Zur weltweiten Hilfe der Freunde der Erziehungskunst

Als die Freunde der Erziehungskunst 1971 gegründet wurden, gab es weltweit erst gut 100 Waldorfschulen – davon allein 79 in Westeuropa, 17 in Nordamerika, 3 in Australien/Neuseeland, 4 in Südamerika und 3 in Afrika. Entsprechend der Entwicklung der weltweiten Waldorfbewegung wuchs die Hilfe der Freunde der Erziehungskunst und änderte ihre Schwerpunkte.

Nachdem 1976 der „Internationale Hilfsfonds“ der Freunde der Erziehungskunst geschaffen worden war, wurden zunächst vor allem Waldorfschulen in Westeuropa und Nordamerika bei wirtschaftlichen Notlagen unterstützt, weil anderswo noch fast keine Schulen existierten. In den Regionen, in denen wir heute vor allem helfen (Südamerika, Afrika, Osteuropa, Asien), gab es auch 1985 erst insgesamt 23 Schulen, 1990 waren es immerhin schon 42 – und dann begann eine deutliche Ausbreitung (auch abgesehen von Osteuropa, wo es schon 1995 über 100 Waldorfinitiativen gab).

Die Grafiken 1 und 2 zeigen, dass die Hilfe, die der Waldorfbewegung über die Freunde der Erziehungskunst gegeben wurde, im Grunde jährlich gewachsen ist. Dabei ist manches zu berücksichtigen:

  • Die Waldorfbewegung ist in derselben Zeit ebenfalls stark gewachsen – seit den 90er Jahren allein schon in den ärmeren Weltregionen wesentlich stärker als die Spendenweiterleitungen (siehe Grafik 3).
  • Ein Betrag von jährlich vier Millionen Euro an Hilfe erscheint hoch, doch entspricht er andererseits „nur“ etwa dem Jahresbudget von zwei deutschen Waldorfschulen.
  • Die Freunde der Erziehungskunst unterstützen nicht nur viele der 1.000 Waldorfschulen weltweit, sondern auch Ausbildungsstätten, Waldorfkindergärten, heilpädagogische und sozialtherapeutische Einrichtungen sowie Initiativen der Sozialarbeit auf anthroposophischer Grundlage. Sie vergeben einzelne Stipendien und unterstützen Reisekosten von Mentoren.
  • Ein großer Teil der Gesamtsumme kommt einzelnen Projekten zugute – zum Beispiel den vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ko-finanzierten Projekten; bestimmten Initiativen mit einem großen Freundeskreis; Projekten, die große Einzelspenden erhalten (die wir weiterleiten); Bauprojekte, für die in Zusammenarbeit mit verschiedenen Stiftungen größere Summen aufgebracht werden können.
  • Jährlich erhalten insgesamt rund 200 Einrichtungen zweckgebundene Spenden, die wir im Prinzip „einfach“ weiterleiten. Davon sind rund 80 Einrichtungen Waldorfschulen in ärmeren Weltregionen. Von diesen erhalten nur etwa 30 Schulen Beträge über 5.000 Euro.
  • Alle konkreten Hilfsanfragen können wir nur mittels freier Spenden beantworten. Der Umfang dieser nicht-zweckgebundenen Spenden beträgt jedoch jährlich nur etwa 80.000-90.000 Euro. Während dieser Umfang seit über 10 Jahren stagniert, ist die Zahl der Waldorfschulen in den ärmeren Weltregionen in derselben Zeit um 50% gestiegen (Grafik 4).

Freie Spenden – ein notwendiger Hilfsfonds

Dieser letzte Aspekt ist ein ganz entscheidender. So wunderbar es ist, dass wir jährlich für rund 200 Initiativen aller Art zweckgebundene Spenden in unterschiedlicher Höhe erhalten, so entscheidend ist unter einem übergeordneten Blickwinkel doch der Umfang freier Spenden. Denn er entscheidet darüber, ob wir in einem konkreten Notfall helfen können oder nicht. Jeden Monat erhalten wir viele Anträge und Hilferufe aus aller Welt – oftmals können wir nicht annähernd in dem Maße helfen, wie es nötig wäre, oder müssen sogar ganz ablehnen.

