Gaza: Februar 2009

„Welcome to Gaza“

Notfallpädagogische Krisenintervention in den Trümmern von Gaza

Die pädagogische Nothilfe für psychotraumatisierte Kinder im Gaza hat begonnen. Ein Kriseninterventionsteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners arbeitete vier Tage in den Trümmern von Gaza, um traumatisierten Kindern in einer pädagogischen Akuthilfe mittels waldorfpädagogischer Methoden beizustehen. Die von israelischen Freunden angeregte notfallpädagogische Krisenintervention ist ausschließlich humanitär motiviert.

Der Gaza versinkt in Not und Verzweiflung

Wadi ist ein 18 Monate alter Junge. Er gehört dem Samouni-Clan an – einer über 100-köpfigen Großfamilie einfacher bäuerischer Herkunft, die zu trauriger Berühmtheit gelangte. Kinder und Erwachsene der Familie berichten uns:

"Beim Einmarsch israelischer Truppen am 27./28. Januar 2009 in Zeidoun [einem südöstlichen Stadtteil von Gaza-Stadt] wurde der Clan aufgefordert, sich in einem Haus zu versammeln. Dann wurde das Haus von einem Hubschrauber aus beschossen. 36 Familienmitglieder, darunter viele Kinder, starben. Vier Tage lang wurden die Rettungskräfte des Roten Halbmonds daran gehindert, Verletzte zu versorgen und Tote zu bergen. Wadi lag in dieser Zeit neben seiner toten Mutter. Er hatte weder Essen noch Trinken. Ab und zu schütteten Soldaten einen Eimer kaltes Wasser über ihn."

Seither ist Wadi verstummt. Sein leerer Blick fixiert nichts mehr. Mit dunklen Augen starrt er stumpf in die Welt. Seinem Vater wurde der Arm abgetrennt, er liegt jetzt in einem ägyptischen Militärkrankenhaus. Auch Shaban, 9 Jahre alt, musste nach eigenen Angaben hilflos zusehen, wie seine Eltern und alle seine Geschwister von Soldaten erschossen wurden. Wir treffen beide Kinder auf der Schutthalde ihrer ehemaligen Wohnstätte gleich neben einem Schild mit der Aufschrift: „Welcome to Gaza“.

Bei der mehr als drei Wochen dauernden Militäroffensive im Gaza-Streifen wurden nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza mindestens 1.415 Menschen getötet und etwa 5.500 verletzt. Die UNO geht davon aus, dass es sich bei der Hälfte der Opfer um Zivilisten handelt. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist durch die militärischen Angriffe und die hermetische Blockade des Gaza-Streifens ebenso zusammengebrochen wie die Wasser- und Stromversorgung sowie die Versorgung mit Lebensmitteln und Hilfsgütern. Alles, was zum Überleben der Menschen erforderlich ist, muss durch die etwa 2.000 illegalen Tunnel an der Grenze zu Ägypten geschmuggelt werden. Die meist jugendlichen Gräber verdienen etwa 100 Schekel pro Meter. Viele Menschen leben seit dem täglichen Bombardement in dem Tunnelsystem, um Schutz zu finden oder weil ihre Wohnungen zerstört wurden.

Über 22.000 Häuser wurden durch die Angriffe im Gaza unbewohnbar. Ihre Bewohner leben jetzt meist auf Trümmern oder in notdürftigen Zeltstädten. Von morgens bis abends sind entlang der Küste die Maschinengewehrsalven zu hören. Kleine wendige Militärboote machen Jagd auf Fischer, um Waffenschmuggel zu verhindern. Schon vor dem Ausbruch des militärischen Konflikts lebten im Gaza 80% der Bevölkerung unterhalb der von der UNO festgelegten Armutsgrenze. Jetzt frieren und hungern sie. „Es ist herzzerreißend, es ist schockierend, mir fehlen die Worte“, formulierte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon seine Eindrücke bei einem Besuch des Krisengebiets.[1]

Im Vorhof der Hölle

Seit Beginn der blutigen Auseinandersetzungen am 27. Dezember 2008 herrscht im zentralen Al Shifa Hospital in Gaza Stadt drangvolle Enge und für westliche Augen chaotisches Treiben. Überall werden auf den überfüllten Gängen Patienten notversorgt, Reanimationen durchgeführt und offene Wunden behandelt. Ständig werden auch jetzt noch Opfer des täglichen Raketenbeschusses eingeliefert. Das medizinische Personal, das in den zurückliegenden Wochen Übermenschliches geleistet hat, ist zermürbt und ausgepowert. Die kriegswunden-erfahrenen Ärzte wurden mit Verletzungen konfrontiert, die sie zuvor nie gesehen hatten.

