Zur Jahreswende 2008/09 erschütterten kriegerische Auseinandersetzungen den Gaza-Streifen. Die dreiwöchigen Kämpfe forderten etwa 1400 Menschenleben, darunter viele Kinder. Über 5.500 Menschen wurden schwer verletzt. 22.000 Häuser und fast die gesamte Infrastruktur des Gaza-Streifens wurden zerstört. 80 Prozent der etwa 1,2 Millionen Einwohner leben seither unterhalb der von der UNO festgelegten Armutsgrenze, davon sind über die Hälfte Kinder unter 15 Jahren. Über den Gaza-Streifen ist nach wie vor eine Blockade verhängt. Die Versorgung erfolgt größtenteils über die mehr als 2.000 illegalen Tunnel im Grenzgebiet zu Ägypten.
Die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ waren bereits Ende Januar zu einer notfallpädagogischen Krisenintervention im Gaza-Streifen, mussten ihre Arbeit aber damals wegen der Schließung der ägyptischen Grenze vorzeitig abbrechen. Jetzt gelang es einem weiteren Notfallteam aus zehn Psychologen, Pädagogen und Therapeuten[1] mit Hilfe des Auswärtigen Amtes, über den israelischen Grenzübergang Erez nach Gaza zu gelangen und die Notfallpädagogik auf Grundlage der Waldorfpädagogik fortzusetzen. Die Arbeit wurde dort wieder aufgenommen, wo sie im Februar abgebrochen werden musste: im Waisenheim von Gaza-Stadt.
Viele Kinder im Gaza-Streifen können aufgrund der Schwere ihrer Verletzungen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Andere sind so schwer traumatisiert, dass sie sich in ihren Wohnungen verkriechen und mit Panikattacken reagieren, wenn sie das Haus verlassen sollen. Wieder andere werden in Folge ihrer psychopathologischen Veränderung, die das Trauma verursacht hat, schlicht von ihren verzweifelten Eltern versteckt und weggesperrt.
Farrah, 2½ Jahre, lebt mit den Überlebenden ihrer Familie in den Überresten ihres verbrannten Hauses in Nord-Gaza. Am 4. Januar 2009 trafen Phosphorraketen die Wohnung, in die sich 16 Familienangehörige schutzsuchend geflüchtet hatten. Farrahs Opa, Sadaka (45), und ihre Brüder Adavahim (14), Zad (12) und Hamsa (9) verbrannten. Ihre Schwester Shakes, (1½), wurde gerade gestillt, als sie durch die Druckwelle in den Tod gerissen wurde. Sechs weitere Familienangehörige verletzte der Angriff schwer. Farrah wurde zusammen mit ihrer Mutter Rada (20), in ein Militärhospital nach Ägypten verlegt. Der Versuch des Krisenteams, das Kind im Februar dort zu besuchen, scheiterte damals an bürokratischen Hürden. Ihre Mutter erlag ihren Verletzungen und auch Farrah ist von schwersten Phosphorverbrennungen gezeichnet. Zurück in Gaza werden ihre noch immer „rauchenden Wunden“ in einem Zelthospital notdürftig mit Silikonlappen abgedichtet.
Zu den schweren körperlichen Verletzungen kommen die nicht minder schweren psychischen Wunden. Das einstmals fröhliche Mädchen spielt seit dem schrecklichen Ereignis nicht mehr. Sie ist sozial zurückgezogen und leidet unter Ess- und Verdauungsstörungen. Jeden Abend erhält sie Schlaftabletten, um einschlafen zu können, wacht jedoch nachts schreiend und schweißgebadet von Albträumen auf. Farrah ist völlig auf ihren Vater Mohamed (24) fixiert. Auf jede Trennung reagiert sie hilflos und panisch. Ihre 45-jährige Oma Sabah Salama Al Suleima Abu Halami sagt zum Abschied leise unter Tränen:„Dieses Kind hat keine Zukunft!“. Farrah benötigt dringend medizinische und psychotherapeutische Hilfe im Ausland – ein Fall von vielen.
