Es sei erstaunlich, sagte die junge Journalistin der ältesten und weitverbreiteten bulgarischen Zeitung Bulgariens „Narodno delo“, dass die Waldorfpädagogik, ein pädagogisches Konzept, das in allen europäischen und auch aussereuropäischern Länder erfolgreich in Schulen und Einrichtungen für behinderte Menschen wirksam ist, in Bulgarien erst jetzt bekannt wird...
Die junge Journalistin war gekommen, um Edith Moor, die Initiatorin, der ersten heilpädagogischen/sozialtherapeutischen Ausbildung, sowie Referenten und TeilnehmerInnen des Einführungsseminars zu interviewen. Zu diesem Seminar waren am 3. Oktober 2007 fast fünfzig Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter aus ganz Bulgarien nach Varna angereist.
Vorausgegangen war eine Konferenz zu diesem Thema, welche im Juli 2006 ebenfalls in Varna stattfand und dreihundert Menschen anzog, die sich über Waldorfpädagogik und anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie informierten wollten. Die finanziellen Mittel ließen es allerdings nur zu, ca. zweihundert von ihnen einzuladen. Ein gutes Hundert von ihnen schrieb sich dann auch für ein weiterführendes Seminar ein. Sechzig davon hatten sich nun angemeldet und fünfzig waren gekommen. Für ein Land wie Bulgarien mit so vielen organisatorischen Alltagsproblemen ein wahrer Rekord, und wohl auch eine gute Auswahl für das 3-jährige Seminar.
In Bulgarien intensiv vorbereitet und bestens organisiert durch Tatiana Blagoeva, hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, mit Referenten aus verschiedenen Ländern zu arbeiten: neben der Initiatorin aus der Schweiz, die auch in das Formenzeichen einführte, kamen Zinaida Levina und Remco van der Plaat vom Ita-Wegmann-Seminar für Heilpädagogik und Sozialtherapie in Moskau, Constantin Gruia aus Bukarest für die Eurythmie und Dr. Gerhard Herz aus Deutschland als Ausbildungsleiter.
Besonders wichtig war es den Veranstaltern aber auch, bulgarische Referenten dabei zu haben. So stellte der Mikrobiologe und Absolvent des ersten 3-jährigen Seminars für Waldorfpädagogik in Sofia, Dr. Stoyan Vezenkov, die Waldorfpädagogik und der Arzt Dr. Trajco Frangov, als Vertreter der bulgarischen anthroposophischen Gesellschaft, das Menschenbild der antroposophischen Geisteswissenschaft vor, und die Kunstherapeutin Mariana Nicolova (ebenfalls Absolventin des ersten Waldorfseminars) führte ins Malen ein.
Das Seminar war so konzipiert, dass die Teilnehmer einen lebendigen Eindruck über die Art ihrer zukünftigen Tätigkeit und den sogenannten trialen Ansatz – nämlich die Verbindung von Erkenntnisarbeit, künstlerischem Prozess und Praxis – erleben konnten.
Weil sich die Praxis der Heilpädagogik in Bulgarien noch schwer tut, sich aus der lange herrschenden „Defektologie“ zu lösen, vermittelte das Seminar den Teilnehmern einen starken Eindruck und eine begeisternde Perspektive in eine andere Sicht und einem anderen Verständnis des behinderten Menschen. Das Interesse der TeilnehmerInnen (15% Männer) an der Menschenkunde, der Erfahrung mit künstlerischen Prozessen war groß.
Die über ein von Edith Moor produziertes Video über die Praxis der Heilpädagogik („Ein Tag in der antroposophischen Einrichtung „Christofferushaus/CH“), hinterließ einen starken Eindruck, ebenso das Video über die weltweit verbreitete Waldorfschul-Bewegung, welche von unseren bulgarischen Helfern in Windeseile in einen bulgarischen Text übersetzt wurde. Die Sprachbarriere wurde durch die anstrengende aber mit Begeisterung durchgeführte Übersetzungsarbeit von Katya Belopitava sowie Rositsa und Dimitar Levashki erstaunlich unproblematisch überwunden.
Am Ende der Tagung standen über vierzig Anmeldungen auf der Teilnehmerliste für die Ausbildung, die ab Januar 2008 in Varna, Blagoevgrad und Elena durchgeführt wird – Orte, an denen die ersten heilpädagogischen Initiativen in Bulgarien zu keimen beginnen.
