Jahresbericht 2006 aus Gremi

2006 war ich von Juli bis Anfang November in Gremi. Mit einem bis zur Dachkante mit gespendeten Schuhen, Kleidern, Schulmaterialien, Haushalts-, Garten-, Werkstatt- und Bürogeräten vollgestopften geschenkten (!) Toyota-Bus machte ich mich auf den Weg zur Lebensgemeinschaft TEMI – eine wachsende Gemeinschaft von Menschen, die alle aus unterschiedlichen Gründen zu uns finden....

Neue Menschen

Es sind wieder sehr viele (17!) Menschen zu unserer Gemeinschaft dazugekommen. Das ist zunächst fast unglaublich angesichts unserer eingeschränkten räumlichen Verhältnisse und mangelhaften Infrastruktur. Doch die Not in Georgien, einen Platz für schutzlose, seelenpflegebedürftige junge Menschen zu finden, ist sehr gross.

Unter unseren Neulingen sind unter anderem

- neun Jugendliche aus einem staatlichen Kinderheim in Kaspi. Zwei junge Frauen sind sehr stark behindert in ihrer seelischen Entwicklung, alle kamen aus einer sehr desolaten Situation und mussten sich erst einmal mit den Regeln der Gemeinschaft und dem Zusammenarbeiten vertraut machen.
- ein verwahrlostes 15-jähriges Mädchen mit ihrem sieben Monate alten Baby. Sie wurde kurz nach dessen Geburt von ihrer Familie hinausgeworfen. Sie wurde auch bereits mit zehn Jahren aus der Schule genommen, obwohl sie geschickt ist und lesen, schreiben und rechnen kann.
- ein Säugling direkt aus dem Krankenhaus- Julia nahm sich seiner an und zieht ihn wie ihr eigenes Kind auf. Sie besorgt auch weiterhin zusammen mit Isa die nächtliche Betreuung der pflegebedürftigen Frauen.
- ein 5-jährige querschnittgelähmter Junge, der hoffentlich die Dorfschule besuchen kann. Um ihn kümmern sich Ramasi und Sura, die beiden Waisen, die schon länger bei uns sind.
- Mari und Tamuna, Kinder einer alleinerziehenden Mutter aus dem Nachbardorf.
- ein halbblinder alter Mann. Er wohnt zusammen mit Arsen und einem der neu dazugekommenen jungen Männer im ehemaligen Kuhhirtenzimmer neben der Remise.

Auch Teona, die zweite Tochter unseres Mitarbeiters Malchas, ist nun bei uns eingezogen. Seine Frau Zizo arbeitet seit Sommer bei uns als Köchin. Wir freuen uns sehr, dass diese Familie aus dem Nachbardorf Almati sich mit unserer Gemeinschaft verbunden hat. Dato, der Jüngste der Familie, hat in Gremi die Schule begonnen und geht zusammen mit Petre in die erste Klasse.
Ausgezogen sind Anna und Sviad, nachdem wir noch ihre Hochzeit gemeinsam gefeiert haben. Sie versuchen sich nun in einem entfernteren Dorf durchzuschlagen, besuchen uns aber noch manchmal.
Tagsüber kommen Hausfrauen aus dem Dorf, eine fürs Kochen, eine fürs Brotbacken und zwei zur Pflege und Betreuung der behinderten jungen Frauen. Sie alle bekommen ein kleines Gehalt (30-60 € pro Monat.).

Dadurch, dass wir 2005 und 2006 mehrere Jugendliche aus öffentlichen Waisenheimen aufgenommen haben und eine einwandfreie Buchhaltung vorweisen können, haben wir es nach 15 Jahren endlich geschafft, eine staatliche Unterstützung für 26 bedürftige Menschen zu bekommen: 5 Lari bzw. 2,30 Euro pro Tag und Person. Offiziell sind darin alle Kosten enthalten: Gehälter für Küche und Betreuung, Unterbringung, Arztkosten, Medikamente, Kleidung, Exkursionen, usw. …

Zur Zeit leben in unserem Haus bis zu 50 Menschen, und zu den Mahlzeiten kommen noch einige dazu. Für die Menschen, die „von der Strasse“ oder auf irgendwelchen Wegen zu uns kamen (also etwa die Hälfte der Belegschaft) und nicht vom Staat als „debil“ registriert sind, bekommen wir noch keine Unterstützung. Allerdings verhandeln wir auch darüber seit langem mit dem Ministerium.

