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Waldorfpädagogik

Vom Wesen der Waldorfpädagogik

Erziehung ist die wichtigste Aufgabe der Menschheit. Die Waldorfpädagogik hat das Potential, der pädagogische Impuls der Zukunft zu werden – einer Zukunft, in der die freie, kreative Individualität das wichtigste Ziel von Bildung sein wird.

Inhalt:
Der pädagogische Auftrag | Der soziale Auftrag | Von der Notwendigkeit eines freien Geisteslebens | Zwei Seiten einer Medaille
Vom Ernst der Lage | AusblickZur Frage der Freiheit im Bildungswesen | Weitere Infos.


Seit ihrer Begründung durch Rudolf Steiner im Jahre 1919 hat die Waldorfpädagogik das Ziel, der Individualität des einzelnen Kindes zur vollen Entwicklung verhelfen. Ein ganzheitlicher Ansatz soll der Entwicklung aller Kräfte und Fähigkeiten des heranwachsenden Kindes dienen: Weltinteresse, Kreativität, gesunde Moralität, künstlerisches Empfinden, handwerkliche Fertigkeiten, selbständiges Denken, soziale Fähigkeiten, Willenskraft.

Schon Heraklit wusste, dass Lehren nicht heißt, ein Fass zu füllen, sondern eine Flamme zu entzünden. Doch die Erkenntnis, dass jeder Mensch einzigartig ist und dass Schule schon deshalb keine „Wissens-Abfüll-Anstalt“ sein darf, hat sich erst allmählich breiter Bahn gebrochen – und ist heute durch die „Ver-Ökonomisierung“ des Denkens bereits wieder äußerst gefährdet. Die Menschheitsentwicklung zielt jedoch unwiderruflich auf die Entwicklung der Individualität und die Entfaltung wirklicher, schöpferischer Freiheit. Alle Tendenzen, die dem entgegenstehen, erweisen sich als rückwärtsgerichtet und im wahren Sinne fortschrittsfeindlich.

Die Waldorfpädagogik hat das Potential, jedes einzelne Kind in seiner individuellen Entwicklung zu fördern, weil sie nach einer wirklichen Menschenkenntnis strebt. Der Mensch ist ein geistig-seelisch-leibliches Wesen, das zu verschiedenen Zeiten seiner Entwicklung ganz spezifische Bedingungen braucht, um sein Wesen wirklich entfalten zu können. Jede Erziehung, die dies nicht im Auge hat, kann nur fehlgehen.

Der Waldorfimpuls kann sein Potential gegenüber jedem heranwachsenden Menschen und in jedem kulturellen Umfeld entfalten, weil er immer wieder neu individualisiert werden kann. Der Waldorflehrer steht vor dieser Aufgabe. Die von Rudolf Steiner gegebenen Hinweise und Anregungen geben ihm einen unerschöpflichen Schatz an Hilfen. Werden sie von wirklichem Verständnis durchdrungen, ermöglichen sie dem Lehrer eine lebendige Erkenntnis, was für jedes individuelle Kind gerade richtig und wichtig ist.

Der pädagogische Auftrag der Waldorfschule

Waldorfpädagogik ist Zukunftspädagogik, weil sie ganz auf das Wesen des Kindes ausgerichtet ist – das seine Entwicklung und seine Fähigkeiten schon in dieses Erdenleben mitbringt. Rudolf Steiner sagte: „Das Kind, das ich erziehe, darf ich nicht von mir aus bestimmen, sondern aus seinem rätselhaften Inneren habe ich herauszuholen, was mir selbst ganz unbekannt ist.“[1] – welch eine Aufgabe! „(...) und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes. Wir müssen die günstigste Umgebung abgeben, damit an uns das Kind sich so erzieht, wie es sich durch sein inneres Schicksal erziehen muß.“[2]

Die zentrale Voraussetzung des Waldorflehrers ist daher die eigene Selbsterziehung und die ernsthafte, ständige Arbeit an der spirituellen Menschenkunde. Allein dies „führt zu einer Menschen-Erkenntnis, die so in sich bewegliche, lebendige Ideen hat, daß der Erzieher sie in die praktische Anschauung der einzelnen kindlichen Individualität umsetzen kann.“[3] Und: „Wer den Sinn für echte Menschenerkenntnis hat, dem wird der werdende Mensch in einem solch hohen Maße zu einem von ihm zu lösenden Lebensrätsel, daß er in der versuchten Lösung das Mitleben der Zöglinge weckt.“[4] – An solchen Worten ahnt man, wie sehr das ernste Bemühen des Lehrers und die Selbsterziehung des Kindes ineinander greifen müssen.

