Am 12.01.2010 erschütterte ein schweres Beben das Armenhaus der Karibik: Haiti. Hunderttausende Menschen wurden getötet, Millionen verletzt und obdachlos. Schon beim Anflug auf die Hauptstadt Port-au-Prince sind die unzähligen, nach dem Beben neu errichteten Elendsquartiere unübersehbar. In den Camps, in denen sich seit dem verheerenden Beben die Obdachlosen notdürftig eingerichtet haben, herrscht drangvolle Enge. Oft verbringen die Bewohner die Nächte stehend unter ihren blauen Zeltplanen, da gewaltige Wolkenbrüche die Lager zentimeterhoch überschwemmen. Anschließend versinken die Lager in knöcheltiefem Morast. Es ist Regenzeit in Haiti. Auch die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Trotz intensiver Bemühungen fehlt es immer noch an ausreichender Anzahl von Toiletten. Und noch heute sterben viele Menschen aufgrund mangelhafter hygienischer Umstände und fehlender medizinischer Versorgung an den Folgen ihrer Verletzungen.
Wie immer nach Katastrophen sind die Kinder am meisten betroffen.[1] Auf Haiti sind nach Angaben der britischen Hilfsorganisation „Save the Children“ zwei Millionen Kinder durch das Erdbeben akut gefährdet. Viele der kleinsten Bebenopfer sind auch heute noch auf sich alleine gestellt. Das Beben hat unzählige Kinder Haitis traumatisiert und zu Waisen gemacht. In dem kleinen Waisenhaus „My Father`s House“ leben die elf Monate alten Zwillinge Ericson und Erica. Ihre Mutter war während des Bebens hochschwanger. Die Kinder sind mit Infektionskrankheiten übersät und zeigen auffallende Anzeichen von Unterernährung. Ihr Blick ist leer und teilnahmslos. Auch die anderen 50 Kinder haben zum Teil Hungerödeme und wirken apathisch.
Diejenigen, die den psychotraumatisierten Kindern nun dringend Schutz, Halt und Neuorientierung bieten müssten, sind oft selbst durch die Katastrophe schwer belastet und traumatisiert: Eltern, Erzieher, Pädagogen, Sozialarbeiter, Ärzte, Therapeuten usw. Sie alle benötigen dringend materielle und psychische Unterstützung.
Im Februar und Mai 2010 führten die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.“ zwei notfallpädagogische Krisenintervention in Waisenheimen, Krankenhäusern, Schulen und Obdachlosencamps in Port-au-Prince und Léogâne durch. Neben der direkten Akuthilfe für über 600 Kinder konnten auch etwa 300 Pädagogen seminaristisch in notfallpädagogischen Erste-Hilfe-Maßnahmen geschult werden.
Im Mai 2010 fand in Port-au-Prince im Krankenhaus St. Damien der Hilfsorganisation „Unsere kleinen Brüder und Schwestern“ ein Tagesseminar für etwa 120 pädagogische Helfer aus über 16 slumartigen Notunterkünften der Hauptstadt statt. Auch Lehrer des „College Waldorf Steiner“ aus Port-au-Prince nahmen an dem Seminar teil. In Petit Goave konnten über 100 Mitarbeiter verschiedener Camps der „Kindernothilfe“ und einige Lehrer der waldorforientierten Schule „L‘ ecole du village“ aus Torbeck bei Les Cayes notfallpädagogisch geschult werden.[2]
Bereits vier Wochen nach dem großen Beben konnten die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ in Zusammenarbeit mit der „Kindernothilfe“ und der lokalen NGO „Acrederp“ in der zu 90 % zerstörten Kleinstadt Léogâne, die etwa 40 km westlich von Port-au-Prince liegt, ein waldorforientiertes Kinderschutzzentrum mit über 320 Kindern zwischen zwei und 17 Jahren eröffnen und in einem einwöchigen Intensivkurs etwa 30 örtliche Lehrer für diese Arbeit ausbilden. Inzwischen konnte mit dem Camp „Terre force“ in Mariannie bei Léogâne ein zweites Schutzzentrum mit waldorforientierten Elementen für weitere 300 Kinder aufgebaut werden.
