertieft die Epochen der Geschichte, und sie sieht, wie tief und unmittelbar Kinder die verschiedenen Kulturperioden erleben, als ob sie aus unmittelbaren Erleben wüssten, dass sie selbst mit all diesen Zeitaltern zu tun hätten. Anahit entschied sich, diese Tiefe in Form einer Aufführung erlebbar zu machen. Mit einem normalen Klassenspiel war das nicht möglich. Es ging eher um eine komplexe Aufführung, die durch Bilder, Musik und Zirkus die ganze Stimmung der verschiedenen Epochen herbeizuzaubern versucht. Und so begann die Klasse im Herbst mit einer harten und schwierigen Arbeit.
Die Arbeit an dem Stück verlief von Anfang an nicht leicht. Wenn man sich allein nur einmal überlegt, wie viele authentische Kostüme und Trachten vorbereitet werden mussten, wie viele seltene Musikstücke gefunden werden mussten, wie viele Tänze und akrobatische Übungen geprobt und ausgefeilt werden mussten... Fast alle Eltern, eine Tanzlehrerin, ein professioneller Zirkuslehrer und die Handarbeitslehrerinnen der Schule waren neben der Klassenlehrerin ständig involviert. Anahit hoffte, sie könnten das Stück, wenn alles gut ginge, vielleicht im April aufführen.
Die Zeit und das Schicksal brachten aber ihre unabwendbaren Einschnitte. Der in Israel allein gebliebener Vater brach ohne seine Familie zusammen. Ein verzweifelter Notruf brachte die Familie Tolpin unmittelbar wieder in Bewegung – innerhalb sehr kurzer Zeit würde sie wieder nach Israel reisen...
Mher hatte aber eine ganz zentrale Rolle in dem Stück. Er spielte eine Seele, die seit ihrer kosmischen Geburt durch die verschiedenen Kulturepochen gewandelt war und alles geistig-kulturell mitgemacht und gelernt hatte. Ohne ihn war das ganze Stück also undenkbar. In dieser Situation musste Anahit entweder auf die Aufführung verzichten oder alles sehr schnell kürzen und umgestalten. Die auf eineinhalb Stunden angelegte Aufführung wurde auf 50 Minuten gekürzt, einige Szenen wurden ganz gestrichen, und innerhalb weniger verbleibender Tage musste man in langen Proben hart arbeiten. Der Tag der Aufführung wurde für den 27. festgelegt – am Tag darauf musste Familie Tolpin Armenien wieder verlassen...
Mher wusste, dass er fort musste. Selbstverständlich wollte er seinen Vater wiedersehen, ihm helfen und mit ihm zusammen sein. Besser aber wäre es für ihn hier, in Armenien. Die Mutter brachte seine eindeutige Wahl vor allem in Zusammenhang mit der geliebten Schule und den Freunden, aber auch mit den christlichen Impulsen, die im urchristlichen Armenien in den alten Kirchen und in der Natur, aber auch auf neue Weise in der Waldorfschule zu finden waren.
Am 27. Februar war es Anahit klar, dass die Aufführung noch immer unreif und roh war. Dennoch konnte man nichts mehr tun – man konnte nur hoffen, dass die Kinder ihr Bestes tun würden und die Erwachsenen dem Verständnis entgegenbringen würden. Die Familie von Mher hatte ihren Abflug ja bereits um ein paar Wochen verschoben, damit Mher seine Rolle spielen konnte. Am Tag der Aufführung hing die innere Spannung spürbar in der Luft, auch weil bekannt worden war, dass einige hohe Gäste kommen wollten. Für eine „umstrittene“ Schule wie unsere sind solche öffentlichen Veranstaltungen, besonders wenn sie nicht von A bis Z durchdacht und vorbereitet sind, immer ein besonderes Risiko.
Die Aufführung dauerte, wie geplant, 50 Minuten – und sie wurde scheinbar mühelos, wie schwebend, gespielt! Natürlich konnten alle sehen, dass manches nicht so glatt und fehlerfrei verlief. Aber alles, was die Kinder geschafft hatten gut vorzubereiten, war wirklich beeindruckend. Und es kam ein unerwarteter Effekt hinzu: Das, was man nicht geschafft hatte, bis in die Fingerspitzen hineinzuarbeiten, wirkte wie Imponderabilien, wie freie, ungebundene, geistige Kraft. Das schaffte eine unerwartete Stimmung, und darauf kommt es doch vor allem an. Mher spielte seine Rolle frei und überzeugend. Das war ganz sicher seine Rolle. Die zweiwöchige Verzögerung hatte sich gelohnt...
Dann war die Aufführung vorbei. Frau Tolpin musste mit Mher und seinem Bruder fort, um die letzten Vorbereitungen für die weite Reise zu treffen. Beim Abschied sagte sie der Klassenlehrerin irgendwie unsicher: „Wer weiß, Frau Anahit, wie es weiter geht. Könnte sein, kommen wir im September wieder...“
Ja, wirklich, wer weiß? Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Ruben Djanibekian