China: Juni 2008

Wenn Welten einstürzen

Waldorfpädagogik als Notfallpädagogik für psychotraumatisierte Kinder, Eltern und Lehrer in der Erdbebenregion Sichuan/China

Im Mai 2008 forderte ein Erdbeben der Stärke 7,8 (Richterskala) in China 90.000 Todesopfer und machte Millionen von Menschen obdachlos – viele von ihnen erlitten starke bis stärkste Traumata. Auf Einladung der Waldorfschule Chengdu und akkreditiert durch die Provinzregierung von Sichuan führten die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ vom 21.6. bis 5.7.2008 eine notfallpädagogische Akuthilfe für psychotraumatisierte Kinder, ihre Eltern und Lehrer sowie Fabrikarbeiter einer eingestürzten Chemiefabrik in der Region um Shifang durch. Dem Kriseninterventionsteam gehörten Lehrer, Erzieher, ein Arzt, eine Psychotherapeutin und mehrere Dolmetscher an. Am Ende des zweiwöchigen Einsatzes stand eine hohe Anerkennung durch chinesische Regierungsvertreter.

„Um 14.28 Uhr begann unser Schulhaus begleitet von einem tiefen Grollen plötzlich zu hüpfen. Die Schüler hatten Mittagspause und schliefen in den Klassenzimmern. Ich verstand zunächst nicht, dass es sich um ein Erdbeben handelte. Als das Beben noch stärker wurde, brach Panik aus. Alle rannten durcheinander. Die Kinder weinten und schrien. Da das Treppenhaus eingestürzt war, war jede Flucht versperrt. Viele Kinder sprangen aus den Fenstern. Dann stürzte die Decke auf uns herab. Im Staub konnte ich die Hand eines kleinen Mädchens ergreifen, konnte sie aber nicht befreien. Ein Junge war mit den Unterbeinen eingeklemmt und hing eineinhalb Tage kopfüber an einer eingestürzten Treppe. Kurz nachdem wir ihn befreit hatten, starb er, wie viele andere Kinder ihre Rettung nicht überlebten. Überall lagen entstellte Leichname. Am Tag nach dem Beben stürzte dann das zweite Stockwerk auf das darunterliegende und erschlug die noch eingeklemmten Kinder. Über 160 Kinder und sieben Kollegen starben. Ich kann mich an nichts mehr vor dem Beben erinnern. Bis heute habe ich keinerlei Gefühle mehr. Ich bin wie lebendig tot.“

Ähnliche Tragödien wie der 33-jährige Lehrer Xu Xingyou aus Hongbai mussten bei dem schweren Erdbeben, das sich am 12. Mai 2008 in der Region Sichuan in China ereignete, unzählige Kinder, Lehrer und Eltern erdulden.

„Ich war im Lehrerzimmer als das Beben einsetzte. Als ich hinauslief, sah ich die Katastrophe. Teile der Schule waren bereits eingestürzt. Viele eingeklemmte Schüler schrien aus den Trümmern. Verletzte Kinder rannten weinend ziellos durcheinander. Ich konnte keinen Ton mehr von mir geben, war ohnmächtig, hilflos und völlig blockiert. Alles drehte sich chaotisch um mich und ich war wie gelähmt. Irgendjemand setzte mich auf einen Stuhl. Ich verstand nicht, warum ich mich setzen sollte. Ich begriff das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht. Heute mache ich mir Vorwürfe, weil ich unfähig war, den Kindern zu helfen!“, berichtet die 35-jährige Lehrerin Qiao Mingfeng aus Yin Huong.

Ihr 45-jähriger Kollege Huongyou ergänzt: „Als alles einstürzte, konnte ich vor lauter Staub nichts mehr sehen. Ich tastete mich voran und suchte nach Kindern. Manchmal ertastete man Köpfe, manchmal sah man nur Augen. Viele waren zwischen Betonteilen eingeklemmt und konnten sich nicht mehr bewegen, andere waren von Stahldrähten aufgespießt. Ein Schüler umklammerte mein Bein. Ich konnte ihn nicht erkennen. Er rief immer wieder: `Ich bin es, Lehrer Huongyou!`. Aber ich konnte ihm nicht helfen!“

