Libanon: April 2007

Von Berlin nach Baalbek

Im April führten die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners in Zusammenarbeit mit der UNESCO erfolgreich ihren zweiten Einsatz im Bereich „Pädagogische Nothilfe“ durch. Im libanesischen Baalbek arbeitete ein Team aus sieben ehrenamtlich tätigen WaldorfpädagogInnen unter Leitung der aus Berlin kommenden „Freunde“- Mitarbeiterin Barbara Schiller in fünf Schulen mit traumatisierten Kindern und vermittelte den Lehrern einfache, aber höchst effektive künstlerisch-pädagogische Methoden aus der Waldorfpädagogik.

Zwischen Berlin und der zwei Autostunden östlich von Beirut gelegenen Stadt Baalbek gibt es eine kaum noch bekannte Verbindung, auf die unser „Freunde“-Team erst in Baalbek selbst stieß. Viele Einwohner erzählten uns nämlich, dass 1898 der deutsche Kaiser Wilhelm II. ihre Stadt besuchte und später große Mittel für die dortigen Ausgrabungen bereitstellte.

Baalbek („Gott der Quelle“) ist auch wirklich in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Obwohl es nur ein einfaches Provinzstädtchen war, lag hier die gewaltigste Tempelanlage des römischen Reiches. Ihr mächtigster Tempel war dem Jupiter geweiht (heute sind seine erhaltenen sechs Säulen ein Wahrzeichen des Libanon). Erst vor zwei Jahren wurde ein 100 Meter langer kultischer Versammlungsraum ausgegraben.

Am außergewöhnlichsten aber ist das 13 Meter hohe Fundament des Tempelbezirks. Wiegen die Quader der ägyptischen Pyramiden meist zwei bis drei, einzelne bis zu 70 Tonnen, so besteht das Fundament in Baalbek aus exakt gefügten, bis zu 20 Meter langen, 1000 Tonnen schweren Riesenquadern! Sie sind selbst mit modernster Technik nicht zu transportieren – und stammen doch aus einem Steinbruch, der einen Kilometer entfernt liegt und heute nur über unwegsames, zerklüftetes Gelände erreichbar ist.
Die rätselhaften Fundamente sind viel älter als die römischen Bauten, und das Gebiet von Baalbek war spätestens seit dem 3. Jahrtausend vor Christus besiedelt, möglicherweise schon lange vorher. Arabische Legenden verbinden die „Feste auf dem Berg Libanon“ mit den Anfängen der Menschheit. Im 7. Jahrhundert berichtet Johannes Maro, der Patriarch des Libanon, Kain habe die Feste erbaut und sie mit Riesen bevölkert; nach der Sintflut habe Nimrod erneut Riesen zum Wiederaufbau kommen lassen. Auch das Gilgamesch-Epos berichtet ja vom „Berg im Zedernwald“ als Wohnsitz der Götter. All dies sind Hinweise auf eine uralte Vergangenheit des Libanon und speziell von Baalbek.

Heute ist Baalbek vor allem als ehemaliger Rauschgiftumschlagplatz und als ein Hauptsitz der Hisbollah bekannt. Wegen dieses politischen Hintergrundes war es im Sommer 2006 heftigen Angriffen ausgesetzt. Von diesen Angriffen waren natürlich auch die Kinder betroffen – und dies wiederum war der Anlass für den „Freunde“-Einsatz.

Pädagogische Nothilfe – unser zweiter Einsatz

Nachdem die Freunde der Erziehungskunst im Herbst 2006 einen ersten erfolgreichen pädagogischen Nothilfeeinsatz in und um Beirut beendet hatten, galt Mitte April auf Einladung der UNESCO ein zweiter Einsatz fünf Schulen in Baalbek. Mit einem Team von sieben ehrenamtlich tätigen PädagogInnen reiste „Freunde“-Mitarbeiterin und Projektleiterin Barbara Schiller von Berlin aus erneut in den Libanon, um mit traumatisierten Kindern zu arbeiten und Lehrern einfache, aber heilsame künstlerisch-pädagogische Methoden für den Umgang mit Kindern an die Hand zu geben. Dieser zweite Einsatz fand im Rahmen eines größeren pädagogischen Nothilfeprogramms der UNESCO statt. Bei unserem Pilotprojekt im Herbst hatte uns eine UNESCO-Delegation besucht und war von unserem Ansatz so beeindruckt, daß der Direktor des Regionalbüros für die arabischen Staaten, Dr. Osman, uns bat, wiederzukommen und am erwähnten Programm teilzunehmen.