Der im Al Shifa-Hospital dienstleistende norwegische Notfallspezialist Dr. Mads Gilbert berichtet von deutlichen Beweisen dafür, „dass die Israelis eine neue Art hochexplosiver Waffe einsetzen, die DIME (Dense Inert Metal Explosive) genannt wird und mit einer Wolframlegierung hergestellt ist“.[2] Die Reichweite der DIME betrüge etwa 10 Meter und die Detonation verebbe sehr schnell. Die Menschen aber, die von der Explosion getroffen werden, verschmelzen oder werden wie mit einem Skalpell zerschnitten. Die Granate explodiert etwa 30 cm über der Erde. Dies erkläre die messerscharfe Amputation von Gliedmaßen Erwachsener und die bisher in Kriegen völlig unbekannte Art von Bauch- und Kopfverletzungen von Kindern. „Ich habe einen 10-jährigen Jungen behandelt. Die ganze Brust war mit Fragmenten der Bombe gefüllt. In seinem Schoß lag das abgetrennte Bein eines anderen Menschen (...) er starb uns unter den Händen“.[3] Bei denen, die überleben, drohen langfristig Krebserkrankungen.

Vor dem Al Shifa Krankenhaus stehen die Wracks zerschossener Krankenwagen des Roten Halbmonds. Daneben steht ein Zelt mit den Resten von Granaten und eine Bilderausstellung des Alltags im Al Shifa Hospital aus den vergangenen Wochen. Wer das Zelt betritt, kommt in den Vorhof der Hölle. Doktor Mads Gilbert kommentiert: „Was hier zur Zeit im Gaza passiert, verstößt gegen internationales Recht, es ist gegen die Menschlichkeit, und ich bin der Meinung, dass es gegen das verstößt, was es heißt, ein anständiger Mensch zu sein!“.[4]

Aus Opfern werden Täter - Pädagogische Nothilfe als Antiterror-Prävention

Über die Hälfte der 1,5 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung Palästinas ist unter 15 Jahre alt. Das Leid der Kinder im Gaza lässt sich kaum in Worte fassen. Unzählige Kinder wurden getötet, verletzt oder waren ohnmächtig dem Inferno von Tod und Zerstörung ausgesetzt. Viele wurden durch die schrecklichen Erlebnisse psychotraumatisiert und bedürfen dringender Hilfe.

Psychotraumata
Psychotraumata entwickeln sich phasenspezifisch. Nach dem „Schockerlebnis“ der Katastrophe und einer ein- bis zweitägigen „Akutphase“ kommt es zu einer Periode, die individuell verschieden etwa vier bis acht Wochen andauern kann. In dieser Zeit können diverse Symptome als „Posttraumatische Belastungsreaktion“ auftreten: psychosomatische Beschwerden aller Art, Konzentrationsschwierigkeiten, Ängste, Panikattacken, Alpträume, Schlafstörungen, Wut, Aggression, selbstverletzendes Verhalten, völlig irrationale Schuld- und Schamgefühle, Bewegungsunlust oder Hyperaktivität, zwanghaftes Erinnern (Flashback) oder Amnesie, Depression, Vermeidungsverhalten usw. Dies alles sind normale Reaktionen auf völlig unnormale Erlebnisse. Im Laufe der Zeit lassen die Symptome meist von alleine immer mehr nach. Der Betroffene verarbeitet sein Erleben.

