Waldorfschule McGregor
McGregor liegt ca. 200 km nordöstlich von Kapstadt und hat rund 1.800 Einwohner (knapp 1600 farbig, 240 schwarz, dazu kommen 350 Weiße, die überwiegend nur zeitweise im Ort wohnen). Auch die rund 180 Kinder der Waldorfschule sind derart bunt gemischt. Die meisten kommen aus den umliegenden Townships und Gemeinden, und ihre Familien müssen mit weniger als 100 Euro im Monat auskommen.
1972 hatte die Apartheid schließlich auch McGregor erreicht, wo Schwarze und Weiße bis dahin noch zusammengelebt hatten. Nun kam es zur Trennung der Wohngebiete und zur 20-jährigen Entfremdung zwischen Schwarz und Weiß. 1991 begannen Initiativen, diese Trennung wieder aufzuheben. Eine zentrale Rolle in vielen dieser Initiativen spielten die Gründungsmitglieder der McGregor Waldorfschule.
Briar Pastoll war ausgebildete Mathematik- und Biologielehrerin mit 9-jähriger Staatsschulerfahrung. 1987 besuchte sie eine Waldorfschule und dann den Ort McGregor, in dem sie sofort den geeigneten Platz für eine Schulgründung in Afrika sah. 1990 begann sie eine Waldorf-Ausbildung und 1994 gründete sie nach vierjähriger Vorbereitung mit zwei Kolleginnen die Waldorfschule – als erste Einrichtung des umfassender gedachten „Whole Life Education Centre“ (WLEC).
Die Schule entstand mit Hilfe einer Spende von 10.000 Rand und hatte am Anfang 17 Kinder in den Klassen 1-6. Die ersten zwei Jahre bekamen Briar und die anderen Lehrerinnen monatlich 500-600 R Gehalt. Im September 1995 wurde ein ernsthaftes Budget entworfen, das ein enormes Defizit aufwies. Wenige Tage später kam eine Frau aus England und bot an, ein Haus zu kaufen, 10 Kinder zu unterstützen und für fünf Jahre alle laufenden Kosten zu tragen!
1999 konnte mit Hilfe einer 21.000-DM-Spende des Landes Baden-Württemberg (über die Freunde der Erziehungskunst) ein Toyota Mini-Bus gekauft werden, um 16 zusätzlichen Schülern aus den umliegenden Farmen den Besuch der Schule zu ermöglichen. Die Schülerzahl stieg bis Jahresende sogar um 24 (von 49 auf 73 Kinder) und bald fuhr der Bus täglich zwei Touren.
Im Sommer 2000 hatte die Schule bereits 96 Kinder (Spielgruppe 12, Kindergarten 20, Klassenstufen 1-9 64). Inzwischen gab es Afterschool Care, kulturelle Aktivitäten für alle Kinder des Dorfes, ein Lehrerbildungsprogramm und erste Pläne zum Start eines College und Business Training Centre.
Ende 2001 verließ Briar Pastoll die Schule nach sieben Jahren und ging nach Kapstadt, wo ihr Sohn eine Waldorf-Oberstufe besuchte und sie sich um ihre alte Mutter kümmerte.
Seit 2003 hat die Schule über 100 Kinder. Damals machte die erste 12. Klasse ihren Abschluß.
Die Schule wird von farbigen, schwarzen und weißen Kindern besucht und beteiligt sich rege am Leben des Ortes. Regelmäßig finden kulturelle Veranstaltungen statt, die auch von anderen Schulen der Umgebung besucht werden.
Eine Zeitschrift berichtet
"Die Waldorfschule in McGregor", von Marion Whitehead, in: „Cape | etc.“, November 2006 (übersetzt hn)
Eine kleine Hand drückt sich in meine, als ich den Kindergarten betrete, und ohne ein Wort zu verlieren führt mich ein kleines Mädchen vertrauensvoll an ihren Platz in einem Kreis von rund 15 Kindern. Es vergeht keine Minute und schon bin ich selbst mitten beim Singen und Klatschen, glücklich wie eine Sechsjährige. Dann schaue ich dem Feentanz zu, der um den Kreis herumführt – die Feen schauen, ob die Samen schon bereit sind, aus dem Griff von König Winter entlassen zu werden...
Ein neuer Tag an der McGregor Waldorfschule in diesem verschlafenen Örtchen hat begonnen. Drüben sprechen Kinder im Morgenkreis gerade einen Segensspruch für Afrika und seine Kinder. Dann hören sie aufmerksam zu, wie ihre Lehrerin Mosidi Safatsa ihnen einen Geschichte von drei Geschwistern erzählt.