Während in unseren Medien der Libanon fast nicht mehr erwähnt wird, ist die Situation dort nach wie vor sehr angespannt. Viele erwarten einen neuen Krieg in diesem Sommer, die innenpolitische Situation ist hochexplosiv. Spätestens an den Kindern fällt einem auf, wie unnatürlich die Atmosphäre ist: Selbst sechsjährige Kinder reden schon über den nächsten Krieg, haben Angst. Sie reden nicht über das, was sie gemeinsam spielen wollen. Sie spielen nicht einmal – verlorene Kindheit! Aber auch den Erwachsenen merkt man an, wie gespannt und angestrengt sie sind. Unsicherheit und Zukunftsangst verzehren die Lebenskräfte.

Auch vor der UNESCO machen die Konflikte nicht halt. Als Barbara Schiller das UNESCO-Büro besuchte und mit Dr. Osmans Programmdirektor Dr. Hegasi sprach, bemerkte sie Einschußlöcher in den Fenstern und Wänden. Auf ihre Nachfrage erfuhr sie, daß am Jahresanfang vor dem Gebäude Straßenkrawalle stattgefunden hatten, während derer auch auf das Gebäude geschossen wurde. Für die UNESCO-Mitarbeiter war es ein normaler Arbeitstag. Der Mann dem sie nun gegenübersaß, Dr. Hegasi, hätte bereits tot sein können, wenn er zur falschen Zeit am falschen Platz gesessen hätte.

Was können wir in dieser Situation tun? Wir – das sind neben der „Freunde“-Mitarbeiterin sieben weitere Menschen: Die sehr engagierten Heil-/Eurythmisten Sebastian von Tschammer und Myrta Faltin, die Kunstpädagoginnen Erika Wickenhäuser und Gabriella Burkhardt, die Theaterpädagogin Claudia Bartholomeyczik und der Waldorfpädagoge und Werklehrer Klaus Lutz. Teamassistent war Georg Kreuer, der in Baalbek über die Freunde der Erziehungskunst bereits seinen Ersatz-Zivildienst geleistet hatte.

Die UNESCO hatte uns drei staatlichen Schulen mit insgesamt 600 Kindern und über 60 Lehrern zugeteilt. Da diese um Ostern einige Tage frei hatten, arbeiteten wir außerdem an zwei Privatschulen. Es ging in unserer Arbeit darum, gemeinsam mit den Lehrern der jeweiligen Schule künstlerisch-pädagogische Methoden zur Belebung und Harmonisierung der Mitte, des seelischen Gleichgewichts der von Krieg und politischer Unruhe gezeichneten Kinder auszutauschen und im Klassenraum gemeinsam anzuwenden. Unter diesem Vorsatz begannen wir die Arbeit.

„Ich habe sie noch nie so glücklich gesehen!“

In einer der Schulen unterrichtet die Tochter des Direktors Englisch. Sie nimmt Myrta und Sebastian mit in die 7. Klasse. Ihr Unterricht ist sehr engagiert, doch sie selbst steht unter einer deutlichen Anspannung. Ein großer Druck scheint auf ihr und den Schülern zu liegen – etwas, was wir auch in anderen Klassen immer wieder wahrnehmen. Kein Wunder nach einem Krieg und angesichts völliger Unsicherheit, wie lange man arbeiten kann und wann die Schulen wieder geschlossen werden.

Die beiden Eurythmisten führen die Klasse in den Prüfungsraum, wo die Bestuhlung zur Seite geräumt werden kann. Zur Musik von Mozarts Andante grazioso schreiten und schwingen sie mit den Kindern in einem gemeinsamen Kreis. Nach wenigen Minuten bemerkt die Lehrerin: „Oh, it´s relaxing only by looking!“. Immer gelöster und heiterer wurden die Kinder, während sie Bohnensäckchen in zwei gegenläufigen Kreisen weitergaben. Am Ende sagt uns die Lehrerin nachdenklich und erstaunt: „I have never seen them so happy!“

Wenn es so leicht ist, Kindern ein Erlebnis von Glück zu vermitteln, sollte man keine einzelne dieser Chancen auslassen“, meint Myrta am Nachmittag!

