Die Waldorfschule “Prerana” in Hyderabad begann im Jahr 2000 – als Alternative zur Schinderei endloser Prüfungen und immer früher ansetzender, rein intellektueller Erziehung, welche die Kinder ihrer natürlichen Unschuld und ihrer reinen Kindheitsfreuden beraubt...
Inmitten dieser brennenden Fragen wurde „Prerana“ (etwa: „erhabene Inspiration“) von einem inspirierenden Ideal zu einer greifbaren Realität. Heute hat die Schule schon einen langen Weg zurückgelegt, und über 130 Kinder kommen im Moment in den Genuss einer Waldorferziehung. Prerana brachte Kindern und Eltern ein glückliches Lächeln und ein helles Licht. Kinder, die in den Mainstream-Schulen nicht als Indviduum angesehen und behandelt werden, werden bei uns genährt und geliebt.
Anders als in anderen Schulen, wo von einem Kind im Kindergarten erwartet wird, an einem Tisch zu sitzen und für drei, vier Stunden zu lesen und zu schreiben, streben die Lehrer in der Waldorfschule danach, die Kinder durch praktische und sinnvolle Aktivitäten zu erziehen, und erziehen auf diese Weise ihren Willen. Die Kinder lernen durch Nachahmung ihrer Lehrerin, der „geliebten Autorität“.
Indien war das Zentrum verschiedener Kulturen, Künste und Traditionen – „1001 Nacht“ gehören ebenso dazu wie die Geschichten von Krishna und vieles andere. Im Laufe eines längeren Zeitraums gab es im Erziehungswesen eine grundlegende Veränderung. Der Impuls verschob sich vom Streben nach Wissen an sich zu einem prüfungsorientierten Lernen. In dieser Welt voller Druck und scharfem Wettbewerb erlebt man die Notwendigkeit der Waldorfpädagogik, in der dem Lernen die richtige Umgebung geschaffen wird. Tritt man in eine Waldorfschule ein, spürt man sogleich die Wärme der Umgebung. Die heitere Atmosphäre, die ästhetisch gestalteten Wände, die mit den gemalten Bildern von Schülern geschmückt sind, Musik, die in der Luft schwebt. Die schiere Freude wird selbst von ganz gewöhnlichen Passanten wahrgenommen.
Kinder sind den Entscheidungen der Erwachsenen ausgeliefert. Die Erziehung eines jungen Kindes ist kein Kinderspiel. Kleinkinder in ausgeklügelten neuen Schulen malen nicht länger auf Papier, sondern mit der Maus auf Computerbildschirmen. Geschichten werden nicht länger erzählt, sondern auf CDs gezeigt. Die Kinder isolieren sich immer mehr mit Aktivitäten wie Videospielen, Fernsehen und nun auch noch dem „Monster iPod“.
In der Schule verbringen die Kinder jene Jahre, die so prägend für das ganze spätere Leben sind. Alles anfängliche Lernen ist rein nachahmend. Die Lehrer, die ästhetische Umgebung, die Altersgenossen, der Lehrplan, all dies hat tiefe Wirkungen auf das Kind. „Ich mache mein eigenes Schulbuch“, scherzte ein Junge in der zweiten Klasse. Begeistert und voller Offenheit begrüßen Kinder das Lernen. Sie müssen sich nicht mit schweren Schulranzen zur Schule schleppen, ausgerüstet sind sie mit Federhalter, Stiften, Malfarben und einer Flöte. Der Anblick einer Raupe oder eines Schmetterlings kann ein Kind dazu bringen, glücklich ein Lied anzustimmen. Sie brauchen keine speziellen Gelegenheiten zum Singen.
In einer Zeit, wo indische Universitäten mehr und mehr zu bestausgerüsteten Think Tanks werden, sind wir vor eine entscheidende Frage gestellt: Was ist Bildung und wie unterscheidet sie sich von Wissen und Kenntnissen? Waldorfpädagogik bemüht sich, dem Kind zu helfen, Sinn in seinem Leben zu finden. Sie steht der Vedischen Erziehung nahe, wo Rezitation die gebräuchliche Art der Kommunikation war und man das Vertrauen hatte, dass das Verständnis später kommen würde. Im Mittelpunkt standen Kreativität und kosmische Individualität als die notwendigen Voraussetzungen, um spirituelle und auch akademische Ziele zu erreichen.
Die Waldorfpädagogik entwickelt Ehrfurcht und Dankbarkeit für das, was wir haben. Sie erhält das soziale Gewebe lebendig. Sie führt zu einer kulturellen Erneuerung, feiert Feste in einer lebendigen, sinnhaften Weise. Kinder lernen ihrem Alter gemäß – analytisches Denken und Computer werden nicht in einem Alter eingeführt, wo das Kind sich dem gesunden Spiel hingeben sollte. Kunst und Wissenschaft finden eine gesunde Wechselbeziehung, in der die Abstraktheit weitgehend reduziert wird und so der Enthusiasmus zum Lernen in jedem Kind entflammt.