„Man soll sich nicht sagen: du sollst dies oder jenes in die Kinderseele hineingießen, sondern du sollst Ehrfurcht vor seinem Geiste haben. Diesen Geist kannst du nicht entwickeln, er entwickelt sich selber. Dir obliegt es, ihm die Hindernisse seiner Entwicklung hinwegzuräumen, und das an ihn heranzubringen, das ihn veranlasst, sich zu entwickeln. Du kannst dem Geist die Hindernisse wegräumen im Physischen und auch noch ein wenig im Seelischen. [...] Der Geist entwickelt sich auch in allerfrühester Jugend schon am Leben. Aber sein Leben ist dasjenige, das man als Erzieher in seiner Umgebung entfaltet. Die allergrößte Selbstverleugnung ist Aufgabe des Erziehers. Er muß in der Umgebung des Kindes so leben, daß der Kindesgeist in Sympathie das eigene Leben an dem Leben des Erziehers entfalten kann.“[5]

Nach dem ersten Lehrerkurs legte Rudolf Steiner den künftigen Lehrern vier Dinge besonders ans Herz: Der Lehrer sei ein Mensch der Initiative, der bei allem, was er tut, voll dabei ist. Er soll sich für die großen und kleinsten Angelegenheiten des einzelnen Kindes und auch der ganzen Menschheit interessieren. Er muss ein tief wahrhaftiger Mensch sein, der nie Kompromisse mit dem Unwahren schließt. Und er darf seelisch nicht verdorren und versauern.[6]

Ein Wesentliches, was aus all diesen Worten spricht, ist das – durch die Menschenkunde und Seelen-Erkenntnis unendlich zu vertiefende – innere Band zu den Schülern. Gewinnen und stärken kann man es nur durch innere Schulung, Liebe, Interesse, Begeisterung, Humor und Intuition. Das ist ungeheuer viel – aber darum geht es.

„Mit dem Kinde müssen wir innerlich zusammenleben können! Wir müssen so das Menschliche lebendig in uns aufgenommen haben, daß wir mit dem Kinde lebendig zusammenleben können. Bloßes Verstehen des Kindes nützt gar nichts.“[7]

Der soziale Auftrag der Waldorfschule

Mit dem Interesse des Waldorflehrers für die ganze Menschheit klang der soziale Auftrag der Waldorfschule schon an. Dieser Auftrag hat ganz verschiedene Aspekte. Letztlich geht es aber immer um das große Ziel, der Menschheit wirkliche Erneuerungskräfte einzupflanzen. Zum einen dadurch, dass die herangewachsenen jungen Menschen sowohl ein soziales Empfinden, als auch ihre individuellen Fähigkeiten und Impulse entwickeln konnten („Erziehung zur Freiheit“). Zum anderen durch das, was aus der Schulgemeinschaft einer einzelnen Schule und einer ganzen Schulbewegung an Impulsen in die Gesellschaft hineingetragen wird.

In welch großem Maßstab Rudolf Steiner dies immer sah, zeigt sich an folgenden Worten: „Die Sache, um die es sich handelt, ist diese, daß die Menschen weitherzig werden, daß sie mit ihrem Herzen Anteil nehmen können an der Gesamtzivilisation. Das ist etwas, was durch die Prinzipien derjenigen Pädagogik, die hier vertreten wird, hineinzubringen versucht wird zuerst in die Lehrerschaft (...) und auf dem Umwege durch die Lehrerschaft in die Schülerschaft.“[8]

An mehreren Äußerungen Rudolf Steiners wird deutlich, wie zentral wichtig es ihm war, dass die Waldorfschule auf das soziale Leben hin erzieht, auf die Entwicklung eines sozialen Empfindens, durch das der „Pflichtbegriff“ zusammenwächst mit der Liebe zur Tat, zur Arbeit. Und so konnte Steiner sogar sagen:

„Da begründen wir dann wahre Arbeitsschulen, (...) wo durch das Leben, das die Autorität in die Schule hineinträgt, auch das Schwerste von dem Kinde hingenommen wird, das Kind gerade sich herandrängt zu dem, was zu überwinden ist, nicht zu dem, was es nur gerne tut. Darauf ist nun auch gerade die pädagogische Grundlage der Waldorfschule angelegt, daß das Kind in der richtigen Weise arbeiten lernt, daß das Kind mit seinem ganzen vollen Menschen herangeführt wird an die Welt, die in sozialer Beziehung die Arbeit fordert, die auf der anderen Seite aber auch fordert, daß der Mensch dem Menschen selbst in der richtigen Weise, und vor allem sich selbst in der richtigen Weise gegenübersteht.“[9]