Der Schrecken setzte sich auch an den Tagen nach dem Beben fort. Die Lehrerin Lui Changming, 24 Jahre, berichtet aus Shifang: „Am Tag nach dem Beben setzten Flüchtlingsströme von Verletzten nach Shifang ein. In den nächsten Tagen wurden es immer mehr. Ein nicht enden wollender Strom. Viele wurden auf dem Rücken getragen, andere auf Tragen aus Brettern. Sie kamen aus den Bergdörfern und liefen die Bahngleise entlang. Diese Erfahrungen waren für mich noch schrecklicher als das Erdbeben selbst!“

Unter den etwa 90.000 Todesopfern des Bebens befinden sich überdurchschnittlich viele Kinder, die in den eingestürzten Schulen starben, während die Landbevölkerung auf den freien Feldern arbeitete und dadurch mehr geschützt war. 450.000 Schwerverletzte forderte das Beben. Fünfzehn Millionen Häuser stürzten ein, nahezu sechs Millionen Menschen leben seither in Notunterkünften.

Dem katastrophalen Erdbeben folgt nun ein nicht minder leidvolles Seelenbeben. Unzählige Menschen sind seelisch erschüttert, verletzt, psychotraumatisiert.

„Ich habe kaum Erinnerung an das, was geschah. Alles ist grau. Drei Tage zitterte ich am ganzen Leib. Erst dann kam ich wieder zu mir. Aber es fehlen mir immer noch ganze Erinnerungsstücke!“, sagt ein Lehrer aus Bajiao, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Mein Leben war vor dem Beben ein Regenbogen, jetzt ist es nur noch grau“, ergänzt die 30-jährige Lehrerin Huan Hoang aus Luoshiuzhen, die beim Graben in der Schulruine auf ihre eigene, von Trümmern erschlagene Tochter stieß. Ihr 52-jähriger Kollege stimmt ihr zu: „Früher war ich offenherzig und gesellig. Jetzt bin ich einsam und verstummt!“

Verwundete Seelen – psychotraumatologische Grundlagen

Traumatische Krisen entstehen meist aus plötzlich auftretenden belastenden Erlebnissen. Erdbeben sind unter den Naturkatastrophen besonders verunsichernd, da das scheinbar sicherste Element, der Erdboden, also die Grundlage auf die wir buchstäblich bauen, sich plötzlich als unzuverlässig, ja lebensbedrohend erweist.

Psychotraumata sind seelische Wunden. Sie sind mit körperlichen Wunden durchaus vergleichbar: Die Grenze des Organismus wird beschädigt. Schmerz wird empfunden und möchte ausgedrückt werden. Der Wundheilungsprozess verläuft periodisch. Aus verschiedenen Ursachen können Komplikationen den Heilungsprozess stören. Dann kann es zu Entzündungen, Vereiterungen oder gar zu einer Blutvergiftung kommen, die einer ärztlichen Hilfe bedürfen. In seltenen Fällen kann es sogar zu einer lebensgefährlichen Bedrohung kommen.

Auch Traumatisierungen verlaufen gesetzmäßig. Auch bei ihnen können Komplikationen den Heilungsprozess beeinträchtigen. Nach einer Schockphase von ein bis zwei Tagen können vielfältige Symptome auftreten. Neben einer Vielzahl psychosomatischer Reaktionen (Allergien, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Infektanfälligkeit, u.v.m.) kann es zu verändertem Raum- und Zeitempfinden sowie zu Wahrnehmungsstörungen kommen. Amnesien oder zwanghafte Erinnerungsüberflutungen, Lähmungen oder hyperaktives Verhalten, Depression oder Aggression, Angst, Panik, Alpträume, Konzentrationsprobleme, emotionaler Rückzug, soziale Beziehungsstörungen, Leistungsstörungen, Regressionen, Schlaf- und Essstörungen, Schuld- und Schamgefühle, Verlust der Selbstachtung u.v.m. sind häufige Symptome traumatischen Erlebens.

Oft wird alles vermieden, was einen an die Katastrophe erinnern könnte: Gedanken, Gefühle, Begegnungen und Orte. Viele Menschen sind wie innerlich eingefroren und empfinden eine innere Taubheit und Leere. Das Wesensgliedergefüge ist gelockert. Denken, Fühlen und Wollen dissoziieren. Lebensrückschau- und Panoramaerlebnisse können eintreten. Der Mensch nähert sich der Schwelle. Erlebnisse, wie sie aus der Nahtodforschung bekannt sind, können auftreten. Der traumatische Schock ist eine partielle Todeserfahrung.