Ganz ähnliches erleben Claudia und Sebastian in einer anderen Schule. Das 2005 erbaute, karge Gebäude steht etwas abseits der Hauptstraße auf fast freiem Feld mit weitem Blick auf die umgebenden Höhenzüge. Der Schulhof ist betoniert, die Fenster haben in beiden Stockwerken Metallgitter vor den Fenstern. Die Schule ist zwar großzügig und hell gebaut, aber auch nach zwei Jahren nur notdürftig ausgestattet. Ein Sekretariat, Aufenthalts- oder Fachräume gibt es offensichtlich nicht, und selbst das Direktorenzimmer sieht eher aus wie kurz vor dem Eintreffen der eigentlichen Büroausstattung.

Unser Kennenlerngespräch findet rund um den Ölofen im Büro des Schulmanagers statt. Eine Englischlehrerin schildert die Schülerinnen und Schüler als wenig aufnahmefähig, eher unkonzentriert, mit oft schwierigem, auch ärmlichem, bildungsfernen Familienhintergrund. Meist gebe es nur zwei bis drei Schüler, mit denen sich gut arbeiten ließe. Wie sich der Krieg ausgewirkt habe? Die Schüler schlafen teilweise nachts nicht mehr durch, erschrecken bei plötzlichem Lärm oder beim Geräusch von Flugzeugen. Wenn es gelungen sei, im Laufe der Zeit etwas Substanz bei den Schülern zu bilden, so habe der Krieg alles wieder zunichte gemacht.

Mit diesen Schülern und diesem Ort hatten wir also zu tun? Aber all das zuvor Gesagte trat mit den Klatsch- und Improvisationskreisen, Bewegungs-Aktivitäten, szenischer Improvisation und Aktionstheater schnell in den Hintergrund. Abgesehen von der bei Theaterarbeit mitunter auftretenden Schüchternheit und „Albernheit“ waren alle Kinder und Jugendlichen voll bei der Sache. Die Englischlehrerin freute sich bereits nach der ersten Stunde mit uns und sagte, so wach und aktiv kenne sie ihre Schüler gar nicht. Bald kommen immer andere Lehrer kurz zuschauen, und ab dem dritten Tag arbeiten wir täglich sechs Stunden mit allen Schülern.

Außerhalb aller Zwänge des Schulalltags und unterstützt von der großen Bereitwilligkeit der Lehrerinnen und Lehrer, uns ganz frei arbeiten zu lassen, schaffen wir es, ganz viel von dem (wieder) ans Licht zu bringen, was verschüttet war: Strahlende Gesichter, aufmerksame Blicke, Freude, Begeisterung, Spontaneität, Lebendigkeit, Ausgelassensein, Ideenreichtum, Gemeinschaft, Offenheit, Ausdauer, Mut, Konzentration.

Überall werden wir herzlich aufgenommen. Die Menschen genießen es, daß wir mit Freude und Unbefangenheit künstlerisch üben, arbeiten und uns über pädagogische Themen austauschen. Viele Lehrer sind sehr offen und dankbar für neue Ideen. Allen ist deutlich, daß die Kinder unter starken Konzentrationsstörungen leiden. Sie werden sozusagen mit Kraft unter Kontrolle gehalten. Man hat Angst, locker zu lassen, weil man meint, daß das, was freiwerden würde, über die Kräfte gehen könnte! Und auch hier merkt man unmittelbar, wie sehr innerlich angestrengt auch die Erwachsenen sind. Es fehlt überall an Muße, Ausgeglichenheit und innerer Ruhe.

Mit verschiedenen pädagogischen Mitteln geben wir den Kindern die Möglichkeit, endlich einmal „loszulassen“ und wieder „sie selbst zu werden“: Theaterpädagogik, Improvisation, Spiel, Plastizieren, Formenzeichnen, Aquarellmalen, eurythmische Bewegung. Und weil für die Lehrerinnen und Lehrer der pädagogisch-therapeutische Erfolg sofort erlebbar ist, vereinbaren wir an den schulfreien Tagen über Ostern Workshops, in denen die deutschen und libanesischen Pädagoginnen gemeinsam üben und sich austauschen.

Der schmale Pfad der Begegnung...

Wir waren von der Wärme und Gastfreundschaft der Libanesen sehr beeindruckt. Allerdings war diese Offenheit uns gegenüber nicht selbstverständlich. Baalbek ist ein hochsensibles Gebiet. Allgegenwärtig ist der Gedanke, daß Menschen in unguter Absicht kommen und Unheil bringen könnten. Hier eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre zu schaffen und über kulturelle Hürden hinweg eine gemeinsame Ebene zu finden, das war die Aufgabe von „Freunde“-Mitarbeiterin Barbara Schiller – in vielen Gesprächen mit unendlich viel Tee und Kaffee. Im Zentrum ihrer Arbeit stand das ehrliche und auf einer Herzensebene geführte Gespräch mit Direktoren, Lehrern, Eltern, Kindern, unseren Fahrern, den Helfern vor Ort, Vertretern des Erziehungsministeriums und anderen.

