Libanon: August 2006

Behinderte Jugendliche nach Beirut zurückgekehrt

Erfolgreiche Rückführungsaktion der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.

Die aus 15 Jugendlichen und zwei Betreuern bestehende libanesische Gruppe nahm auf Einladung der Stadt Stuttgart anlässlich der Fußballweltmeisterschaft am Unesco-Welt-Jugend-Festival in der baden-württembergischen Landeshauptstadt teil. Der Kriegsausbruch im Libanon und die Zerstörung des Flughafens in Beirut verhinderten die geplante Rückreise.

Obgleich die libanesischen Schüler in der Karl-Schubert-Schule in Stuttgart ausgezeichnet untergebracht und betreut worden waren und das Stuttgarter Jugendhaus e.V. in Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart alles Erdenkliche unternahm, um den Aufenthalt der Schüler so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten, entschlossen sich die Gruppe und ihre im Libanon lebenden Eltern, entgegen dem Rat der deutschen Betreuer, für eine schnellstmögliche Rückkehr. Der Wunsch, zu den Familien zurückzukehren, war stärker als die Angst vor dem Krieg.

 

Sorgfältige Vorbereitung und Freudentränen nach der Ankunft

Der Weg führte mit dem Flugzeug von Stuttgart über Istanbul nach Damaskus. Von dort wurde die Gruppe in einer etwa 7-stündigen Fahrt zum syrisch-libanesischen Grenzübergang Arida verbracht. Die Weiterfahrt in mit vielen Deutschlandfahnen gekennzeichneten Kleinbussen entlang der Küstenstraße über Tripoli nach Beirut gestaltete sich ausgesprochen kompliziert, da auf der etwa 150 km langen Strecke alle Brücken durch Raketenangriffe zerstört waren. Die Straße war von zerschossenen Autofracks gesäumt. Auch viele Tankstellen waren von Raketentreffern zerstört. Gegen 19 Uhr konnten die Kinder dann im Büro von Fista, der libanesischen Partnerorganisation der Freunde der Erziehungskunst, ihren Eltern übergeben werden. Die Freude und der Empfangsjubel waren unbeschreibbar. Überall lagen sich Kinder und Eltern mit Freudentränen in den Armen.

Bereits Tage zuvor war eine Vorbereitungsgruppe der Freunde der Erziehungskunst nach Syrien gereist, um die geplanten Unterkünfte, die Reiseroute und die Transportmittel im Detail zu überprüfen und ein Basislager in Syrien zu errichten. Die Rückführung der Jugendlichen wurde vom geschäftsführenden Vorstand der Freunde der Erziehungskunst, Bernd Ruf, geleitet und vom anthroposophischen Kinderarzt Dr. Karl-Reinhard Kummer aus Karlsruhe begleitet.

Reiseroute und Fahrzeugkennzeichnungen waren mit dem Internationalen Roten Kreuz, dem Roten Halbmond, den Botschaften Syriens und des Libanons sowie mit dem Krisenzentrum des Auswärtigen Amtes in Berlin abgestimmt. Die israelische Botschaft wurde rechtzeitig von der Aktion in Kenntnis gesetzt. Die Deutsche Unesco-Kommission stellte für die Rückführung einen Schutzbrief aus, in dem sie alle nationalen und internationalen Institutionen um Unterstützung für eine sichere Rückführung bat.

Gespräch mit dem Staatspräsidenten

Am 9.8.2006 wurde die deutsche Begleitgruppe der Freunde der Erziehungskunst vom libanesischen Staatspräsidenten Lahoud in einer Audienz empfangen. Der Präsident beglückwünschte die Gruppe für die erfolgreiche Aktion und sprach seinen Dank und seine Anerkennung aus. Das Gespräch bot auch die Möglichkeit, über die Zukunft der Waldorfpädagogik im Libanon nach Kriegsende und weitere Unterstützungsmöglichkeiten durch die Freunde der Erziehungskunst für die stark traumatisierten libanesischen Kinder, zu sprechen.

Die Nacht auf den 9.8.2006 war von verheerenden Raketenangriffen auf das südliche Beirut gekennzeichnet. Die Druckwellen erschütterten noch Kilometer entfernt die Häuser, Fensterscheiben drohten zu zerbersten. Die Stadt war dunkel und schien gespenstisch ausgestorben.

Aufgrund der zerstörten Transportwege wird die Versorgungslage schwierig. Viele Läden haben bereits geschlossen, Medikamente sind kaum noch zu beziehen und die Elektrizität ist finanziell kaum noch erschwinglich. Für 10 Liter Benzin muss man etwa sechs Stunden in einer kilometerlangen Autoschlange anstehen. Die Stadt ist von vielen Kriegsflüchtlingen aus dem Süden des Landes übervölkert. Auch die Rudolf Steiner Schule in Beirut ist inzwischen zum Flüchtlingslager geworden. Eine humanitäre Katastrophe droht, wenn nicht in den nächsten Tagen ein Waffenstillstand vereinbart werden kann. Die Lage der Menschen ist verzweifelt. Viele sind wütend und fühlen sich vom Rest der Welt, vor allem vom Westen, in ihrer Not alleingelassen.

Am Abend des 9.8. verließen die deutschen Helfer der Freunde der Erziehungskunst den Libanon auf derselben Reiseroute wie bei der Einreise per Taxi. Wenige Stunden später wurde die Küstenstraße durch Raketenangriffe völlig unpassierbar gemacht und das Stadtzentrum von Beirut zum ersten Mal im Verlauf der bisherigen Kampfhandlungen mit Raketen beschossen.

Bernd Ruf

 

Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.

Notfallpädagogik
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