Bei etwa 75% der Betroffenen lassen die Symptome im Laufe der Zeit immer mehr nach und verlieren sich nach vier bis acht Wochen. Halten sie weiter an, spricht man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die dann therapeutischer Intervention bedarf. Wird diese Phase chronisch, kommt es zu andauernden Persönlichkeitsveränderungen, die meist zu einem Biografiebruch führen. Die Betroffenen fühlen sich in dieser Phase ständig bedroht. Sie reagieren oft feindselig-aggressiv oder resignativ-depressiv. Meist geraten sie sehr schnell in soziale Isolation. Ihre Beziehungen scheitern, sie verlieren ihren Arbeitsplatz. Es droht der Verlust der bisherigen Wertvorstellungen. Suchtgefährdungen und kriminelle Entwicklungen können folgen.

Notfallpädagogik: Krisenintervention für psychotraumatisierte Kinder

Die schädigenden Folgen psychotraumatischer Ereignisse sind in den Jahrsiebten der kindlichen Entwicklung unterschiedlich.

Im ersten Jahrsiebt der kindlichen Entwicklung treten die Schädigungen vor allem im Bereich des Stoffwechsels auf. Das nachahmende Tun der kleinen Kinder wird massiv beeinträchtigt. Deshalb ist es jetzt notfallpädagogisch wichtig, die Nachahmung anzuregen, mit Rhythmen zu arbeiten und die basalen Sinne (Tasterlebnisse, Lebensfunktionen, Bewegung, Gleichgewicht) zu pflegen.

Im zweiten Lebensjahrsiebt des Kindes betrifft die schädigende Wirkung psychotraumatischer Erfahrung hauptsächlich das Rhythmische System des Menschen. Bildhafter Unterricht, Rhythmus, künstlerisches Arbeiten mit Eurythmie, Malen, Plastizieren und Musik sind jetzt besonders heilsam.

Im dritten Jahrsiebt, in der Zeit der Pubertät und Adoleszenz, schädigt das Trauma vor allem das Nerven-Sinnes-System. Auch droht die Gefahr, dass die Individualität des Jugendlichen sich nicht mehr ausreichend mit seinem Willens- und Handlungsleben verbindet. Deshalb ist es jetzt besonders heilsam, soziale Aktivitäten anzuregen, auf ein klares Denken und Urteilen zu achten und mittels Biografien eine Auseinandersetzung mit Idealen zu ermöglichen.

Die Interventionsmöglichkeiten nach einer Traumatisierung orientieren sich am Verlaufsprozess des Traumas. Die eigentliche therapeutische Traumabearbeitung beginnt erst in der Phase der Posttraumatischen Belastungsstörung, also frühestens sechs bis acht Wochen nach der Traumatisierung. Die Zeit davor bezeichnet man als Stabilisierungsphase, die jeder Therapie vorweg gehen muss. In dieser Zeit setzen die notfallpädagogischen Kriseninterventionsmaßnahmen ein. Sie dienen der Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Opfers. Ziel ist, dass der Betroffene das traumatische Ereignis selbst verarbeiten und in seine Biografie integrieren kann.

Gerade die Waldorfpädagogik mit ihrem ganzheitlichen, künstlerischen Ansatz und die anthroposophischen Therapieformen (Musik, Heileurythmie, Bothmergymnastik, Kunst, rhythmische Einreibungen und Massagen, therapeutische Sprachgestaltung) sind in besonderer Weise geeignet, die Symptome der Belastungsreaktion abzudämpfen, den Betroffenen zu stabilisieren, seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren und so der Entstehung einer Posttraumatischen Belastungsstörung entgegenzuwirken. Nachfolgend sollen einige konkrete Leitlinien zur Notfallpädagogik aufgezeigt werden.

Zur Bewältigung eines Traumas ist es für das betroffene Kind bedeutsam, dass es seine Gefühle zulassen und bewältigen kann. Dies kann spielerisch oder zeichnerisch erfolgen. Das Kind darf dabei aber nicht der Verzweiflung ausgesetzt werden. Hoffnung und Freude wirken heilsam. Wichtig ist außerdem, dass die Kinder ihre schrecklichen Erlebnisse ausdrücken lernen, ohne sie allerdings zum Reden zwingen zu wollen. Das Ausdrücken der Erlebnisse im Gespräch, im Schreiben (Tagebuch, Erlebnisberichte, Gedichte, Geschichten) im Spiel, in der Musik oder im Malen und Zeichnen hilft, Distanz zu gewinnen, und trägt zur Traumaverarbeitung bei. Jugendlichen hilft darüber hinaus die Durchführung altersgemäßer Projekte (Theaterspiel, handwerkliche oder karitative Vorhaben). Dies alles sind kreative Möglichkeiten zur Traumabewältigung.