Psychotraumata sind seelische Wunden. Psychische Traumatisierungen verlaufen gesetzmäßig. Nach einer Schockphase von ein bis zwei Tagen können vielfältige Symptome auftreten. Die traumatischen Erlebnisse verändern das Leben der Betroffenen. Sie leiden an ihren schrecklichen Erinnerungen, die sie zwanghaft überfallen und immer wieder Todesängste auslösen (Flashback). Sie können nicht vergessen. Für andere waren die Erlebnisse so unerträglich, dass sie das Geschehen ins Unterbewusstsein abdrängen und sich überhaupt nicht mehr erinnern können (Amnesie). Rhythmusstörungen aller Art können nach Traumatisierungen häufig auftreten. Sie zeigen sich in Form von Schlafstörungen, Essstörungen, Bewegungs- und Verdauungsstörungen. Hinzu kommen Konzentrationsstörungen, Nervosität und Übererregung. Viele Kinder sind nach traumatischen Erfahrungen traurig, depressiv und scheinen wie gelähmt. Andere sind aggressiv und hyperaktiv. Wieder andere sind gefühllos oder fühlen sich innerlich leer. Das Wesensgliedergefüge ist gelockert. Denken, Fühlen und Wollen dissoziieren. Lebensrückschau- und Panoramaerlebnisse können eintreten. Man kann verstehen, dass Kinder mit furchtbaren Erlebnissen alles zu vermeiden versuchen, was Erinnerungen an das traumatische Geschehen auslösen könnte (Trigger). Das können Orte, Personen, Gerüche, Gegenstände, Farben, Geräusche u.v.a. sein. Die Strategie des Vermeidungsverhaltens und irrationale Schuldgefühle beeinträchtigen schließlich das Alltagsleben und belasten die sozialen Beziehungen. Nach einer Traumatisierung ist nichts mehr wie zuvor.[3]
Bei etwa 75 % der Betroffenen lassen nach einem Erdbeben die Symptome im Laufe der Zeit immer mehr nach und verlieren sich zwischen vier und acht Wochen. Halten sie weiter an, spricht man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die therapeutischer Intervention bedarf. Etwa 25 % der Betroffenen erreichen diese Phase. Chronifiziert sie, kann es zu andauernden Persönlichkeitsveränderungen kommen, die meist zu einem Biografiebruch führt.
Die Interventionsmöglichkeiten nach einer Traumatisierung orientieren sich am Verlaufsprozess des Traumas. Die eigentliche therapeutische Traumabearbeitung beginnt i.d.R. erst in der Phase der Posttraumatischen Belastungsstörung, also nicht vor sechs bis acht Wochen nach der Traumatisierung. Die Zeit davor bezeichnet man als Stabilisierungsphase, die jeder Therapie vorweg gehen muss. In dieser Zeit setzen die notfallpädagogischen Kriseninterventionsmaßnahmen ein. Sie dienen der Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Opfers.
Notfallpädagogische Interventionen können traumatisierte Kinder stabilisieren. Sie können helfen, die belastenden Erlebnisse zu verarbeiten und sie in die kindliche Biografie zu integrieren.[4],[5] In Akutinterventionen können durch Steuerung der Augenbewegung Flashbacks unterbrochen oder durch Atemverlangsamung Panikattacken gemildert werden. Durch langsame, behutsame Veränderung traumatischer Träume im gemeinsamen Gespräch lassen sich Albträume verändern. Auch zwanghaftes, traumatisches Spiel lässt sich positiv beeinflussen, indem Pädagoge und Kind gemeinsam nach kreativen Lösungsmöglichkeiten suchen.
Der Volksmund spricht davon, dass einem der Schreck in den Gliedern sitze. Traumatische Verkrampfungen können durch Massagen und Einreibungen gelöst werden. Eurythmie, Bewegungsspiele, Sport, aber auch Wanderungen oder lediglich Spaziergänge wirken der lähmenden Bewegungsunlust entgegen und helfen bei der Verarbeitung von Psychotraumata.
