Kirgisistan: November 2010

Schule als "sicherer Ort"

Waldorfpädagogik als Notfallpädagogik im interethnischen Konflikt in Südkirgisistan

In der zweiten Novemberhälfte 2010 führte ein elfköpfiges Notfallteam[1] der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. zusammen mit Mitarbeitern der anthroposophisch-heilpädagogischen Einrichtung "Nadjeschda" in Bishkek eine vierzehntägige traumapädagogische Krisenintervention in vier Schulen der südkirgisischen Provinzhauptstadt Osch durch. Der notfallpädagogische Einsatz kam auf Einladung  des kirgisischen Bildungsministers zustande und wurde vom kirgisischen Ausbildungsdepartment organisatorisch vorbereitet.

Ethnische Säuberungen in Südkirgisistan im Sommer 2010

Bereits 1990 kam es im Laufe der Auflösung des Sowjetreiches vor allem in Südkirgisistan zu schweren Unruhen zwischen Kirgisen und Usbeken. Von den 5,3 Millionen Einwohnern Kirgisistans haben etwa 15 % usbekische Wurzeln. In Südkirgisistan ist der usbekische Bevölkerungsanteil aber wesentlich höher.  Der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen ist komplex und kaum durchschaubar. Hinter den ethnischen Spannungen verbergen sich allgegenwärtige Korruption, Immobilienspekulationen und Drogengeschäfte. Osch gehört zu den wichtigsten Drogenumschlagplätzen im Handel mit afghanischem Rauschgift[2]. Aber auch wirtschaftliche Probleme tragen zum Konflikt bei. Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze[3]. Hinzu kommen geostrategische Interessen der Großmächte USA, Russland und China.

In der Nacht zum 11. Juni 2010 kam es in der südkirgisischen Stadt Osch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der usbekischen Minderheit. Ausgegangen war der Konflikt von randalierenden usbekischen Jugendlichen nach einem Disco-Besuch.  Ein Überfall der Jugendlichen auf ein Mädchenwohnheim der Oscher Staatsuniversität und die Vergewaltigung kirgisischer Studentinnen stellte sich aber als Gerücht heraus[4, 5]. Stunden später standen ganze Stadtviertel in Flammen. Die Gasversorgung der Stadt musste wegen Explosionsgefahr abgeschaltet werden. Die medizinische Versorgung und die Lebensmittelversorgung brachen ebenfalls zusammen. Preise für Grundnahrungsmittel stiegen innerhalb von sechs Tagen auf das Fünffache. Mindestens 400.000 Menschen flüchteten nach Angaben der UNHCR, davon 90 % Frauen und Kinder[6]. Die zurückgebliebenen Usbeken verschanzten sich in ihren Wohnvierteln. Die Sicherheitskräfte versagten und kamen ihren Aufgaben zum Schutz der Bevölkerung nicht nach. Sie unterstützten die kirgisischen Angreifer oder beteiligten sich aktiv an Übergriffen gegen die usbekischen Bevölkerungsteile. Die usbekischen Barrikaden wurden von gepanzerten Militärfahrzeugen geräumt und die Wohnviertel bewusst oder unbewusst dem Mob zur Brandschatzung freigegeben[7, 8]. 70 % der Gebäude von Osch wurden beschädigt, wobei es sich um etwa 2.000 usbekische Häuser handelt, die bis zu den Grundmauern abbrannten[9, 10]. Es kam zu Geiselnahmen, Massenvergewaltigungen, Plünderungen und Mordanschlägen durch Heckenschützen. Usbeken wurden auf den Straßen von kirgisischen Extremisten zusammengetrieben, mit Eisenstangen erschlagen oder vor zahlreichen Zuschauern mit Benzin übergossen und lebendigen Leibes verbrannt[11].

Kirgisische Regierungsvertreter sprachen von 2000 bis 2500 Todesopfern[12]. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ sprach von einer Million Betroffener, denen es an Nahrungsmitteln und Trinkwasser fehle[13]. Viele sind traumatisiert.

Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass die Straßenschlachten, Morde und Pogrome gezielt provoziert wurden. „Was wir hier gesehen haben, zeugt davon, dass die usbekische Nachbarschaft systematisch zerstört und geplündert wurde“ berichtete Ole Solvang von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch[14]. Die UNO geht ebenso davon aus, dass die Unruhen lange vorbereitet wurden. „Die Gewaltakte scheinen fein abgestimmt, gezielt und gut geplant zu sein“, betonte die Menschenrechtskommissarin der UNO, Navi Pillay, in einem Interview[15]. Auch die damalige kirgisische Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa bestritt ethnische Ursachen der blutigen Auseinandersetzungen und bestätigte, dass die Armee „unzureichend ausgebildet, von Verrätern durchsetzt und zudem monoethnisch“ sei[16]. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit sprach von „versuchten ethnischen Säuberungen“[17].

Kinder und Jugendliche als Täter und Opfer

„Ich kam mit meinen kirgisischen Nachbarn immer gut aus“, berichtet Manzura Nargiza (42) aus dem Oscher Stadtteil Tcherjomuschki, in dem Kirgisen und Usbeken friedlich zusammen lebten.  „Jetzt sind hier 200 Häuser abgebrannt. Neben uns verbrannte eine siebenköpfige Familie, darunter meine 76-jährige Nachbarin mit ihrem Enkel auf dem Arm. Wir leben jetzt in Zelten. Noch immer wird jede Nacht geschossen und Jagd auf usbekische Männer gemacht. Sie wollen uns vertreiben, um auf unseren Grundstücken Hochhäuser errichten zu können!“. Nadir (18) fügt hinzu: „Ich habe mit meinem Freund per Handy 15 Minuten telefoniert bis er starb. Später habe ich ihn zusammen mit seiner Familie tot im Keller seines verbrannten Hauses gefunden!“.

An den blutigen Auseinandersetzungen waren Kinder und Jugendliche sowohl als Täter als auch als Opfer beteiligt. Täter und Opfer wohnen zum Teil in der gleichen Straße und besuchen die gleiche Schule. Sie mussten zusehen, wie Angehörige oder Nachbarn ermordet sowie Häuser geplündert und abgebrannt wurden. Viele flohen.  Einige legten als Teil des Mobs selbst Hand an. Insgesamt wurden 1200 Schüler[18] bei den Pogromen geschädigt. Fast alle leiden unter den psychischen Folgen der Traumatisierung.

Nach traumatisierenden Großschadensereignissen, wie z.B. interethnische Konflikte, ist für die Betroffenen nichts mehr, wie es vorher war. Das Alltagsleben wird durch die Folgen der Traumatisierung erheblich beeinträchtigt. Dies betrifft natürlich auch die Lebensprozesse von Schulorganismen. Schule im herkömmlichen Sinn funktioniert nicht mehr, weil auch Schüler und Lehrer unter Traumafolgen leiden.

Zu den häufigsten Symptomen nach Psychotraumata zählen Störungen der Konzentration und der Aufmerksamkeit, innere und motorische Unruhe sowie Erinnerungs- und Gedächtnisprobleme. Sogenannte Flashbacks, also zwanghafte, nicht steuerbare Erinnerungen, können zu einem ständigen Wiedererleben der traumatischen Situation führen und langfristig einem nachhaltigen Umbau der neuronalen Informationsverarbeitung im Gehirn mit sich bringen. Reize, die diese Wiedererinnerung auslösen (Trigger), werden zu vermeiden gesucht, was zu weitreichenden Konsequenzen im Sozialleben des Betroffenen führen kann. Hinzu können Ängste, Panikattacken, Albträume, Aggressionen und Impulsdurchbrüche, depressive Erscheinungen oder Gefühlsleere sowie Motivationsprobleme auftreten. Oft sind Rhythmusstörungen aller Art zu beklagen: Schlaf-, Ess-, Atem- und Verdauungsstörungen. Außerdem können Bewegungsunlust, Verkrampfungen und lähmungsartige Symptome (Schockstarre) zu verzeichnen sein. Ebenso sind psychosomatische Erkrankungen (Kopf- und Rückenprobleme, Asthma, Allergien usw.) möglich. Auch Regressionen können eintreten, wobei Kinder und Jugendliche in bereits überwundene Entwicklungsperioden zurückfallen (z.B. Bettnässen, Daumenlutschen, Babysprache)[19]. Traumatisierte Kinder und Jugendliche sind kaum mehr in der Lage, Regeln einzuhalten oder Autoritäten zu akzeptieren. Durch ihre erfahrene Hilflosigkeit und Ohnmachtserlebnisse haben sie den Glauben an Selbstwirksamkeit verloren. Sie sind durch das Trauma vergangenheitsfixiert und sehen keine Zukunftsperspektiven[20, 21].