Einzelschicksale wie Farrah begegnen einem im Gaza-Streifen überall. Auch Monate nach der kriegerischen Katastrophe klaffen tiefe psychische Wunden vor allem in den Seelen der Kinder. Etwa 50% der über 500 Kinder, mit denen das pädagogische Notfallteam arbeitete, zeigen deutliche Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung.
In einem Sommercamp für Kinder im schwer beschädigten Stadtteil Jabaliya trifft das Team auf eine Gruppe mit etwa 60 Kindern. Die meisten zeigen Verhaltensauffälligkeiten. Viele versuchen, die Aufmerksamkeit durch aggressive Störungen zu erzwingen, streiten um die halt- und orientierungsbietende Hand der Betreuer im Kreisspiel oder um einen Fetzen Knetwachs. Andere ziehen sich mit fast depressiver Lähmung aus der Gruppe zurück. Mit Bewegungsübungen im Kreis wird versucht, an den oftmals erkennbaren Rhythmusstörungen, den Konzentrationsmängeln und an den Bewegungsstörungen (Hyperaktivität oder Bewegungsunlust) spielerisch zu arbeiten. Da der Schreck, wie der Volksmund sagt, oft in den Gliedern steckt, ist jede Art von Bewegung zur Lösung von inneren Blockaden und Lähmungen von besonderer Bedeutung.
Ähnliche Symptome sind auch bei den Kindern und Jugendlichen im Al Amal Institute for Orphanage, dem Waisenheim von Gaza-Stadt, zu beobachten. Vielen ist es unmöglich, über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen. Deshalb wird versucht, mittels Musik, Zeichnen, Malen, Kneten, Bewegung und Rollenspielen kreative Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen. Auch diese Kinder brauchen halt- und orientierungsgebende Rituale, um der durch die Kriegserlebnisse eingetretene Entgrenzung entgegenzuwirken und ihnen zu einem neuen Regelbewusstsein zu verhelfen. Etwa 20 Kinder beteiligen sich in tiefer Innerlichkeit an einem „Dornröschen-Spiel“. Die Mimik der Kinder beginnt sich langsam zu entkrampfen, die Blicke zu öffnen. Es ist, als würde nach einer seelischen Eiszeit durch wenige Sonnenstrahlen Tauwetter eintreten.
Auch in Salatine, einer Zeltstadt für Obdachlose im Nord-Gaza, spricht sich die Arbeit des Notfallteams wie ein Lauffeuer herum. In kurzer Zeit sind über 120 Kinder und viele Mütter beisammen. Das Leben im Lager ist armselig. Eine Stiftung organisiert dreimal wöchentlich ein warmes Mittagsessen. Zu der äußeren Not kommt die innere. Ranin, ein neunjähriges Mädchen, sah, wie am dritten Tag des Krieges eine Rakete in eine Menschengruppe einschlug und viele Menschen tötete. Sie war mit ihrer Familie auf der Flucht zu Verwandten nach Jabaliya. Seither ist ihr Leben verändert. Albträume rauben ihr den Schlaf, sie schreit jede Nacht, nässt wieder ein und schlägt aggressiv um sich. „Wir hatten Häuser, jetzt leben wir in Zelten. Keiner kümmert sich um uns. Was kann dieses Mädchen dafür, dass es jetzt ohne Hoffnung auf Zukunft im Zelt leben muss!“, sagt Mohammed Zaid, ein ausgebombter Bauer aus Nord-Gaza.
Senat El Samouni ist 37 Jahre alt. Wir treffen die völlig mittellose Frau mit zwei ihrer sechs überlebenden Kinder in einer Ruine in Zeitoun, einem südöstlichen Stadtteil von Gaza-Stadt. Zenab El Samouni berichtet, dass ihr Mann nach Aufforderung des israelischen Militärs ihr Haus verlassen habe und vor der Türe von Soldaten angeschossen worden sei. „Wir konnten ihn wegen der Blockade der Israelis nicht ins Krankenhaus bringen. Er starb vor dem Haus und musste dort 18 Tage liegen bleiben.[2] Ich war mit 15 Kindern alleine im Haus. Als die Soldaten ins Haus eindrangen, musste ich die ängstlich schreienden Kinder zusammenhalten. Bei der Hausstürmung erschossen die Soldaten dann meinen 4-jährigen Sohn Ahmet!“ Zenab El Samouni zeigt uns ein Bild der Kinderleiche und deutet auf eine Blutspur an der Zimmerwand.