Rhythmuspflege und Ritualisierung sind weitere Schlüsselbegriffe pädagogischer Nothilfe. Rhythmische Übungen stabilisieren die menschlichen Vitalkräfte und aktivieren die Selbstheilungskräfte. Der Wiederaufbau einer rhythmisierten Tagesstruktur hilft neue Ordnung in einer zusammengebrochenen, chaotisierten Welt zu schaffen. Ritualisierte Abläufe geben neuen Halt, Orientierung und Sicherheit.
Traumatische Erlebnisse sind meist nur dadurch bewältigbar, dass man lernt, über sie zu sprechen. Sich Ausdrücken ist auch ein Akt der Distanzierung. Kinder können dazu aber nicht gezwungen werden. Können sie über ihre Erlebnisse nicht sprechen, müssen andere kreative Ausdrucksmittel gefunden werden. Malen, Zeichnen, Musik und Tanz können solche heilenden Ausdrucksmittel sein.
Zu den besonders traumatischen Erlebnissen gehören Ohnmachtserfahrungen, die z. B. durch Verschüttung ausgelöst sein können. Als Erfahrung bleibt zurück, sein Leben nicht mehr gestalten zu können. Hinzu kommt die Zukunftslosigkeit in Folge der Vergangenheitsfixierung durch das Trauma. Die gemeinsame Planung und Durchführung von kleineren, vielleicht karitativen Projekten gerade im Jugendalter kann helfen, die Zuversicht in die eigenen Gestaltungskräfte zurück zu gewinnen und zu einer neuen Handlungskompetenz zu finden.
Gerade die Waldorfpädagogik mit ihrem ganzheitlichen, künstlerischen Ansatz und die anthroposophischen Therapieformen sind in besonderer Weise geeignet, die Symptome der Belastungsreaktion abzudämpfen, den Betroffenen zu stabilisieren, seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren und so der Entstehung einer Posttraumatischen Belastungsstörung entgegenzuwirken.
Bei einem Erdbeben stürzen für die Betroffenen nicht nur äußere Welten ein. Auch innere Welten werden zerstört. Dem Erdbeben folgt das Seelenbeben. Die äußeren Trümmerlandschaften entsprechen der Zerstörung seelischer Landschaften. Das sichtbare äußere Chaos ist auch Bild innerer Chaotisierung. Es bedarf deshalb nicht nur des äußeren Wiederaufbaus, sondern auch der inneren Reorganisation und Restrukturierung der Betroffenen.
Kinder benötigen nach katastrophalen Ereignissen neben kompetenter menschlicher Soforthilfe[6] äußere und innere Sicherheit. Das Kind muss real in Sicherheit sein und sich auch sicher fühlen. Ohne dieses Sicherheitserlebnis kann die seelische Wunde des Opfers nicht heilen.
In Katastrophengebieten werden deshalb seit geraumer Zeit von Hilfsorganisationen Schutzräume für Kinder errichtet: Child Friendly Spaces.[7] In strukturierten, sicheren Orten sollen Kinder pädagogisch begleitet spielen und sich treffen können. Es ist ein Ort, an dem die physischen, psychosozialen und spirituellen Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt werden sollen. Die Kinder können dort Fähigkeiten erwerben, die ihnen helfen, mit den Folgen der belastenden Ereignisse umzugehen. Ein Child Friendly Space ist der Versuch, möglichst viele Kinder nach einem katastrophalen Geschehen zu erreichen und mit ihnen altersgemäße Trauma-Bewältigungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Ein solches pädagogisches Schutzzentrum soll den Kindern Sicherheit, Struktur und Kontinuität vermitteln und so neues Vertrauen in sich, in Mitmenschen und in die Umwelt aufbauen.