Traumatisierte Kinder haben in der Regel jede Freude an Bewegungen verloren. Gerade Bewegung aber kann zu einem guten psychischen Befinden beitragen. Sport, Spaziergänge, Wanderungen, Tanz, Gymnastik sind deshalb wichtige Elemente in der Stabilisierungsphase der Traumabewältigung. Eurythmie als sichtbare Sprache ist in besonderem Maße geeignet, äußere Bewegung mit innerem Ausdruck zu verbinden.

Ein wesentlicher Bestandteil der Notfallpädagogik ist die Harmonisierung und Pflege des durch das traumatische Erleben gestörten Rhythmischen Systems. Essstörungen und Schlafstörungen sind nach traumatischen Erlebnissen weit verbreitet. Auf regelmäßiges Essen und Schlafen muss besonders geachtet werden. Einschlafrituale (warmes Bad, Einreibungen, warme Bauchwickel, beruhigende Einschlafgeschichten, Gebete u.v.m.) können helfen. Auch rhythmische Übungen, Gedichte, Verse und Lieder können dazu beitragen, über den Atemrhythmus heilend zu wirken. Besonders sollte auf einen durchstrukturierten, rhythmisch gegliederten Tagesablauf geachtet werden. Ritualisierungen geben im Chaos des Traumas Sicherheit, Orientierung und Halt.

Bedeutsam zur Traumabewältigung ist auch das kindliche Spiel. Das Kind kann im Spiel das traumatische Geschehen durchleben und dabei langsam die Kontrolle über seine Gefühle zurückgewinnen. Es lernt dabei, seine Ängste auszudrücken und Lösungsmöglichkeiten zu finden. Fachliche Hilfe benötigt das Kind allerdings beim sogenannten „traumatischen Spiel“, nämlich dann, wenn es stereotyp immer wieder die gleichen Katastrophen im Spiel inszeniert ohne einen kreativen Ausweg zu finden. Diese Art des Spielens ist den zwanghaften Erinnerungen (Flashback) vergleichbar und bedarf der therapeutischen Intervention.

Traumatisierte Kinder haben meist keine Zukunft. Sie sind auf das schreckliche Erleben in der Vergangenheit fixiert. Es ist pädagogischer Auftrag, sie langsam wieder an Zukunftsperspektiven heranzuführen. Dazu ist es erforderlich, mit ihnen Pläne zu schmieden: die gemeinsame Planung des nächsten Essens, eines bevorstehenden Festes, des nächsten Tages oder eines Ausfluges. Da diese Kinder Hilflosigkeits- und Ohnmachtserlebnisse hinter sich haben, können sie ihre Zukunft erst dann wieder richtig ergreifen, wenn sie sich wieder positiv sehen lernen und auf ihre Stärken vertrauen können. Deshalb ist es pädagogisch bedeutsam, dass diese Kinder sich selbst als erfindungsreich und selbstwirksam erleben können.

Besonders wichtig und hilfreich ist bei der Traumaverarbeitung die Pflege spirituell-religiöser Gefühle, die Orientierung und Halt bieten.

„Blutende Kinderseelen“ - Pädagogische Krisenintervention auf Trümmern

Yang Cheng ist 13 Jahre alt. Er wurde beim Einsturz seiner Schule in Hongbai verschüttet. Wir treffen ihn in der Zeltschule von Xiamakou, einem völlig zerstörten Bergdorf. Yang Cheng fällt durch seine demonstrative Verweigerungshaltung auf. Langsam nur kann er sich öffnen und sich auf das Geschehen einlassen. Beim therapeutischen Handarbeiten gelingt schließlich der Durchbruch.

Das Kriseninterventionsteam der „Freunde“ arbeitete mit Hunderten von Kindern in sieben Zeltschulen im Kreis Hongbai, im Epizentrum des Bebens – dort, wo alle Häuser zerstört, Dörfer von zusammengebrochenen Bergketten verschüttet und ganze Landstriche von kollabierten Chemieanlagen kontaminiert sind. Die meisten Kinder waren bei dem Beben verschüttet worden und konnten manchmal erst nach Tagen befreit werden. Neben ihnen starben in den Trümmern Geschwister, Klassenkameraden oder Lehrer.