Weil die Einkommen der Pädagogen in Bulgarien sehr niedrig sind (ca. 150 Euro - landesweit wird zur Zeit für eine Lohnerhöhung gestreikt), konnte sich die Tagung nicht selbst finanzieren. So war es nötig, die entsprechenden Gelder zu organisieren. Das ist Edith Moor für dieses Seminar durch die Unterstützung der IONA Stichting und IWC-BG (international womans club) und durch großzügige Spenden von Privatleuten gelungen.
Für das Seminar, das die Menschen in Bulgarien jetzt ab Januar erwarten, sind die nötigen Mittel noch nicht im vollen Umfang gesichert, so dass der gemeinnützige bulgarische „Verein Opora“, der der Träger der Ausbildung sein wird, auf finanzielle Unterstützung angewiesen und für alle Zuwendungen dankbar ist.
Alle Beteiligten gehen davon aus, dass die anfangs erwähnte Journalistin ihre Absicht verwirklichen kann, die Entwicklung der Waldorfpädagogik in Bulgarien zu begleiten und ab Januar 2008 über die neue Ausbildung zu berichten... Dass begleitend dazu auf einem Hof in Dragodam bei Blagoevgrad eine erste sozialtherapeutische Einrichtung entstehen soll, ermöglicht ihr auch in den kommenden Jahren weitere Berichtstätigkeit.
Was aussah wie eine Landpartie mit Bewirtung auf typisch bulgarische Weise mit Schafskäse, Honig, Brot und Eiran, war in Wirklichkeit der Auftakt für die anthroposophische Sozialtherapie in Bulgarien: Auf Initiative der schweizerisch-bulgarischen Pädagogin und Sozialtherapeutin Edith Moor-Vasilev, traf sich eine Gruppe von neun Menschen aus der Schweiz, aus Deutschland und aus Bulgarien auf dem idyllisch gelegenen Hof der Familie Vezenkov in Dragodam, nahe der südwestbulgarischen Universitätsstadt Blagoevgrad.
Dieser Hof wird zukünftig biologisch-dynamisch bewirtschaftet werden und damit die Grundlage bilden für eine sozialtherapeutische Einrichtung. Den Begriff Grundlage kann man dabei ganz wörtlich nehmen, weil die Familie Vezenkov – entgegen dem auch in Bulgarien stark zunehmenden Trend zur Kommerzialisierung – der Initiative großzügig eine Fläche von ca. sieben Hektar schenkt. Darauf stehen zwei renovierungsbedürftige Häuser, in denen die Arbeit mit den ersten Betreuten bis Anfang 2008 beginnen soll. Etwa gleichzeitig wird ein Neubau für 16 junge Erwachsene geplant.
Damit die Arbeit eine solide Grundlage hat, stellt Hartwig Ehlers von der Landbauforschungsgesellschaft Weide-Hardebek seine langjährigen Erfahrungen aktiv unterstützend zur Verfügung, und im Sinne einer raschen praktischen Realisierung waren eine bulgarische Architektin und ein in Bulgarien ansässiger deutscher Bauingenieur mit vor Ort.
Der rasche Beginn der sozialtherapeutischen Arbeit ist Edith Moor ein großes Anliegen, das sie seit fünf Jahren tatkräftig und umsichtig vorbereitet, weil sie konkret gesehen und erlebt hat, wie viel Anregung die Arbeit mit behinderten Menschen in Bulgarien braucht. Einen Ausschnitt davon konnte die Gruppe beim Besuch einer Fördereinrichtung in Blagoevgrad erleben. Die Leiterin und die verantwortliche Ärztin, die dort auch übergreifend sozialtherapeutisch tätig ist, haben ihre konkrete Unterstützung zugesagt.
Dr. Stoyan Vezenkov und Tatjana Blagoeva, die zu den Promotoren des waldorf- und heilpädagogischen und des biologisch-dynamischen Impulses gehören, werden zwar auch zukünftig die wunderschöne Lage des Hofes nutzen können um Ausflügler und Interessenten dort zu bewirten (auch der Aufenthalt von Waldorfschulklassen ist möglich), ihre Haupttätigkeit wird aber sein, die rechtlichen und administrativen Grundlagen für die beginnende Arbeit weiter auszubauen und zu verbreitern.
Edith Moor