Child Friendly Spaces werden meist von lokalen Mitarbeitern betrieben: Lehrern, Erziehern, Sozialarbeitern usw. Sie stehen grundsätzlich jedem Kind offen: Behinderten, Straßenkindern, Jungen und Mädchen. Politische, religiöse, kulturelle oder ökonomische Hintergründe spielen hier keine Rolle. Nach Möglichkeit sollte eine Einbindung des Kinderschutzzentrums in das lokale, kulturelle und soziale Umfeld erfolgen.
Das äußere Umfeld eines Child Friendly Space kann eine Schule, eine Kirche, ein Gemeindezentrum, ein Zelt oder ein offenes Camp sein. Entscheidend ist nur, dass sich die Kinder an diesem Ort sicher und geborgen fühlen können.
Unter inhaltlichen Gesichtspunkten bieten Child Friendly Spaces den Kindern innere und äußere Sicherheit. Sie sind räumlich und zeitlich übersichtlich strukturiert (rhythmische Tagesgestaltung, Ritualisierung), geben Raum für spielerische, künstlerische und projektbezogene Aktivitäten sowie für ausgiebige Bewegungsangebote (Sport, Gymnastik, Tänze, Bewegungsspiele).
Traumatische Erfahrungen sollten sprachlich ausgedrückt werden können, um bewältigt und verarbeitet zu werden. Dies kann aber nicht erzwungen werden. Deshalb müssen in einem Child Friendly Space Möglichkeiten geboten werden, traumatischen Gefühlen kreative Ausdrucksmöglichkeiten zu verleihen (Malen, Zeichnen, Theater, Tanz, Musik usw.).
Auch sollte neben einer Hygiene- und Gesundheitserziehung in einem solchen Kinderschutzzentrum auf psychohygienische Elemente und auf eine geeignete Psychoedukation („Nicht deine Reaktion ist unnormal, sondern dein Erlebnis!“) geachtet werden.
Da in Katastrophengebieten meist auch die Schulen zerstört sind und kein Unterricht stattfindet, ist ein Child Friendly Space schließlich auch eine Notschule. Dabei ist es notwendig, neben der informalen auch auf die formale Erziehung zu achten, wobei sich ganzheitliche Ansätze des Lernens geeigneter erwiesen haben als akademische Programme.
Da Eltern oft nach Katastrophen die Verhaltensreaktionen ihrer Kinder auf das traumatische Ereignis nicht verstehen, ist es wichtig, sie über die Folgen einer Traumatisierung aufzuklären und ihnen Einblicke in die Aktivitäten ihrer Kinder zu geben. Hierfür kann es hilfreich sein, am Rande eines Child Friendly Space einen Begegnungsort einzurichten. Dort können sich die Eltern der Kinder treffen, sich austauschen und gegenseitig Hilfestellung geben.
Kinderschutzzentren dieser Art bieten nach Katastrophen auch die Chance, Kinder zu identifizieren, die verletzt oder krank sind oder sonstige Hilfe benötigen. Außerdem können Kinder erkannt werden, deren Traumatisierungsgrad so hoch ist, dass sie dringender ärztlicher oder therapeutischer Unterstützung bedürfen.
Schließlich ist es von zentraler Bedeutung, dass die Kinder, die ein Child Friendly Space besuchen, durch eine Registrierung erfasst sind. Nur so lassen sich Kinder identifizieren, die keine Angehörigen mehr haben oder als vermisst gemeldet wurden.[8]
In Zusammenarbeit mit der „Kindernothilfe“ und der lokalen Nichtregierungsorganisation „Acrederp“ eröffneten die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ im Februar 2010 im Rahmen einer notfallpädagogischen Krisenintervention in der vom Erdbeben völlig zerstörten Kleinstadt Léogâne ein waldorfpädagogisch orientiertes Child Friendly Space für 320 Kinder zwischen zwei und 17 Jahren.[9] Auf dem Gelände der „New Mission“ konnte damals ein geeignetes Gelände gefunden, gesäubert und mit Flechtwerk und Seilen abgegrenzt werden. Innerhalb des Geländes wurden separierte, mit Planen als Sonnenschutz überdachte Räume geschaffen. Außerdem wurde eine Notküche aufgebaut und mit Inventar ausgestattet. Etwa 30 örtliche Lehrer wurden angestellt und in einem einwöchigen Intensivtraining auf ihre Arbeit vorbereitet.
