Nadjeshda – Hoffnung in schwierigen Zeiten
„Nadeshda“ ist eine wunderbare Initiative zur heilpädagogischen Betreuung behinderter Kinder – ein leuchtendes Vorbild für das ganze Land Kirgisien, wo Kinder mit Behinderungen noch immer in staatliche Anstalten abgeschoben werden und elend dahinvegetieren. Die fortwährende Energiekrise und verschiedene politische und ökonomische Konflikte machen das Überleben immer schwieriger – doch mit Hilfe vieler Freunde kann „Nadeshda“ auch weiterhin Hoffnung geben.
Inhalt
Temirlan hat es geschafft
Die Einrichtungen von Nadjeschda
Der Freundeskreis Nadjeschda
Wichtige Ereignisse 2008: Hilfe in der Not / Tod von Tschingis Aitmatov und zwei Kindern
Das heilpädagogische Seminar – ein Modell für ganz Kirgisistan
Seminar „Gewaltfreie Kommunikation“
Liebe Freunde und Spender,
mit großer Dankbarkeit berichten wir über das Jahr 2008. Ohne die schnelle und oft unkomplizierte Hilfe von vielen Menschen hätten zahlreiche von den langjährigen Nadjeschdakindern unser Kinderzentrum verlassen müssen. Es war ein sehr schweres Jahr für Nadjeschda. Trotz der Schwierigkeiten wurde es aber auch ein Jahr der Entwicklung und Freude für die Nadjeschdakinder wie z.B. für Temirlan. Dafür danken wir Ihnen von ganzem Herzen.
Temirlan hat es geschafft
Temirlan (5 Jahre) lebt seit einem Jahr im Kindergarten des Nadjeshda-Zentrums. Er war eine Frühgeburt und wuchs ohne Vater auf. Seine Mutter erkrankte schwer und konnte sich nicht mehr um ihren Sohn kümmern. Temirlan kam in das staatliche Behindertenheim in Belovodsk. Doch dort verwahrloste er. Nachdem die deutsche Freiwillige Manuela ein Praktikum in dieser staatlichen Anstalt für behinderte und nicht bildungsfähige Kinder absolviert hatte, wandte sie sich an Nadjeschda. Sie bat darum, den kleinen Jungen aufzunehmen, da er in dieser Anstalt keinerlei Chancen mehr hatte...
Wer Temirlan bei seiner Ankunft in Nadjeschda gesehen hat und ihn heute erlebt, wird dieses Kind nicht wieder erkennen. Aus einem winzigen, fast durchsichtigen, dünnen und zusammen gekrümmten Wesen, das auch am Tag fast nur schlief, ist ein runder und quicklebendiger Junge geworden. Während Temirlan am Anfang fast zu keiner selbständigen Bewegung fähig war, muss man ihn jetzt oft sorgfältig im Auge behalten. Denn obwohl er nicht laufen kann, rollt und robbt er sich mit großer Geschicklichkeit sehr schnell genau dorthin, wo man ihn am allerwenigstens im nächsten Moment vermutet hätte. Wenn man ihn dann ruft, schaut er einen fröhlich mit seinen strahlenden Augen an. Er liebt es, wenn er auf dem Pferd sitzt, sich abwechselnd links und rechts mit seinem Oberkörper an den Pferdehals zu schmiegen – dann lacht er. Und er liebt es, wenn Musik erklingt. Dann sitzt er mit großen, erstaunt blickenden Augen da und hört freudig erregt zu.
In der letzten Zeit versucht „Timoscha“, wie er liebevoll von seinen Betreuerinnen genannt wird, sprechen zu lernen, jedoch steht durch eine Fehlstellung sein Mund immer offen, was die Lautbildung verhindert. Nach Aussagen kirgisischer Ärzte ist diese Fehlstellung erst operativ zu beheben, wenn Temirlan größer ist. Aber er ist bereits 5 Jahre alt und möchte jetzt sprechen lernen. Wenn er größer ist, kann es für das Sprechenlernen längst zu spät sein. Da wir wissen, dass die medizinische Ausbildung in Kirgisistan aufgrund von Korruption und käuflichen Ärztediplomen sehr schlecht ist, vertrauen wir der ärztlichen Auskunft auch nicht wirklich...
