"Rettungsboot für die Kindheit"

In Brasilien entsteht eine neue, kleine Waldorfschule in Horizonte Azul, einem Stadtviertel an der südlichen Peripherie der Millionenstadt São Paulo. Der Bau wird von den Freunden der Erziehungskunst in Kooperation mit dem BMZ finanziert.

Dieses Viertel wurde im Jahr 1996 von den Vereinten Nationen zum gewalttätigsten der Welt erklärt. Gerade hier jedoch leben die meisten Kinder und Jugendlichen. Sie haben eine Alternative zum staatlichen Bildungssystem bitter nötig, das ganz offensichtlich nicht funktioniert. Im Gegensatz zu den westlichen Industrieländern, die sich große Waldorfschulen mit 12 bis 13 Klassen leisten können, ist in Entwicklungs- oder Schwellenländern das dafür nötige Geld nicht vorhanden. Wie kann man also diesen Kindern ebenfalls Zugang zu einer vernünftigen, anthroposophisch orientierten, ganzheitlichen Ausbildung verschaffen? Es braucht vor allem engagierte, warmherzige Menschen, die bereit sind, mit anzupacken, Lehrer und vor allem auch Eltern. Ermutigt von diesen Gedanken haben wir unser Projekt einer „Mini-Waldorfschule“ im Februar 2010 gestartet.

In unserer Zeit ist die Kindheit an sich gefährdet. In Brasilien beispielsweise strebt man mittlerweile eine Einschulung und Alphabetisierung der Kinder schon im fünften Lebensjahr an. Da jedoch zu wenig Lehrer und zu wenig Räume vorhanden sind, bestehen die Klassen aus 50 bis 80 Schülern, die von nur einem Lehrer unterrichtet werden. Außerdem müssen die Kinder im Schichtsystem zur Schule gehen, die einen morgens, die anderen mittags und die dritten gar abends. Die Kinder halten nur mit individueller Betreuung und Förderung Schritt, oft gehen sie unter, denn zu Hause ist meist niemand, der sich um sie kümmert. Die Folge dieses Systems ist, dass 59% der brasilianischen Kinder nach dem vierten Schuljahr nicht auf angemessenem Niveau lesen und das Gelesene verstehen können. 30% der brasilianischen Jugendlichen verlassen die Schule nach der achten Klasse als funktionale Analphabeten, das bedeutet, dass sie beispielsweise ihren eigenen Namen schreiben und ein paar Worte lesen können, aber nicht größere Texte. Ganz zu schweigen von den Schulabbrechern, die es aufgrund der enormen tagtäglichen Frustration einfach aufgeben, zur Schule zu gehen. Die Qualität des Unterrichts sowohl in fachlicher als auch in pädagogischer Hinsicht ist mangelhaft, die Ausbildung sowie die Bezahlung der Lehrer schlecht, die Motivation entsprechend niedrig. Im Viertel Horizonte Azul leben 30.000 Menschen, dennoch gibt es hier lediglich zwei Grundschulen und eine weiterführende Schule, die die Kinderflut nicht bewältigen können.

Monte Azul konnte bislang Kinder von der Geburt bis zum Schulalter betreuen. Vorgeburtlich in unserem Geburtshaus und Familien-Gesundheitszentrum Casa Angela, nach der Geburt, ab dem vierten Monat, in Krippen und Kindergärten. Die kräftigende, aufbauende Arbeit unserer Einrichtungen wurde abrupt im fünften oder sechsten Lebensjahr abgebrochen, wenn die Kinder in die staatliche Schule eingeschult wurden. Für Schulkinder konnte Monte Azul nur Hortplätze anbieten. Deshalb wagen wir endlich das Experiment, das Peter Guttenhöfer ein „Rettungsboot für die Kindheit“ nennt: eine Schule. Sie soll zumindest bis zum 10. Lebensjahr der Kinder gehen.

Bis zu diesem Lebensalter können wir die Kinder beim Aufbau der sog. Resilienz (d.i. psychische Widerstandsfähigkeit) unterstützen, die ihnen in ihrem weiteren Leben helfen wird, besser mit Schwierigkeiten jeglicher Art umzugehen. In dieser Zeit können wir versuchen, ihnen eine „goldene Rüstung“ mitzugeben, um sie gegen Bedrohungen und Versuchungen jeglicher Art zu schützen.

So haben wir im Februar 2010 mit 32 Kindern im Alter von fünf bis sieben Jahren und deren Eltern eine Reise angetreten, die den Kindern erlaubt, in ihrem Tempo ruhig, friedlich und frei von Wettbewerb und Stress zu lernen.

Die Eltern, die ihre Kinder auf unsere „escola básica“ schicken, sind zu sehr viel Mitarbeit bereit. Viele haben ihre Kinder nach einem Jahr auf der staatlichen Schule wieder abgemeldet, um sie zu uns zu bringen. Sie möchten mithelfen und das ist auch wichtig, denn die escola básica soll keine Enklave inmitten der Favela sein. Sie soll ihre Atmosphäre über die Schulmauern hinaus ins Viertel tragen, sie hat sozusagen auch einen erzieherischen Auftrag außerhalb der geschützten Schulmauern und soll Vorbildfunktion im gesamten Stadtviertel übernehmen. Die pädagogische Arbeit soll bis in die Gemeinde, bis in die Familien hinein wirken. Im Juni 2009 haben wir alle Eltern, die Kinder im entsprechenden Alter in einer unserer Einrichtungen haben, über unsere Pläne informiert.

Mit den Eltern, die daraufhin ihre Kinder angemeldet haben, begannen wir im August die vorbereitenden Arbeiten. Bei regelmäßigen Treffen wurden die Eltern über das Konzept der Schule informiert. Bis Februar wurden in Gemeinschaftsarbeit der Eltern die Mauern und Zäune rings um das Gelände gereinigt, repariert, teilweise neu errichtet und gestrichen, ebenso die Wände und Böden in den Schulzimmern. Tischdecken, Schürzen und warme Hausschuhe für die Kinder wurden genäht, Buntstifte und Wachsmalstifte von Hand hergestellt. Ein Schreiner aus dem Viertel errichtete umsonst einen offenen, überdachten Vorraum mit Holzboden. 

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Unser Plan ist es, jedes Jahr eine Klasse mehr aufzunehmen und so hoffen wir, das Projekt über die Jahre hinweg aufbauen und sichern zu können.

Renate Keller Ignacio

Rundbrief 05/2011 

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Projektnummer: 4720