Während in den ersten Wochen nach einer Katastrophe die genannten Symptome eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis darstellen, kann es bei einem Scheitern des Verarbeitungsprozesses hinsichtlich der traumatischen Erlebnisse zu massiven Trauma-Folgestörungen kommen. Dabei kann sich jedes Symptom zu einer eigenständigen Erkrankung entwickeln. Zu diesen Trauma-Folgestörungen gehört auch die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), deren langjährige Chronifizierung auch zu einem Biografiebruch im Sinne einer andauernden Persönlichkeitsveränderung auf Grund von Extremstress führen kann. Mögliche Konsequenzen sind dann der Verlust der Berufsfähigkeit, soziale Isolation in Folge sozialer Unverträglichkeit, Drogenabhängigkeit, Delinquenz und suizidales Verhalten[22].

Notfallpädagogik in den Schulen von Osch

„Unsere Schüler sind plötzlich unkonzentriert, passiv, unmotiviert und merkwürdig unselbständig. Sie haben keine Lust zum Lernen und können keine Regeln mehr einhalten. Die meisten Schüler sind schreckhaft, weinerlich und haben starke Ängste. Unseren Lehrern fallen viele Krankheiten der Schüler auf: Übelkeit, Kopfschmerzen, Essprobleme und Schlafstörungen!“, berichtet der Schulleiter Hpdjiburaeb Avazbek Hatamjanovich über die Veränderungen des Schülerverhaltens nach den Ereignissen im Sommer 2010.

Vor diesem Hintergrund entsandten die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. auf Anfrage des kirgisischen Bildungsministers Sadykov Kanat Jalilovitch ein notfallpädagogisches Kriseninterventionsteam. Zusammen mit Mitarbeitern der heilpädagogischen Einrichtung „Nadjeschda“ aus Bishkek sollte auf Grundlage der Waldorfpädagogik Kindern und Jugendlichen bei der Überwindung ihrer Traumata geholfen werden. Außerdem sollten Methoden pädagogischer Traumaarbeit in besonders betroffenen Schulen der Konfliktregion eingeführt werden. Organisiert wurde der Einsatz vom kirgisischen Ausbildungsdepartment unter der Leitung der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin und stellvertretenden Bildungsministerin Gaisha Ibragimova.

In der Stadt Osch gibt es 46 Schulen mit etwa 44.000 Schülern. 35 Schulen sind monoethnisch ausgelegt (15 kirgisische und 20 usbekische Schulen). Elf Schulen arbeiten als multiethnische Schulen. Die usbekische Schule Nr. 20 wurde bei den Auseinandersetzungen durch Brandstiftung zerstört.
Die notfallpädagogische Krisenintervention wurde in insgesamt vier Schulen mit jeweils etwa 350 Kindern an jeweils drei aufeinander folgenden Tagen durchgeführt.

Die usbekische Schule Nr. 69 (Tschingis Aitmatov) befindet sich in Vorort Nariman. Er gehört zum Zentrum der Pogrome. Drei Kinder der Schule verloren bei den Ausschreitungen ihre Eltern. Viele Familien flohen, kehrten aber inzwischen in das Dorf zurück. Andere usbekische Eltern der Schule wurden inhaftiert.

Die russische Schule Nr. 16 in Osch hat etwa 400 Schüler und viele Lehrer durch Flucht verloren. Die Zugänge zur Schule werden durch ein Sicherheits-Unternehmen überwacht. Im Stadtteil um die Schule herum bestimmen Kinderbanden das Leben, die offensichtlich mit korrupten Polizisten zusammenarbeiten. Erpressungen sind an der Tagesordnung. Die dort lebenden Kinder können ihre Wohnungen kaum verlassen und sind sozial isoliert. Ihre Eltern bilden Selbstschutzgemeinschaften, um den Kindern den Weg zur Schule gefahrlos zu ermöglichen.