„Darauf muss alle Erziehung hinauslaufen, diese moralischen Intuitionen zu wecken, so dass jeder Mensch fühlt von sich: Ich bin nicht von dieser Erde allein, ich bin nicht bloß ein Produkt der physischen Vererbung, ich bin aus den geistigen Welten heruntergestiegen auf die Erde und habe etwas zu tun auf dieser Erde als dieser einzelne individuelle Mensch.“[10] – Hier zeigt sich unmittelbar, wie „Erziehung zur Freiheit“ zugleich ein volles Hineinstellen in die Welt bedeutet. Denn das Erleben der Freiheit („das Größte, was man vorbereiten kann in dem werdenden Menschen“[11]) ist unmittelbar mit dem individuellen Aufscheinen dieser moralischen Intuitionen im einzelnen Menschen verbunden.

Von der Notwendigkeit eines freien Geisteslebens

Diesen Grundcharakter muss eigentlich alle Erziehung haben. Ein wirklich existierendes freies Geistesleben würde das gesamte Bildungswesen verwandeln. Hier nun liegt der eigentlich gesellschaftliche Auftrag der Waldorfschule. Als „Kind der Dreigliederung“ ist sie berufen, ganz entschieden für diese Dreigliederung des Sozialen Organismus einzutreten.

Rudolf Steiner hat gezeigt, wie die Ideale der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) erst dann heilsam wirken können werden, wenn sie sich spezifisch in den drei Sphären des gesellschaftlichen Lebens (Geistesleben, Rechtsleben, Wirtschaftsleben) entfalten. ‚Freiheit’ im Wirtschaftsleben führt zu sozialer Not und Ungerechtigkeit. ‚Gleichheit’ und staatliche Bevormundung im Geistesleben führt zu Unfreiheit, Mittelmaß und einer Lähmung aller individuellen Impulse. ‚Brüderlichkeit’ im Rechtsleben führt zu Korruption...

Ausgehend von der Wirtschaftsideologie, dass der Egoismus des Einzelnen zum maximalen Wohlstand Aller führe, ist dieser Egoismus weltweit auf dem Vormarsch – begleitet von einer materialistischen Weltanschauung und vollkommen abstrakt gewordenen Wissenschaft. Gesellschaftlich gesehen, sind alle wirklichen sozialen Impulse im Grunde verschwunden.

Entscheidend für eine Veränderung wäre ein freies Geistesleben, weil ein soziales Wirtschafts- und Rechtsleben nur entstehen kann, wenn die Menschen sozial denken und empfinden können – und erst in einem freien Geistesleben wird der Wille des Einzelnen eine wirklich soziale Richtung gewinnen.

Solange es kein freies Geistesleben gibt, gibt es auch noch keine wirkliche Demokratie, denn der Staat nimmt Einfluss auf etwas, was nicht demokratisch ge-regelt werden kann. „Auf demokratischem Boden (...) kann kein Impuls entstehen, der richtunggebend sein darf für eine menschliche Betätigung, die frei aus der individuellen Begabung des Menschen fließen soll. (...) Will man aus dem bisherigen Staate eine wahre Demokratie herausgestalten, so muß man aus dieser alles dasjenige herausnehmen und es seiner vollen Selbstverwaltung überliefern (...)“[12]

Wie sehr die Waldorfschule den Auftrag hat, für ein solches freies Geistesleben einzutreten, das hat Rudolf Steiner immer wieder betont. Sie soll und kann auch gar nicht als isolierte ‚Winkelschule’ existieren: „Wenn diejenigen, die schwärmen für die Ideen der Waldorfschule, nicht einmal so viel Verständnis entwickeln, daß ja dazu gehört, Propaganda zu machen gegen die Abhängigkeit der Schule [des Schulwesens, H.N.] vom Staat, mit allen Kräften dafür einzutreten, (...) die Loslösung der Schule vom Staat anzustreben, dann ist die ganze Waldorfschulbewegung für die Katz, denn sie hat nur einen Sinn, wenn sie hineinwächst in ein freies Geistesleben.“[13]