Erst wenn dies nicht geschieht, kommt es zur therapiebedürftigen psychischen Erkrankung. Man spricht dann von einer „Posttraumatischen Belastungsstörung“. Statistisch entwickeln etwa 50% der Kriegsopfer ein solches Störungsbild. Die „Posttraumatische Belastungsstörung“ kann über mehrere Jahre anhalten und zu einer „andauernden Persönlichkeitsveränderung“ führen. Dann besteht die Gefahr eines Biografiebruches. Antisoziales Verhalten, ständiges Misstrauen, Sucht- und kriminelles Verhalten können auftreten. Aus Opfern werden Täter.

Notfallpädagogik setzt in jener Phase der „Posttraumatischen Belastungsreaktion“ an, in der sich entscheidet, ob das traumatische Erleben aus eigenen Kräften verarbeitet werden kann, oder ob das Krankheitsbild der „Posttraumatischen Belastungsstörung“ entwickelt wird. Im Vordergrund stehen dabei nicht traumatherapeutische Ansätze, sondern pädagogisch-therapeutische Methoden auf Grundlage des anthroposophischen Menschenverständnisses. Die Selbstheilungskräfte des Opfers sollen angeregt werden, das traumatische Erlebnis zu verarbeiten und in die eigene Biografie zu integrieren.

Durch Rhythmuspflege und Ritualisierungen sollen die durch das Trauma zerstörten Rhythmen des Organismus harmonisiert werden. Bewegungstherapeutische Ansätze oder Massagen helfen, Verkrampfungen zu lösen. Kunsttherapeutische Herangehensweisen können kreative, nonverbale Ausdrucksmöglichkeiten für das eigentlich Unsagbare schaffen. Durch die Planung und Umsetzung von Projekten ist es möglich, erfahrene Ohnmacht zu überwinden und zur eigenen Handlungskompetenz zurückzufinden. Erlebnispädagogik soll dazu beitragen, Selbstvertrauen und Vertrauen in Andere wiederherzustellen, und durch das einfache Schmieden von Plänen kann die Möglichkeit eröffnet werden, dem Verhaftetsein in zwanghaften Erinnerungen zu entfliehen und dem Zukunftsverlust, den das Trauma mit sich bringt, zu entkommen.

Almesa und Zenab sind zwei 13-jährige Mädchen, die zu den Opfern aus dem Samouni-Clan gehören. Almesa klammerte sich nach eigenen Angaben vier Tage lang unter dem Schutt an ihre toten Eltern. Sie erzählt, wie sie verzweifelt und mit letzter Kraft versucht habe, das Ungeziefer zu verscheuchen, das die Leichname zu fressen begann. Auf die Frage, wie es mit ihr weitergehen werde, antwortete sie mit tränenerstickter Stimme: „Wenn ich groß bin, werde ich zu den bewaffneten Brigaden gehen und alle die töten, die meine Familie ermordet haben!“.

Gelingt es nicht, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten, drohen in letzter Konsequenz weitreichende und nachhaltige Persönlichkeitsveränderungen. Aus Opfern können dann Täter werden. Die unbewältigten Kriegserlebnisse der Kinder im Gaza bieten den Nährboden für eine neue Generation von Terroristen und Selbstmordattentätern.

Das Leid der Kinder – „Die seelischen Zerstörungen sind noch größer als die materiellen“

Angesichts der Erfahrung mit der Situation von Kindern in Kriegsgebieten oder nach Naturkatastrophen – zuletzt 2006/07 vier Einsätze im Libanon sowie 2008 im Erdbebengebiet von Sichuan/China – entsandten die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners ein 15-köpfiges Notfallteam aus anthroposophischen Ärzten, Therapeuten, Waldorfpädagogen und Dolmetschern in den Gaza, um traumatisierten Kindern und ihren Familien in einer pädagogischen Akuthilfe beizustehen.[5]

Kooperationspartner der „Freunde“ im Gaza war das „Gaza Community Mental Health Centre“ in Gaza-Stadt, ein nichtstaatlicher Dachverband für psychische Gesundheit, der mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammenarbeitet. Das Zentrum war am 27. Januar selbst durch einen Raketenangriff schwer beschädigt worden. Die hochkompetenten Traumaexperten des Zentrums arbeiten unter der Leitung des Psychiaters Dr. Ahmad Abu Tawhina in Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern im gesamten Gaza-Streifen. Sie sind nach wochenlanger Traumaarbeit am Ende ihrer Kräfte. „Die seelischen Zerstörungen sind noch größer als die materiellen“, berichtet uns einer der palästinensischen Traumaexperten.