Die kirgisische Schule Nr. 30 (Alieva) im Vorort Kenesch ist das Zentrum des Dorfes. Dort sieht man die Ursache des Konfliktes anders. Man spricht von bewaffneten usbekischen Provokationen. Die Eltern der Schule gehörten zu den ersten, die sich gegen den usbekischen Bevölkerungsteil erhoben. Sie zogen in der Nacht zum 11.06.2010 mit Eisenstangen bewaffnet in die usbekischen Stadtteile von Osch. Bereits einen Tag später waren sie mit Schusswaffen ausgestattet.

Die usbekische Schule Nr. 8 in Osch liegt nicht in der Konfliktzone. Sie steht aber genau neben einer abgebrannten usbekischen Diskothek. Auch dieser Schule ging die Hälfte der Schüler durch Flucht verloren. Dafür wurden die Schüler der abgebrannten usbekischen Schule Nr. 20 dieser Schule zugeteilt. Seither herrschen erhebliche soziale Konflikte.

Pädagogische Traumaarbeit mit Schülern, Eltern und Lehrern

Im Zentrum der notfallpädagogischen Krisenintervention standen Kunst, Rhythmus und Bewegung. Der Aufbau der Interventionen war  ritualisiert und der Tagesablauf rhythmisiert, um den Schülern durch äußere Strukturelemente Halt, Sicherheit und neue Orientierung zu geben.

Begonnen und abgeschlossen wurde in einem gemeinsamen Auftakt- und Abschlusskreis mit Liedern, eurythmistischen Übungen und Sprüchen. Dazwischen wurden zwei Workshop-Einheiten durchgeführt, wobei Formenzeichnen, rhythmische Übungen, Eurythmie, Kunsttherapie und Erlebnispädagogik angeboten wurden. Am jeweils letzten Arbeitstag erfolgte im Abschlusskreis eine kurze Präsentation von Arbeitsergebnissen der Workshops. Die Lehrer der Schulen wurden in einem „Learning-By-Doing-Verfahren“ so weit wie möglich in die Arbeit mit den Schülern integriert.
Die dreijährige Madinur fiel bei der Flucht nach Usbekistan in einen sechs Meter tiefen Graben. „Seither nässt sie wieder ein, kann nur einschlafen, wenn ich bei ihr bin und hat panische Angst vor lauten Geräuschen.

Außerdem hat sie seit dem Sturz ein Ekzem am linken Auge!“, berichtet ihre alleinerziehende Mutter. Die Ärztliche Versorgung scheitert an fehlenden Finanzmitteln. Eltern verstehen nach traumatischen Ereignissen oft das Verhalten ihrer Kinder nicht mehr und reagieren dann meist mit ungeeigneten pädagogischen Maßnahmen. Psychologisch-therapeutische Hilfsangebote existieren in der Region nicht. Psychopharmaka sind dort das Allheilmittel der Traumabehandlung. Deshalb wurden auch an den Schulen in Osch individuelle Elternberatungen durchgeführt und einzelne Kinder durch ihre Eltern der Ärztin und Psychologin vorgestellt. Darüber hinaus erfolgte Psychoedukation und Erziehungsberatung in Form eines Elternseminars mit dem Ziel, eine Eltern-Lehrer-Selbsthilfegruppe zu installieren.

Auch die Lehrer sind traumatisiert. „Es fällt mir alles schwer. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren und habe seit den tragischen Ereignissen keine Freude mehr am Unterrichten!“, sagt Sulfur (36). Ihre Kollegen berichten von posttraumatischen Motivationsproblemen, anhaltender Schreckhaftigkeit, Gedächtnisstörungen, panikartigen Ängsten und ehelichen Partnerschaftsproblemen. An die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sowie der Elternarbeit schloss sich deshalb eine jeweils dreitägige Seminararbeit mit dem jeweiligen Lehrerkollegium an. Arbeitsthemen waren Psychotraumatologie, Notfallpädagogik und Fragen der Unterrichtsgestaltung für traumatisierte Schüler. Neben den inhaltlichen Beiträgen standen auch in der Lehrerseminararbeit künstlerische Aktivitäten, Bewegung und rhythmische Übungen im Mittelpunkt. Eine ganztägige Seminareinheit für die Lehrer der vier Schulen widmete sich der Frage nach der Gestaltung der Schule als „sicheren Ort“.