In diesem Zusammenhang wies Steiner aber auch immer wieder auf die Notwendigkeit eines „Weltschulvereins“ hin, der ein solches freies Geistesleben (nicht nur Waldorfschulen) finanziell überhaupt erst ermöglichen müsste: „Daher versuchen Sie (...) zu wirken dafür, daß nicht bloß durch allerlei idealistische Bestrebungen gewirkt wird, sondern daß gewirkt werde durch ein solches Verständnis für die Freiheit des Geisteslebens, daß wirklich im weitesten Umfange für die Errichtung freier Schulen und Hochschulen in der Welt Geld beschafft werde.“[14]

Die Waldorfschule soll weder eine von Staates Gnaden finanzierte, noch eine ums Überleben kämpfende ‚Winkelschule’ sein, sondern mit ihren Lehrern (und Eltern) gerade das Zentrum und der kräftigste Impulsator für die dringend notwendigen Anfänge eines wirklichen neuen Geisteslebens. Ist ein solches erwacht, werden sich neue Wege der Finanzierung gleichsam von selbst entwickeln.

Zwei Seiten einer Medaille

Nur wer die Not der Zeit wirklich empfindet, kann auch ein guter Waldorflehrer sein. Man wird die jungen Menschen im hier angedeuteten Sinne gar nicht anders erziehen können. Und wenn man sich fragt, mit welchen Impulsen diese jungen Menschen auf die Erde gekommen sind, muss man sich doch auch fragen: Erwarten denn diese Kinder und Jugendlichen nicht sehnlich solche Lehrer, die ihnen zeigen, wie man stark und mutig für andere Verhältnisse eintreten und wirkliche soziale Impulse in die Welt stellen kann? Hier schließt sich der Kreis – sozialer Auftrag und pädagogisches Ziel der Waldorfschule gehören engstens zusammen.

„Wer nicht in einer Art von Seelenschlaf die gegenwärtige Krisis des europäischen Zivilisationslebens an sich vorübergehen läßt, sondern sie voll miterlebt, der (...) muß sie [ihre Ursprünge] tief im Innern des menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens suchen. (...) Die Waldorfschule ist nicht eine „Reformschule“ wie so manche andere (...), sondern sie ist dem Gedanken entsprungen, daß die besten Grundsätze und der beste Wille in diesem Gebiete erst zur Wirksamkeit kommen können, wenn der Erziehende und Unterrichtende ein Kenner der menschlichen Wesenheit ist. Man kann dies nicht sein, ohne auch eine lebendige Anteilnahme zu entwickeln an dem ganzen sozialen Leben der Menschheit. Der Sinn, der geöffnet ist für das Wesen des Menschen, nimmt auch alles Leid und alle Freude der Menschheit als eigenes Erlebnis hin. Durch einen Lehrer, der Seelenkenner, Menschenkenner ist, wirkt das ganze soziale Leben auf die in das Leben hineinstrebende Generation. Aus seiner Schule werden Menschen hervorgehen, die sich kraftvoll in das Leben hineinstellen können.“[15]

Vom Ernst der Lage

Rudolf Steiner verwies immer wieder auf die Niedergangskräfte, die in unserer Zivilisation wirken. Nach der Begründung der ersten Waldorfschule 1919 folgten die Schreckenszeit der Nazi-Herrschaft, der Zweite Weltkrieg und die lange Zeit des Kalten Krieges. Dass unsere Generation heute (insbesondere in Europa) in relativem Frieden und Wohlstand aufgewachsen ist, führt allzu leicht dazu, dass wir die Untergangskräfte nicht mehr wahrnehmen (wollen). Dabei kann man in verschiedener Hinsicht eine deutliche Kulmination beobachten: Zusammenbruch der sozialen Netze; eine neue Phase der Profitmaximierung; Erosion des Völkerrechts und der Menschenrechte; globaler Klimawandel; Verlust der Bodenfruchtbarkeit; Vernichtung der Biodiversität durch die Gentechnik; Erstarken fundamentalistischer Bewegungen...

Die Untergangskräfte sind heute stärker denn je – und es kommt mehr denn je auf die volle Kraft und die individuellen Impulse jedes Einzelnen an. Wirken die gegenwärtigen Tendenzen weiter wie bisher, werden wir die Welt vielleicht schon in 30 Jahren kaum wiedererkennen. Und was sind 30 Jahre in Maßstäben der Menschheitskultur?