Da die dortige Kirchengemeinde ihre Aktivitäten auf ihrem Grundstück wieder aufnehmen wollte, musste das errichtete Kinderzentrum auf ein nahegelegenes, mit schattenspendenden Bäumen bewachsenes Gelände umziehen. Außerdem konnte in Mariannie ein zweites Child Friendly Space für weitere 300 Kinder aufgebaut werden, das ebenfalls waldorfpädagogisch orientiert arbeitet.
Für die notfallpädagogische Traumaarbeit mit den betroffenen Kindern wurde eine wiederkehrende rhythmische Tagesstruktur mit vielen Ritualisierungen eingerichtet.
1. Interner Morgenkreis der pädagogischen Betreuer
Das Child Friendly Space beginnt mit einem gemeinsamen Spruch der pädagogischen Betreuer. Danach werden kurz organisatorische Einzelheiten des Tages besprochen. Eine gemeinsame Vertiefung und ein Lied beenden den pädagogischen Morgenkreis.
2. Sammlung der Kinder in altersspezifischen Gruppen
Jedes Camp beherbergt etwa 7 Gruppen mit individueller Namensgebung. Jede Gruppe wird von zwei Pädagogen geführt. Die Kinder sitzen auf einer Plane im Kreis.
3. Registrierung der Kinder
Die anwesenden Kinder werden erfasst: Name, Alter, Geschlecht, Herkunft, medizinische Besonderheiten.
4. Säuberung des Platzes
Der Platz wird zusammen mit den Kindern gesäubert. Neben hygienischen Gründen werden mit der Reinigungsaktion auch Elemente der Gesundheitserziehung und der ökologischen Erziehung verbunden.
5. Auftaktkreis für alle
Aus den Gruppen heraus werden die Kinder geordnet in einen großen Kreis geführt. Ein gemeinsames Auftaktlied wird gesungen. Es folgen rhythmische Klatsch- und Stampfübungen, Tänze und Lieder. Eine sich ein- und ausrollende Spirale wird mit allen Beteiligten vollzogen. Nach einem Lied wird der Kreis geordnet aufgelöst. Die Kinder kehren in einer Reihe zu ihren Gruppenplätzen zurück.
6. Workshops
In den Gruppen finden dann nach einem Frühstück einzelne Workshops statt: Im Formenzeichnen werden Lemniskaten geübt, im Malen aquarelliert, im Zeichnen Erlebnisse bildhaft ausgedrückt. Eine Gruppe eurythmisiert mit geschnitzten Stöcken und erübt das Ballen und Lösen mit dem ganzen Körper. Eine andere Gruppe bekommt derweil eine Geschichte erzählt, wieder andere Singen. In der erlebnispädagogischen Gruppenarbeit wird das Vertrauen in sich und Andere gestärkt, die Konzentrationsfähigkeit geübt und spielerisch soziale Kompetenz neu aufgebaut. Auch geht es um die Pflege der durch das Erdbeben oft schwer beeinträchtigten Basalsinne u.a. durch Seilspringen, Balanceübungen und Kneten. Da für einige Kinder auch die Schule wieder begonnen hat, werden diese Kinder bei ihren Hausaufgaben begleitet.
7. Mittagessen
Am Ende der Workshops erfolgt gruppenweise das Mittagessen. Oft ist es für die Kinder und auch die Lehrer der einzige Ort, an dem sie ein warmes Essen erhalten können. Beim Essen wird auch auf hygienische Maßnahmen und ritualisierte Formen geachtet. Ein Gebet wird gesprochen. Es ist in der Traumaforschung hinreichend bekannt, dass die Pflege eines spirituellen-religiösen Lebens ein wichtiger Schutzfaktor zur Traumabewältigung darstellt. Nach dem Essen werden die Kinder von ihren Betreuern geordnet aus der Gruppe in den Abschlusskreis geführt.