Auf den Trümmern von Zeitoun leben die Überlebenden des Samouni-Clans, einer über 100-köpfigen Familie bäuerlicher Herkunft. Ihre Häuser wurden durch Raketenbeschuss größtenteils zerstört. 36 Familienmitglieder, darunter viele Kinder, starben. Vier Tage lang wurden die Rettungskräfte des Roten Halbmonds daran gehindert, den Verschütteten und Verletzten zu helfen. Schon während der ersten notfallpädagogischen Krisenintervention im Februar 2009 bildete die pädagogisch-therapeutische Betreuung der Kinder des Samouni-Clans einen Arbeitsschwerpunkt.
Die Wiederbegegnung war schockierend. Der 5-jährige Islam, dessen Vater und Mutter bei dem Angriff starben, leidet seither unter Panikattacken, Albträumen, nächtlichem Angstschweiß, Schlafstörungen, sozialem Rückzug und brennenden Allergien am Auge. Sein 15-jähriger Bruder Helmi erzählt leise weinend, wie er nach der Detonation der Rakete den abgetrennten Kopf seines Vaters auf seinem Schoße fand. Er leidet an den schmerzhaften Folgen einer missglückten Notoperation, die wegen einer Splitterverletzung am Bauch erforderlich war. Die Ärzte konnten ihm keine Hoffnung auf Besserung machen. Issa, 8 Jahre, der die Eltern und seine Geschwister verlor, bettelt seither alle Menschen an und spricht stereotyp immer dasselbe vor sich hin. Fast alle Kinder des Samouni-Clans leiden unter den seelischen Folgen ihrer schrecklichen Kriegerlebnissen. Das Ungeheuer Trauma zerfrisst ihre Seelen.
Die Kulisse ist bizarr. Inmitten eines riesigen Trümmerfeldes steht ein von uns errichtetes 300m2 großes Zelt, das Schutz vor der glühenden Sonne bieten soll. Darin gehen etwa 120 Kinder rhythmisch schreitend im Kreis.
Erlebnispädagogische Spiele und Zirkuspädagogik stehen auf dem Programm. Nicht weit entfernt ist in einem ehemaligen kleinen Lagerraum das Kunstatelier eröffnet. Es herrscht drangvolle Enge und emsiges Treiben beim Aquarellmalen und Formenzeichnen. Nebenan wird in der Ruine eines zerstörten Hauses, an dessen Wand das Blut des getöteten 4-jährigen Ahmet klebt, mit einer Kindergruppe Eurythmie geübt. Unter dem Schatten eines kleinen Baumes vor einem der drei übrig gebliebenen Häuser werden Kindergartenspiele mit Vorschulkindern durchgeführt. Es wird getanzt, gebastelt und musiziert.
Etwas weiter entfernt wird in einem Unterstand neben einem erkrankten Esel der 12-jährige schwer traumatisierte Mahmoud notfallpsychologisch betreut. „Soldaten in Panzern haben uns mit Rauch beschossen. Meine Schwester lag verletzt auf der Straße. Zwei Hubschrauber kreisten über ihr. Viele flohen. An der Tankstelle lagen viele Tote. Der Sohn meiner Schwester ist tot, ihr Mann ist tot, ein anderer Sohn meiner Schwester ist verletzt. Ich träume jede Nacht von Blut und Tod. In der Schule kann ich mich nicht mehr konzentrieren!“. Mahmoud war durch besonders brutale Bildinhalte aufgefallen.