Das pädagogische Notfallteam der „Freunde“ arbeitet an der Omar Bin Khattab-Schule, einer UN-Schule im völlig zerstörten Norden von Gaza-Stadt. Die Schule wurde bei einem israelischen Raketenangriff mit einer anschließenden Militäraktion von Spezialkräften schwer beschädigt. Offensichtlich wurde die Schule auch als Militärstützpunkt der Hamas missbraucht. Zwei Kinder wurden bei dem Angriff getötet, über 20 verletzt. Hamsam, ein 10-jähriges Mädchen, erzählt, wie ihre Schwester vor ihren Augen von den Soldaten erschossen wurde. Zwei Kinder zeigen uns ihre Schusswunden. In einem Zelt der UNICEF machen die Kinder Formenzeichnen und lauschen aufmerksam den Geschichten, die wir erzählen. Sie lechzen nach Bildern. Auf dem Schulhof machen wir Kreisspiele. Während die Kinder uns anfangs nicht anfassen wollten, ist der Platz an der Hand der Helfer bald heiß umkämpft. Die Hand bietet Sicherheit. Die siebenjährige Aissa ruft plötzlich: „Zu uns kommen viele Ausländer zum Fotografieren. Dann gehen sie wieder. Ihr aber kommt zum Spielen!“.

In der Stadt Khan Younis im Süden des Gaza arbeitet das Notfallteam in der Schule Eid Al Agha. Die Fassade des Gebäudes ist von Maschinengewehrsalven gezeichnet. Der Raketenbeschuss der Stadt hält während unserer Anwesenheit an. Viele Kinder sind zunächst unzugänglich und abweisend. Ängstlich reagieren sie auf Flugobjekte, mit denen das israelische Militär den Gaza beobachtet. Auffallend viele Kinder fragen die Helfer nach Nahrungsmitteln. Erschütternd sind auch die Kinderzeichnungen, die an den Wänden der Schule ausgehängt wurden. Sie berichten lebhaft von den traumatischen Erlebnissen und offenbaren schonungslos das Ausmaß der inneren Zerstörungen.

Eine besondere Herausforderung war die Arbeit mit traumatisierten, gehörlosen Kindern in der Atfaluna Society for Deaf Children. Es ist eine Einrichtung, die mit der Christoffel-Blindenmission kooperiert. Mit mehreren Kindergruppen wurden eurythmische und erlebnispädagogische Übungen durchgeführt, wurde gezeichnet und geknetet. Die Kindergartengruppen führten Kreis- und Reigenspiele durch. Der Kunstlehrer der Schule wohnt im Lager Jaballia. Zwei der Nachbarhäuser wurden bei einem Angriff zerstört – seither malte er nicht mehr. Als er die Kinder zeichnen sah, brach es aus ihm heraus. Er griff zum Pinsel und gab seinem Erleben Ausdruck. Der traumatische Krampf hatte sich gelöst.

Mehrere Einsätze wurden im Al Qattan Centre in Gaza-Stadt durchgeführt. Die Einrichtung wird von der Al Qattan Foundation in London getragen. Viele Eltern brachten ihre traumatisierten Kinder zur künstlerischen Therapie in das Zentrum. Die Direktorin Reem Abu Jaber bat uns auch um die Schulung der dortigen Mitarbeiter. Hier ergab sich auch die erste Begegnung mit Almesa, Zenab und den anderen Kindern des Samouni-Clans.