Schule als „sicherer Ort“

Um traumatische Erlebnisse verarbeiten und in die eigene Biografie integrieren zu können, bedarf es eines Ortes, an dem man sich sicher weiß. In das innere und äußere Chaos, das Kinder und Jugendliche nach einem Trauma durchleben, muss eine heilsame Struktur eingefügt werden. Schutz und Sicherheit heilen! Schule kann zu einem solchen Ort der Sicherheit werden, von dem eine Stabilisierung ausgeht. Dabei sind strukturgebende Elemente zu berücksichtigen, die eine Schule zu einem sicheren Ort werden lassen[23].

Auf der physischen Ebene kann die klare Strukturierung von Räumen viel zur Entspannung und Stabilisierung traumatisierter Kinder beitragen. Dazu gehört die anregende kreative Gestaltung des schulischen Außengeländes mit Bewegungs- und Spielzonen sowie Ruheräumen ebenso, wie architektonische Formen des Schulgebäudes oder Fragen der Farbgestaltung. Farben und Formen beeindrucken, sind begrenzend und wirksam. Dies trifft auch auf die Strukturierung des Klassenzimmers zu. Eine feste Sitzplatzordnung ist für traumatisierte Kinder ebenso wichtig wie die Reduktion von Gegenständen und Materialien im Klassenzimmer. Sie benötigen auch eine konkrete Vorgabe für die Strukturierung ihrer Hefte. Nähe und Enge können traumatisierte Kinder sehr leicht überfordern. Deshalb sind Einzeltische besser als Sitzbänke oder Gruppentische. Die äußere Ordnung des Raumes wirkt innerer Chaotisierung entgegen, schützt vor Ablenkung und hilft wahrnehmungsgestörten Kindern, den Überblick zu bewahren. Deshalb sind geschlossene Schränke offenen Regalen vorzuziehen. Zur klaren Rahmengebung gehören neben der Raumstrukturierung aber auch eindeutig formulierte Verhaltensregeln. Klarheit, Transparenz und Ästhetik heilen!

Auf der Zeitebene geht es um die Rhythmisierung und Ritualisierung der einzelnen Unterrichtsstunden, des Tagesablaufes, des Wochenverlaufs, des Monats und des Jahreskreislaufes. Jede Unterrichtsstunde sollte von einem rhythmischen Atem durchzogen sein, der neben freien Gesprächsmöglichkeiten (Morgenkreis) kognitive Elemente (Lernstoff), rhythmische Elemente (Lieder, Gedichte, rhythmische Übungen) und Eigenaktivitäten des Schülers (Handlungselemente) enthält. Der Stundenplan sollte an den biologischen Tagesrhythmus des Schülers angeglichen werden und neben kognitiven Fächern auch künstlerische und handwerklich-praktische Fächer umfassen. Der Wochenrhythmus lässt sich u.a. durch Wochenanfangs- und Wochenabschlussfeiern der Schulgemeinschaft strukturieren. Epochenunterrichte, wie an Waldorfschulen üblich, können Monatsrhythmen unterstützen. Das Schuljahr schließlich kann durch Schulveranstaltungen und Jahreszeitenfeste gegliedert werden. Traumatisierte Kinder benötigen klare, halt- und sicherheitsgebende Zeitstrukturen, die ihnen Orientierung bieten. Offene Zeitstrukturen wirken auf sie eher bedrohlich und führen zu kompensatorischem Verhalten. Rhythmus und Ritualisierung heilen!

Auf der psychischen Ebene geht es vor allem um Beziehungsstrukturen. Die besten pädagogischen Techniken können die Lehrer-Schüler-Beziehung nicht ersetzen. Sie ist die Grundlage und Voraussetzung aller Lernprozesse. Traumatisierte Kinder und Jugendliche, mit ihrem herausfordernden, oft provokanten Verhalten müssen das Gefühl erhalten, erwünscht zu sein. Zu der erforderlichen positiven Nähe und Zuwendung kann eine persönliche Begrüßung per Handschlag beitragen. Aber auch das Nicht-Wegschauen bei Übergriffen ist Teil einer zugewandten Beziehungsarbeit ebenso wie Zuverlässigkeit und Kontinuität im Lehrerverhalten. Auch konstruktive Auseinandersetzung schafft Beziehung. Neben der Lehrer-Schüler-Beziehung gilt es auch Klassen und Gruppenbezüge als Ressourcen im Schulzusammenhang zu erkennen. Gruppenatmosphäre kann heilsam sein. Traumatisierte Kinder und Jugendliche benötigen stabile Beziehungen. Beziehung heilt!