Vereinzelt sind auch Aufgangskräfte wahrnehmbar – zum Beispiel da, wo aus der Kraft der Individualität neue soziale Impulse hervorgehen. In wie vielen Menschen schlummern genau die richtigen, die wichtigen Impulse! Doch ohne ein wirklich freies Geistesleben können diese Impulse nicht kulturverändernd wirken. Erst ein freies Geistesleben könnte eine wirklich neue Menschheitskultur heraufführen – ein neues Denken, ein neues Fühlen, ein neues Wollen.

Rudolf Steiner setzte hohe Hoffnungen in die Waldorfschule. Sie sollte ein Keim für jenes Geistesleben werden, das heute so schmerzlich fehlt. Sie sollte ein Kulturfaktor werden! Die Frage der Waldorfpädagogik steht in dem nicht groß genug zu denkenden Zusammenhang der Frage nach der Zukunft der menschlichen Kultur, des menschlichen Geistes überhaupt! Die heutige „Kultur“ steht gleichsam ratlos vor den Folgen ihrer Geistlosigkeit, ohne diese überhaupt zu bemerken.

Ausblick

Eine andere Welt ist möglich – und sie beginnt mit wahrer Bildung. Ein wahres Erziehungswesen sieht in den Kindern heranwachsende Individualitäten, und wahre Pädagogen haben das glühende Ideal, den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen die Entwicklung zu freien Menschen zu ermöglichen – zu Menschen, die ihr eigenes Wesen entfalten und ihre besten Impulse in der Welt verwirklichen können.

Das freie Individuum ist das Zukunftsziel der Menschheit – und die freie, selbstverwaltete Zusammenarbeit von Menschen das zivilisatorische Zukunftsprinzip. In einer solchen Zusammenarbeit sind neue Fähigkeiten gefragt: Selbsterkenntnis und Selbsterziehung, Geistesgegenwart, Realitätssinn, Offenheit für Neues und Ungewohntes, Begeisterungskraft und Willensstärke.

All dies sind Fähigkeiten, die die Waldorfpädagogik mit ihrem umfassenden Ansatz fördert. „Die Kinder sind unsere Zukunft“ heißt es, oft mit einem halb hoffenden, halb sentimental-resignierten Unterton. Tatsächlich bringen die Kinder immerfort Zukunft mit sich – es ist nur die Frage, ob und wie dieser Impuls sich entwickeln und verwirklichen kann. Die Waldorfpädagogik hilft den heranwachsenden Menschen, jene Fähigkeiten und Impulse zu entfalten, die im umfassendsten Sinne Menschheitszukunft gestalten.

>> Weitere Zitate Rudolf Steiners zum Wesen der Waldorfpädagogik.

Zur Frage der Freiheit im Bildungswesen

Weltweit sucht man heute nach Lösungen, um den „modernen Herausforderungen“ zu begegnen. Es werden überall Reformen für das „Schulsystem“ konzipiert und umgesetzt. Doch eigentlich immer ist die Tendenz eine zunehmende Ausrichtung auf das Ökonomische und eine zunehmende Kontrolle durch den Staat. Ob es um die Definition von „Schlüsselkompetenzen“ oder um Standards, Tests und Prüfungen geht – nirgendwo ist der individuelle Mensch oder die selbst verantwortete Schule im Blick. Immer geht es um abstrakten Aktionismus, der letztlich immer nur dem Primat des Ökonomischen und der Herrschaft von Bürokratie und Hierarchie dient.

Wenn man sich wirklich Gedanken um das Wesen von Bildung machen würde, käme man unmittelbar zu ganz anderen Überlegungen.

Im Hinblick auf die Erziehung junger Menschen wirkt nichts so sehr und so tief wie das lebendige Vorbild. In jüngeren Jahren handelt es sich um das direkte Vorbild des Lehrers und seines Handelns. In späteren Jahren, wenn die Jugendlichen zu wirklich eigener Urteilsfähigkeit heranreifen, handelt es sich um die am Lehrer wahrgenommene Wahrhaftigkeit: Inwieweit bemüht er sich selbst, seine umfassenden Kompetenzen, die zum modernen Menschsein gehören, immer weiter zu entwickeln – und auch aus diesem vollen Menschsein heraus (nicht nur abstrakt) zu unterrichten?

Damit aber kommt man sofort zu einer nur scheinbar abseitig liegenden, tatsächlich aber grund-legenden Frage: Welches Umfeld braucht der Lehrer dazu? Wie müssen Schulen organisiert werden, damit der Lehrer in dieser Herausforderung unterstützt und gefördert wird?