Auf den Trümmern ihrer Häuser lebt der Rest des Samouni-Clans heute in notdürftigen Verschlägen. Ein 12-jähriger Junge zeigt uns seine noch immer blutende Wunde am Rücken. Ein eineinhalb Jahre altes Mädchen hat Verbrennungen an den Beinen, die deutlich auf den Einsatz von weißem Phosphor hinweisen. Ähnliche Verbrennungen hat auch ihr fünfjähriger Bruder am Rücken. Weißer Phosphor führt zu schrecklichen Verbrennungen, wenn er mit der Haut in Berührung kommt. Außerdem werden durch Vergiftung innere Organe nachhaltig geschädigt. Selbst kleinste Mengen der furchtbaren Substanz können Knochen und Blut für immer in Mitleidenschaft ziehen. Der Einsatz dieser Substanz ist nach internationalem Recht in Form von Rauchschwaden zum Schutz der Soldaten nicht verboten, wohl aber als chemische Waffe gegen Zivilisten. Der 15-jährige Helmi deutet auf seine Bauchnarbe, die von einem Granatsplitter herrührt. Viele der Kinder haben eitrig verkrustete Augen und eitrige Entzündungen um den Mund. Der zehnjährige Abdella Heja Samule war in dem Haus, in dem die 36 Familienmitglieder starben. Er berichtet, wie sein vierjähriger Bruder am Knie des toten Vaters rüttelte: „Dann kamen Soldaten ins Zimmer und erschossen ihn, meine Mutter und meine anderen 16 Geschwister. Ich habe als einziger meiner Familie überlebt!“

Das Leid der Eltern – „Nicht nur die Kinder brauchen euch!“

Die notfallpädagogische Arbeit im Gaza fand großes internationales Medieninteresse. Presse- und Hörfunkjournalisten baten um Interviews. Auch wurden das Notfallteam der „Freunde“ von einigen TV-Teams – u.a. von Al Jazeera, Arte und der ARD – begleitet. Der palästinensische Leiter des ARD-Teams fragte uns, ob Notfallpädagogik denn auch wirklich helfen könne. Noch bevor eine Antwort erfolgen konnte, brach er in Tränen aus und zeigte uns seine Schussverletzungen am Bauch: „Und wer hilft mir, mein Trauma zu verarbeiten?“.

Nicht nur das Leid der Kinder ist unermesslich. Ein Ehepaar zeigt uns das Foto seiner drei toten Kinder und berichtet von ihrem Martyrium: "Der Fünfjährige starb an einem Kopfschuss. Das ebenfalls erschossene neun Monate alte Baby hatte auf dem Bild die Augen noch geöffnet. Der elfjährige Sohn hatte zwei Lungendurchschüsse. Er atmete noch zwei Tage. Weil Soldaten den Rettungskräften den Zugang verweigerten, konnte er nicht gerettet werden." Die Eltern sprechen von der Hinrichtung ihrer Kinder.

Die Stiefmutter des zehnjährigen Abdella sitzt depressiv vor ihrem zerstörten Haus. Wir geben ihr Knetwachs. Sie formt eine Kugel, die sie immer wieder schluchzend zerfetzt. Nach einiger Zeit kann sie erzählen. Sie berichtet, dass Soldaten ihre einjährige Tochter getötet hätten. Dann führt sie uns zum Ort des Geschehens, in ein Zimmer des zerstörten Hauses. An der Wand, unter der laut der Mutter das tote Kind gelegen hatte, stand in englischer Sprache geschrieben: „1 is gone – 999 999 will follow“.

Vandalismus dieser Art trifft man im Gaza auf Schritt und Tritt. Die Wohnungseinrichtungen wurden durch Soldaten mutwillig demoliert und selbst die Fußböden herausgerissen. In den Kochtöpfen finden sich Fäkalien, über die Mehlvorräte wurde uriniert. Die demütigenden, menschenverachtenden Inschriften an den Wänden sind auf Russisch, Englisch, Hebräisch und Französisch. Oliven- und Erdbeerplantagen wurden niedergewalzt, Bewässerungssysteme systematisch zerstört, Zisternen zugeschüttet.

Eine Mutter, die uns bei unserer Arbeit mit den Kindern beobachtet hatte, erzählte uns plötzlich, wie sie versucht habe, den aufgeschlitzten Bauch ihres Kindes mit Nadel und Faden zu nähen. Nach zwei Tagen starb das Kind. Rettungskräfte wurden nach ihren Angaben über Tage nicht herangelassen. Plötzlich schrie sie uns zu: „Nicht nur die Kinder brauchen euch! Wir Frauen wissen nicht mehr weiter!“.