Ein kleines Stückchen weiter ist ein älterer Schüler damit beschäftigt, eine neue Tafel an dem kleinen Kiosk anzubringen, wo gesunde Snacks zu haben sind. Der Junge gehört zu einer Schülergruppe, die kleine Hausmeisteraufgaben übernommen hat.
„Wir geben den Kindern gern Aufgaben, in denen sie lebenspraktische Erfahrungen und Fähigkeiten erwerben können“, erzählt Pieter Holloway, Koordinator der High School. Und außerdem - fügt er hinzu - tragen die Schüler so dazu bei, Geld zu sparen, das nämlich ständig knapp sei.
Die meisten Leute tendieren dazu zu denken, Waldorfschulen seien teure Privatschulen, wo reiche Leute ihre Kinder hinschicken, die im konventionellen Schulsystem nicht zurecht kommen. Die McGregor Waldorfschule ist aber eine von jener Handvoll Waldorfschulen im Land, die sich um Kinder jeden ökonomischen und kulturellen Hintergrunds gleichermaßen kümmert.
Die Schule nimmt viele benachteiligte Kinder auf, darunter auch solche des hiesigen Kinderheims. Einige haben individuelle „Behinderungen“ wie Dyslexie oder fetales Alkoholsyndrom, andere wurden mißbraucht und benötigen eine spezielle, liebevolle Umgebung, in der ihre seelischen Verletzungen heilen können. Die McGregor Waldorfschule bietet einen sicheren Raum für sie, um zu wachsen und ihr Potential zu verwirklichen. „Darum werden unsere Klassen immer klein sein“, sagt Holloway. Das Verhältnis Lehrer-Schüler ist etwa 1:9.
Holloway führt mich stolz zu einem Raum, den er und einige der älteren Mädchen in einen Haarsalon verwandeln. „Siebzig Prozent der Schulabgänger in unserer Gegend bekommen keinen Job und haben auch keine Erfahrung, um irgendwo praktisch beschäftigt zu werden. Wir wollen den Kindern die Mittel in die Hand geben, um selbständig ihren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt Halloway und erklärt, daß in der Oberstufe – während akademische Fächer wie Mathematik als Extras zur Verfügung stehen – die Betonung auf praktischen Fächern wie Betriebswirtschaft, Computer, Theater und Kunst liegt.
Der Haarsalon ist Teil einer größeren Initiative, ein „Whole Life Education Centre“ zu schaffen, das dem ganzen Örtchen McGregor dienen will. Auch der Computerraum soll nach der Schule als Internetcafé der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen – ein weiteres kleines Geschäft, das von Schülern betrieben wird und wichtige Gelder für die Schule einbringen wird. (...)
Auch das Theater ist wie erwähnt ein weiterer Schwerpunkt in Waldorfschulen. „Es ist ein zentrales Mittel zur Entwicklung von Selbstvertrauen, zur Lösung von Problemen und zur Charakterstärkung“, erklärt Halloway. Im Schulgarten zeigt er, wo sie den Sommernachtstraum aufgeführt haben und wo die Feen zwischen den Pfirsichbäumen umhergehuscht sind – und wo kleine Kohleöfchen standen, als sie während eines kalten Winters den Faust einstudiert haben.
Am Ende meines Besuchs erzählt der Buchhalter und Betriebswirtschafts-Lehrer Ken van Rooyen, daß die meisten Spenden für die Schule von der Waldorfgemeinschaft in Deutschland, Holland und den USA kommt – internationale Solidarität für eine wunderbare Pädagogik.
Die 1994 – im Jahr der Demokratisierung Südafrikas – gegründete McGregor Waldorfschule steht allen Kindern offen, unabhängig von ihrem sozialen oder kulturellen Hintergrund. Die Mehrheit der heute 163 Kinder kommt aus armen, schwarzen und farbigen Familien, von denen 90% weniger als 100 Euro im Monat verdienen und oft nur 15-20% der realen Schulkosten bezahlen können. Die Kinder leben in den umliegenden Townships und Gemeinden, in denen zahllose Probleme den Alltag bestimmen: Armut, Arbeitslosigkeit, Gewalt, Drogen, Alkohol, Mißbrauch, Teenager-Schwangerschaften, Unterernährung...