Besonders tragisch traf es die Schule in Luoshiuzhen. Über 200 Kinder wurden beim Einsturz des Schultraktes verschüttet und starben im Verlauf von drei Tagen. Vor dem Trümmerfeld haben Eltern eine Gedenkstätte mit Bildern ihrer verstorbenen Kinder errichtet. Hier werden auch Vorwürfe gegen die Behörden wegen baulicher Mängel an den Schulhausbauten laut. Auf einer Kalligrafie steht zu lesen: „Himmelskatastrophen sind unvermeidbar. Werden Katastrophen aber von Menschen gemacht, muss man sie dafür hassen!“

Das Leben geht weiter. Yao Zhiyuan ist 14 Jahre alt geworden. Er erscheint tief depressiv. Seine Mutter wurde im Wohnhaus von einer herabfallenden Decke erschlagen. Seine kleine Schwester starb von Trümmern eingeklemmt neben ihm in der Schule. Eine Geburtstagsfeier mit Singen, Spielen, Geburtstagstorte und Hochlebenlassen bringt wieder etwas Licht in das Leben der zum Fest gekommenen Kinder. Zu ihnen gehört auch die achtjährige Yulu. Auch ihre Schwester starb neben ihr in den Trümmern der Schule. Yulu´s Beine sind noch von der Verschüttung gezeichnet. Aber sie hat ihre Beine behalten – ein Glück, das viele andere Kinder nicht hatten. Das chinesische Fernsehen zeigt jeden Abend Bilder von amputierten Kindern und Jugendlichen.

„Das Handy als Grabbeigabe“ - Traumatisierte Eltern

Tang Xiaohui, 39 Jahre, lebt in einer Zeltstadt bei Chuantindian. Sie gehört zu den vielen Eltern, die den Tod eines Kindes zu beklagen haben und daran zu zerbrechen drohen.
„Ich war die erste Mutter, die sich durch die Trümmer der eingestürzten Kleinstadt zur Schule vorarbeiten konnte. Alles war chaotisch. Das Telefonnetz war völlig zusammengebrochen, kein Auto und auch kein Fahrrad konnte mehr fahren. Alle Lehrer waren verstummt, weil niemand aushalten konnte, was sich um ihn herum abspielte. Wir gruben und gruben und gruben. Bereits am nächsten Tag setzte starker Verwesungsgeruch ein. Erst drei Tage nach dem Beben fand das Militär meine verstümmelte Tochter. Sie wurde in einem Massengrab beigesetzt. Mein Mann, der seit dem Ereignis seine Sprache verloren hat, gab der Tochter ein Mobiltelefon mit ins Grab.“

Die Selbstmordrate in der Zeltstadt ist erschreckend. Das Kriseninterventionsteam der „Freunde“ wurde von den Behörden in das Lager gerufen, um einigen verzweifelten Eltern in einer Akuthilfe beizustehen. Neben existenziellen Gesprächen wurden auch spezielle Massagetechniken erfolgreich zur Entspannung angewandt. In der Begleitung des Trauerprozesses lernt man verschiedene Stadien und Qualitäten des Weinens unterscheiden. Nicht jedes Weinen befreit. Manchmal zeigt sich die Lösung der traumatischen Erstarrung bei den Opfern auch in Form von Erbrechen oder Durchfall.

"Wenn die Erde alles zu verschlingen droht" - Traumaarbeit mit Chemie-Arbeitern

Ren Jiahui, 39 Jahre, ist Fabrikarbeiterin in der chemischen Industrie. Sie verlor bei dem Beben ihre 16jährige Tochter.

„Mein Kind war in einem Klassenzimmer im dritten Stock. Als das Beben einsetzte, ordnete der Lehrer an, sich unter den Tischen zu schützen. Neun Kinder flüchteten in Panik. Sie überlebten. Als der Lehrer mit der Klasse schließlich zu fliehen versuchte, war es zu spät. Die Klasse befand sich im Treppenhaus des zweiten Stockwerks, als der dritte Stock herunter brach. Der Lehrer, der an der Spitze der Klasse lief, überlebte. Ich grub über sechs Stunden mit meinen bloßen Händen. Immer wieder stieß ich auf tote Kinder. Dann fand ich auch mein Kind zusammen mit ihrer Freundin. Ihre neunjährige Schwester überlebte, da sich ihr Klassenzimmer im Erdgeschoss der Schule befand.“