Auf der biografischen Ebene kann Schule zu jenem Ort werden, an dem traumatische Erfahrungen korrigiert werden können. Schule muss zum Raum für positive neue Erfahrungen werden. Ohnmachtserlebnisse müssen durch Erfahrungen der Selbstwirksamkeit und Handlungskompetenz, Beziehungsabbrüche durch neue Bindungserfahrung und Selbstwertprobleme durch Stärkung des Selbstvertrauens ersetzt werden. Solche Korrekturen traumatischer Erfahrungen heilen!

Auch Sprache kann heilen! Traumatisierten Kindern hat es oft die Sprache verschlagen. Sie reagieren auf Ansprache höchst sensibel. Dabei achten sie mehr auf nonverbale Aspekte wie Intonation, Gestik, Körperhaltung  und Mimik. Auf der Sprachebene muss der Lehrer auf eine bildhafte, konkrete Sprache mit einfachen Satzkonstruktionen und positiven Formulierungen achten. Kritik wird meist auf Grund des mangelhaften Selbstwertes als Frontalangriff auf die eigene Person missverstanden. Aber auch Lob können manche traumatisierte Kinder nur schwer aushalten. Dies alles zeigt, dass der Lehrer an seiner Sprache und seiner Ausdrucksweise arbeiten muss.

Werden Raum-, Zeit-, Beziehungs-, biografische Strukturen und Sprachstrukturen in der Gestaltung von Schule und Unterricht beachtet, kann Schule zu einem „sicheren Ort“ werden, der zur Stabilisierung traumatisierter Kinder und Jugendlichen führt und bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen hilft.

„Danke, dass ihr uns wieder Freude in unser Leben gebracht habt!“

„Seit den Ereignissen im Sommer habe ich meine Schüler zum ersten Mal wieder glücklich erlebt!“, resümiert Schulleiter Hpdjiburaeb Avazbek Hatamjanovich von der Schule Nr. 69. Seine Kollegin Horeva Tatjana Vladimirovna von der Schule Nr. 16 fügt erstaunt hinzu: „Nach unseren Appellen laufen die Schüler in Windeseile davon. Nach Euren Abschlusskreisen bleiben alle erwartungsvoll stehen. Sie sind nicht satt und sehnen sich nach mehr!“.

Der Erfolg der Krisenintervention war an allen vier Schulen für jedermann wahrnehmbar. Die anfängliche Skepsis der kirgisischen Kollegen über die „spielerischen Methoden“ wich spätestens am zweiten Tag angesichts der sichtbaren Veränderungen der Schüler.

Der Einsatz wurde auch zu einem Medienerfolg. An einer einstündigen Pressekonferenz nahmen über 20 Journalisten teil. Drei kirgisische Fernsehsender sowie zahlreiche Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine berichteten ausführlich über die pädagogische Arbeit des deutschen Notfallteams.

Am 08.12.2010 reiste der kirgisische Bildungsminister Kanat Sadykov zu einem halbtägigen Besuch aus Bishkek an, um die notfallpädagogische Arbeit kennenzulernen. In einem einstündigen Gespräch übermittelte der Minister den Dank des kirgisischen Staates und zeichnete das Notfallteam mit einer Anerkennungsurkunde der kirgisischen Regierung aus: „Das Ministerium für Bildung und Wissenschaft der Kirgisischen Republik äußert dem internationalen Fond der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ große Dankbarkeit und Anerkennung für die Hilfe, die den Kindern und Lehrern nach den tragischen Ereignissen im Sommer 2010 im Süden unseres Landes geleistet wurde. Die Wiedergeburt eines Landes nach militärischen und ethnischen Konflikten fängt immer mit dem Lehrer an, mit seinem selbstlosen Werk, dem Mut und der Kraft des Geistes! Sie und Ihre Kollegen haben uns darin sehr wertvolle Hilfe geleistet“.

