Die Casa Criança Querida leistet Sozialarbeit für heute 45 HIV-positive Familien in den Randgebieten São Paulos: Von Babygruppen über vielfältige nachschulische Angebote bis zur sozialtherapeutischen Assistenz für Eltern und Geschwister der betreuten Kinder.
In einem Gespräch traf ich auf die Frage, ob AIDS noch ein aktuelles Thema sei. Tatsächlich droht diese Krankheit trotz all ihrer sozial-politischen Brisanz an Interesse zu verlieren und erschreckender Weise zeigt sich das sogar in ansteigenden Zahlen der Neuansteckungen.
Viele betroffene Familien leben unter ärmsten Bedingungen. Da ist zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter mit 11 Kindern, die auf der Flucht vor den Behörden lange unter Brücken lebte, bis sie den Mut hatte, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir ermöglichten der Familie ein würdiges Weihnachtsfest sowie gebrauchte Kleider. Dann ging es darum, die Kinder einzuschulen, was schwierig war, da sie nicht einmal Geburtsurkunden hatten. Wir sprachen mit der sehr misstrauischen Mutter, die immer noch Angst hatte, ihre Kinder zu verlieren. Eines Tages aber kam sie vorsichtig lächelnd herein und sagte, sie habe eine Überraschung für uns. Wir errieten es nicht. Sie zog aus der Plastiktüte eine Geburtsurkunde für jedes Kind! Nun sind die sechs Kleineren eingeschult und nachmittags bei uns.
Auch Tanja (11) hat ein schweres Schicksal. Sie verweigerte die Schule und war durch extrem aggressives Verhalten auffällig geworden. Gleichzeitig weigerte sie sich, Medikamente einzunehmen, und kam mehrmals mit schweren Infektionen ins Krankenhaus. Die Großmutter war überfordert und gab das Sorgerecht an ein Heim ab. Dort wurde Tanja zu den ältesten Jugendlichen gesteckt und erlebte nun alles, was an Erfahrung von Gewalt, Drogenkonsum, Straffälligkeit usw. noch gefehlt hatte. Sie flehte die Großmutter an, zurückgeholt zu werden, vor allem aus Angst vor Vergewaltigung.
Die Großmutter brachte sie zu uns – und Tanja blieb noch am gleichen Tag. Durch sinnvolle Tätigkeiten wurde sie viel ruhiger, und so hilft sie in der Kindergruppe, beim Brotbacken und bei Einkäufen. Ihre Leiderfahrungen waren so groß, dass jedes freundliche Wort und jede nette Geste ihr nur noch mehr Schmerz zuzufügen scheinen. Es wird sicher lange dauern, bis sie sich überhaupt vorstellen kann, dass Freundlichkeit und Liebe ehrlich gemeint sein können.
Es geht in unserer Arbeit immer wieder um das Zusammenleben und Begegnen. Ehrliche Liebe ist Hingabe, ist das Bemühen um immer wieder neues Interesse für die Menschen und die Welt mit immer noch den gleichen Problemen. Für Eure große Hilfe dabei möchten wir Euch herzlich danken!
Regina Klein