„Was konntet ihr erreichen?“

Copyright Annie Sauerland

Nach viertägiger erfolgreicher Arbeit musste unser Kriseninterventionsteam nach telefonischer Aufforderung der Deutschen Botschaft in Kairo den Gaza umgehend verlassen. Wir hatten gerade die notfallpädagogische Arbeit mit Waisenkindern in der „Al Amal institution for orphanage“ beginnen wollen. Mit Hilfe der Botschaft gelang es, im letzten Moment die Grenze zu passieren.

Der fluchtartige Aufbruch wurde vom deutschen Fernsehen aufgezeichnet. Der Reporter stellte während des Rückzugs des Teams die entscheidende Frage: „Was konntet ihr erreichen?“.

Die notfallpädagogische Krisenintervention war eine Akuthilfe, vergleichbar der ersten Hilfe an einem Unfallort. Obwohl durch erste Hilfemaßnahmen eine sofortige Heilung nicht erreicht werden kann, können diese doch wesentlich zum weiteren Verlauf des Heilungsprozesses der Verletzungen beitragen. Dies gilt für seelische Wunden, für Psycho-Traumata, gleichermaßen.

Wir gaben den betroffenen Menschen die Gewissheit, in ihrem Schmerz von Anderen wahrgenommen zu werden. Wir zeigten den Kindern, dass nicht jeder Fremde ein Mörder sein muss. Wir führten sie für Momente zu dem Erleben, dass das Leben auch schön sein kann. Und wir wissen, dass Hoffnung und Freude Heilfaktoren sind!

Für diese Tätigkeit zugunsten der psychotraumatisierten Kinder im Gaza sprach uns die UN-Sonderbotschafterin für Kinder in bewaffneten Konflikten, Frau Radhika Comaraswamy, in der Omar Bin Khattab-Schule ihre Anerkennung und ihren Dank aus.

Sobald der Zugang zum Gaza für Hilfsorganisationen wieder geöffnet werden wird, wollen die „Freunde“ die unterbrochene Arbeit dort fortsetzen. Sie können dies aber nur, wenn ausreichend Spendenmittel dafür zur Verfügung stehen.

Auf der überstürzten Rückfahrt zur Grenze passierte das Notfallteam abermals das Schild mit der Aufschrift: „Welcome to Gaza“. Im Radio ertönte gerade der Song „Calling Gaza“ des palästinensischen Sängers Bilal. Der Text handelt vom verzweifelten Versuch eines Palästinensers, die UNO telefonisch zu erreichen, um auf Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen hinzuweisen – er erreicht bei allen Versuchen nur den Anrufbeantworter. Und dann fällt uns der 21-jährige Jura-Student Barakat ein, der immer so oberflächlich lachte und dabei von Selbstmord sprach. Er zeigte uns die Wand seiner mutwillig demolierten Wohnung, auf der in Hebräisch geschrieben stand: „Ihr braucht Eure Häuser nicht mehr aufzubauen. Wir kommen wieder!“.

Und wir schworen uns: Wir auch!

Bernd RUF

Anmerkungen
[1] Zitiert nach Spiegel-online vom 20.01.2009.
[2] Zitiert nach Press-TV vom 13.02.2009 (>> engl. Original).
[3] Ebd.
[4] Ebd.
[5] Dem notfallpädagogischen Kriseninterventionsteam gehörten an: Fiona Bay (Krankenschwester i. A.), Mirja Cordes (Dolmetscherin), Diana Jessen (Pädagogin), Alexa Kuenburg (mediz. Fachkraft), Georg Kreuer (Dolmetscher), Lukas Mall (Erlebnispädagoge), Dr. Claudia McKeen (Ärztin), Dr. Elke Mascher (Ärztin), Marie Pfister (Dolmetscherin), Jenny Rueter (Heileurythmistin), Bernd Ruf (Sonderpädagoge), Dr. Bruno Sandkühler (Pädagoge), Anni Sauerland (Erlebnispädagogin), Kristian Stähle-Ario (Kunsttherapeut), Andrea Wiebelitz (Erzieherin).

 

Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.

Notfallpädagogik
Büro Karlsruhe
Neisser Str. 10
76139 Karlsruhe
Tel.: 0721 354806-144
Fax: 0721 35455974
E-Mail: notfallpaedagogik@freunde-waldorf.de