Die Einrichtungen von Nadjeschda
2008 haben durchschnittlich 70-80 Kinder das Kinderzentrum Nadjeschda besucht. Es bestand aus folgenden Abteilungen:
- der kleinen Gert-Michael-Schule,
- einem Kindergarten neben der Gert-Michael-Schule,
- einem kleinen integrativen Kindergarten im Julia-Fiedler-Stolle-Haus (seit September 2008) ,
- einem kleinen integrativen Kindergarten im Dorf Örnök am Issyk Kul-See,
- dem Janusz-Korczak-Zentrum mit den therapeutischen Werkstätten für junge Erwachsene und seit September 2008 einer Werkoberstufenklasse für Jugendliche,
- einem Therapiebereich (Reittherapie, Logopädie, Massagen, Krankengymnastik und künstlerische Fördertherapien)
- zwei Wohngruppen
- dem heilpädagogischen Seminar
Nach 19 Jahren seines Bestehens ist das Kinderzentrum Nadjeschda heute eine Modelleinrichtung, die sowohl in der Öffentlichkeit als auch von staatlichen Stellen große Anerkennung erfahren hat. Dies spiegelt sich unter anderem in der seit letzter Zeit regelmäßigen Zusammenarbeit mit zahlreichen internationalen Organisationen wie UNICEF, UNESCO, FOND SOROS und vielen örtlichen NGO’s wider. So wurde beispielsweise Igor Iljitsch Schälike vom Kirgisischen Bildungsministerium als Experte zu einem runden Tisch mit der UNICEF zu Fragen der Neuintegration von Schulabbrechern eingeladen. Denn die kleine Gert-Michael-Schule hat in den vergangenen Jahren erstaunliche Erfolge mit Kindern, die in anderen Schulen nicht integrierbar waren, vorweisen können. Auch von Seiten der Deutschen Botschaft wird die Arbeit des Kinderzentrums als wichtig und positiv bewertet, wie ein Brief der Botschaft zeigt.
Der Freundeskreis Nadjeschda
Viele Eltern in Kirgisistan suchen verzweifelt nach einer solchen Lebenssituation, wie sie Nadjeschda bisher behinderten Kindern bieten konnte. Durch den krankheitsbedingten Ausfall von Karla-Maria Schälike und die existenziellen Probleme in Kirgisistan lebt Nadjeschda gegenwärtig in einer sehr schwierigen Phase, die nur durch Enthusiasmus und den Einsatz aller Beteiligten überwunden werden kann. Allerdings genügen dazu die Begeisterung und der Einsatz der Mitarbeiter nicht mehr. Nadjeschda braucht einen Kreis von Menschen, die Partner sind, indem sie wirtschaftliche Mittel, Expertisen und moralische Unterstützung bereitstellen.
Die Situation wurde im Verlaufe des Jahres zunehmend schwieriger: Zwei Klassen und eine Wohngruppe waren in Abwesenheit von Karla-Maria Schälike im Sommer 2008 geschlossen worden. Langjährige Mitarbeiter von Nadjeschda wanderten in wirtschaftlich sicherere Länder aus (Russland, Kasachstan, Europa). Eine Art Panik war entstanden, und es stellte sich die Frage: Wie kann Nadjeschda ohne die Einkünfte und Spenden durch Karla-Marias Vortragsreisen und Projekte überleben?
Herr Dr. Stolzenburg entwarf und verteilte einen Flyer mit dem Vorschlag, einen „Freundeskreis Nadjeschda“ aufzubauen. Diesem Freundeskreis und vielen weiteren Menschen verdankt Nadjeschda, dass das neue Schuljahr im Herbst trotz allem in gewohnter Fröhlichkeit und Sicherheit für die Kinder beginnen konnte.
Wichtige Ereignisse 2008
Hilfe in der Not
Kirgisistan ist in Zentralasien das Land mit den größten Wasserressourcen und Wasserkraftwerken. Alle umliegenden Länder sind von der kirgisischen Wasser- und Stromversorgung abhängig – doch in Kirgisistan selbst vertrocknen die Bäume, weil kein Wasser in die Bewässerungssysteme geleitet wird, und der Strom wird so häufig abgeschaltet, dass eine ganze Reihe von Unternehmen ihre Produktion einstellen musste! Die Kriminalität und das Verkehrschaos nimmt in der Millionstadt Bischkek ein fast unerträgliches Ausmaß an. Besonders gefährdet sind die Kinder, da alle Schulen in der kalten Jahreszeit wegen der Energiekrise geschlossen werden.
Die Energiekrise trifft Kirgisistan auch deshalb besonders hart, weil durch den Klimawandel die bisherigen sehr milden Winter einem kontinentalen eiskalten Winter mit Temperaturen bis zu -20°C gewichen sind. Da die Häuser für derart harte Winter nicht gebaut worden sind, sind in Nadjeschda diesmal die Wasserleitungen eingefroren und die Heizkörper geplatzt. Was tun? Der einzige Ausweg wäre eine Wärmeisolierung der Gebäude.
Als Maria Stecher, die eine Reise nach Kirgisistan geplant hatte, von unserer Not hörte, wandte sie sich hoffnungsvoll an die Firma Würth. Und es geschah ein kleines Wunder: Die Leitung der Firma Würth verstand das Problem und ermöglichte durch ein rasche Spende den sofortigen Beginn der Wärmeisolierung der Wohngruppe für die kleineren Nadjeschdakinder. Inzwischen ist es kalt geworden, und oft müssen die Leute in den ungeheizten, eisigen Räumen frieren. Die Nadjeschdakinder in der Wohngruppe haben es dank der Firma Würth warm und gemütlich!
