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Steiners Esoterik in verändertem Umfeld

Johannes Kiersch: Steiners Esoterik in verändertem Umfeld. Überlegungen im Anschluss an Helmut Zander. Erziehungskunst, 12/2007


Die Pädagogik der Waldorfschulen beruht auf der Anthroposophie Rudolf Steiners, und deren Grundlage ist – oder war zumindest ursprünglich – eine besondere Form von Esoterik. In früheren Jahren wurde das, gegen den Willen Steiners, gern verschwiegen, später dann vielfach für peinlich gehalten.

Durch veränderte Zeitumstände wird es jetzt von neuem aktuell und verlangt nach rationaler Klärung im vollen Licht der Öffentlichkeit. Besonderen Anlass dafür gibt der im Bereich der akademischen kulturgeschichtlichen Forschung in den letzten Jahren zu beobachtende Klimawandel in Richtung auf eine vorurteilslose, unbefangene Beschreibung und Deutung der verborgenen esoterischen Strömungen der abendländischen Geschichte (1) und in diesem Zusammenhang das eben erschienene zweibändige Monumentalwerk des Kulturhistorikers Helmut Zander über die Geschichte der Anthroposophie in Deutschland, das in den letzten Monaten in so gut wie allen führenden Zeitungen und besonders natürlich in den anthroposophisch orientierten Medien eifrig und kontrovers diskutiert wurde (2).

Was ist von diesem imponierenden Werk zu halten? Für einen Freund der Waldorfpädagogik wirkt besonders irritierend das widersprüchliche, diffuse, verzerrte Bild Steiners, das darin gegeben wird. Man macht es sich aber zu leicht, wenn man das Werk deshalb pauschal ablehnt. Zander will keine Biografie schreiben, sondern Steiners Lehre auf ihre historischen Quellen hin befragen. Dabei entdeckt er viele wissenswerte, bisher unbekannte Einzelheiten. Zugleich aber gerät er damit in ein nicht hinreichend reflektiertes methodisches Dilemma. Denn zentrale Elemente der Anthroposophie bestehen in Ideen und Erfahrungen, die eng an die Person Steiners gebunden sind. Wer diese Elemente unbeachtet lässt und sie wie Zander – mit einem marxistischen Terminus – zum bloßen ideologischen „Überbau“ erklärt, verzichtet darauf, den darin verborgenen immanenten Sinnzusammenhang in seine Interpretation des historischen Materials einzubeziehen und hat schließlich nur noch ein Trümmerfeld vor sich, ein loses Konglomerat von Bruchstücken, in das er dann beliebige Vermutungen hineinprojizieren kann.

Zanders Fazit, dass Steiner im Wesentlichen nur gesammelt und fantasiert habe, also nichts als ein genialer Eklektiker gewesen sei, ist eine nach wie vor unbewiesene Behauptung, mit der sich Gegner und Kritiker seit nun schon beinah hundert Jahren vor der Herausforderung gedrückt haben, das Genie Steiners aus sich selbst heraus zu verstehen.

Wenn aber Zanders Werk trotz seiner Materialfülle im Wesentlichen nichts Neues bringt: Woher dann seine irritierende Wirkung in der Waldorf-Landschaft? Hat der Autor einen wunden Punkt berührt, der uns bisher nicht hinreichend bewusst war? Helmut Zander wirft in seiner Darstellung eine Reihe von Fragen auf, die neue Forschungen einleiten könnten. Besonders bemerkenswert ist seine Feststellung, dass eine Geschichte der Steiner-Rezeption zu wünschen sei. Wie ist Steiner von seinen Freunden und seinen Gegnern im Lauf der Zeit aufgefasst worden? Wie hat man ihn verstanden oder missverstanden? Was von seinen Ideen und Taten hat weitergewirkt? Was ist unbeachtet liegengeblieben? Und welche Gründe gibt es dafür? Solche Fragen sind gegenwärtig in höchstem Grade aktuell, besonders im Hinblick auf Steiners Esoterik, die inzwischen für viele Mitarbeiter anthroposophischer Institutionen, auch der Waldorfschulen, in entlegene historische Distanz gerückt ist, oft nur noch schattenhaft und in problematischer Einseitigkeit aufgefasst wird und kaum noch authentisches Engagement auslöst.

