Die Freunde der Erziehungskunst entstanden aus dem Bewusstsein, dass die weltweit sich ausbreitende Waldorfbewegung eine gemeinsame Aufgabe hat. Fortwährend begleitet uns die Frage: Wie können wir in dem Umfang helfen, dass diese Aufgabe ausreichend ergriffen werden kann?
Die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ entstanden als das, was ihr Name ausdrückt: als Freunde dieser Pädagogik, die es sich zur Aufgabe machten, weltweit Schulen und Kindergärten zu helfen, die irgendwann, irgendwo aus eigener Kraft nicht weiterkamen. Ins Leben gerufen wurde der Verein 1971 durch den unermüdlichen Ernst Weißert, der in Deutschland auch so vieles andere auf den Weg gebracht hatte, etwa die großen Eltern-Lehrer-Schüler-Tagungen damals. Wenige Jahre später, 1976, wurden diese Anfänge dann von einigen jungen Menschen aufgegriffen, die gerade die Waldorfschule beendet hatten (Andreas Büttner, Christa Büttner-Geraets, Nana Göbel, Jean-Claude Lin, Andreas Maurer und Paul Vink).
Was Ernst Weißert und diese ehemaligen Waldorfschüler inspirierte, war die Idee eines „Weltschulvereins“, wie Rudolf Steiner ihn nach Gründung der ersten Waldorfschule so nachdrücklich immer wieder anregte:
„Es muß möglich werden, daß gar nicht mehr die Frage aufzuwerfen ist, ob denn in den verschiedensten Ländern Schulen wie die Waldorfschule errichtet werden können, sondern es muß eben durch die Kraft der Überzeugung einer genügend großen Anzahl von Menschen diese Möglichkeit überall geschaffen werden.“ (24.2.1921). Oder: „Das müßte wie ein Lauffeuer durch die Welt gehen: Ein Weltschulverein muß entstehen zur Beschaffung der materiellen Mittel für die Geisteskultur, die hier gemeint ist.“ (17.10.1920).
In den ersten Jahren nach 1978 halfen die Freunde der Erziehungskunst mit den Spenden aus der deutschen Schulbewegung vor allem Waldorfschulen in England, Frankreich, Spanien oder den USA. Noch Ende der 70er Jahre gab es in Südamerika und Afrika zusammen keine 15 Schulen. Das änderte sich dann aber sehr bald. Im Grunde waren die Freunde der Erziehungskunst genau zum richtigen Zeitpunkt geboren worden! 1971 gab es weltweit 106 Waldorfschulen, zehn Jahre später waren es bereits dreimal so viele, und dieses Wachstum setzte sich dann sehr viele Jahre ungebrochen fort.
Tatsächlich wurden also fast 90 Jahre nach Begründung der ersten Waldorfschule in den verschiedensten Ländern Schulen gegründet. Allerdings sind es in der Mehrzahl der Länder nur jeweils eine oder eine Handvoll Schulen. Von einem Impuls auf das allgemeine Bildungsleben kann leider fast nirgendwo die Rede sein. Mit 110 Waldorfschulen in Osteuropa und 130 Waldorfschulen in Südamerika, Afrika und Asien ist der Waldorfimpuls in diesen ärmeren Weltregionen noch immer schwach entwickelt. Und selbst wenn man Brasilien mit 33 Schulen nimmt. Was bedeuten 33 Waldorfschulen in einem so großen Land wie Brasilien? Selbst die 200 deutschen Waldorfschulen verschwinden hinter einer Gesamtzahl von 36.000 Schulen. Man könnte auch sagen: Von 9,3 Millionen Schülern in Deutschland besuchen 9,2 Millionen keine Waldorfschule...
Und dennoch: Man kann die Waldorfschulen weltweit mit Recht als eine wachsende Bewegung betrachten. Für jedes einzelne Kind von diesen über 30.000 Kindern, die in den ärmeren Weltregionen im Moment eine Waldorfschule besuchen, wird dieser Besuch eine große Bedeutung haben. Es wird anders ins Leben hineingehen als andere Kinder. Die Zukunft wird zeigen, welche Taten daraus hervorgehen werden.
Auch ein Einfluss auf das Bildungswesen ist an manchen Orten zu bemerken. In Kirgisien wurden Waldorfpädagogen bei der Neugestaltung der Vorschulerziehung um Rat gebeten, woraus in Zusammenarbeit mit der Kindergartenvereinigung umfangreiche Pilotprojekte entstanden. In Russland sollen die jetzt überall üblichen „Standards“ eingeführt werden, und man bat auch hier einen Erziehungswissenschaftler um seine Expertise, dem vor allem die Waldorfpädagogik am Herzen liegt. Diese Hinweise sollen zeigen, dass jederzeit Augenblicke kommen können, wo aus der Waldorfschulbewegung heraus ein positiver Einfluss auf das Bildungswesen genommen werden kann.
Ein „Weltschulverein“ wäre heute notwendiger denn je. Dazu braucht es viele „Freunde der Erziehungskunst“, die ein Interesse und ein Bewusstsein für die weltweite Bewegung haben und dieses Interesse auch ganz real zu Willensimpulsen werden lassen. Es muss für die Weltschulbewegung wieder mehr Freunde geben! Es gibt viele Schulen, die eine Partnerschule im Ausland haben, manchmal mit sehr regelmäßigen und engen Kontakten. Doch die Nöte und Bedürfnisse dieser sich entwickelnden Schulbewegung sind vielfältig. Wir brauchen neben den individuellen Kontakten auch einen echten Internationalen Hilfsfonds für die vielen Bitten und Hilferufe, die aus aller Welt kommen.
Man könnte auf diese unvorhersehbaren, aber meist sehr spezifischen Hilferufe fruchtbar und wirkungsvoll antworten, wenn genügend freie Mittel vorhanden wären. Aber 80.000-90.000 Euro im Jahr sind angesichts der Zahl von Schulen, denen im Laufe eines Jahres geholfen werden müsste, viel zu wenig. „Ein Weltschulverein muß entstehen zur Beschaffung der materiellen Mittel für die Geisteskultur, die hier gemeint ist...“
Dieses Erleben stand im Hintergrund, als wir im Frühjahrs-Sonderheft „1.000 Waldorfschulen weltweit“ den Gedanken aufwarfen, was geschähe, wenn jede deutsche Waldorfschule in ihrem Haushalt 0,36% (so viel wendet der deutsche Staat für Entwicklungshilfe auf) für die Bruder- und Schwesterschulen in der Welt einplanen würde. Es ergäbe sich dadurch ein Gesamtbetrag, der etwa 75% eines Jahresbudgets einer Schule entspricht. Bereits ein solcher Betrag übersteigt die freien Spenden, mit denen wir derzeit helfen können, um das Zwanzigfache...
Wir möchten daher jede Schule bitten und aufrufen, besonnen und ernsthaft zu prüfen, ob eine solche Hilfe im Promillebereich möglich ist – für die Schwesterschulen in Südamerika, Afrika oder Asien, die Tag für Tag ganz aus eigener Kraft überleben müssen.
Holger Niederhausen