Mitten im Tal

In einer weiten, großzügigen Landschaft, umringt von schneebedeckten Bergen, liegen die Orte El Bolson und Lago Puelo. Die kristallklaren Flüsse Quenquentreu und Azul bahnen sich ihren Weg durch das grüne Ackerland der fruchtbaren Hochebene zu Füßen des Gebirgszugs Piltriquitron. Noch vor 20 Jahren standen dort wenig mehr als eine Kirche und ein paar Holzhäuser. Inzwischen erlebt die Region ein reges Bevölkerungswachstum, einen Bauboom – und die Waldorfschule Crisol de Micael.

Hier geschah vor etwas mehr als zehn Jahren ein kleines Wunder: Es fand sich eine Gruppe von Eltern, unter ihnen auch eine Lehrerin, die das allgemeine Schulsystem kannten und sich etwas anderes für die Erziehung ihrer Kinder wünschten. Man entdeckte die Waldorfpädagogik und bat die Waldorflehrerin und Seminardozentin Ursula Vallendor um Rat. Der Funke sprang über und der Beschluss wurde gefasst. Nun mussten viele Hände, Herzen und Ideen zusammenkommen, auf dem Weg zu einer Waldorfschule.

Heute ist ein großzügiges Landhaus gemietet, verschiedene neu hinzugekommene Gebäude wurden teils aus Holz, teils in Lehmbauweise errichtet. Zwischen Pappeln und Weiden liegt diese kleine Oase für die Kinder, die hier den Kindergarten und die Grundschule von der ersten bis zur sechsten Klasse besuchen. Eine bunt gewürfelte Elternschar, die Lehrer und unsere 75 quirligen Kinder: da ist mittags am Schultor was los!

Diese kleine, mutige, oft chaotische, aber durch und durch gutgemeinte Initiative einer Waldorfschule ist in vieler Hinsicht zu bewundern: Für ihre immer wieder neu sich entfachende Schaffensfreude, um mit den wachsenden Bedürfnissen der Schule Schritt zu halten, zuletzt unter Beweis gestellt beim Bau eines „fliegenden Klassenzimmers” in Eigenarbeit der Eltern. Für die täglichen, großen und kleinen uneigennützigen Handlungen, die den Schulbetrieb erst möglich machen. Dabei sein und mittun zu dürfen, ist eine unschätzbare Erfahrung für alle Beteiligten. Für die morgendliche Runde, wenn alle gemeinsam den neuen Tag begrüßen. Für die liebevoll von den Lehrern gestalteten Feste bei denen die Schüler musizieren oder Theaterstücke aufführen. Und für die große Bereitschaft unter den Eltern, die Waldorfpädagogik wirklich von Grund auf zu studieren und zu verstehen.

Patenschaften helfen

Für viele Familien sind die 290 $ Schulgeld im Monat eine Summe, die sie nicht so ohne weiteres aufbringen können. Das Einkommen hängt oft von der Jahreszeit ab. Im Sommer gibt es mehr Möglichkeiten mit den herbeiströmenden Touristen zu arbeiten. Da die argentinische Bürokratie mit unvorstellbarer Langsamkeit arbeitet ist an staatliche Unterstützung (noch) nicht zu denken. Der Gründungsprozess und das Wachstum der Schule werden dadurch verlangsamt. Umso schöner ist es mitzuerleben, wie immer wieder neue Familien und neue Lehrer uns erreichen, die wirklich bereit sind, in uneigennütziger Weise der Waldorfschule „Crisol de Micael” ins Leben zu helfen.

Patenschaften, von den “Freunden der Erziehungskunst” vermittelt, haben seit 2007 eine wichtige Rolle für unsere Schulgemeinschaft gespielt. Sie öffnen die Schule für Familien in schwierigen finanziellen Situationen und bieten Austausch zwischen den Kulturen. Die kleine neunjährige Siloe zum Beispiel hat ihre Mutter, eine alleinerziehende junge Frau, die mehr schlecht als recht von ihren Einkünften als Schneiderin und Kunsthandwerkerin lebt, mit der festen Absicht überrascht, auf die Waldorfschule gehen zu wollen. Auch die zunächst abschlägige Antwort ihrer Mutter konnte sie nicht aufhalten und indem sie auch ihre Großmutter und ihre Tante in ihre Überzeugungsarbeit mit einbezog, hat sie ihr Ziel erreicht und ist inzwischen eine eifrige Schülerin der dritten Klasse.

Zum Glück fand sie bald eine Patin, sodass das Schulgeld für ihre Familie bezahlbar geworden ist. Wenn sie mir mit strahlenden Augen einen Dankesbrief nebst Aquarellarbeit für ihre Patin schwenkend entgegengelaufen kommt, damit ich ihn übersetze, ist spürbar, dass sich etwas tut, wenn Menschen sich entschließen einander zu helfen. Es knüpfen sich Bande, über die verschiedenen Kulturen hinaus.

Die Zeit ist reif

Hier, im Rhythmus dieses großen Landes Patagonien, versucht diese kleine, große Schule, in ihre Freiheit zu wachsen. Unsere ganze Kraft sollte nun darauf gerichtet sein, unser eigenes Land zu erwerben und eine Schule zu bauen, in der vom Kindergarten bis zur Abschlussklasse Waldorfpädagogik gelebt und erlebt werden kann. Die Zeit ist reif, um unseren Kindern zu zeigen, dass wir nicht auf halbem Weg stehen bleiben. Generationen von Kindern eine Heimat und Bezugspunkt zu sein, lohnt jede Anstrengung!

Wenn die „ernährende” Energie erst ins fließen kommt, die Zauberworte Intention, Vertrauen und Begeisterung unsere Kraftquellen geworden sind, beginnen wir, die spirituelle Dimension wirklich fruchtbar zu machen, und können als sozialer Rahmen zur Verfügung stehen - für Kindergarten- und Schulkinder, Jugendliche, ehemalige Schüler und Familien.

Die kleine, mutige Waldorfschule „Crisol de Micael”: Möge sie in ihren großen Namen, der einem Vorsatz gleichkommt, hineinwachsen. Sie hat alle Aussicht es zu schaffen.

Magdalena Rotta

Rundbrief - 9/2010 

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Projektnummer: 4160