Von Addis Ababa gen Norden unterwegs zu unserem Projekt „Phoenix Hawzien“, dem Kindergarten „Hiwotay Merebet“ überqueren wir den überwältigend schönen und mächtigen Gebirgszug des Semien-Gebirges auf der kurvenreichen Straße von 1800m bis 3100m Höhe.
Man kann sich nicht satt sehen an den mit reifen gelben Korn bepflanzten Terrassen, dazwischen erhabene rote Felsengebilde und das zarte Grün von den im Jahr 2000 gepflanzten Bäumen, die mannshoch herangewachsen die ehemals kahlen Flächen bedecken, ein erfolgreiches Wiederaufforstungsprogramm. Ich bin dankbar, dass ich diese Tour noch einmal fahren konnte.
Überall wird geerntet, die ganze Familie hilft mit. Das Korn wird in der Hocke mit der Handsichel geschnitten, in Bündeln auf dem Rücken der Esel oder der Menschen zu einem tiefer gelegenen Platz getragen, wo Ochsen durch Trampeln die Körner aus den Ähren lösen. Die Ernte muss reichen für die eigene Familie, den Verkauf auf dem Wochenmarkt und zum Zahlen der Steuern.
Um hier eine Lösung für Arbeitserleichterung durch unsere Technik zu finden, ist es notwendig, die Zusammenhänge von Natur, Klima, Boden und Kultur sehr gut zu kennen. Vor allem dürfen wir die Menschen nicht in ihrer eigenen Lebensweise verunsichern. Wir zeigen Interesse an ihrer Arbeit und fragen nach ihren Wünschen: Eine große Hoffnung wird auf die Bildung gesetzt.
So war der Ausgangspunkt unserer Initiative aus der Überlegung heraus entstanden, dass nachhaltige Veränderungen im Lande nur durch eine junge Generation gestaltet werden können, die durch mehr Wissen im Einklang mit den Menschen und der Natur Dinge entwickelt.
In Hawzien verändert sich viel durch enorme Bautätigkeit – aber auch durch die ersten Schulabgänger der neuen Secondary School, die nach der 10. Klasse abschließt. Diese Schüler stehen meist ohne Ausbildungsplatz und Berufschancen auf der Straße.
Von Bürgern und vom Bürgermeister wurde das Anliegen vorgebracht, nicht nur eine Schule für die sechsjährigen Kindergartenkinder zu bauen, sondern gleichzeitig sozusagen von oben her eine Berufsausbildung anzubieten. Mögliche Betätigungsfelder zum Start der Ausbildung könnten eine Baumschule und die ökologische Landwirtschaft sein – insgesamt müssen die Betätigungsfelder kontinuierlich weiterentwickelt und den Bedürfnissen angepasst werden.
Die letzte Regenzeit fiel mit nur zwei anstatt drei Monaten zu knapp aus, d.h. dass der Grundwasserspiegel für die Überwindung der Trockenzeit zu niedrig ist. Momentan werden die angepflanzten und artgeschützten Bäume mit Wasser gegossen, das mit Tieren von der ca.1,5 km entfernten Flussquelle täglich zum Kindergarten transportiert wird. Um diese Engpässe zu überwinden und langfristig Gartenbau im größeren Stil zu betreiben, wird eine ausreichend große Zisterne oder sogar ein Brunnen gebraucht. Dazu werden jetzt Angebote eingeholt.
Die von Hamburger Kindergärten gespendete Kuh (Kreuzung Schleswig-Holstein mit äthiopischem Rind) wird von einem Kuhhirten betreut und gibt Milch, die täglich an die Kinder ausgegeben wird. Ein „Highlight“ des Tages für die Kinder, die andächtig die Milch trinken. Nach der Geburt des Kälbchens wird es langfristig mehr Milch für die Kinder geben.
Die Tiere (Kuh, Esel, Muli) sind für die Kinder eine schöne Bereicherung, sie lernen sie als Freunde kennen, die für den Kindergarten arbeiten, und können eine Beziehung zu ihnen aufnehmen. Jedes Kind darf die Tiere einmal streicheln.
Auf dem großen Kindergartengelände wird die Natur in Form von Insekten/Schmetterlingen, Blüten, Kräutern und Bäumen von den Kindern bewusst entdeckt und so die Achtung vor der Natur vermittelt.
Neben den vielen Spielen, die die Erzieherinnen mit den Kindern spielen, ermöglicht ein Schiffstau den Kindern, ihre Kräfte beim Tauziehen zu erproben oder beim Balancieren ihr Gleichgewicht zu halten. Muscheln dienen beim Freispiel als Kuchenform oder Schaufel. Der Wunsch nach einer Schaukel war schon lange ein Thema. So wurde bei unserem Besuch in Zusammenarbeit mit dem Schlosser aus Hawzien eine Schaukel entworfen, gebaut und aufgestellt. Das gemeinsame Erstellen der Fundamente und der Aufbau entwickelte sich zu einem richtigen Fest für alle Angestellten und die Kinder, die das Geschehen verfolgten.
