„...und ganz zart wächst wieder Vertrauen“

Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen aus den Randgebieten São Paulos – „Circo Ponte das Estrelas“ (Zirkus „Sternenbrücke“.

Antonio ist Straßenfeger, seit vielen Jahren. Sein Vater fegte schon die Straßen dieser Stadt ... und nun ist es seine Aufgabe. Doch jedes Mal, wenn sein Putzwagen an einem Hindernis hängen bleibt, kommen ihm die unglaublichsten Fragen in den Sinn... „Woher kommen und wohin gehen die Menschen? ... Warum kann niemand ohne den anderen leben? ... Was ist der Sinn des Lebens und – warum eigentlich ist er, Antonio, ausgerechnet Straßenfeger?

Und dann sind da die unheimlichen Masken, die auf jede seiner Fragen schon fix und fertige Antworten haben und ihn zweifeln machen – gibt es eine Wahrheit, und wenn ja, welche? Ist alles nur Theorie, wie die Wissenschaften behaupten, und sind seine ganzen Fragen am Ende einfach nur dumm? Als Antonio schon gar nichts mehr glauben will, trifft er einen Philosophen und hofft nun endlich, all die lang ersehnten Antworten zu erhalten. Aber der Philosoph schüttelt nur den Kopf. Die wichtigen Fragen muss jeder für sich selbst finden, es sind doch die Fragen, die uns suchen und wachsen lassen. Antonio ist ganz durcheinander. Irgendetwas fehlt doch, wo ist denn bloß sein Besen ... den hatte er vor lauter Masken ganz vergessen!

Die Borsten des dicken Straßenbesens kratzen über den Bühnenboden ... „ich fege, und fege ... ich denke und denke – wenn ich fege, denke ich besser ... und wenn ich denke, fege ich besser – und die Straße wird auch noch sauber dabei...“ Wie gut, dass niemand anders sein muss als er ist, um auf die Fragen des eigenen Lebens zu kommen und sein Schicksal zu erfüllen! Der Wagen steckt fest. Antonio lächelt und zieht mit etwas Mühe einen glitzernden Stein unter dem Rad hervor. Antonio ist Straßenfeger, aber er ist auch ein großartiger Denker!

(aus: „Antonios Fragen“, Circo Ponte das Estrelas Tournee 2009)

Wie schwer es für sie ist, können wir nur erahnen

Der „Circo Ponte das Estrelas“ ist kein gewöhnlicher Zirkus, die Artisten sind keine professionellen Artisten. Es sind Kinder und Jugendliche der Randgebiete São Paulos, die sich täglich vor oder nach dem Schulunterricht treffen (in São Paulo gibt es so viele Schulkinder, dass in Schichten unterrichtet werden muss) – und zusätzlich an jedem zweiten Wochenende, um an dem jährlichen Zirkusprogramm zu arbeiten und zu üben. Und dann gibt es natürlich keine Schulferien, denn in den Ferien startet unsere Tournee...

Wer den mündlichen Vertrag eingeht, gibt das Versprechen, nicht zu fehlen, zur Schule zu gehen oder zumindest darauf hinzuarbeiten, wieder in die Schule gehen zu wollen und – natürlich zu trainieren und an allen Aufgaben des Zirkuslebens mitzuarbeiten. Das ist viel Arbeit und oft ein großes Ringen und nicht jeder hält es durch – denn das Leben, aus dem die Kinder und Jugendlichen kommen, ist so ganz anders!

In den Elendsvierteln São Paulos herrscht Chaos, und es gibt unendlich viele unmoralische Angebote und auch Zwangsmaßnahmen. Die eigenen Eltern oft in Drogenszene oder Kriminalität verwickelt, Familien am Hungertuch, Verantwortung für unzählige kleinere Geschwister, oft kranke Eltern – all dies fördert den Wunsch nach Geld und Konsum, nach schnellem Verdienst im Drogengeschäft oder durch Prostitution, um die Not der Familie zu lindern. Wenn all das nicht gelingt, bleibt nur die eigene Flucht in Drogen, Sex, Alkohol, Suizid...

