Wiedersehen in Äthiopien

Im März 2008 besuchte das Ehepaar Roenpage erneut den von ihnen initiierten Kindergarten in Hawzien im Norden Äthiopiens. Die Erzieherinnen des Kindergartens „Hiwotay Merebet“ („ein behütetes Zuhause“ / „Lernen in behüteter Umgebung“) wollen so gut wie möglich nach der Waldorfpädagogik arbeiten – und sie immer besser kennenlernen.

Vier Tage kein Wasser in Addis Abeba, dazu Stromausfall – und tagelang kein Wasser im Landesinneren, nachdem die nächtlichen Regenschauer der kleinen Regenzeit im März ausgesetzt haben. Unsere 200 gepflanzten Bäume brauchen Wasser zum Überleben. Noch gibt die kleine Quelle im ausgetrockneten Flussbett etwas Wasser... Täglich muss unser Esel "Hagos" ("der Glückliche") den steilen Berg hinunter und mit vollen Kanistern wieder aufsteigen, damit wir unsere zwei 2000-Liter-Wassertanks auffüllen und die 200 Bäumchen verschiedenster Sorten mit dem lebensspendenden Nass gießen können.

Die Wassertanks beliefern im Notfall auch den Sanitärblock, so dass eine gewisse Hygiene aufrecht erhalten werden kann. Als Trinkwasser dienen die gekauften teuren Mineralwasserflaschen (Zehn 1,5-Liter-Flaschen kosten etwa 22 Bir – im Verhältnis wären das für uns 22 Euro). Die Bohrung eines Brunnens bleibt im Gespräch!

Armut und Naturzerstörung

Auf dem wöchentlichen Markt gibt es jeweils eine frische Gemüsesorte, die zur Ernte gerade reif ist: entweder nur Spinat, nur Karotten oder nur Kohl. Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten und Kartoffeln gibt es immer – neben Bananen und Zitronen. Eine gewisse Grundversorgung ist dadurch gesichert, obwohl die Infrastruktur schwach ist. Zwischen Timkat und Ostern (etwa 50 Tage) wird gefastet, so gibt es auch kein Fleisch und nur eine Mahlzeit gegen Abend. Das notwendige Getreide reicht oft nicht und wird durch die Entwicklungshilfe aufgefüllt, doch die Abhängigkeit von den Geberländern macht die Menschen unglücklich und träge.

Die neue Welle der Ausbeutung von Ressourcen durch die westlichen Länder geht weiter und zerstört rapide die Natur. Normalerweise versorgt die dünne Humusschicht auf dem felsigen Hochland die Pflanzen durch ihren steinigen Untergrund mit Mineralien, so dass es bei genügend Wasser bis zu drei Ernten im Jahr gibt – geradezu ideal für Heilkräuteranbau! Doch neue Züchtungen mit Chemiedünger und Pestiziden machen den Boden unfruchtbar und abhängig vom Kunstdünger, der gekauft werden muss!

Im Elefantenschutzgebiet bei Babile im Landesinneren sind in diesem Jahr etwa 13.000 ha Land gerodet und urbar gemacht worden, um Rizinus für "Biodiesel" anzubauen. Die Elefanten wurden hier vertrieben... Weiterhin ist ein 400.000 ha großer, alter Bambusbestand – der größte in Afrika überhaupt! – von der Papierindustrie bedroht: Es gibt einen Nutzungsvertrag zwischen Äthiopien und den USA. Chinesische Unternehmen planen eine Papierfabrik, die von Bambus gespeist wird, außerdem durchpflügen ihre Riesenbulldozer die Landschaft für neue Strassen. Jede Hütte, die im Wege steht, wird platt gemacht, was wir auf unserer Autoreise gen Norden mit eigenen Augen sehen konnten.

In Hawzien hat mit der Einführung der Stromleitungen seit zwei Jahren leider auch der Fernseher seinen Einzug in die örtlichen Kneipen gehalten. Das Programm wird bisher fast ausschließlich von amerikanischen Gräuel- und Kitschfilmen beliefert, was zur Folge hat, dass Jugendliche schon am frühen Morgen fasziniert auf die Glotze schauen und wir als Deutsche gebeten werden, sie doch bitte mit in das reiche Land zu nehmen. Wer will da noch arbeiten?

Großes Interesse am Kindergarten

Auf unserem täglichen Weg zum Kindergarten (ca. 1,5 km) auf der Hauptstraße von Hawzien begegnete uns eines Tages ein Mann im dunklen Anzug, der sichtlich eine Gelegenheit suchte, uns anzusprechen:

"Are you the donator of the kindergarten?" – "Yes, we are!" – "So möchte ich ihnen sagen, dass ich die Aufgabe vom Schulamt Woreda hatte, den Kindergarten zu prüfen und abzunehmen. Es ist ein vorbildlicher Kindergarten, sehr schöne Gebäude, eine hervorragende Hygiene und eine sehr gute Betreuung. Die Kinder lieben ihn und können morgens kaum abwarten, dorthin zu gehen. Wir sind sehr stolz auf diese Einrichtung – es ist die erste dieser Art. Unsere örtliche Einrichtung ist mehr eine Notunterkunft mit nur wenigen Kindern und unvollkommen betreut. Dazu gibt es noch eine private Aufbewahrung. So hat der neue Kindergarten einen großen Stellenwert in unserem Kreis Woreda! Aber ich habe noch einen Wunsch, können sie auf dem großen Gelände noch einen Spielplatz mit Schaukel, Wippe und anderen Geräten einrichten? Dann erkennt man den Kindergarten schon von außen. Natürlich wäre auch eine Schule in ein paar Jahren notwendig – die auch von Ihnen so hervorragend geführt wird. Die staatliche Betreuung ist nicht so optimal..."