Die höchste Auszeichnung erhielt das Notfallteam allerdings von den Kindern und Jugendlichen. „Wenn wir so zusammengearbeitet hätten, wäre der Konflikt anders verlaufen!“, sagte eine 16jährige Schülerin der Schule Nr. 30 nach einem erlebnispädagogischen Training zur Sozialkompetenz und ihre Mitschülerin fügte hinzu: „Danke, dass ihr uns wieder Freude in unser Leben gebracht habt!“.[24]

Bernd R u f

Anmerkungen

[1] Dem Notfallteam gehörten an: Monika Görzel-Straube (Waldorfpädagogin), Christiaan Liedorp (Waldorfpädagoge), Lukas Mall (Erlebnispädagoge), Grit Malsch (Waldorfpädagogin), Kristina Manz (Koordinatorin), Yoko Miwa (Psychologin), Bernd Ruf (Sonderpädagoge und Einsatzleiter), Anna Slavinskaya (Dolmetscherin), Ulrike Preisser (Ärztin), Dmitri Vinogradov (Eurythmist), Heidi Wolf (Kunsttherapeutin), Sulfia Fosilowa (Waldorfpädagogin), Bakytbek Shorojew (Waldorfpädagoge), Gulnur Adshibekowa (Waldorfpädagogin).
[2] Ludwig, Michael: Fruchtbarer Boden für Tod und Gewalt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 15.06.2010.
[3] Kirgistan: Der geplante Konflikt. In: Fokus online, 15.06.2010, 18.09 Uhr. http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/kirgistan-der-geplante-konflikt-_aid_519857.html
[4] Bensheim, Marcus: Plünderungen und Massaker. Tageszeitung (TAZ), 14.06.2010
[5] Bensheim, Marcus: Jagd auf Usbeken. Tageszeitung (TAZ), 15.06.2010
[6] Laut UNO über 400.000 Flüchtlinge. ORF 16.06.2010
[7] Bensheim, Marcus: Usbeken haben um Hilfe gefleht. Tageszeitung (TAZ), 15.06.2010
[8] Veser, Reinhard: Die Usbeken haben sich verbarrikadiert. Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 20.06.2010
[9] Otr, dpa, apn: Hunderttausende flüchten vor blutigen Unruhen. Spiegel Online, 17.06.2010
[10]. Bensheim, Marcus; Böhm, Andrea; Voswinkel, Johannes: Menschenjagd. Die Zeit, 16.06.2010
[11] http://www.liveleak.com/view?i=10a_1277139336
[12] Ffr, dpa, AFP: Übergangsregierung rechnet mit 2000 Todesopfern. Spiegel Online, 18.06.2006
[13] Ohne Wasser und Nahrung. Frankfurter Rundschau, 20.06.2010
[14] Nagel, Christina: 2000 Tote in Kirgistan befürchtet. http://www.tagesschau.de/ausland/kirgistan356.html (18.12.2010)
[15] Kirgistan: Der geplante Konflikt. In: Fokus online, 15.06.2010, 18.09 Uhr. http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/kirgistan-der-geplante-konflikt-_aid_519857.html
[16] Bensheim, Marcus: Die Präsidentin fühlt sich sicher. Tageszeitung (TAZ), 16.06.2010
[17] „Humanitäre Katastrophe“: Kirgistan-Konflikt schwappt auf den Nachbarn Usbekistan über. Hamburger Abendblatt. http://www.abendblatt.de/politik/ausland/article1532687/Kirgistan-Konflikt-schwappt... (18.12.2010)
[18] Im Sinne einer besseren Lesbarkeit wird die männliche Form verwendet.
[19] Clemens Hausmann (2006): Einführung in die Psychotraumatologie, Wien.
[20] Jo Eckardt (2005): Kinder und Trauma. Göttingen.
[21] Andreas Krüger (2008): Akute psychische Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen. S. 29, Stuttgart.
[22] Luise Reddemann, Cornelia Dehner-Rau (20082): Trauma. Folgen erkennen, überwinden und an ihnen wachsen. Stuttgart.
[23] Jacob Bausum, Lutz Besser, Martin Kühn, Wilma Weiß (2009): Traumapädagogik. Weinheim/München.

 

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