Wie schwer es den Kindern und Jugendlichen fallen muss, die Unzulänglichkeit, ja die Gnadenlosigkeit und das Elend des eigenen Lebens und des Lebens der Eltern anzuschauen und zu ertragen, können wir nur erahnen. In der Zirkusarbeit aber wird ein Gegenbild erschaffen, Gemeinsamkeit geübt, Verlässlichkeit, Vertrauen... Langsam gelingt es, den Sinn der Tätigkeiten wieder zu entdecken, denn ohne die Arbeit und den Einsatz jedes Einzelnen – egal ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener – gelingt die Aufführung einfach nicht! Also helfen alle mit ... und am Ende gibt es keine Frage mehr nach dem Sinn. Die Arbeit wird geteilt – aber auch die Freude über das Gelingen, der Stolz auf jeden Einzelnen.

Am Ende, wenn alle Kostüme genäht, alle Nummern geübt, alle Requisiten gebaut sind, weiß jeder ganz genau, wo der andere seine Schwierigkeiten hat, ob er schnell oder langsam lernt – oder das eine oder andere auch gar nicht schaffen kann. Plötzlich wird gerade das Unterschiedlichsein besonders schön und freuen wir uns erst recht, wenn das gelingt, was uns so schwer fällt! Dann wünschen Kinder sich in die Schule zurück, um doch Lesen und Schreiben zu lernen oder die letzte Klasse abzuschließen; dann wünscht man sich, den eigenen Eltern von der Freude abzugeben, sie einzuladen zu den Aufführungen, die Geschwister, die Freunde aus den Randgebieten – und ganz zart wächst das Vertrauen auf die eigene Kraft und der Glaube daran, das eigene Leben verändern und gestalten zu können.

Brücken zwischen Ideal und Realität

Neben den circensischen Disziplinen wie Einrad, Jonglage, Diabolo, Seiltanz, Stepptanz, Clownerie und Theater werden die Kinder und Jugendlichen in der täglichen Schularbeit gefördert. Zusätzliche Unterrichte gibt es in Form von Epochen im musikalischen, künstlerisch-gestalterischen und handwerklichen Bereich.

Unsere Kinder befinden sich durch die sozialen Umstände der Familien in einer Art Dauerkrise. Dies führt in der Regel irgendwann zu allgemeiner Lernschwäche, oft zu Persönlichkeitsstörungen, asozialem und aggressiven Verhalten, Mangel an Selbstvertrauen, psychischen Störungen. Manche der Kinder leiden zusätzlich an chronischen Krankheiten (AIDS, Epilepsie, ADS u.a.) Wo es nötig ist, werden die Kinder therapeutisch und medizinisch begleitet.

Dass die Arbeit gesegnet ist, sehen wir schon daran, dass es immer weiter geht. Wir haben Kraft genug und Freude daran. Doch was uns fehlt, ist ein eigenes Grundstück. Wir trainieren in geliehenen Räumen. Bisher gibt es nur einen angestellten Mitarbeiter, alle anderen arbeiten ehrenamtlich. Freunde schenken uns spontane Spenden und Lebensmittel, das Mehl zum Brotbacken kommt z.B. von der benachbarten Bäckerei in Campo Limpo. Während der Tournee bekommen wir von einzelnen Müttern Hilfe beim Nähen und Kochen.

Und dann geht es los in die Schulen, Theater, Kulturzentren São Paulos! Inzwischen bekommen wir manchmal auch schon Einladungen von außerhalb – von der Waldorfschule in Campinas, vom SOS-Kinderdorf in São Bernardo...

Jeder Tag ist anders und auch jede Bühne, das ist besonders schön. Waldorfschulen, Sozialprojekte, Theater, Kinderheime, kleine Kulturzentren der Randgebiete São Paulos – nicht nur unser Zirkus ist besonders, sondern auch unser Publikum! Und damit erfüllt sich der Traum unseres kleinen Zirkus – reelle Brücken zu bauen zwischen Artisten und Publikum, zwischen Arm und Reich, Ideal und Realität, dem schwierigen Leben und dem Traum einer besseren Zukunft für alle...

Das Publikum hält den Atem an – eben noch fuhren die Einräder über die Bühne, und nun kratzt Antônios Besen über den Boden. Wie gut, dass niemand anders zu sein braucht, als er ist, um auf die Fragen des eigenen Lebens zu stoßen, daran zu wachsen und sein Schicksal zu finden!

Regina Klein

Rundbrief - 9/2009 

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Projektnummer: 6705