Phasen der Steiner-Rezeption

Im historischen Rückblick zeichnen sich bisher zwei Phasen der Steiner-Rezeption deutlich ab. Steiner hatte bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr als Philosoph und Journalist gearbeitet und besonders als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften eine gewisse öffentliche Anerkennung erfahren. Sein esoterisches Wirken im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft, das mit der Jahrhundertwende einsetzte, war eine mutige Antwort auf die Welle des zeitgenössischen Materialismus, die damals ihren Höhepunkt erreichte. Kleine Kreise von spirituell interessierten Menschen in Deutschland und bald auch darüber hinaus fanden ihre tiefsten Seelenbedürfnisse befriedigt durch das, was Steiner über Wege zu übersinnlicher Wahrnehmung, über Engel und Elementarwesen, über den Sinn der Menschheitsevolution und vor allem über die Mysterien des Christentums zu sagen hatte.

Innig gefühlte Dankbarkeit und uneingeschränkte Verehrung kamen dem Eingeweihten und Geisteslehrer entgegen. Hier war jemand, so schien es, dem die „geistige Welt“ hinter dem Maja-Vorhang des Sinnenscheins wie eine offene Landschaft zugänglich war, ein lichterfüllter Kontinent zuverlässiger Wahrheit, demgegenüber alles verblasste, was die positivistische „äußere“ Wissenschaft der Universitäten über die Welt zu sagen hatte. Steiner als Verkünder dieser Wahrheit wurde so zur Ikone, zum Inbegriff unanfechtbarer heiliger Weisheit, die er in ihrer ganzen Fülle und Vollkommenheit von Kindheit an in sich getragen und schrittweise, gemäß dem Fassungsvermögen seiner Hörer, mitgeteilt haben sollte. Wer sich darauf einließ, war gerettet; wer zweifelte oder Einwände hatte, wurde für hilfsbedürftig, verblendet oder gar für böswillig gehalten.

Als mit dem Ende des Ersten Weltkriegs mit der Ausbreitung anthroposophischer Reform-Initiativen auf allen Gebieten des Lebens massive Gegnerschaft auftrat, entstand aus solchen Empfindungen eine Wagenburg-Mentalität, die stellenweise noch heute anzutreffen ist: Das Gefühl, als bedrohte Minorität gegen eine Welt von Gegnern kämpfen zu müssen. Steiners verzweifeltes Wort: „Ich will nicht verehrt werden! Ich will verstanden werden“, blieb zunächst ohne breiteres Echo.

Eine zweite Phase der Steiner-Rezeption begann, wenn man von den Bemühungen einiger früher Pioniere wie Carl Unger absieht, mit Christoph Lindenbergs Schrift über Steiners Zugang zum Christentum, mit der zum ersten Mal ein engagierter Anthroposoph versuchte, eine unvoreingenommene Außen-Perspektive zur Anwendung zu bringen (3). In den neunziger Jahren brachten dann Lindenbergs „Chronik“ und seine zweibändige Biografie Steiners ein ganz neues Bild des Begründers der Anthroposophie zum Vorschein: den suchenden, forschenden, auch durch Engpässe und Irrtümer hindurch unaufhörlich weiterstrebenden Menschen des Zeitalters der „Bewusstseinsseele“, der keineswegs von Anfang an wusste, was er mitzuteilen hatte, der Tag für Tag hinzulernte, in wacher Kooperation mit den dramatisch wechselnden Umständen eines außergewöhnlichen Schicksals (4).

Dies neue Steiner-Bild kennt keine „absolut“ gültigen Wahrheiten mehr. Jetzt tritt deutlich hervor, was Steiner in seinem letzten Goethe-Buch wegweisend formuliert hat: „Nicht ein starres, totes Begriffssystem ist die Wahrheit, das nur einer einzigen Gestalt fähig ist; sie ist ein lebendiges Meer, in welchem der Geist des Menschen lebt, und das Wellen der verschiedensten Gestalt an seiner Oberfläche zeigen kann.“ (5). Jetzt werden Steiners Wahrheiten in ihrer Entwicklung fassbar. Steiner wird als lebendiger Mensch zugänglich. Die Ikone verblasst, aber die Authentizität des Bildes nimmt zu. In den letzten Jahren haben besonders Günter Röschert und Lorenzo Ravagli im Sinne Lindenbergs weitergearbeitet (6). Wer sich jetzt dem Werk Steiners nähert, braucht sich nicht mehr vereinnahmt zu fühlen. Die widersprüchlichsten Ansichten und Einsichten werden im geduldigen Gespräch miteinander vereinbar. Das gilt auch für die esoterischen Intentionen und Impulse Steiners, deren Geschichte inzwischen deutlicher fassbar ist (7).