8. Abschlusskreis
Die Aktivitäten enden mit rhythmischen und eurythmischen Übungen, Tänzen und einem Abschlusslied.
9. Verabschiedung und Entlassung der Kinder
Die Kinder werden von ihren Betreuern verabschiedet und geordnet entlassen.
10. Abschlussbesprechung der pädagogischen Mitarbeiter
Im Anschluss an die Tagesaktivitäten des Child Friendly Space erfolgt ein Tagesrückblick der pädagogischen Mitarbeiter.
Mittels Ritualisierung und rhythmischer Tagesgestaltung soll eine Reorganisation zerstörter innerer und äußerer Rhythmen unterstützt werden. Rhythmus und Struktur geben Halt, Orientierung und Sicherheit. Dies ist die Grundlage für neue Vertrauensbildung in das Leben.
Vor dem Hintergrund entwicklungspsychologischer Aspekte und unter Berücksichtigung altersspezifischer Traumasymptomatik wurde für die Arbeit mit den Kindern der Child Friendly Spaces in Léogâne eine altersspezifische Differenzierung eingeführt:
Die Kleinkindgruppe für Kinder von zwei bis sechs Jahren orientiert ihren Tagesaufbau an Arbeitsformen des Waldorfkindergartens. Die Schulkinder im Alter von 7 bis 14 Jahren bilden eigene Gruppen und auch die Jugendgruppe „Novelle Vision“ für Jugendliche ab 15 Jahre führt in der Zeit der Workshops eigene Aktivitäten durch. So wurde z.B. ein Video-Projekt gestaltet, in dem die Jugendlichen, die dies wollten, sich von anderen Jugendlichen der Gruppe auf den Trümmern ihrer Häuser interviewen lassen konnten, um von ihren Erlebnissen zu erzählen und über ihre Zukunftshoffnungen zu sprechen.
Die ärztliche Sprechstunde in den Child Friendly Spaces in Léogâne haben gezeigt: viele Kinder und ihre Betreuer benötigen ärztliche Hilfe. Ärzte aber gibt es in der gesamten Region von Léogâne nicht. Traumatisierte leiden infolge ihres gestörten Immunsystems oft an fiebrigen Infekten. Manche reagieren mit psycho-somatisch bedingten Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen, Asthma, Allergien, Verdauungs- und Essstörungen. Manche leiden an entzündeten, schlecht heilenden Wunden. Die infizierte, vereiterte und mit Maden belegte Wunde eines Lehrers hätte zum sicheren Tod geführt, wäre der Zustand nicht während der Sprechstunde aufgefallen.
Andere Kinder suchen mittels ihrer körperlichen Beschwerden auch lediglich die Zuwendung eines Erwachsenen. Sie genießen es geradezu andachtsvoll, sich von der Therapeutin den Bauch mit Öl einreiben zu lassen oder die Bemühungen des Arztes zu verfolgen, der gerade den Grund ihrer Rückenschmerzen zu erkunden sucht.
Die beiden notfallpädagogischen Kriseninterventionen der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ zeigen nachhaltige Ergebnisse: In Mitten des haitianischen Chaos nach dem großen Beben konnten in den beiden waldorfpädagogisch orientierten Kinderschutzzentren in Léogâne kindgerechte Orte der äußeren und inneren Sicherheit geschaffen und aufrechterhalten werden. Die notfallpädagogische Traumaarbeit unter den zentralen Leitbegriffen: liebevolle Zuwendung, Freude, Spiel, Rhythmuspflege, Ritualisierung, künstlerische Aktivität und Bewegung zeigten bei den Kindern und Jugendlichen Erfolge bei der Bewältigung des traumatischen Geschehens. Hunderte von Pädagogen, Erziehern und Betreuern konnten in Port-au-Prince, Petit Goave und Léogâne in Psychotraumatologie und Notfallpädagogik fortgebildet werden. Die Konzeption der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ hat inzwischen nationale und internationale Beachtung und Anerkennung gefunden.