Auf Bitten der lokalen Behörden wurde für die 150 überlebenden Arbeiter einer kollabierten Chemiefabrik ein halbtägiger Workshop mit Informationen zur Psychotraumatologie, Gesprächsgruppen, Eurythmie, rhythmische Bewegungsübungen und psychotherapeutischen Sequenzen durchgeführt. Die 35-jährige Fabrikarbeiterin Zang Xianying fiel in einer der Gesprächskreise durch besondere Zurückhaltung und Verstummung auf. Ihre Gesichtszüge und ihre ganze Körperhaltung waren erstarrt. Noch lange nach Ende der Veranstaltung beobachtete sie uns aus sicherer Entfernung beim Beladen unseres Minibusses. Als wir sie fotografierten, kam sie zu uns herüber, um das Bild auf dem Display zu betrachten. Dann brach es wie ein Wasserfall aus ihr heraus:

„Ich wurde beim Einsturz meiner Arbeitsstelle verletzt, konnte mich aber selbst befreien. Panisch rannte ich los, um meine Familie zu suchen. Unterwegs fand ich zufällig meinen schwerverletzten Schwiegervater auf der Straße liegend. Ich trug ihn, obwohl ich selbst erheblich verletzt war, auf dem Rücken bis andere Menschen ihn mir abnahmen und ihn zum Krankenhaus brachten. Ich rannte nach Hause in mein Dorf. Das vierstöckige Gebäude, in dem meine Familie lebte, war völlig eingestürzt. Ich grub nach meinem verschütteten Mann, mit dem ich erst seit drei Monaten verheiratet war. Nach einem Tag hatte ich ihn befreit und trug ihn über viele Kilometer nach Shifang ins Krankenhaus. Die Ärzte wollten ihm die Beine amputieren. Am nächsten Tag war er tot. Jetzt leben meine 60-jährige Mutter und meine 96-jährige Schwiegermutter alleine auf den Trümmern unseres Dorfes. Ich kann nicht in das Dorf zurückkehren. Ich schäme mich so sehr!“

Zang Xianying hatte sich während des Workshops lediglich an der Eurythmie beteiligt. Der Volksmund sagt ja, dass einem der Schrecken in die Knochen fahren würde. Durch Bewegung können traumatische Erstarrungen gelöst werden. Gerade Eurythmie und Heileurythmie erwiesen sich als hervorragende Techniken der Krisenintervention.

„Wie soll ich nur weiter unterrichten?“ - Notfallpädagogik für traumatisierte Lehrer

Die Kreisstadt Hongbai gleicht einem einzigen Trümmerberg. „Wir hatten eine schöne Landschaft in einer heilen Welt. Jetzt gibt es nur noch Massengräber!“, berichtet die 28-jährige Lehrerin Deng. Ihr Kollege Huang, 42 Jahre, ergänzt: „Ich sah in Sekunden alle Gebäude einstürzen. Der Himmel verdunkelte sich. Alles war schwarz. Das Blut der Kinder floss schwarz in den Adern und Wunden!“

Die eingestürzte Schule ist vom Militär abgeriegelt. Noch immer konnten nicht alle Leichen geborgen werden. Von 700 Kindern der Mittelschule wurden 300 verschüttet. 160 Kinder und sieben Kollegen kamen ums Leben. Die Lehrerin Liu Qihuan, 35 Jahre, lebte in ihrem Häuschen neben der Schule. Sie war am Tag des Bebens krank.

„Als ich mich aus den Trümmern meines Hauses befreit hatte, rannte ich - selbst verletzt - zur Schule. Dann begann ich wie besinnungslos zu graben. Die Bilder, Klänge, Gerüche und Töne der Rettungsaktion überfallen mich noch heute ständig und versetzten mich immer wieder aufs Neue in Angst und Schrecken. Ich sehe die verletzten, sterbenden, toten Kinder. Wir rennen, schleppen, kriechen auf die Berge, um die Kinder und uns vor dem Giftgas zu retten. Ich will einen anderen Beruf ausüben. Ich kann nicht mehr in die Augen der Kinder, Eltern und Kollegen schauen. Ich will mich an nichts mehr erinnern. Ich habe alle Kinder so geliebt!“

Die Lehrer von Hongbai leiden wie die meisten Lehrer im Erdbebengebiet unter den grausamen Erlebnissen und werden von irrationalen Schuldgefühlen gepeinigt. Hinzu kommen die Anschuldigungen derjenigen Eltern, die ihre Kinder verloren haben und jetzt Schuldige für das Unbegreifliche suchen.

