Im Rahmen unseres neuen Arbeitsbereichs "Pädagogische Nothilfe" finanzierten wir die Reisekosten der Waldorfpädagogin Susanne Merzenich, damit sie mit Kindern und Erzieherinnen an einer Schule in Baalbek und in dem palästinensischen Flüchtlingslager Shatila arbeiten konnte.
Es war der erste Wintertag, weil es morgens um 8 Uhr in Strömen regnete. Vorher waren die Tage heiß – um die 30°C. Heute stockte wegen des Regens der Verkehr ständig, es gab Staus auf den Straßen und lautes Gehupe.
Als wir in die Straßen von Shatila fuhren, änderte sich das Stadtbild drastisch: Auf engen Sandstraßen fuhren Autos, Mofas, Kinderwägen, Rollstühle, liefen Fußgänger. Stände und Märkte am Rand der Sandstraßen, Müll in überfüllten Behältern und überall auf der Straße zerbombte Häuser, die als Ruine sich dem Blick einprägen. Die Menschen aber fröhlich, lebendig, natürlich und nett.
Wir haben es gefunden: „Beit atfal Assumoud“ (Sozialstation für Kinder des Widerstands). Wir gehen hinein. Sie warten schon auf uns. Die Direktorin Jamile führt uns in die drei Kindergartengruppen. Wir beginnen in der Gruppe mit den ältesten Kindern.
Auf einem Tisch richte ich mein Puppenspiel „Vom Büblein, das überall mitgenommen werden wollte“. Die Erzieherin erklärt den Kindern, was ich tue, und ich stelle die Püppchen und Tiere vor. Als alles auf dem Tisch vorbereitet ist, wird es mit einem dünnen Tuch abgedeckt, und nun beginnt die Geschichte. Die Kinder – etwa 20 palästinensische Flüchtlingskinder – sitzen auf dem Boden. Staunend, mit offenen Mündern und jeder Geste folgend tauchen sie in das Geschehen ein. Es ist ganz still!
Zwischen den einzelnen Sätzen halte ich inne, damit die Erzieherin von meinem englischen Text ins Arabische übersetzen kann. Alles bleibt ganz still, die Kinder tauchen auch hier ein und nehmen auf, bis zum Ende des Puppenspiels, wenn das dünne Tuch sich zum Abschluss wieder über alles niedersenkt!
Ich räume alles wieder in meinen Koffer, die Kinder kommen näher heran und helfen mir.
In den anderen beiden Gruppen wiederholt sich das Geschehen.
Nach einer kurzen Pause habe ich jetzt eine dreiviertel Stunde Zeit, um mit den Erzieherinnen zu arbeiten. Die Kinder spielen jetzt draußen auf dem Spielplatz, d.h. auf dem Dach des vierstöckigen Hauses.
Die Erzieherinnen haben nicht wirklich Fragen, und so erzähle ich ihnen etwas über die Bedeutung solch einfacher, kleiner Puppenspiele und darüber, was es heißt, täglich als wiederkehrendes Element damit zu arbeiten.
Jetzt stellen wir kleine Stehpuppen her. Mit Freude ergreifen die Erzieherinnen die Materialien (Rohwolle und Filz). Jeder von ihnen näht ein kleines Püppchen. Mit viel Engagement und voller Stolz zeigen sie es der Direktorin!
Mit diesen kleinen Stehpüppchen, die in aller Einfachheit gefertigt sind und somit die Kinder anregen, eigene innere Bilder zu schaffen, könnten sie jetzt arbeiten... Werden sie es tun, wird ihnen das Anknüpfen an die Phantasiekräfte gelingen?
Die Kinder haben mir während des Puppenspiels gezeigt, wie innig sie es aufnehmen können und welche Konzentration in ihnen steckt, und ich fahre nach Hause und weiß: „Das nächste Mal möchte ich ihnen das Spiel öfter zeigen“...
Durch wunderschöne Landschaft, die Bekaa-Ebene unterhalb von uns und dem Libanon-Gebirge folgend, erreichten wir Baalbek. In der New Middle School wurden wir in einem kleinen Büro von der Direktorin Wafaa Mourtada empfangen. Es war alles organisiert, und sie führte uns nacheinander in zwei Kindergartengruppen, wo die Kinder an Tischen saßen und auf uns warteten. Nach der Begrüßung richteten wir einen Tisch für das kleine Puppenspiel, und die Kinder setzten sich in zwei Reihen auf Stühlen davor. Das Spiel begann, und die Kinder tauchten in das kleine Geschehen meiner Geschichte ein. Ebenso war es in der zweiten Gruppe.
Danach hatten wir eineinhalb Stunden Zeit, um mit den beiden Erzieherinnen und zwei weiteren pädagogischen Mitarbeitern zu arbeiten. Sie erinnerten sich sehr gut und gerne an den Einsatz der „Freunde der Erziehungskunst“ im Frühjahr. Während unserer Gespräches konnten wir über viele Themen arbeiten, vom wichtigen Element der Bewegung im ersten Jahrsiebt über die Entfaltung der Sinnestätigkeit und die Probleme von Videos und Fernsehen bis hin zur Frage der Konzentration durch Methoden wie das Puppenspiel, anknüpfend an ein rhythmisches Erleben der Kinder. Das alles wurde mit Begeisterung aufgenommen, und die Erzieherinnen stimmten dem zu, als wüssten sie ganz genau, worum es geht!
Doch die Fragen in mir bleiben: Warum wirken diese Kinder so verloren? Warum spielen sie nicht? Warum machen sie nur etwas am Tisch, warum sieht der Kindergartenraum wie eine Schulklasse aus und der Schulhof wie ein Fabrikinnenhof?
Ich habe dann noch kleine Stehpuppen mit ihnen hergestellt, und die sind wunderschön geworden! Sie fragten nach dem Material, und ich ließ ihnen alles da: Wolle, Filz, Filznadeln.
Was wird geschehen? Werde ich bei einem nächsten Besuch eine kleine Veränderung sehen?
Am Ende verabschiedeten wir uns von der Direktorin sehr warm und herzlich. Sie selber möchte gern im April 2008 Deutschland besuchen. Wir in Mannheim würden sie auch gerne einige Tage begleiten und ihr Verschiedenes zeigen.
Susanne Merzenich, 8.11.2007
Notfallpädagogik
Büro Karlsruhe
Neisser Str. 10
76139 Karlsruhe
Tel.: 0721 354806-144
Fax: 0721 35455974
E-Mail: notfallpaedagogik@freunde-waldorf.de