Pädagogisches

Eine wichtige Aufgabe war es, die vielen neuen Jugendlichen in verschiedene Arbeitsprozesse zu integrieren: Haushalt, Arbeiten in Haus, Hof und Garten. Ausserdem habe ich mit verschiedenen Jugendlichen und den Kindern an den Handwebrahmen gearbeitet. Für viele ist das eine gute Geschicklichkeits- und Konzentrationsübung. Mit den kleinen Kindern und einigen neuen Jugendlichen machte ich auch verschiedene Spiele zur Erweiterung des Wortschatzes. Leider hatten diese Jugendlichen im Kinderheim alle keinen Schulunterricht, obwohl einige durchaus fähig wären, zu schreiben und zu lesen! Für den Unterricht habe ich ein Zimmer im Rohbau provisorisch eingerichtet, da alle ausgebauten Zimmer zur Zeit als Schlafräume dienen müssen.

Als besonderen Höhepunkt des Sommers organisierte ich ein künstlerisches Wochenende, das wir mit Unterstützung der Elisabeth-Gast-Stiftung durchführen konnten. Vier KünstlerInnen aus Tiflis machten bei uns ein Mal-, ein Plastizier- und ein Musikatelier, in denen alle nach ihren Fähigkeiten und Wünschen drei Tage lang schöpferisch tätig waren. Getöpfert wurde draussen im Hof, gemalt und musiziert drinnen im Dachraum. Da es zu dieser Zeit sehr heiss war, fuhren wir abends jeweils zum Alasani-Fluss baden.

Ausflüge und Exkursionen

In den langen Sommerferien, in denen auch alle Schulkinder zu Hause waren, haben wir viel gemeinsam unternommen. Zweimal machten wir Wanderungen in die Berge, mit Übernachtung im  Schlafsack und Picknick am Lagerfeuer. Oft waren wir im nahegelegenen Dorfbach baden, den wir auch mit den schwerer Behinderten in einem längeren Spaziergang gut erreichen können. Wenn wir mit unserer bunten Riesengruppe durchs Dorf ziehen, geben wir ein recht ungewohntes Bild für die Dorfbevölkerung ab... Mehrere Tagesausflügen führten uns in die Umgebung von Telavi, Kvareli und nach Sighnaghi, wo wir meist alte Kirchen besuchten.

Auf unserem Grundstück in Tiflis wurde ein kleines, behelfsmässiges Häuschen mit einem Zimmer, Toilette, Dusch- und Kochgelegenheit errichtet. So haben wir jetzt eine eigene Übernachtungsmöglichkeit in der Hauptstadt, die wir auch nutzen konnten, als wir erstmals mit einer Gruppe Schulkinder und Jugendlicher Ausflüge in die Stadt und nach Westgeorgien machten.

Zu Arsens Geburtstag besuchten wir nach seinem Wunsch Gori und machten danach eine wunderschöne mehrstündige Wanderung über die Hügel der ältesten georgischen Höhlenstadt Uplisziche, abends immer mit Schaschlick am Feuer. Leider ist der Platz in unserem Kleintransporter doch beschränkt, so dass wir immer eine Gruppenauswahl treffen mussten, was manchmal nicht ganz einfach war...

Landwirtschaft

Als ich zu Ostern in Gremi war, war es sehr kühl und regnerisch, so dass ich im Garten nicht alles säen konnte, was ich vorhatte. Am besten wuchsen die Zucchinis, auch ein paar Bohnen, Salat und rote Beete. Wir pflanzten auch viele Tomaten, die wir ab August ernten konnten. Am Ende des sehr heissen, trockenen August bekamen wir Wasserprobleme, so dass wir nicht mehr giessen konnten.
Die Traubenernte fiel in Kachetien eher mager aus. Auf unseren 3,5 Hektar ernteten wir ca. eine Tonne Trauben, die wir zum grössten Teil zu Wein verarbeiteten.
Im Tausch gegen einige hundert Betonsteine, die wir selbst herstellen, erwarben wir im Sommer eine zweite Kuh und alle sind glücklich, wenn es wieder frischen Joghurt und Milch im Brei gibt. Im Oktober wurden zwei Kälbchen geboren und zum Jahresende wurde uns eine dritte Kuh geschenkt.

Ausblick

Das Haus auf unserem Grundstück, das eigentlich im Sommer 2006 fertig sein sollte, steht nach wie vor erst mit der Rohschalung des Erdgeschosses, weil Sponsor und Baufirma sich streiten. Weil die Gemeinschaft so gross geworden ist, müssen nun bald neue Zimmer im 2. Stock fertiggestellt und gebaut werden. Außerdem brauchen wir eine Waschküche und einen Brotbackofen, und die sanitären Anlagen und die Küche müssen ausgebaut werden. Im Keller müssen neue Stahlträger eingezogen werden, da die alten morsch und brüchig sind. Und natürlich gibt es jederzeit vieles andere zu tun. So hoffen wir, dass wir auch in diesem Jahr Menschen finden, die unsere Gemeinschaft weiterhin unterstützen.

Susanna Reinhart

Stand / Update: 04/2007