„Als Kind sind alle Menschen kreativ. Die Schwierigkeit ist, es als Erwachsener zu bleiben...“
Pablo Picasso
Leo schlägt mit einem Metallstab einen Ton an – „Katinka, hör doch mal den Ton!“ – Aber Katinka ist viel zu beschäftigt mit den praktischen Angelegenheiten ihres Alltags, sie baut ein Haus. Eigentlich sollte Leo helfen, anstatt sich in Träumen zu verlieren, mit Hölzern, Ziegeln und Hammer zu spielen als seien es Flöten oder Klanghölzer. Die beiden Freunde merken erst wie weit sie sich voneinander entfernt haben, als es fast zu spät ist. – „Ich hätte so gerne, dass Katinka meine Musik hört. Sie glaubt nur an praktische Dinge. Wenn sie doch nur verstünde, dass es um so viel mehr geht, es geht ums Leben! Das Säuseln des Windes im Bambus, das Singen der Vögel, jede Kreatur steigt mit ihrem einzigartigen Ton in die große Musik der Welt ein! Aber was nützt es einen besten Freund zu haben, wenn er einem nicht glaubt, nicht einmal zuhört?“ – Leo ist verzweifelt, der Abgrund ist zu groß. – „Sie glaubt, alles was ich sage ist Unsinn. Wir sind viel zu verschieden. Niemals werden wir uns treffen!“
Die Geschichte wird begleitet von bunten Zirkuseinlagen. Katinka ruft: „Ich liebe es zu arbeiten, wie die Bienen. Hämmern, Sägen, Verputzen, und schon ist wieder etwas fertig. Das Leben schreitet voran, ich folge dem Rhythmus der Erde.“ Hinter ihr tauchen die zwanzig Kinder und Jugendlichen der Gruppe auf. Eben haben sie noch jongliert, jetzt schlagen sie alle nur denkbaren Rhythmusinstrumente, und Minuten später als Leo das Unverständnis seiner Freundin beklagt, kommen die Glasspieler und verzaubern das Publikum mit Klängen wie aus einer anderen Welt. Der Unterschied der Freunde spiegelt sich in Zirkus- und Klangbildern. Sie haben sich verloren. Katinka ruft und ruft, doch Leo hört sie nicht mehr.
Seiltänzer balancieren über das Drahtseil, das Publikum hält den Atem an. – Was wird Katinka tun, um ihren Freund zu retten? Er ist ein Träumer, ein Künstler aber alleine käme er nicht zurecht. Er kann ja nicht mal ein Haus bauen! Und wozu überhaupt ein Haus bauen, wenn nicht, damit Leo es mit seinen Farben und Klängen füllt? Die Freunde begreifen, dass einer den anderen braucht und gerade die Unterschiede der beiden die Freundschaft so wertvoll machen.
In diesem Jahr konnten wir mit zwanzig Artisten unsere Aufführungen in Schulen, Theatern und Kulturzentren vorbereiten. Jedes Zirkusjahr beginnt im Februar mit viel Training, Probezeiten für neue Schüler und natürlich allen Alltagsverpflichtungen wie Schule, Hausaufgaben, Prüfungen vorbereiten. Wir entwickeln eine Geschichte, die das Thema der Tournee bestimmt und erarbeiten dazu die entsprechenden Choreografien, bauen Bühnenbilder, nähen Kostüme und pflegen unseren Bestand von Utensilien, damit sie zur Aufführung glänzen.
Ab März gibt es Extrazeiten für gemeinsame Choreografien, denn unsere Schulzeiten liegen in Schichten. Ab Mai darf niemand mehr fehlen, das gehört zu den Verpflichtungen eines Artisten. Dann geht es in Riesenschritten auf die Tournee zu. Wir wohnen 4 bis 6 Wochen zusammen und fahren vom Landgrundstück im Inneren São Paulos zu den einzelnen Orten. Wir haben gute Freunde, die uns immer wieder einladen, dazu kommen immer neue Anfragen.
Gegen Jahresende ist Zeit für andere Aktivitäten: Musikunterricht, Kunstunterricht und Sprachen können intensiviert werden und nebenbei beginnt eine kleine Produktion von Jonglierbällen, Holzbrücken und Sternen für die Bazare an deutschen Waldorfschulen. Abschluss des Jahres bildet die Kinder- und Jugendreise ins Inland São Paulos.
Schon ist das Jahr vorbei. Es ist für alle Beteiligten viel Arbeit und man könnte sich fragen, warum eigentlich „Zirkus“? – Natürlich fallen einem zunächst alle therapeutischen, pädagogischen, präventivmedizinischen und krisenbegleitenden Vorteile dieser Arbeit ein, mehr noch für ein Klientel, das man als an Dauerkrisen Leidende oder andauernde Traumapatienten bezeichnen könnte. Unsere Kinder kommen aus den Elendsvierteln São Paulos und leiden an Gewalt, kriminellem Umfeld, chronischen Krankheiten (AIDS, Epilepsie, Depression u.a.), Verwahrlosung, Missbrauch und unterer Armutsgrenze. Es gibt genug Gründe sich etwas „Besonderes“ einfallen zu lassen, allein, um die Kinder an unsere Arbeit binden zu können. Aber das ist nicht alles.
Zirkus ist das Versprechen auf ständige Begegnung. Eine Verabredung, sich in einer Welt zu treffen, zu spielen, zu üben, sich anzustrengen, ohne dass es einen einzigen ernsthaften Grund gäbe. Außer der Begegnung der Artisten untereinander, das Vertrauen, weil es sonst nicht funktioniert. Die Begegnung mit den eigenen Grenzen, aber auch den unerwarteten Fähigkeiten und Möglichkeiten, der Verantwortung und nicht zuletzt, die Begegnung mit der Welt, unserem Publikum, die Freude und die Aufgabe, ihr etwas schenken zu können und das Glück, mit einem von Herzen kommenden Applaus belohnt zu werden, ehrliche Bewunderung geschenkt zu bekommen. All das sind wunderbare Begegnungserlebnisse, die langsam das Vertrauen in eine scheinbar so beziehungsunfähige Welt zurückgeben können.
Wir danken allen unseren Freunden, Spendern, Förderern, Zuschauern, Kindern und Erwachsenen, Schulen, Theatern, Straßenzügen, die bei unserem Versuch der Begegnung mitgearbeitet haben und uns immer wieder das große Geschenk erweisen, Begegnung bei aller Verschiedenheit möglich zu machen.
Regina Klein