Wir treffen Shaban und Issa wieder, die in dem Zimmer, in dem ihre Familie starb und israelische Soldaten nach Angaben der Familie hässliche Wandschmierereien hinterließen, begeistert mit uns Eurythmie machten. Auch Almesa und Zenab, die beiden 13-jährigen Mädchen, erkennen uns sofort wieder. Almesa klammerte sich nach eigenen Angaben vier Tage unter Schutt an ihre toten Eltern. Sie erzählte uns, wie sie verzweifelt versucht habe, das Ungeziefer zu verscheuchen, das die Leichname zu fressen begann. Beide Mädchen erschienen inzwischen wie „zwanghaft“ gereift. Sie beteiligten sich engagiert beim Malen. Als Almesa ihr Gemälde fertiggestellt hatte, war als Untertitel zu lesen: „Warum habt ihr unsere Kindheit zerstört!“.
Trauma steckt an. Kinder, die kein direktes traumatisches Geschehen erlebt haben, können allein durch eine Traumatisierung der Eltern infiziert werden. Man spricht dann von einer „sekundären Traumatisierung“. So berichtet die 60-jährige, 7-fache Mutter Mohammadeya El Samouni, von ihrem eigenen, durch den Tod zweier Kinder verursachten Trauma im Zusammenhang mit Erziehungsproblemen: „Ich war mit der restlichen Familie auf der Flucht nach Gaza-Stadt und habe meine beiden Kinder nicht sterben sehen. Ich träume immer noch von den toten Kindern und kann einfach nicht glauben, dass sie tot sind. Auch in der Realität sehe ich sie. Mir begegnen meine toten Kinder immer wieder auf der Straße!“
Kinder zeigen oft als Folge psychotraumatischer Erlebnisse psychosomatische Reaktionsbildungen oder Verhaltenssymptome, die für Eltern und Erzieher eine pädagogische Herausforderung darstellen. „Meine Kinder bekommen nachts immer Angst. Sie weinen, schreien und machen ins Bett. Meine siebenjährige Tochter hat seit dem Krieg Angst vor allem, was sich bewegt!“, berichtet die 24-jährige Rana Zayed, eine Mutter von drei Kindern. „Alle Kinder haben Angst, besonders wenn Flugzeuge kommen!“, fügt Ebtesam Talmes, 42 Jahre und 10-fache Mutter, hinzu. Und die 35-jährige Somaya El Sultan, Mutter von 6 Kindern, ergänzt: „Mein 3-jähriger Sohn hat sogar Angst vor Vögeln. Er will immer schlafen!“
Ähnliche Berichte traumatischer Reaktionen und Symptombildungen erhalten wir bei unseren Gesprächen im Gaza-Streifen in vielen Variationen. „Viele unserer Kinder streiten ununterbrochen. Sie sind aggressiv, werden immer störrischer und akzeptieren keine Regeln mehr!“, klagt Sahar Samouni, 37 Jahre, Mutter von 10 Kindern, und fügt hinzu: „Aber auch die Erwachsenen sind gestresst und aggressiv. Sie verlieren sehr schnell die Geduld!“ Andere Eltern berichten, dass ihre Kinder plötzlich ihren Vorgaben nicht mehr folgen und sogar nach ihnen schlagen würden. Viele Eltern sind verzweifelt, verstehen das Verhalten ihrer Kinder nicht mehr und wissen sich nur noch durch Prügelstrafen zu helfen, was sicher nicht zur Heilung und Gesundung der Kinder beitragen wird.
Auch Berichte von regressivem oder selbstverletzendem Verhalten von Kindern sind allgegenwärtig. Somaya El Sultan aus Salatine erzählt: „Bereits vier Monate vor dem Krieg hatte ich meinen 3-jährigen Sohn abgestillt. Während der Bombenangriffe verlangte er wieder nach meiner Brust. Erst, wenn er sie erhielt, hörte er auf zu schreien. Auch heute noch schreit er, wenn er die Brust nicht erhält. Er ruft dann immer wieder: ‚wir sind die nächsten!‚“. Eine andere Mutter berichtet von ihrem 4-jährigen Sohn, der sich die Daumenkuppen aufbeißt, bis es blutet.