Der Lehrer selbst muss als stets strebender, sozialer, initiativer und kreativer Mensch im Leben stehen und aus dem Leben heraus unterrichten. Er muss seinen Beruf lieben. Dies alles kann er am besten, wenn er aus seinen ureigensten Impulsen heraus unterrichten kann – und nicht zur Verwirklichung definierter Lehrplan-Inhalte verpflichtet ist. Jede inhaltliche Vorgabe behindert die aus grundsätzlichen Überlegungen heraus notwendige Autonomie des Pädagogen.

Lernkompetenz, Initiativ- und Unternehmergeist können geweckt und gefördert werden, wenn die Selbständigkeit älterer Schüler gefördert wird – durch Projekte, Praktika, Jahresarbeiten etc. Jede Schule kann hier vielfältige Ideen und Schwerpunkte entwickeln. Die Förderung dieser übergeordneten Kompetenzen braucht Zeit – die Früchte werden nicht sofort sichtbar, sind auch nicht unmittelbar „abrufbar“, sie zeigen sich aber schließlich, wenn der erwachsen werdende Mensch mit umfassenden Kompetenzen, mit Selbstvertrauen und Initiative ins Leben entlassen wird.

Detaillierte Lehrplanvorgaben, Tests und Einheitsprüfungen verhindern jegliche Eigeninitiative, Motivation, Kreativität und überhaupt jede Lebendigkeit der Pädagogen – also alles, was zur Erneuerung des Bildungswesens dringend notwendig wäre, und auch alles, was die heranwachsenden Menschen am lebendigen Vorbild eigentlich lernen sollten!

Überall wird heute „freie Konkurrenz“ gefordert – doch während sie im Wirtschaftsleben zu Egoismus und tiefer Ungerechtigkeit führt, wäre sie nirgendwo notwendiger und richtiger als im Bildungswesen. Um gerade hier den freien Wettbewerb einzuführen, sollten die Schulen die größtmögliche Autonomie erhalten. Dadurch können nicht nur die einzelnen Pädagogen ihre volle Initiativkraft und berufs-notwendige Kreativität entfalten, sondern auch die einzelnen Schulen jeweils ihr ganz besonderes Profil ausbilden. Im Zuge eines solchen Wettbewerbes um pädagogisch wirklich wertvolle Profile wird sich dann auch am effektivsten zeigen, welche pädagogischen Ansätze zukunftsweisend sind, und welche wissenschaftstheoretische Strohfeuer und Irrtümer darstellen.

Eltern haben ein unmittelbares Interesse an einer guten Bildung für ihre Kinder – und meist ein feines Gespür für die Qualität einer Schule. Über eine freie Schulwahl der Erziehungsberechtigten unterlägen die Schulen einem steten Veränderungsdruck und der Notwendigkeit einer gezielten Qualitätsentwicklung. Eine unbedingte Voraussetzung dafür ist, dass die freien Schulen gleiche ökonomische Voraussetzungen wie die vom Staat betriebenen Schulen erhalten. Erst durch eine wirklich gleichberechtigte Konkurrenz seitens der freien Schulen, die oft die innovativsten Ansätze erproben und verwirklichen, geraten auch die staatlichen Schulen unter jenen Veränderungsdruck, auf den es unbedingt ankommt.

Fazit: Die freie Schulwahl in Verbindung mit einer wirklichen Autonomie der einzelnen Schulen und einer nicht-diskriminierenden staatlichen pro-Kopf-Finanzierung der Schulen unabhängig vom Schulträger (frei/staatlich) ist gerade ohne äußere Vorgaben die beste Garantie für ein sich fortwährend und effektiv modernisierendes, an den heute notwendigen Schlüsselkompetenzen und Herausforderungen ausrichtendes Bildungssystem.

Anmerkungen


[1]   GA 53, S. 312f.
[2]   GA 306, S. 131.
[3]   GA 24, S. 269.
[4]   GA 24, S. 87.
[5]   GA 305, S. 71ff.
[6]   GA 294, S. 193f.
[7]   GA 304a, S. 89.
[8]   GA 307, S. 244f.
[9]   GA 304, S. 117.
[10] GA 305, S. 225.
[11] GA 308, S. 72.
[12] GA 24, S. 206.
[13] GA 337b, S. 248.
[14] GA 337b, S. 249.
[15] GA 300c, S. 15.

 

Weitere Infos


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