"Aber wer bezahlt die Lehrer", frage ich. "Darüber muss verhandelt werden", war die Antwort... Alles was wir tun, wird von den Behörden und den Einwohnern aufmerksam verfolgt! Und Atsbaha (der Hauptorganisator vor Ort) erzählte uns von einem rührenden Augenblick: Zu einer ersten Elternversammlung legte eine Mutter ihr eben verdientes karges Monatsgehalt auf den Tisch dafür, dass sie ihr Kind in den Kindergarten schicken darf – mit den Worten: "Wir wollen eine bessere Erziehung für unsere Kinder!"

Ich konnte einer Vorstandssitzung des Trägervereins FINKS („Phönix“) beiwohnen und miterleben, wie hart die Menschen miteinander ringen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Es ging um die Einstellung einer neuen Kindergärtnerin. Ansprechpartner für uns und die Eltern ist unser Großbauer Haleka Gebremichael Gebreselassie. Er hat ein sehr wachsames Auge, weiß genau, wer was macht, und ist auch bei der Aufnahme neuer Kinder dabei.

Glückliche Kinder und fähige Erzieherinnen

Der Weg über das Grundstück mit der angelegten Bäumchenallee zu den Gebäuden des Kindergartens erfüllte uns immer mit erwartungsvoller Freude – schon von weitem hörten wir die Kinder singen und klatschen, mit einer Inbrunst, die uns zeigte, was in ihnen für eine Kraft steckt.

Am ersten Tag wurden wir in dem sehr großen Kreis von fast 100 Kindern erwartungsvoll begrüßt, und zum Schluss musste ich das schon für viele Kinder bekannte "Zeigt her eure Füßchen" mit ihnen spielen. Anschließend begrüßte mich jedes Kind mit Handschlag und sagte seinen Namen. Für mich eine Gelegenheit, in die Augen der Kinder zu schauen – und zu sehen, wie schon aus jedem einzelnen eine kleine Persönlichkeit hervorlugte.

Ein rhythmischer Tageslauf folgte – ich konnte sehr genau verfolgen, wie das erste eingeübte Anfangsprogramm ablief, aber jetzt musste ein geistiges Angebot vertieft werden. Jeden Nachmittag von 14 bis 17 Uhr arbeitete ich intensiv mit den Kindergärtnerinnen. Anregungen, die wir nachmittags erübten, wurden schon am nächsten Tag umgesetzt. Sie saugten alles wie ein Schwamm auf, immer wieder ergänzte sich Theorie und Praxis.

So war auch der diesmalige Besuch wieder eine schöne Zeit! Der Kindergarten strahlt eine sehr harmonische Atmosphäre aus, und die Kindergärtnerinnen bringen große pädagogische Fähigkeiten mit, sind sehr lernfähig und werden von den Kindern geliebt. So gibt es nun viele glückliche Kinder in Hawzien. Jetzt freuen sich schon alle auf die einfache Hütte, die als Backhaus dienen soll, um täglich frische Brötchen essen zu können.

Wie es weitergeht

Für weitere Fortbildungskurse brauchen wir gute Fachkräfte. Da wir auf dem Kindergartengrundstück selbst niemanden schlafen lassen dürfen, sagte Atsbaha, dass dringend ein kleines Gästehaus mit zwei Zimmern, Dusche, Klo, Kochgelegenheit und Büro nötig wäre. – Dies konnten wir aus unseren persönlichen Erfahrungen mit mangelnder Hygiene bei Unterkunft und Essen nur bestätigen: Was uns alles widerfahren ist, hält nur ein Äthiopien-Eingeweihter aus, wie wir es nun einmal sind...

Das Gute ist, dass Atsbaha gleich zu Anfang des ganzen Projektes ein kleines Grundstück mit Umfriedungsmauer in der Ortsmitte amtlich eintragen ließ – auch das ist Pachtland, das nun kostenlos zur Verfügung steht. Von diesem Büro aus plant Atsbaha, spätere Projekterweiterungen zu betreuen und einen Heilkräuterversand zu entwickeln.

In den Herbstferien wird Angelika Wagner und einer Freiburger Lehrerin nach Hawzien reisen. Für Dezember hat sich eine mir bekannte Wiener Kindergärtnerin aus dem dortigen Seminar mit einer Studentin angemeldet. Diese erfahrenen Pädagoginnen werden weitere Impulse bringen können.

Ein Besuch beim österreichischen Botschafter brachte uns ein Versprechen von 1000 Euro für einen Kuhstall, die wir zum äthiopischen Jahresbeginn am 11. September erhalten sollen. Zwei Hamburger Waldorfkindergärten sammelten 800 Euro für eine Milchkuh! Nun brauchen wir zu ihrer Gesellschaft noch eine zweite.

Wir sind glücklich, dass wir es bisher schaffen, die monatlichen Kosten aufzubringen – manchmal haben wir deswegen schon schlaflose Nächte... Es gibt aber immer wieder Menschen, die sich für das Projekt begeistern können und aus Engpässen herausführen. Dafür danken wir herzlich!

H. Dorothea Roenpage

Stand / Update: 08/2008