Drei Schicksale aus Brasilien

Im Rundbrief Frühjahr 2007 berichteten wir schon einmal über das Sozialprojekt „Salva Dor“ in einem armen Viertel von Salvador, der Hauptstadt des Bundeslandes Bahia. Die Kinder von „Salva Dor“ wachsen unter dramatischen Lebensumständen auf.

Pablo

Der fast dreijährige Pablo ist uns in diesem ersten Jahr schon ans Herz gewachsen. Seine Mutter, Elisangela, „Bibinha“ genannt, war eines der ersten Kinder, die damals von Fabiana und Pedro zu Hause aufgenommen worden waren, als das Projekt Salva Dor noch in den Kinderschuhen steckte.

Pablo – auch liebevoll „Papito“ genannt – wohnt mit seinen Großeltern, drei Tanten und zwei Onkeln in einem sehr kleinen und einfachen Haus am Fuße des Hügels von São Lázaro. Nur der Großvater hat ein Einkommen, was bedeutet, dass das Geld immer extrem knapp bemessen ist. Umso wichtiger ist es, dass Pablo täglich zu uns kommen kann, da er außerdem vom leiblichen Vater nicht anerkannt und damit nicht registriert wurde und die sehr junge Mutter keine Verantwortung für ihn übernehmen möchte, vielleicht auch nicht kann. Ein Onkel versteckt sich seit Wochen (und immer wieder) vor der Polizei, da er an Raubüberfällen beteiligt ist; auch ein anderer Onkel ist Gelegenheitsdieb und in Drogengeschäfte verwickelt.

Seine Erzieherin erzählt:

„Pablo ist am 28. März 2007 geboren und mit knapp zwei Jahren in die Kleinkindergruppe gekommen. Er ist seit Anfang 2009 bei uns. Papito ist von kleiner Statur, hat große dunkle Augen und häufig ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen, wenn er einen nicht gerade fragend oder stirnrunzelnd anguckt. Wenn es ernst ist, dann ist er ziemlich schüchtern, nie guckt er die Menschen direkt an, sondern senkt immer den Blick wenn man mit ihm spricht. Obwohl er noch sehr klein ist, hat er viel Energie und weiß genau, was seine Sachen sind. Alle haben ihn gerne, er ist das „Maskottchen“ der ganzen Gruppe! Wenn es Streit zwischen zwei Kameraden gibt und einer von beiden zu weinen beginnt, ist Papito zur Stelle, um sich einzumischen. Aufgeregt fragt er, warum der andere geschlagen habe, und ist bereit, sich für den Leidenden einzusetzen – egal, wer vor ihm steht. Er ist einfach süß!“

Thainá

Thainá ist dreieinhalb Jahre alt. Sie spielt gerne mit Puppen, die ihre Familie darstellen, hört aufmerksam den täglich erzählten Märchen zu. Sie streitet mit niemandem, ist vielmehr sehr empfindlich und weint leicht.

Thainá hat noch sechs weitere Schwestern, davon vier aus jeweils erster Ehe ihrer Eltern. Die Familie wohnt hier in São Lázaro, der Vater ist hier geboren und hat viele Geschwister. Ein Onkel ist vor kurzem mit größerem Polizeiaufwand gesucht worden, er hat in der Karnevalszeit jemanden erschossen, ist aber geflohen. Thainá lebt mit ihrer Familie zu sechst in einem einzigen Raum, der seit über einem Jahr kein Dach hat, sondern mit Plastikplanen so wetterfest wie möglich gemacht wird. Vier Mädchen teilen sich eine alte Matratze – außerdem leben noch Hunde mit ihnen, was die Hygiene nicht erleichtert. Der Vater ist Gelegenheitsarbeiter: Baumaterial tragen, Bäume beschneiden, auf Autos aufpassen... Die Mutter putzt nach nur sechs Wochen Mutterschaftspause wieder die Häuser fremder Familien.

Manchmal kann man in Thainás Augen eine große Traurigkeit erkennen, auch wenn der Mund ein Lächeln ausdrücken möchte. Ihre Haut zeigt viele Narben einer Hautkrankheit, die durch Hunde übertragen wird. Doch trotz ihrer schwierigen Lebensumstände ist die kleine Thainá ein wunderbares, intelligentes Kind, das alle Schwierigkeiten meistert. Es ist für sie und ihre Familie eine große Hilfe, dass sie bei uns sein kann – mit einer liebevollen Erzieherin und mit anderen Kindern, Platz zum Spielen, Lernen, Essen, Schlafen, Kind sein...

Denílson

Denílson ist fünf Jahre alt und seit zwei Jahren bei uns im Kindergarten. Er hat einen kleineren Bruder und eine ältere Schwester. Zu fünft lebt die Familie in einem sehr kleinen einfachen Haus in dem noch gewalttätigeren Nachbarviertel Calabar. Fast täglich begegnen die Kinder Toten auf dem Weg zum Projekt! Auch zuhause erlebt Denílson schwierige Situationen. Vor kurzem erzählte er, dass er eine Waffe unter dem Bett der Eltern gesehen habe und von seinem Vater sehr böse zurechtgewiesen wurde, dass er seine Hände davon lassen solle.

Denílson teilt sich mit seinen Geschwistern ein Bett. Er ist mutig, fröhlich, singt, malt gerne und hört den Märchen aufmerksam zu. Er verkleidet sich gerne als Ritter mit Helm, Schwert und allem, was dazu gehört.

Die Mutter hat lange Zeit tagsüber gearbeitet, verließ das Haus, bevor die Kinder aufwachten, und kam wieder, wenn diese schon schliefen – so dass kaum ein persönlicher Kontakt aufgebaut werden konnte. Zur Zeit ist sie arbeitslos, was auf den ersten Blick positiv scheint, aber das Einkommen fehlt an allen Enden und belastet die Situation der Familie extrem. Und zu allem Leid ist vor einigen Monaten noch das kleine Haus abgebrannt – die schlafenden Kinder konnten gerade noch gerettet werden! Alle Mitschüler, Mitarbeiter und Freunde sammelten und spendeten Wäsche und Möbel...

Vivian Fraenkel

Dieses Projekt bekam direkte Hilfe von den Waldorfschulen in Bielefeld und Ludwigsburg.

Rundbrief - 3/2010 

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Projektnummer: 6620