Wechsel im Personal fingen das Kollegium und die Mitglieder des Vorstandes vom Verein „Finks Hawzien“ (Finks = Phoenix) immer wieder gut auf. Die Arbeit mit den Kindern verläuft kontinuierlich. Es gab viele Schulanfänger. Die leeren Plätze konnten sie zum 1. Oktober alle wieder besetzen. Mit ihrer jetzigen Kapazität sind sie mit 100 Kindern ausgelastet, obwohl der Bürgermeister mehr Kinder in ihre Obhut geben möchte. Der Bedarf nach einem dritten Gruppenraum, der im ersten Bauabschnitt nicht gebaut werden konnte, wird immer größer. Notwendige Spenden müssen dafür aufkommen.
Weiterbildungskurse wurden im November von mir, im Dezember/Januar von Frau Wagner gegeben.
Die Bäume entwickeln sich kräftig, die Tiere sind gut betreut. Das Futter der Tiere kommt noch aus eigener Ernte direkt nach der Regenzeit. Das angebaute Grünfutter ist durch Wassermangel eher spärlich. Später im Jahr muss Futter zugekauft werden.
Um dem Ziegenfraß an Bäumen, Kräutern und Gemüse Einhalt zu gebieten, wird die Umfriedung des 30.000 qm großen Geländes verstärkt. Um eine effektive und kostengünstige Variante mit hohem Anteil an Eigenarbeit zu nutzen, wird die Lösung präferiert, einen Steinwall mit Feigenkaktus zu bepflanzen – dazu fallen etliche Steinlieferungen per Lastwagen an. Hier sind wir gezielt auf Spenden angewiesen.
Dr. Atsbaha verhandelt wegen der geplanten Bäckerei – auch wegen der Zisterne bzw. des Brunnens.
Im Februar/März 2010 war Frau Jordi aus Wien im Projekt und nimmt nun mit jungen Lehrern Kontakt auf, um Vorbereitungen für den Unterricht in einer ersten Klasse zu treffen. Ein Schulgebäude wollen wir mit Hilfe der Freunde der Erziehungskunst als BMZ-Projekt beantragen.
Da uns zusätzlich zu unserem Kindergarten ein kleines Grundstück mit Umfriedungsmauer im Ort Hawzien als Pacht übergeben wurde, drängte man nun auf die Bebauung – sonst wird es uns wieder weggenommen. Die Baugenehmigung für das langgeplante Gäste/Büro/Versammlungshaus wurde erteilt, und nun kann nach Verhandlungen mit einem Bauunternehmen die Arbeit beginnen.
Nur Dank einzelner größerer Spenden sind größere Schritte möglich. Grundsätzlich gilt, dass das Geld für die Gehälter der 14 Angestellten für mindestens ein halbes Jahr auf die Seite gelegt wird. In diesem Zusammenhang sind die regelmäßigen Zahlungseingänge der Paten sehr wichtig.
Die Kindergärtnerinnen haben mir persönlich eine Danksagung an alle Spender in Deutschland und Österreich aufgetragen, da ihnen sehr bewusst ist, dass ihre Arbeit nur durch viele Menschen, die kontinuierlich spenden, möglich ist. Auch die Eltern der Kinder machen sich Gedanken, was sie selber zur Erhaltung des Kindergartens beitragen können. Zunächst bezahlen sie die 5 Birr pro Kind und helfen bei Arbeiten, so gut es geht.
Täglich kann in dem Kindergarten erlebt werden, wie sinnvoll die Arbeit mit den Kindern ist, um ihnen eine Chance zu geben, ihr Leben später zu gestalten.
Die Tatsache, dass beim Lernprozess der ganze Mensch beteiligt ist und nicht nur der Kopf – das zu erkennen, bedarf es der Sinneswahrnehmungen. Diese durch Selbsterfahrungen zu üben, ist unser Anliegen. Goethe beschreibt das sehr treffend:
„Allein du übst die Hand, du übst den Blick, nun üb` auch den Verstand“ - und
„...eh` man was Gutes macht, muss man es erst recht sicher kennen.“
Bildung ist die Basis für ein eigenverantwortliches Handeln, die Grundlage dafür, sich selber und andere zu ernähren und für viele Arbeit zu schaffen. Zur Bildung gehört es auch, die eigene großartige Kultur zu kennen, sie zu erhalten und zu fördern.
H. Dorothea Roenpage