Um Nachhaltigkeit in den chaotischen Zuständen Haitis erzielen zu können, wird sich der Schwerpunkt der weiteren Unterstützung von der akuten Katastrophenhilfe zum strukturellen Wiederaufbau verlagern müssen. Dabei gilt es, differenzierte Zielsetzungen und Strategien für die weitere Arbeit in Haiti zu entwickeln.
Für die weitere Fortbildung der jugendlichen Campbetreuer in den Slums von Port-au-Prince im Umfeld des Kinderkrankenhauses St. Damien von „Unsere kleinen Brüder und Schwestern“ werden dabei zukünftig sicher andere Schwerpunkte zu setzen sein als für die Weiterqualifikation der pädagogischen Mitarbeiter der „Kindernothilfe“ in Haiti. Völlig andere Bedürfnisse und Erfordernisse wiederum wird die seminaristische Arbeit mit den Lehrerkollegien der waldorfpädagogisch orientierten Schulen in Port-au-Prince und Torbeck/ Les Cayes mit sich bringen.
Und noch anders stellt sich die Aufgabe der Weiterentwicklung der von den „Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ pädagogisch begleiteten, waldorfpädagogisch orientierten Kinderschutzzentren in Léogâne. Dort gilt es, die tägliche pädagogische Arbeit mit den Kindern zu supervisionieren. Die seminaristische Fortbildung der dortigen pädagogischen Mitarbeiter muss fortgesetzt und inhaltlich vertieft, die kollegiale Zusammenarbeit der Pädagogen ausgebaut werden. Auch gilt es, die Verwaltungsstrukturen zu stabilisieren. Ziel der Zusammenarbeit der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“, der „Kindernothilfe“ und der lokalen Nichtregierungsorganisation „Acrederp“ ist die Weiterentwicklung der Child Friendly Spaces in eine waldorfpädagogisch orientierte Schule mit Kindergarten.
Vor dem Hintergrund dieser Perspektive könnte sich auch eine intensive Zusammenarbeit der waldorfpädagogisch orientierten Schulen in Port-au-Prince und Torbeck/Les Cayes mit den Child Friendly Spaces in Léogâne ergeben. Die ersten Voraussetzungen hierfür wurden bei den Fortbildungsseminaren im Mai gelegt.
Um einen Beitrag der Waldorfpädagogik zum strukturellen Aufbau Haitis leisten zu können, werden geeignete Pädagogen und Finanzmittel gesucht. Es wird sicherlich große persönliche und finanzielle Anstrengungen bedürfen, um in den chaotischen Zuständen des vom Erdbeben zerstörten Haiti nach der notfallpädagogischen Akuthilfe nun strukturelle Wiederaufbauhilfe im Bildungssektor zu leisten. Aber die Kinder Haitis benötigen unsere nachhaltige Unterstützung. Sie werden die Gestalter der Zukunft Haitis sein. Die Arbeit in Haiti, dem Armenhaus der Karibik, hat gerade erst begonnen.
Bernd R u f
Anmerkungen:
[1] Haiti nach dem Erdbeben. Zwei Millionen Kinder sind in Gefahr. Stern.de, 15.01.2010.
[2] Clemens Hausmann (2006): Einführung in die Psychotraumatologie, Wien.
[3] Clemens Hausmann (2006): Einführung in die Psychotraumatologie, Wien.
[4] Harald Karutz, Frank Lasogga (2008): Kinder in Notfällen. Psychische Erste Hilfe und Nachsorge. Edewecht.
[5] Jo Eckardt (2005): Kinder und Trauma. Göttingen.
[6] Andreas Krüger (2008): Akute psychische Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart, S. 29.
[7] Save the Children: Child Friendly Spaces in Emergencies. A Handbook for Save the Children Staff.
[8] Worldvision: Child Friendly Spaces in Crisis Situations.
[9] Bernd Ruf (2010): Verzweifelt, verstört und verlassen. Notfallpädagogik für traumatisierte Kinder im vom Erdbeben zerstörten Haiti. In: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners, Rundbrief, Frühling 2010, S. 8ff.
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