Dabei ist diese akute Hilfe höchst effektiv: Egal ob wir zum Beispiel einem neuen Kindergarten in Beijing/China mit 1.000 Euro für die Ausstattung helfen können, oder irgendwo anders den Bau eines neuen Klassenraumes, die Anschaffung von Physik-Geräten, die Reisekosten eines erfahrenen Mentors zu einer Pionier-Initiative oder anderes mehr unterstützen – immer ist mit recht kleinen Beträgen essentielle Hilfe möglich, ohne die die jeweilige Initiative ihren Weg eigentlich kaum fortsetzen kann. Durch diese notwendige Hilfe ist auf der anderen Seite oft über Jahre hinweg geholfen.

Mit anderen Worten: Überall auf der Welt ringen Waldorfschulen und andere Initiativen darum, die laufenden Kosten aus eigener Kraft aufzubringen. Was dann an außerordentlichen Kosten anfällt, liegt oft jenseits der schon bis zum Äußersten gehenden eigenen Kraft, auch wenn die Beträge noch so klein erscheinen. Wenn dann bei einer entsprechenden Notsituation geholfen werden kann, ist gleichsam die ganze Initiative wieder „gerettet“.

Es gibt viele Nöte in der Waldorfbewegung, wo in dieser Weise recht bescheidene Unterstützung eine existentielle Hilfe darstellt. Doch auch dieser bescheidene Beistand ist uns oftmals nicht möglich, weil wir eben für diese Nöte nicht vier Millionen, sondern weniger als 100.000 Euro im Jahr zur Verfügung haben. Würde jede deutsche Waldorfschule für diesen Hilfsfonds 0,36% ihres Budgets bereitstellen (das entspräche dem geringen Anteil der deutschen Entwicklungshilfe am gesamten Staatshaushalt), so würden sich die Mittel dieses wichtigen Hilfsfonds verzwanzigfachen!


Ein echter Hilfsfonds von ein, vielleicht sogar zwei Millionen Euro im Jahr wäre für die weltweite Waldorfbewegung ein tiefgreifender, existentieller Fortschritt. Zahllosen Initiativen könnte jährlich geholfen werden, wir könnten auf alle uns erreichenden Hilferufe eingehen, für die Existenzsicherung, aber auch für die Qualität der weltweiten Waldorfbewegung wäre dies eine bedeutsamste Errungenschaft.

Rudolf Steiner sprach mit eindringlichen Worten immer wieder von der Notwendigkeit eines „Weltschulvereins“. So sagte er einmal zum Beispiel in bezug darauf: „Es muß möglich werden, daß gar nicht mehr die Frage aufzuwerfen ist, ob denn in den verschiedensten Ländern Schulen wie die Waldorfschule errichtet werden können, sondern es muß eben durch die Kraft der Überzeugung einer genügend großen Anzahl von Menschen diese Möglichkeit überall geschaffen werden.“

Nun gibt es heute eine Waldorfbewegung mit 1.000 Schulen. Doch gerade darum ist es um so tragischer, wenn die Arbeit dieser bewundernswerten Initiativen dann aufgrund relativ „kleiner“ Not-wendigkeiten scheitern oder in ihrer Qualität stark beeinträchtigt bleiben müsste. Gerade wenn man sich dies klar macht, kann auch deutlich werden, dass brüderliche Hilfe weltweit möglich ist! Es geht gar nicht darum, Hunderte Schulen in aller Welt „durchzufüttern“, sondern den Bruder- und Schwesterschulen in ganz konkreten Notsituationen beizustehen. Eine solche brüderliche Gesinnung ist zugleich die Bedingung dafür, dass die weltweite Waldorfbewegung in dem heute notwendigen Maße ein echter, kraftvoller Kulturimpuls werden könnte.

Holger Niederhausen

1.000 Waldorfschulen weltweit - 3/2008 

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Projektnummer: 2000