Das indische Curriculum strebt an, dass das Kind Teil einer guten Gesellschaft sein soll, aber es ist die Waldorfpädagogik, die Individuen in dem Streben nach gemeinsamen und selbstlosen Zielen vereint und in der ein Kind die Gelegenheit hat, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Es gibt eine dünne Trennlinie zwischen Überleben und Erfolg im besten, reinen Sinne. Das eine System erzieht die Kinder zum Überleben, während die Waldorfschule an jenen Erfolg glaubt, der aus wahrem Glück und frei gewollten Taten entspringt.
Der Platz vor jedem Haus und selbst der ärmlichsten Hütte in Andhra Pradesh ist atemberaubend schön, geschmückt mit farbenfrohen „Rangoli“. Dabei wird Wasser mit Kuhdung (einem natürlichen Desinfektionsmittel) vermischt und auf dem Boden verteilt. Auf dem nassen Boden werden dann mit pulverisiertem Kalk Blumenformen gelegt. An jedem neuen Tag wird dies wiederholt. Die Kunst, den Vorplatz seiner Wohnstätte auf diese Weise zu schmücken, wird „muggu“ oder „rangoli“ genannt. Die Muster bestehen aus mehren Punkten, die mit geraden und gebogenen Linien verbunden werden.
Rangoli ähnelt also sehr dem „Formenzeichnen“, und indische Kinder zeichnen gern selbst die kompliziertesten Formen. Sie tun dies gleichsam fast instinktiv. Auf diese Weise belebt das Formenzeichnen der Waldorfschulen neu eine aussterbende Volkskunst, wofür auch die Eltern sehr dankbar sind. Die Mentorin Tina Bruinsma sagte einmal: Waldorfpädagogik bedeutet, „Indien den Indern wiedergeben“.
Das am längsten bleibende Bild der Kindheit ist vielleicht ein warmes Herdfeuer und die Großmutter, die, umgeben von kleinen Kindern, weise Geschichten erzählt, welche in den jungen Seelen einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Gibt es heute im Leben der Kinder einen Platz für Märchen und Geschichten – in dieser Zeit des Computers und iPods? Der Platz des Geschichtenerzählers dürfte niemals von diesen intelligenten Maschinen usurpiert werden. Wir müssen das junge Kind in der Welt der Farben, der Wunder und Neugier leben lassen, auf der es seine Odyssee zurücklegen und Zeit und Raum, Logik und Verstand hinter sich lassen kann.
Im alten Indien wurde jedes Ritual und Geschehen, alle Moral, Kultur und Geschichte nur durch Literatur, Skulptur, Malerei und Folklore lebendig gemacht und zum Verständnis gebracht. Die alten Könige (Rajas) waren größte Gönner verschiedenster Künstler. Diese schmückten den Hof des Königs und wurden hoch geachtet. Inspiriert vom Göttlichen wurden meisterhafte Dichtungen und Kunstwerke geschaffen. Die auf diese Weise geschriebenen Epen wurden überliefert, um zu erziehen, zu heilen und zu unterhalten. Sie entfachten die Imagination und ein übersinnliches Verstehen und schenkten der Kultur und der Ethik Leben.
Insbesondere in Indien wird Erziehung als heilig betrachtet, und so hat sie für die Eltern und die Gesellschaft insgesamt einen wichtigen Stellenwert. Dadurch aber steht das Kind heute unter einem fortwährenden Druck, vom Kindergarten an gute Leistungen zu erbringen. Erziehung wird wichtiger als das Kind selbst. Zweifellos soll das Kind motiviert werden, seine Grenzen zu suchen, aber jeweils zur richtigen Zeit, wenn das Kind bereit dafür ist.
In der Prerana Schule ist der Weg der Kinder eine Reise voller Lieder, Geschichten, Handwerk, Festen und Imagination, die die globalen Traditionen umfasst und dabei die lokalen nicht vernachlässigt. Indien hat eine unermesslich reiche Tradition des Geschichtenerzählens – Geschichten von Weisheit, Loyalität, Mut, Tugend, Tiergeschichten und vieles andere. Kinder lernen Handwerke wie Korbflechten – und sie erkunden dann die Beziehung von all diesem zu der Zeit, in der wir heute leben, auch zu den Traditionen, Liedern und Geschichten aus anderen Teilen der Welt. Das alles führt zu einer wachsenden Dankbarkeit und Toleranz.
Prerana versucht, so vielen Kindern wie möglich eine solche Erziehung zu ermöglichen. Kinder sehr reicher Eltern mischen sich mit den ganz armen, die dann finanziell unterstützt werden. Wir sind mit einer gütigen Gemeinschaft von Schülern, Eltern und Mentoren gesegnet, die alle dazu beitragen, das Abenteuer des Lernens freudevoll für jeden zu machen.
Indira Varma (übers. hn)