Eine Zukunft neben der Müllkippe

Es war 1993. Eine Frauengruppe las „Die Geheimwissenschaft“ von Rudolf Steiner. An einem Tag erzählte eine der Frauen sehr berührt von den elenden Lebensumständen der Kinder, die mit 70 Familien an einer nahe gelegenen Mülldeponie lebten. Das war die Geburtsstunde des Entwicklungszentrums „Kaspar Hauser“.

Wir hatten fast alle unsere eigenen Kinder in Waldorfschulen, waren an Gewohnheiten, Rhythmen, Ernährung interessiert und studierten die Waldorfpädagogik, um unsere Kinder zu verstehen und zu behüten. Diese Geschichte ging dreien von uns so nahe, dass wir uns noch am selben Tag entschieden, diesen Familien zu helfen.

Ohne genau zu wissen wie, gingen wir durch die Mülldeponie, Haus für Haus, und sprachen mit den Leuten. In den Räumen des Nachbarrats, die die Gemeinde uns bereitstellte, hießen wir die ersten Kinder und ihre Mütter willkommen. Die Kleinen bekamen ein leckeres und nahrhaftes Frühstück, bessere Kleidung, Fürsorge und einen rhythmischen Alltag, in den sie sich sehr schnell eingewöhnten. Eine von uns Frauen lehrte die Mütter das Sticken.

Gleichzeitig hatten wir eine Gruppe von Kindern zwischen 7 und 13 Jahren, die den ganzen Tag auf der Straße waren. Mit ihnen fingen wir eine Kunstwerkstatt an: Malen, Geschichten erzählen, Kneten, Spielen, Spazierengehen und gut frühstücken.

Alle diese Aktivitäten haben wir damals im gleichen Raum gehabt. Aber es kamen mehr Kinder und Mütter... Und jeden Tag musste man alles aufstellen und dann wieder wegräumen. Wir begannen, von einem eigenen Ort zu träumen. Wir bekamen Hilfe von Freiwilligen. Die Ausgaben für Lebensmittel, Arbeitsmaterial und anderes übernahmen wir selbst.

Nach fünf Jahren war dies dann aber nicht mehr möglich. Die Lehrerin wurde krank. Wir versuchten, ein Haus zu kaufen, aber es ging nicht – wir mussten eine Pause machen. Nur das Sticken ging weiter, und damit hatten die Frauen eine kleine Einnahmequelle.

Nach einiger Zeit kam eine andere Waldorflehrerin, um den Kindergarten zu übernehmen. Wir stellten unsere Arbeit dem Erziehungsministerium vor und gewannen während zweier Jahre ein Stipendium, ja das Projekt wurde sogar zur „Nationalen Referenz“ ernannt, was die Empfehlung bedeutete, unsere Arbeit an anderen Orten zu wiederholen! Dem widersetzten wir uns jedoch, da man nur die Form wiederholt hätte, nicht aber ihr anthroposophisches Wesen.

Neuanfang aus dem Nichts

2003 bekamen wir von der Gemeinde endlich, nach vielen Formalitäten, ein Stück Land in einem armen Bezirk mit viel Arbeitslosigkeit, Drogen- und Alkoholabhängigkeit. Wir wussten nicht, wie anzufangen – ohne jede Finanzierung, niemand kannte uns! Aber langsam fanden wir Baumaterialien, Fenster, Türen, erreichten die Baugenehmigung... Unsere Nachbarn halfen uns gegen ein kleines Entgelt. Wir wollten nicht irgendeinen Saal, sondern einen großen und schönen Konzert- und Theater-Saal, wie ihn eine Waldorfschule hat, um diesen Kindern das Beste zu bringen, was sie wegen ihrer Lebensumstände sonst nie erreichen könnten. 2006 war zunächst der erste Bauabschnitt fertig, und wir konnten die Kinder in einem eigenen Raum willkommen heißen!

Es gibt eine Schreinerei, wo Jugendliche und Erwachsene bei einem sehr erfahrenen Meister lernen und Spielzeuge herstellen, die sie dann verkaufen. Es gibt die Stickerei-Werkstatt, die nun schon seit 15 Jahren kontinuierlich arbeitet und ihre Produktion vor allem in Waldorfschulen mit sehr guter Resonanz verkauft. Wir haben eine im Entstehen begriffene Bibliothek, die offen für die Allgemeinheit ist. Der Kindergarten hat im Moment 25 sozial benachteiligte Kinder, so dass ihre Mütter arbeiten können, um aus der Armut herauszukommen. Kinder und Eltern erhalten medizinische Betreuung von einer anthroposophischen Krankenschwester, die mit anthroposophischen Ärzten zusammenarbeitet.

Wir finanzieren fast alles nur durch die monatlichen Beiträge unserer Mitglieder, von denen viele Eltern in Waldorfschulen sind.

Alle Waldorfschulen anerkennen unsere Arbeit und helfen uns. Seit drei Jahren nehmen wir an den Versammlungen der Waldorfkindergärten von Santiago teil. Das gibt uns die Möglichkeit bereichernder Begegnungen und direkter Beziehungen mit Menschen, die große Erfahrung mit dieser Pädagogik haben.

Schon fünfmal haben wir das Weihnachtsspiel für die ganze Gemeinde aufgeführt, außerdem haben wir unsere Konzertreihe einmal im Monat. Wir veranstalten auch Basare, wo wir alles Mögliche verkaufen – dadurch knüpfen wir gute Beziehungen mit den Nachbarn, und es ist auch eine kleine Einnahmequelle.

Unsere Hoffnung ist es jetzt, ein Stück Land neben dem unseren zu kaufen. Dort wollen wir nun einen großen Saal bauen, wo wir auch die Werkstätten organisieren können, die zurzeit noch in der Bibliothek stattfinden. So könnten mehr Menschen teilnehmen, und man könnte außerdem Konferenzen, Tagungen usw. haben. Wir möchten auch einen Gemüsegarten und Kompost aufbauen, um den Kindern zu ermöglichen, sich mit der Erde und ihrer Kultivierung zu verbinden.

Nun sind schon 15 Jahre vergangen. Wir sind nicht mehr drei Menschen auf der Suche, wir sind ein Verein mit einer klaren Orientierung: Wir wollen Kindern, die in Armut und Elend leben, die Waldorfpädagogik bringen und ihren Familien helfen, aus dem finanziellen, kulturellen und sozialen Armutskreislauf herauszukommen! Deswegen wollen wir weiter wachsen und hoffen auf Ihre Hilfe!

Ana Methol (übers. hn)

Rundbrief - 9/2009 

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Projektnummer: 6684