Die erzieherische Not im Umgang mit psychotraumatischen Symptomen ist groß und macht Elternberatung unumgänglich. Deshalb richtete das pädagogische Notfallteam in Zeitoun und Salatine gut besuchte Sprechstunden zur Elternberatung ein. In nach Männern und Frauen getrennten Gesprächskreisen wurden die sorgenvollen Fragen der Eltern entgegen genommen und nach pädagogischen Lösungsansätzen im Rahmen des kulturellen Kontext gesucht. Dabei spielten die Aspekte Liebe, Zuwendung und Geborgenheit, Rhythmus und Ritualisierung (Tagesgestaltung, Essen, Schlafen), Bewegung und Spiel (Ballspiele, Seilspiele, Schaukeln, Kreisspiele), künstlerische Betätigung (Malen, Zeichnen, Kneten, Basteln), Körperkontakt (Einreibungen, Massagen) und die Pflege spirituell-religiöser Gefühle eine zentrale Rolle. Wichtig war auch, den Eltern Notfalltechniken zu zeigen, mittels deren sie auftretende Panikattacken durch Atemtechniken und zwanghafte Erinnerungen (Flashbacks) durch Augenbewegungen zu unterbrechen versuchen können. Bei den Ratschlägen handelte es sich um stabilisierende Notfallmaßnahmen vor dem Hintergrund meist fehlender professioneller Behandlungsmöglichkeiten.
Auf dringende Bitte unseres Kooperationspartners im Gaza-Streifen, dem Gaza Community Mental Health Programme, veranstaltete das Notfallteam der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ einen viertägigen Fortbildungskurs für Pädagogen und Therapeuten im Al Qattan Centre in Gaza-Stadt, den etwa 100 Teilnehmer begeistert besuchten. Nach der Auftaktveranstaltung wurden täglich Referate zu entwicklungspädagogischen Fragestellungen im psychotraumatischen Kontext gehalten.
Neben allgemeinen Fragen der Psychotraumatologie und der Notfallpädagogik ging es vor allem um die kindliche Entwicklung im ersten und zweiten Jahrsiebt und Entwicklungsstörungen angesichts traumatischer Erlebnisse. Es folgten praktische Arbeitsgruppen in Eurythmie, Malen und Formenzeichnen, Erlebnispädagogik, Sandspieltherapie und Kinderspiel im Vorschulalter. Tägliche gemeinsame Abschlusskreise mit rhythmischen Bewegungsübungen und gemeinsamen Singen rundete die Kurse ab. Am Abschlusstag wurden im Plenum die Ergebnisse der „Workshops“ präsentiert und mit einer Fragen- und Gesprächsrunde das Trainingsprogramm abgeschlossen. Ein Teilnehmer fasste das Ergebnis der Veranstaltung zusammen: „Diese Pädagogik gibt Kraft!“.
In einem Evaluationsgespräch am letzten Arbeitstag fand eine erste Auswertung des pädagogischen Nothilfeeinsatzes zusammen mit der Leitung des Gaza Community Mental Health Programme statt. Der Leiter der psychologischen Abteilung, Hasan Shaban Zeyada dankte dem Notfallteam für die engagierte Arbeit mit den betroffenen Kindern und Eltern sowie für die vielen kreativen Anregungen durch die Fortbildungskurse: „Es sind schon viele Experten nach Gaza gekommen und haben Theorien verbreitet. Ihr habt durch eure praktische Arbeit überzeugt. Wir sind durch die ununterbrochene Traumaarbeit ausgezehrt und betriebsblind geworden. Wir brauchen euren Blick von außen und eure kreativen Anregungen. Bitte lasst uns nicht alleine! Bitte kommt wieder!“
Angesichts des unvorstellbaren Ausmaßes seelischen Leidens in Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen werden die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ nach Aufarbeitung des zweiten Nothilfeeinsatzes über Konsequenzen und weitere Perspektiven nachdenken müssen. Vielleicht lassen sich in Zusammenarbeit mit dem Gaza Community Mental Health Programme und anderen Partnern Konzeptionen entwickeln, die über die notfallpädagogische Akuthilfe hinaus Perspektiven für eine waldorfpädagogische Aufbauhilfe bieten.