Es gibt einen feinen Pfad, auf dem Menschen sich über alle Hindernisse hinweg begegnen können. Die Kunst ist es, diesen Pfad zu finden und auf ihm zu bleiben. Auf diesem Pfad kann man dann aufbauen. Wenn man ihn aber verliert, wird man Teil des Durcheinanders, das in einem Land wie dem Libanon ohnehin schon herrscht. Politische, religiöse und andere Meinungen gibt es ohne Ende – da ist meine persönliche Meinung nicht hilfreich, für niemanden. Aber sich sozusagen unabhängig von der persönlichen Meinung auf einer anderen Ebene zu begegnen – darum geht es. Und das ist etwas sehr Sensibles und funktioniert nur gemeinsam. Überall begegneten wir sehr gebildeten Menschen, die schon viel erlebt und auch viel erlitten hatten. Niemand von ihnen wollte „hohle“ Gespräche, sondern jeder sehnte sich nach etwas Lebendigem, Zukunftsweisendem. Barbara Schillers ganze Arbeit war gewissermaßen die einer „Raumschaffenden“ – eines Raumes, in dem eine Atmosphäre lebt, in der dann sozusagen der libanesisch-deutsche Lehreraustausch stattfinden konnte.

... und die Frage nach dem Wesentlichen

Ergreifend war auch das große Engagement der libanesischen Lehrerinnen und Lehrer, die kaum selbst das Leben aushalten und doch täglich in die Schule gehen, ihr Bestes geben, obwohl sie oft erst Monate später bezahlt werden – was für eine Liebe zu den Kindern müssen sie haben! Und das alles in Winterjacken, weil man auch für die Heizung kein Geld hat. Eine Schuldirektorin, der man die Liebe zur Schulgemeinschaft unmittelbar ansieht und die alle Workshops mitmachte, weil sie wissen wollte, wie man mit den Kindern anders, künstlerischer arbeiten kann, – sie selbst sagte: „Ich hatte ganz vergessen, daß ich als Kind gern gemalt habe, ich greife jetzt seit 40 Jahren das erste Mal wieder zu einem Pinsel.“

Kinder und Erwachsene gleichermaßen haben ganze Erfahrungsbereiche verloren bzw. nie kennengelernt. Es war erschütternd, wie ungeübt die Kinder im Spielen waren. Durch den Bürgerkrieg und die Spannungen des letzten Jahres ist so viel verloren gegangen! Was durften wir miterleben: Große Jungs voller Freude beim Seilhüpfen. Dieselbe Freude bei der schwarz verschleierten Kindergartenlehrerin, die das seit 40 Jahren nicht mehr gemacht hatte. Der achtjährige Junge, der sich über ein Fingerspiel begeistern kann, das er nicht kennt. 14-jährige Mädchen, die bei Fingerspielen jauchzen. Freude an Kindheit, am Wesentlichen. Und welches Interesse die Kinder entwickeln, wenn sie einen Fremden sehen, der ihnen wach und interessiert gegenübersteht – das ist pure Zukunft, echte Friedenskraft!

Hat unsere Arbeit eine bleibende Wirkung? Diese Frage haben wir auch innerhalb der Gruppe immer wieder bewegt. Wir haben diesmal nicht nur mit den Kindern gearbeitet, sondern einen gewissen Schwerpunkt auf die Lehrerfortbildung gelegt: Wir wollten uns mit den Lehrerinnen darüber austauschen, wie man mit wenigen einfachen Mitteln künstlerisch arbeiten, den Unterricht rhythmisieren und von der einseitigen Kopflastigkeit befreien kann. Die rhythmischen Bewegungsübungen helfen den Kindern, körperlich und seelisch wach zu werden, gleichzeitig aber eine innere Ruhe zu finden – die entscheidenden Grundlagen für echtes Lernen! Und die Freude, die dabei aufkommt, sie hilft, das Leben wieder zu bejahen und das Herz zu erwärmen.

Es war bei all unserer Arbeit allerdings wichtig, keinerlei Erwartungsdruck auf die Lehrer auszuüben. Wir konnten ja unmittelbar erleben, wie müde die Lehrerinnen waren und in welch existentiell schwierigen Situationen sie sich befanden. Niemand musste etwas aufnehmen, sich für uns und unser Anliegen interessieren. Wenn ein Lehrer vielleicht sogar hinausging, weil er endlich einmal eine halbe Stunde für sich hatte und aus dem Fenster schauen und träumen konnte – dann arbeiteten wir einfach mit den Kindern weiter.