„Wer als Lehrer bei der Evakuierung an der Spitze seiner Klasse war, wird verdächtigt, sich selbst habe retten zu wollen“, erzählt der Lehrer Xu Xingyou. „Wer dagegen hinter der Klasse herging, dem wird jetzt vorgeworfen, die Kinder nicht geführt zu haben. Manche Lehrer verschlossen sogar die Klassenzimmer, um die panische Flucht der Kinder zu verhindern und die Kinder unter den Tischen in Sicherheit zu bringen.“ – eine Fehleinschätzung, wie sich nach dem Zusammenbruch der Schulgebäude herausstellte.

Xu Xingyou bekam vom Militär die Anweisung, allen Eltern das Weitergraben nach ihren Kindern in den Schulruinen zu untersagen, da ständige neue Einstürze durch unsachgemäße Bergungsversuche die Überlebenschancen der Verschütteten verringerten. Jetzt geben ihm die Eltern die Schuld am Tod ihrer Kinder. Nach mehreren Morddrohungen fürchtet er um sein Leben. Xu Xingyou kann mit solchen Vorwürfen gegen sich und die Lehrer von Hongbai nicht leben: „Ich habe einen toten Kollegen aus den Trümmern ausgegraben. Er lag wie eine Brücke schützend über den Kindern seiner Klasse!“

Die Arbeit mit den überlebenden Kollegen der Schule in Hongbai gestaltet sich schwierig und trägt alle Züge der Traumaarbeit. Je schlimmer die Erlebnisse und die Schuldgefühle, desto größer das Vermeidungsverhalten. Der Schulleiter legt seinen Kopf, als er auf die Gestaltung des ersten Schultages angesprochen wird, auf die Schulbank und schläft tief ein. Seine Kollegen spielen derweil mit ihren Mobiltelefonen. Erst durch eurythmische Übungen und Bewegungsspiele gelingt es, sein inneres Eingefrorensein aufzutauen, Gespräche anzuregen und den Blick auf zuvor blockierte Zukunftsperspektiven zu richten.

Im Auftrag chinesischer Behörden: Waldorfpädagogik als Aufbauhilfe

Aufgrund der vielbeachteten, von zahlreichen Fernsehteams begleiteten, von staatlichen Inspektoren verfolgten, erfolgreichen Tätigkeit des Kriseninterventionsteams der „Freunde“ veranstalteten das Department für auswärtige Angelegenheiten und die Erziehungskommission von Shifang drei ganztägige Workshops zur Notfallpädagogik auf Grundlage der Waldorfpädagogik mit jeweils etwa 60 Teilnehmern am Lehrerseminar von Shifang. Eingeladen waren die „Beauftragten für die seelische Entwicklung der Kinder“ derjenigen Schulen, die von dem Erdbeben am schwersten betroffen wurden. Viele Dutzende Gesprächsprotokolle geben das Leid wieder:

„Die Hälfte der Schüler unserer Schule sind tot“, berichtet die 27-jährige Lehrerin Lin Hong aus Luoshiuzhen. „Das Haus schwankte durch das Beben so sehr, dass wir kaum das Zimmer verlassen konnten. Überall rissen die Wände auf. Während der Flucht durchs Treppenhaus liefen zwei Kinder in Panik zum Klassenzimmer zurück. Bis ich zu ihnen gelangte, waren sie bereits verschüttet. Ein Junge war vom Bein eines Tisches durchbohrt. Er rief mir zu, dass ich flüchten solle, um mein Leben zu retten. Dem Himmel sei Dank, sie haben alle überlebt!“

Ihre Kollege Zang Fengyin, 30 Jahre, aus Yinhuang schließt sich an: „Alle Kinder klammerten sich an mich, weinten oder schrien. Das ganze Gebäude stürzte in sich zusammen. Wir führten die geretteten Schüler auf eine freie Wiese neben der Grundschule, die kurze Zeit später auch einstürzte. Der Ort Yinhuang liegt zwischen zwei Chemiefabriken. Beide stürzten durch das Beben ein. Giftige Gase traten aus. Es bestand Explosionsgefahr. Wir versuchten mit den Kindern die Berge zu erreichen. Viele Schwerverletze mussten wir zurücklassen. Später wurde die ganze Gegend vom Militär abgesperrt. Der ätzende Geruch der Chemikalien ging bis nach Shifang. Man roch es noch viele Kilometer weiter.“

Der 27jähriger Lehrer Li Guangui kommt von derselben Schule. Er hielt in seiner Wohnung neben der Schule Mittagsschlaf, als das Beben begann: „Ich spürte Erschütterungen, als würden Militärlastwagen an meinem Haus vorbeifahren. Plötzlich kam ein Schüler in mein Zimmer und schrie mir zu, ich solle flüchten. Das ganze Haus schwankte inzwischen. Ich hielt mir mein Kissen über den Kopf und rannte. Der Schüler, der mich gerettet hatte, wurde hinter mir von meinen Möbeln erschlagen!“