Aber auch die weniger begüterten Menschen hier in Kirgisistan versuchen zu helfen, damit die oft mehrfach behinderten Nadjeschdakinder den kalten Winter gesund überstehen können. So hat die Leitung des Botanischen Gartens der Hauptstadt Bischkek 20 Studenten der türkisch-kirgisischen Manasuniversität erlaubt, die im Sommer vertrockneten Bäume zu fällen und für Nadjeschda zu zersägen. Im holzarmen Kirgisistan ist das ein wunderbares Geschenk, für das wir alle sehr dankbar sind.
Ein großer Schock und seine Folgen
Vor den Auswirkungen der Energiekrise, besonders den dauernden Stromabschaltungen, die von kriminellen Elementen benutzt werden, kann uns niemand schützen. Denn wenn in der totalen Finsternis Verbrecher unterwegs sind, hat jeder Angst und schließt sich so gut es irgendwie geht ein. Auch wir in Nadjeschda haben versucht, die Gebäude mit Gittern, Alarmanlagen und Wächtern abzusichern. Trotzdem wurde zweimal ein Einbruch ins Gerhard-Bender-Haus versucht, in dem sich der neue Schulbus und auch das Büro befinden. Der größte Schock aber war für uns alle, als es eines Morgens hell wurde und wir sahen, dass die Stromleitung, die die Nadjeschdagebäude verbindet, abgeschnitten und gestohlen worden war.
Diese Stromleitung war Nadjeschda erst vor kurzem von einer südkoreanischen Firma geschenkt worden, um die Gebäude an den Transformator anzuschließen. Und wieder, wie so oft im Leben der Nadjeschdakinder, geschah ein Wunder. Ein türkischer Unternehmer hörte von dem Unglück – und sofort schenkte er uns eine neue Stromleitung.
Der Kindergarten wird immer schöner
Im vergangenen Schuljahr besuchten 17 Kinder den Kindergarten neben der Gert-Michael-Schule. Zu den liebevoll gestalteten Festen kamen zahlreiche Gäste, die die Kinder und den Kindergarten reichlich beschenkten. So ist er inzwischen die schönste und am besten ausgestattete Abteilung in Nadjeschda geworden. Gerade im richtigen Augenblick mit dem ersten Kälteeinbruch wurden durch eine großzügige Spende die wunderschönen Doppelstockbetten fertig, so dass die Kinder endlich nicht mehr auf dem Boden schlafen müssen.
Der kirgisische Präsident schenkt einen neuen Schulbus
Aus Anlass des bedeutenden Feiertages Nurus, dem Fest der Tagundnachtgleiche, übergab der Oberbürgermeister der Hauptstadt Bischkek im Namen des kirgisischen Präsidenten den Kindern von Nadjeschda einen nagelneuen Schulbus. Die Übergabe dieses knallroten, mit zahlreichen Luftballons geschmückten und mit Geschenken gefüllten Busses war ein riesengroßes Fest für alle Beteiligten. Sogar das kirgisische Fernsehen und die Presse waren dabei.
Tod des Ehrenvorsitzenden Tschingis Aitmatov
Der kirgisische Schriftsteller, der beinahe seit der Gründung Ehrenvorsitzender des Kinderzentrums Nadjeschda war, ist kurz vor seinem 80. Geburtstag gestorben. Aitmatov besaß ein tiefes Gefühl für die Würde des Kindes. In fast allen seinen Werken hat er mit großer Zartheit, Phantasie und Einfühlungsvermögen das Schicksal von Kindern beschrieben, die durch die Gleichgültigkeit und den Egoismus der Erwachsenen tief verletzt und oft für ihr ganzes Leben geschädigt wurden.
Zwei tragische Todesfälle
Denis, ein Schüler der siebten Klasse kehrte nach den Sommerferien nicht mehr zu Nadjeschda zurück. Er war an den Folgen eines unglücklichen Sturzes gestorben, denn er war – wie alle armen Kinder hier – selbst im Krankenhaus ohne die entsprechende Behandlung geblieben. Die Situation im kirgisischen Gesundheitswesen ist für behinderte Kinder, deren Eltern sich von ihnen losgesagt haben (und das trifft hier sehr viele Kinder) fast aussichtslos. Sie werden nur dann ins Krankenhaus aufgenommen, wenn anstelle der Eltern eine andere Person die volle Betreuung des Kindes und die korruptionsbedingten hohen Kosten übernimmt – aber Nadjeschda war nicht über den Unfall informiert worden!