Das ist natürlich eine große Herausforderung für die Teilnehmer eines solchen Einsatzes. Klaus war beispielsweise einmal wegen der Erkrankung eines Lehrers über mehrere Stunden allein mit 32 arabisch sprechenden, pubertierenden Jugendlichen einer 7. Klasse. Er erzählte, wie zwei Schülerinnen aufopfernd versuchten, zu übersetzen und für Ruhe zu sorgen. Für ihn war das nicht nur eine „normale Vertretungssituation“, wie er sie in Deutschland auch schon häufig erlebt hatte. Wir waren im Libanon, in Baalbek. Wer weiß, was die Jugendlichen alles erlebt hatten: Kein Geld für eine Jacke, keine Fenster im Haus oder vielleicht kein Haus mehr, einen Bekannten verloren und in den Ohren noch immer Explosionsgeräusche? Und doch berichtete er:

„Es entstanden Momente der Stille, des Atemholens. Beim Improvisationstheater sollten drei Kinder auf der “Bühne” nur durch Pantomime kommunizieren. Alle anderen schauten zu ... und lauschten und schwiegen und lachten! Auch beim Formenzeichnen tauchten tatsächlich alle völlig in die Tätigkeit ein. Arbeitsatmosphäre, Knisterstimmung, gegenseitiges Bestaunen des Entstandenen. Die Theaterübungen brachten die wohltuende Unbekümmertheit und Fröhlichkeit zurück, die verbunden ist mit Aufmerksamkeit und Konzentration für den Einzelnen und für die Gruppe. Und das Formenzeichnen ließ fast verschwundene, versteckte Lebenskräfte neu entstehen, wohltuend spürbar und an der Mimik und in den Augen deutlich zu sehen. Mir wurde da klar: Der Einsatz lohnt sich.“

Das Leben im Libanon kann unglaublich hart und freudlos sein. Alle Freude und Entspannung, die wir gemeinsam mit Kindern und Lehrern erleben durften, trug hier – so erlebten wir es – ihren Wert bereits in sich selbst. Khalil Gibran, der große libanesische Dichter und Philosoph, sagte: „Das Schönste im Leben ist, dass unsere Seelen nicht aufhören, an jenen Orten zu verweilen, wo wir einmal glücklich waren.“

Wenn man den Anspruch hat, ein ganzes System in kurzer Zeit auf einmal verändern zu wollen, sollte man an einem solchen Einsatz nicht teilnehmen, denn dann kann er nur enttäuschend sein. Wenn man aber im strahlenden Gesicht eines Kindes oder in den dankbaren Augen eines einzelnen Lehrers etwas erleben kann, was in die Zukunft reicht und Hoffnung gibt, dann ist man auf solch einem Einsatz am richtig Platz.

Die äußeren Umstände unseres Einsatzes waren sehr einfach. Auf den Bergen des Libanon lag Schnee, und es war in den zwei Wochen extrem kalt. Aus Sicherheitsgründen waren wir alle sehr auf gemeinsame Absprachen angewiesen, hatten kaum individuellen Freiraum, auch in den Unterkünften nicht. Die Erlebnisse reichten von Militärkontrollen und aufgefahrenen Panzern am Strassenrand bis zu Begegnungen mit Ratten in der (kalten) Dusche. So mancher von uns litt außerdem unter Durchfall und einer hartnäckigen Virusinfektion. Doch alle ehrenamtlichen Teammitglieder stellten ihre persönlichen Bedürfnisse während dieser zwei Wochen vollkommen zurück, widmeten sich ganz der Arbeit, für die sie gekommen waren – und wurden von den strahlenden Gesichtern der Kinder und Erwachsenen reich belohnt.

Ausdrücklich danken möchten wir sowohl unseren Spendern für den Bereich der pädagogischen Nothilfe als auch der IONA Stichting aus Amsterdam. Sie haben diesen Einsatz überhaupt erst möglich gemacht. Ein besonderer Dank gilt unserer Partnerorganisation FISTA aus Beirut, die uns während unseres Aufenthaltes zu jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite stand.

Barbara Schiller, Claudia Bartholomeyczik, Gabriella Burkhardt, Myrta Faltin, Georg Kreuer, Klaus Lutz, Sebastian von Tschammer, Erika Wickenhäuser

 

Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.

Notfallpädagogik
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