Mit der Durchführung der Workshops wurden die „Freunde“ beauftragt. Zur Vorbereitung der Seminare wurde zunächst zusammen mit chinesischen Lehrern ein Kursraum des erdbebengeschädigten Seminargebäudes renoviert und mit Lasurtechnik ausgemalt. Kurzreferate über Psychotraumatologie und Notfallpädagogik, Gesprächsgruppen über Eigenerlebnisse während des Bebens und ihre heutigen Auswirkungen, Arbeitsgruppen zu Eurythmie, therapeutischer Handarbeit, Formenzeichnen und Malen, psychotherapeutische Sequenzen in Einzel- oder Kleingruppenarbeit sowie Musik und Bewegungsübungen waren Komponenten der begeisternden Seminararbeit.

„Nach fast zwei Monaten fühlen wir uns zum ersten Mal wieder wie lebendige Menschen“, fasste Cai Lui, 45 Jahre, Lehrer aus Tiandi, am Schluss des Workshops seinen Dank zusammen.

„Was nun?“ - Krisen sind auch Chancen

Das chinesische Zeichen für Krise besteht aus den Zeichen für Chance und Gefahr. So stand auch auf der Einladung zu den Workshops in Shifang geschrieben: „In der Entwicklung der Menschheit gibt es Naturkatastrophen, die wir nicht voraussehen und vermeiden können. Wenn wir sie aber annehmen und bewältigen lernen, können wir dadurch Kraft bekommen, daran zu wachsen und anderen Menschen zu helfen!“

Die neuere Traumaforschung beschäftigt sich auch mit der Frage nach dem positiven biografischen Gewinn nach einer erfolgreichen Integration des schrecklichen Erlebnisses in die Biografie. Die Forschungsergebnisse sind eindeutig. Die positive Verarbeitung eines Traumas führt zur Persönlichkeitsreifung. Meist kommt es zu erweiterten Lebensperspektiven und zu einer spirituell-religiösen Vertiefung. Neben der erhöhten Wertschätzung des Lebens verhelfen positiv verarbeitete Psychotraumata zu neuen Prioritätensetzungen und vor allem zur Vertiefung menschlicher Beziehungen.

„Mein Sohn besuchte dieselbe Schule, an der ich Lehrer bin. Wir fanden ihn später bei den Ausgrabungen. Er war tot. Jetzt hat mein Zittern aufgehört. Das Erdbeben hat mein Leben völlig verändert. Ich lerne aber allmählich, wieder an anderes zu denken als an die schrecklichen Bilder und die Schreie der sterbenden Kinder. Ich will stark genug sein, um wieder zur Schule zu gehen. Ich bin es meinem Sohn schuldig, für die Überlebenden jetzt eine Hilfe zu sein!“, sagt die 32-jährige Lehrerin Li Guangui aus Hongbai, und ihre Kollegin Xiao Ziong, 28 Jahre, aus Bajiao fügt hinzu: „Wir müssen die Schatten aus unseren Herzen entfernen, um wieder frei vor die Kinder treten zu können!“

Diesem Ziel diente die notfallpädagogische Krisenintervention im Erdbebengebiet von Sichuan.

Zum Abschluss der notfallpädagogischen Krisenintervention erbat sich die Stadtregierung von Shifang ein Dienst-T-Shirt der „Freunde“. Dies wird in einer neu zu errichtenden Gedenkstätte für die Opfer des Bebens als Symbol länderübergreifender humanitärer Hilfe ausgestellt werden.

In einem Schreiben des Departments für auswärtige Angelegenheiten der Stadt Shifang wird der Dank für die Nothilfe zusammengefasst:

„In dieser unheilvollen Zeit nach dem Erdbeben vom 12. Mai habt ihr der Bevölkerung von Shifang im Katastrophengebiet eine helfende Hand gereicht und Ermutigung und Unterstützung gegeben. Hiermit möchten wir uns für eure Wohltätigkeit herzlich bedanken und unsere Hochachtung aussprechen. … ihr (habt) eure professionelle Kompetenz gezeigt und die Freundschaft zwischen dem chinesischen und deutschen Volk mit Leben erfüllt. Wir sind davon tief bewegt und ermutigt!“

Bernd Ruf

 

Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.

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