Für die wissenschaftliche Sicherung des Steiner-Bildes der zweiten Rezeptionsphase wird es wichtig sein, genauer herauszuarbeiten, was Steiner als „Erkenntnislehre der Geheimwissenschaft“ bezeichnet hat: seine Methodenlehre des rationalen Zugangs zu „übersinnlichen“ Wahrnehmungen (8). Denn es gibt zwar eine bemerkenswerte Fülle von Arbeiten über Steiners philosophische Erkenntnistheorie und seine Goethe-Schriften, aber so gut wie gar nichts über die Ergebnisse seines jahrelangen Ringens um eine klare Beschreibung und konsistente Begründung der Praxis und der theoretischen Selbstvergewisserung der vielen von ihm aufgewiesenen Wege zu übersinnlich-geistiger Erfahrung.

Man nehme nur die wenigen Sätze aus Steiners wissenschaftstheoretischem Hauptwerk, dem Buch „Von Seelenrätseln“ aus dem Jahre 1917, über „ein wichtiges Merkmal der Geist-Wahrnehmung“, die Beobachtung nämlich, dass „Geist-Wahrnehmung“ nicht als solche erinnert werden kann. Nur die Wege dorthin und „in Begriffe des gewöhnlichen Bewusstseins umgesetzte geistige Wahrnehmungen“ fänden Eingang in das Gedächtnis (9). Wir müssen uns also mit dem überraschenden Gedanken vertraut machen, dass auch Steiner selbst seine „Schauungen“ nicht unmittelbar erinnern konnte; und bis heute ist es eine ungelöste wissenschaftliche Aufgabe, die Fülle seiner Versuche, übersinnlich Wahrgenommenes in Begriffe des gewöhnlichen Bewusstseins umzusetzen, in ihrem gesamten Sinnzusammenhang zu verstehen.

Steiner beginnt seine anthroposophische Lehrtätigkeit mit der behutsamen Schilderung von Schauungen (10). In „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ und den anderen Grundschriften der Anthroposophie kommen erste Beobachtungen und Bemerkungen zur Methode hinzu, im „Bologna-Vortrag“ von 1911 und in „Von Seelenrätseln“ eine detaillierte psychologische Begründung und die Umrisse einer Einbettung des damit Gewonnenen in eine umfassende Theorie des spirituell erweiterten menschlichen Wissens (11). Das alles ist bisher zu wenig erforscht. Wir müssen uns dringend darum kümmern.

Wer das auch nur anfänglich versucht, wird bemerken können, dass wir uns gegenwärtig womöglich am Beginn einer dritten Phase der Steiner-Rezeption befinden. Die Zeitumstände kommen dem sehr entgegen. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts haben sich die Wertvorstellungen der zivilisierten Menschheit drastisch verändert. Die traditionellen „Pflicht- und Akzeptanzwerte“ sind von den „Selbstentfaltungswerten“ abgelöst worden. Statt Unterordnung und Anpassung zählen jetzt Eigenverantwortung, Kreativität, Selbstverwirklichung und verwandte Werte (12). Die New-Age-Bewegung, die Individualisierung religiöser Bedürfnisse und ein neu erwachtes Bewusstsein von unserer Verantwortung für die Zukunft der Erde und der Menschheit, wie es sich in der Umwelt-Bewegung äußert, haben eine neue Aufgeschlossenheit für spirituelle Ideen mit sich gebracht.

Alltagsmysterien

Jetzt geht es darum, einen neuen, individuellen Sinn für esoterische „Räume“ zu entwickeln. Joseph Beuys hat mit seinem Wort von den modernen Mysterien, die „auf dem Bahnhof“ stattfinden, darauf aufmerksam gemacht, dass Esoterik eine selbstverständliche Tatsache des ganz gewöhnlichen Lebens ist. Wir alle wissen aus Erfahrung, dass in den banalsten Alltagssituationen durch eine unerwartete Bemerkung, eine Geste, einen vielsagenden Blick für kurze oder auch für etwas längere Zeit atmosphärische Bedingungen für einen existenziell bedeutsamen Gedanken- und Gefühlsaustausch entstehen können, die unvergesslich bleiben. Die „Liebe auf den ersten Blick“ ist so ein Phänomen, die plötzliche Einsicht: dieser Mensch, dieser Gedanke, diese neue Perspektive ist für mein Leben wichtig. Unsere bürgerliche Rechtsordnung kennt und schützt die esoterischen „Räume“, die bei solchen Gelegenheiten fühlbar werden, durch das Arztgeheimnis, das Beichtgeheimnis, das Geheimnis des Rechtsanwalts im Umgang mit seinem Klienten.