Und dann bleiben da noch viele konkrete Einzelschicksale, deren Not nach kreativen Lösungen ruft: die 2½-jährige, phosphorverbrannte Farrah, deren Oma für sie keine Zukunftshoffnungen sieht; der 5-jährige Mohammed, dem ein Panzerfaustsplitter den rechten Arm zerstörte und dem eine qualifizierte Nachoperation eine Armamputation ersparen könnte; der 6-jährige Karam Nedal Awad, der seine Bewegungen nicht koordinieren kann und der dringend einer langfristigen Therapie bedarf; oder der 43-jährige, mittellose Mazen, dem eine Kugel die Halswirbelsäule verletzte sowie das Rückenmark beschädigte und dem eine deutsche Unfallklinik eine Behandlung in Berlin für 154.000 Euro, zahlbar im Voraus, anbot. Konkrete Menschen in konkreter Not. Werden ihre Hilferufe gehört werden?
Was bleibt? Was konnten wir erreichen? Die auf anthroposophischer Menschenkunde basierende Waldorfpädagogik erfüllt alle Kriterien, die für eine stabilisierende pädagogische Wirkung auf Kinder nach Extremerlebnissen erforderlich sind und ihre Selbstheilungskräfte anregen. Würden auch alle pädagogischen Maßnahmen wirkungslos bleiben, blieben doch die unvergesslichen Augenblicke, wo Kinder durch menschliche Zuwendung zur Sprache zurückfinden, wo Kinderaugen wieder zu strahlen beginnen oder „eingefrorene“ kindliche Mimik wieder auftaut und Leben zurückkehrt.
Solche freudigen Momente erhöhen die Bereitschaft des Organismus zur Gesundung. Es gibt Studien der Universität Pittsburgh[3], die den Zusammenhang zwischen dem Stressniveau einer Person und der Wahrscheinlichkeit, an einer Erkältung zu erkranken, vorhersagen. Stress, Wut, Ärger oder negative Erinnerungen lösen für einige Minuten chaotische Herzrhythmen aus, in deren Folge das Immunsystem für etwa sechs Stunden geschwächt wird. Die Immunglobuline, die in den Schleimhäuten ständig neu gebildet werden und dort vor Infektionen schützen, fallen nach Stress deutlich ab, was die Widerstandskraft des Organismus schwächt. Daher hat auch jeder nach einem traumatischen Erlebnis ein deutlich erhöhtes Infektionsrisiko. Umgekehrt führen Freude, Empathie-Erleben und positive Erinnerungen zur Herzkohärenz sowie zur Erhöhung der Produktion von Immunglobulinen und damit zu einer Erhöhung der Widerstandskraft. Freude regt Selbstheilungskräfte an, Freude heilt!
Auf solchen menschenkundlichen Zusammenhängen und Erkenntnissen bauen die Maßnahmen der waldorfpädagogischen Notfallpädagogik auf. Sie zum Wohle von Menschen in extremen Notsituationen wirkungsvoll auszubauen wird Aufgabe der nächsten Jahre sein.
Bernd R u f
Anmerkungen
[1] Dem Kriseninterventionsteam der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ gehörten an: Manfred Hartmann (Pädagoge), Friedgard Kniebe (Kleinkindpädagogin), Peter Lang (Diplompädagoge), Lukas Mall (Erlebnispädagoge), Kristina Manz (Assistenz), Bernhard Merzenich (Heilpädagoge und Eurythmist), Yoko Miwa (Psychologin), Bernd Ruf (Sonderpädagoge und Einsatzleiter), Anni Sauerland (Erlebnispädagogin), Heidi Wolf (Kunsttherapeutin), Yehia Hassouna (Übersetzer).
[2] Auf unsere zweifelnde Nachfrage wurde diese Angabe nochmals bestätigt. Auch andere Zeugen bestätigten, dass während der Besatzungszeit keine Toten bestattet werden durften.
[3] Vgl. Servan-Schreiber, David (2006 10): Die neue Medizin der Emotionen. München. S.78ff.
Notfallpädagogik
Büro Karlsruhe
Neisser Str. 10
76139 Karlsruhe
Tel.: 0721 354806-144
Fax: 0721 35455974
E-Mail: notfallpaedagogik@freunde-waldorf.de