Aidana, eine Schülerin der 4. Klasse von Nadjeschda, ist innerhalb von drei Monaten verhungert. Ihre Eltern hatten sie nach der Geburt von Zwillingen in eine staatliche Behindertenanstalt gegeben – und auch hier wurde Nadjeschda weder über diesen Schritt noch über Aidanas Zustand informiert. All dies ist für uns bis heute weder nachvollziehbar noch irgendwie begreiflich. Fassungslos stehen wir vor dem Leid und dem einsamen Tod dieses Mädchens.
Das heilpädagogische Seminar – ein Modell für ganz Kirgisistan
Mit Hilfe eines Projektes des „Fond Soros“ Kirgisistan wurde es möglich, zehn Monate lang Menschen für die Arbeit mit behinderten Kindern zu qualifizieren. Obwohl mehrere Seminarteilnehmer während der praktischen Ausbildung erkannten, dass sie ihre Kräfte überschätzt hatten, und die Ausbildung abbrachen, ist das Gesamtergebnis erstaunlich zufriedenstellend.
Eine besondere Veranstaltung war eine Woche mit Rollenspielen unter dem Titel „Theater der Unterdrückten“. Dadurch haben die Mitarbeiter viele neue Impulse und Ansätze zur Arbeit mit den behinderten Kindern erhalten.
Und durch den Enthusiasmus der Kursteilnehmer entstanden ein neuer integrativer Kindergarten im Dorf Kök Schar, eine neue Werkoberstufenklasse im Janusz-Korcak-Zentrum und eine neue erste Klasse mit fast ausschließlich schwerstbehinderten Kindern in der Gert-Michael-Schule.
Seminar „Gewaltfreie Kommunikation“
Kirgisistan ist das einzige Land der Erde, das sowohl eine amerikanische Airbase, als auch eine russische Airbase ertragen muss. Und als ob diese Spannungen nicht schon genug wären, beunruhigen islamische Gruppierungen, ihre Freunde und Feinde das Land. Der blühende Rauschgifthandel zerstört alle bisherigen sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen des kleinen Landes. Unglaublicher Reichtum brüstet sich rücksichtslos neben großer Armut. Menschliche Beziehungen zerbrechen, halten diese Spannungen nicht aus. Nationalismus und Fanatismus in allen Facetten greifen um sich.
„Mein zweiter Besuch bei Nadjeschda in Kirgisistan, dem wunderschönen Land – herrliche Herbstfarben in den aufregend hohen Bergen und tiefen Tälern. Frische Quellen, die in den Bergen entspringen und der zauberhafte Issyk Kul. Menschen aus vielen Teilen der Welt leben hier zusammen und versuchen mit vielen Schwierigkeiten wundervoll zu leben.
Das ist Nadjeschda, das Zentrum für gesunde und kranke Kinder und die hingebungsvollen Betreuer! Ein bewundernswertes Projekt von Karla-Maria und Igor, die mit so viel Hingabe und Phantasie einen einzigartigen Platz geschaffen haben. Ein Leuchtpunkt in der Welt und natürlich in Kirgisistan. Den Menschen hier wünsche ich eine gute Zukunft. Ein Stück meines Herzens bleibt hier.“
Roswitha Jarman, 23.9.2008
Dank Dir Roswitha für Dein Herz und Deine Hilfe. Du hast Ruhe und Frieden in das kleine Kollegium von Nadjeschda gebracht – und neue Kraft angesichts der Unruhe, dem Hass und dem Neid, die von außen wie zerstörerisch auf das kleine Kirgisistan hereinstürzen.
Das kleine Nadjeschda-Zentrum lebt ja mitten in dieser zerrissenen Gesellschaft. Und als Karla-Maria Schälike die Finanzierung der Gehälter nicht mehr in der gewohnten Art sicherstellen konnte, begann auch in Nadjeschda verdeckte Gewalt zwischen den Mitarbeitern eine immer größere Rolle zu spielen.
Dein Seminar in gewaltfreier Kommunikation hat uns allen einen neuen Blickwinkel und neue Möglichkeiten geschenkt. Es ist friedvoll und wieder offen in den Beziehungen in Nadjeschda geworden. Und die Kinder profitieren davon am meisten. Schade, dass solche Seminare nicht für ganze Länder möglich sind. Vielleicht wäre dann das Leben hier in Zentralasien nicht so schwer und bedrückend.
In diesem für Nadjeschda so schwierigen Jahr waren Helfer aller Art besonders willkommen. Wir möchten allen, die – trotz der für Ausländer oft nicht einfachen Bedingungen –mit so großem Verständnis geholfen haben, von ganzem Herzen danken!
Igor Iljitsch und Karla-Maria Schälike
Spendenstichwort: 3400 Bischkek. >> Zum Spendenformular.