Waldorflehrer wissen, was der Schutz des Konferenz-Geheimnisses für ihre Arbeit bedeutet. Lassen solche „Räume“ sich womöglich nicht nur bemerken und rechtlich schützen, sondern auch pflegen und kultivieren? Wegweisende Versuche in dieser Richtung hat Steiner mit seinem schnell gescheiterten Vorhaben einer „Gesellschaft für theosophische Art und Kunst“ im Jahr 1911 unternommen, 1924 dann mit dem Aufbau der Lebensformen seiner Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (13). Wer diese Versuche heute unbefangen anschaut, wird bemerken, dass sie in lebenspraktisch bedeutsamer Weise eine neue Art des Umgehens mit anthroposophischen „Wahrheiten“ veranlagt haben.

Was Steiner zu sagen hat, wird in gar nicht so ferner Zukunft behutsamer aufgefasst und vertreten werden als bisher, ganz und gar individuell und zugleich mit Toleranz für abweichende Meinungen, mit Offenheit, Bescheidenheit und wohl auch mit mehr Humor. Vom „Zusammenklang der Empfindungen“ spricht Steiner in esoterischen Vorträgen. Dass dieser „Zusammenklang“ ebenso ein Ergebnis anthroposophischer Esoterik wie eine Voraussetzung dafür sein kann, ist womöglich eine bahnbrechende Einsicht auch für die Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik.

In vielen Waldorfschulen kennt man noch heute das schöne „Abendglocken-Gebet“, das Steiner für den siebenjährigen Pierre Grosheintz aufgeschrieben hat. Ganz im Geist Friedrich Schillers und der klassischen deutschen Dichtung ist darin von Tugenden die Rede, die das Leben bereichern können. Eine dieser Tugenden ist das Streben nach Wahrheit. Welche Tätigkeit würden wir wohl am ehesten mit dieser besonderen Tugend verbinden? Das Wahre erkennen, prüfen, evaluieren, verteidigen, durchsetzen? Steiner schreibt: „Das Wahre behüten“.

(Nach einem Vortrag bei der Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen am 26.10.2007 in Stuttgart)

Anmerkungen

1 Zusammenfassend J. Kiersch: Ein bemerkenswerter Klimawandel. In: Das Goetheanum 27/2007, S. 8 f. Einführend: Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, München 2004. Florian Ebeling: Das Geheimnis des Hermes Trismegistos. Geschichte des Hermetismus, München 2005. Walter Burkert: Antike Mysterien, München 42003. Der führende Kopf der neuen Forschungsrichtung ist Wouter J. Hanegraaff in Amsterdam, der ein bemerkenswert vorurteilsloses Nachschlagewerk zum Thema herausgegeben hat: Dictionary of Gnosis & Western Esotericism, Leiden 2006
2 H. Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945, 2 Bde., Göttingen 2007
3 Chr. Lindenberg: Individualismus und offenbare Religion (1970), Stuttgart 1995
4 Chr. Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Chronik, Stuttgart 1988. Ders.: Rudolf Steiner. Eine Biographie, 2 Bde., Stuttgart 1997
5 GA 6, S. 66.
6 L. Ravagli / G. Röschert: Kontinuität und Wandel. Zur Geschichte der Anthroposophie im Werk Rudolf Steiners, Stuttgart 2003
7 Siehe H. Wiesberger: Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit, Dornach 1997, und J. Kiersch: Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Dornach 2005
8 Siehe GA 12: Die Stufen der höheren Erkenntnis (1905-1908)
9 GA 21, S. 142 f. Hervorhebung J. K.
10 Charakteristisch hierfür besonders seine für eine theosophische Zeitschrift geschriebenen Aufsätze „Aus der Akasha-Chronik“, heute GA 11
11 GA 9-13. Der Bologna-Vortrag heute in GA 35: Philosophie und Anthroposophie, S. 111-144. Kommentierte Neuausgabe, hrsg. von Andreas Neider unter dem Titel: Das gespiegelte Ich, Dornach 2007
12 Siehe F. Bohnsack / S. Leber (Hrsg.): Sozial-Erziehung im Sozial-Verfall. Weinheim und Basel 1996, S. 33 ff.
13 Siehe Anm. 7